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Bettina Schaefer (Hrsg.): Lass uns über Auschwitz sprechen

Cover Bettina Schaefer (Hrsg.): Lass uns über Auschwitz sprechen. Gedenkstätte - Museum - Friedhof: Begegnungen mit dem Weltkulturerbe Auschwitz. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. 300 Seiten. ISBN 978-3-86099-391-0. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Autorin und Entstehungshintergrund

Angeregt durch den eigenen Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und der Stadt Oswiecim im Jahr 2006, geht Bettina Schaefer mit ihrem Buch der Frage nach wie Menschen heute Auschwitz erleben.

Die KZ-Gedenkstätte in Auschwitz wird jährlich von über einer Million Menschen besucht. Bettina Schaefer hat für das vorliegende Buch 25 Menschen über Auschwitz interviewt, mit Ihnen über Auschwitz gesprochen. Auschwitz stellt sich in Bettina Schaefers Buch als Ort des Holocausts, als ein Ort des Gedenkens, Lernens, der Begegnung und des Lebens dar. Ihre InterviewpartnerInnen traf sie bis auf zwei alle vor Ort, viele Begegnungen waren vom Zufall geleitet. Gemeinsam ist allen Interviewten, dass der Ort Auschwitz in ihrem Leben eine besondere Bedeutung hat oder wie bei den jugendlichen BesucherInnen eine solche erlangen könnte. Die Sammlung der Interviews hat dabei nicht den Anspruch eine wissenschaftlich repräsentative Recherche zu sein.

Die Herausgeberin Bettina Schaefer arbeitet als Redakteurin bei einem internationalen Fachmagazin für Journalismus, lebt in Hamburg und Berlin.

Aufbau

Den Interviews, die Bettina Schaefer transkribiert und recht sensibel redigiert hat und so die Interviewten als Person durchscheinen lassen, gehen ein Vorwort des renommierten Experten für Gedenkstättenpädagogik Micha Brumlik, Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M., und einleitende Worte der Herausgeberin des Buches voraus.

Die Interviews gliedern sich in sechs Abschnitte.

1. Die Zeitzeugen

Drei Zeitzeugen und Überlebende des Holocaust sprechen im ersten Abschnitt über Auschwitz.

  1. Noach Flug, Ökonom und Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees war in den Konzentrationslagern Groß-Rosen, Mauthausen-Ebensee und Auschwitz inhaftiert. Er beschreibt die ganz unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Verhaltensweisen von Deutschen, auch von SS-Männern, während der Zeit des Nationalsozialismus und wie sein Überleben von diesen Menschen abhing. Noach Flug wanderte nach dem Krieg nach Israel aus. Obwohl er selbst immer noch Probleme hat nach Deutschland zu reisen, ist er davon überzeugt, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben.
  2. Henyrk Mandelbaum, geboren 1922, wächst in einer jüdischen Familie in Polen auf. Nach einigen Jahren Leben in Ghettos, wird er 1944 nach Auschwitz deportiert und muss als Häftling des Sonderkommando in den Gaskammern im Vernichtungslager Birkenau arbeiten. Hendryk Mandelbaum war der letzte polnische Zeitzeuge, der aus eigener Anschauung aus dieser Todeszone berichten konnte, er verstarb 2008. Das Interview umreißt sein Leben, die Zeit vor Auschwitz, die Erfahrungen im Vernichtungslager Birkenau, die Befreiung und sein Leben, Über-Leben danach. Hendryk Mandelbaum zeigt sich im Interview als bewundernswert lebensfroher Mensch. Seine Erfahrungen im Sonderkommando in Birkenau sind für ihn Auftrag, darüber erzählen, damit „das nie wieder passiert“.
  3. Petr Grunfeld überlebt als jüdisches Kind das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Als vierjähriger Junge wird er Mitte Mai 1944 mit seiner Mutter und seiner Zwillingsschwester Martha von Theresienstadt nach Birkenau deportiert, nur er überlebt das Vernichtungslager und die medizinischen Versuche des SS-Arztes Josef Mengele. Petr Grunfeld berichtet von der schwierigen Auseinandersetzung mit den Erlebnissen in seiner Kindheit dort und von Nachforschungen über seine Herkunft und Familie.

2. Die Multiplikatoren

Sechs MultiplikatorenInnen aus ganz unterschiedlichen gedenkstättenpädagogischen Arbeitsfeldern berichten im zweiten Abschnitt über ihre Arbeit. Alle begleiten sie, wenn auch in ganz unterschiedlicher Weise, Jugend- oder Erwachsenengruppen bei mehrtägigen Seminaren in Auschwitz. Sie beschreiben mögliche und sehr heterogene Perspektiven von Auschwitz als Lernort.

  1. Elsbieta Pasternak arbeitet seit zehn Jahren als Pädagogin in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim.
  2. Shosh Hirshman, deren Eltern Holocaustüberlebende waren, kommt aus Tel Aviv und organisiert hauptberuflich Studienreisen für israelische Jugendliche im Auftrag des Israelischen Bildungsministerium.
  3. Friedbert Fröhlich arbeitet als Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche und begleitet Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen seiner Kirchengemeinde nach Auschwitz.
  4. Bruder Stanislaus M. Stoj spricht über Auschwitz aus der Sicht eines katholischen Mönchs. Als Franziskaner Minorit lebt und arbeitet er im etwa drei Kilometer von Birkenau entfernten Pater Kolbe-Zentrum in Harmeze.
  5. Werner Nickolai, Professor für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Straffälligenhilfe an der Katholischen Fachhochschule in Freiburg, organisiert seit vielen Jahren Fahrten mit rechtsextremistischen Jugendlichen und sozialpädagogischen Betreuern nach Auschwitz.
  6. Thomas Kuncewicz leitet das in einer ehemaligen Synagoge untergebrachte jüdische Zentrum in Oswiecim.

In vielen der Interviews wird die Bedeutung der eigenen Familiengeschichte für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust deutlich.

3. Das Museum

Im dritten Abschnitt des Buches kommen drei MitarbeiterInnen des „Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau“ zu Wort, Teresa Swiebocka, die stellvertretende Direktorin des Museums, die dort seit mehr als 30 Jahren arbeitet, Ewa Pasterak, die als Museumsguide viele deutsche Gruppen führt und Andrzej Kacorzyk, Leiter des internationalen Bildungszentrums des Museums .

Sie schildern in den Interviews die Konfrontation mit den sehr gegensätzlichen, manchmal umstrittenen Formen des Erinnerns der vielen Besucher der Gedenkstätte, sprechen über die Schwierigkeiten im Umgang mit bzw. die Besonderheiten von deutschen, israelischen, polnischen Besuchergruppen und von dem Unterschied zwischen jugendlichen und erwachsenen Besuchern. Besonders kritisch sehen sie die oft viel zu knapp bemessenen Zeit, die Gruppen bei einem Besuch der Gedenkstätte zur Verfügung steht, was zur völligen emotionalen Überforderung bei vielen BesucherInnen führt.

Die MitarbeiterInnen des Museums beschreiben auch, welchen Herausforderungen sich die Gedenkstätte derzeit stellen muss, beispielsweise hinsichtlich einer adäquaten Neukonzeption historisch überholter Ausstellungsteile oder der Qualifikation der MitarbeiterInnen in der Besucherbetreuung.

4. Die Freiwilligen

Zwei Zivildienstleistende aus Österreich, ein Praktikant und ein Freiwilliger im Sozialen Jahr aus Deutschland sprechen im vierten Abschnitt über ihre Arbeit in den Gedenkstätten in Auschwitz, ihr Leben in Oswiecim und ihre Motive hierher zu kommen. Dabei reflektieren die jungen Männer ganz unterschiedliche Aspekte ihres Vorort-Seins, seinen Einfluss auf ihre persönliche Entwicklung, den Alltag in Oswiecim wie auch die unterschiedlichen emotionalen Abwehrmechanismen, die man an dem Arbeitsplatz Auschwitz entwickelt, um überhaupt dort arbeiten zu können. Gedenkkulturen in den unterschiedlichen Ländern und der Umgang mit der Geschichte in beiden deutschen Staaten oder das ambivalente Verhältnis zur Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich werden ebenfalls zu wichtigen Themen ihrer Reflexion.

5. Die Besucher

Im fünften Abschnitt sprechen jugendliche und junge erwachsene Besucher aus Deutschland, Österreich, Frankreich und Israel über ihre Auseinandersetzung mit dem Ort Auschwitz.

In den Interviews zeigt sich die starke emotionale Berührtheit durch den Besuch der Gedenkstätte, die Bedeutung der Vorbereitung auf den Besuch des Ortes und der Gespräche mit den Zeitzeugen. Die BesucherInnen berichten von vielen bereichernden Begegnungen am Ort Auschwitz/Oswiecim. Thematisiert werden aber auch das Problem der Touristisierung und Musealisierung der Gedenkstätten in Auschwitz sowie der Wunsch nach einem respektvollen Umgang mit dem Ort des Sterbens abertausender von Menschen. Diskutiert werden von den jungen Menschen die Vermittlung des Holocausts in den jeweiligen Ländern, das derzeitige Erstarken der Neuen Rechten in vielen Ländern, die Fragen nach Schuld, Hass, Vergebung und Verantwortung.

6. Die Stadt Oswiecim und ihr Umland

In unmittelbarer Nähe zu den ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern liegt die 800 Jahre alte Stadt Oswiecim, die zusammen mit den umliegenden Gemeinden heute etwa 58.000 Menschen zählt. Im sechsten Abschnitt des Buches kommen sowohl der Bürgermeister des Ortes als auch fünf Menschen unterschiedlichen Alters zu Wort, die Oswiecim oder den umliegenden Gemeinden geboren und aufgewachsen sind. Sie beschreiben, was es bedeutet tagtäglich in und mit Auschwitz/Oswiecim zu leben, zu welchen Reaktionen es führen kann, wenn man als Heimatort Auschwitz/Oswiecim angibt. Anhand von familienbiografischen Erzählungen wird Auschwitz hier als historischer Ort der Unterdrückung durch die deutsche Besatzungsmacht und als Ort der Verfolgung und Vernichtung aus der Perspektive der polnischen Bevölkerung greifbar.

Diskussion

Das Buch gewährt einen interessanten, lesenwerten Einblick in die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Dimensionen des Ortes, des persönlichen Erlebens des Ortes Auschwitz und des Umgang mit dem dort Erlebten. Hervorzuheben sind dabei neben den eindringlichen Schilderungen der drei Zeitzeugen die Interviews mit den BewohnerInnen des Ortes Oswiecim, die das Leben an und mit einem Ort von Massenvernichtung skizzieren, eine Perspektive, die in der wissenschaftlichen Literatur zum Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts selten thematisiert wird.

Einige der dargestellten Methoden und Haltungen der pädagogischen Begleitung von Besuchergruppen reizen dagegen zu Widerspruch und müssen vor dem Hintergrund aktueller gedenkstättenpädagogischer Diskurse zumindest als diskussionsbedürftig eingestuft werden.

Die Herausgeberin enthält sich hier aber jeder Bewertung, beschränkt sich auf die Ebene der reinen Darstellung des Vielfältigen, sie überlässt die Bewertung völlig der/dem LeserIn, was hinsichtlich der im Buchklappentext beschriebenen breiten Zielgruppe des Buches als problematisch erscheint.

Insgesamt sind die einzelnen Interviews so redigiert, dass das Buch über weite Strecken gut lesbar ist, sich aber bisweilen aufgrund der Ausführlichkeit der Interviews als etwas langatmig präsentiert.

Völlig unerklärt hinsichtlich ihrer Intention bleiben die Anmerkungen zu historischen und politischen Fakten in den Fußnoten, die gerade bei den Zeitzeugeninterviews den seltsamen Beigeschmack eines Korrektivs bekommen. Unklar bleiben auch die Kriterien für die Auswahl der InterviewpartnerInnen.

Fazit

So lässt sich abschließend sagen, dass Professionelle und Ehrenamtliche der Gedenkstättenpädagogik und Gedenkstättenarbeit aus der vorliegenden Darstellung vielfältiger Perspektiven des Erlebens des Ortes Auschwitz Anregungen erhalten können, die eigene Arbeit didaktisch-methodisch und bezüglich ihrer Zielperspektive zu reflektieren. OrganisatorInnen von Studienreisen nach Auschwitz kann das Buch wichtige Hinweise zur pädagogischen Vorbereitung und Begleitung eines Besuches in der Gedenkstätte Auschwitz und des Ortes Oswiecim liefern. Anders als im Buchklappentext beschrieben, kann die Lektüre des Buches zur Vorbereitung eines Besuches von interessierten Laien nicht uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
Professorin für Kunstpädagogik in der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Birgit Dorner. Rezension vom 03.10.2009 zu: Bettina Schaefer (Hrsg.): Lass uns über Auschwitz sprechen. Gedenkstätte - Museum - Friedhof: Begegnungen mit dem Weltkulturerbe Auschwitz. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-86099-391-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7337.php, Datum des Zugriffs 26.05.2016.


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