Florian Straus: Netzwerkanalysen
Florian Straus: Netzwerkanalysen. Gemeindepsychologische Perspektiven für Forschung und Praxis. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2002. 339 Seiten. ISBN 978-3-8244-4503-5. 39,90 EUR.
Hintergrund und Thema des Buches
"Früher dachte man die Erde sei eine Scheibe, dann eine Kugel, heute scheint sie ein Netz(-werk) zu werden" (S. 3). Die Welt ein Netzwerk? Sei es in der Spardebatte der öffentlichen Hand, in welcher das soziale Netz zu zerreißen droht, sei es in der globalen Verflechtung der Aktienwelt oder der Ohnmacht nationaler Politik, sei es beim Thema Internet, welches in seiner gesellschaftsverändernden Qualität mal euphorisch bejubelt oder skeptisch bewertet wird. Immer stößt man auf die gleiche Metapher: die Welt wird als Netzwerk begriffen.
Florian Straus interessiert sich in seinem Buch 'Netzwerkanalysen. Gemeindepsychologische Perspektiven für Forschung und Praxis' für die Rolle von Netzwerken für Subjekte und für die Gesellschaft, in der sie leben. Für ihn bilden die Netzwerkanalysen den Versuch, Netzwerke in ihren Strukturen und Funktionen zu verstehen und zu erklären.
Der Autor kann auf 20 Jahre praktische und theoretische Erfahrung in dem Bereich zurückgreifen. Das Buch ist das Produkt der praxisorientierten Arbeit am IPP (Institut für Praxisforschung und Projektberatung in München) und der Erfahrung in und mit der Anwendung der Netzwerkpraxis in der psychosozialen Praxis mit einer gemeindepsychologischen Grundhaltung. "Die verschiedenen Erfahrungsfelder und diese Grundhaltung legen es nahe, Praxis und Wissenschaft zwar als getrennte Zugänge, letztlich aber auch als miteinander verschränkte Erfahrungsbereiche von Wirklichkeit zu begreifen" (S. V).
Mit dem vorliegenden Buch werden drei Anliegen verfolgt. Erstens ist es Straus' Wunsch, das methodische Werkzeug Netzwerkanalyse für die qualitative Forschung wie auch die psychosoziale Anwenderseite weiterzuentwickeln. Zweitens geht es ihm darum, den theoretischen Hintergrund der Netzwerkforschung zu stärken. Die Debatte um die Entstehung und Veränderung des sozialen Kapitals soll mit seinem Beitrag von einer sozialpsychologischen Seite aus ergänzt werden. Drittens beabsichtigt er, das Interesse an der historischen Entwicklungslinie der Netzwerkperspektive zu wecken.
Der Autor
Dr. Florian Straus promovierte bei Prof. Dr. Heiner Keupp am Institut für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Gründungsmitglied und geschäftsführender Leiter des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung in München.
Aufbau, Inhalte und Gliederung
Florian Straus' Netzwerkanalysen gliedern sich in die drei Kapitel 'Pioniere, Klassiker und Visionäre', 'Skizze einer Theorie sozialer Verortung', sowie 'Methoden der Netzwerkanalyse für die qualitative Forschung und in der psychosozialen Praxis'. Alle drei Kapitel sind als eigenständige Teile geschrieben. Es bieten sich jedoch eine Fülle von Querbezügen an.
Straus wählt einen narrativen Zugang zum Thema Netzwerk. Er öffnet mit 12 ganz unterschiedlichen Netzwerkgeschichten (vom Napster-Konzept über Humboldts Wissenschaftsnetzwerk bis hin zum Terrornetz Al Quaida) ein breites Panorama, welches die These der Netzförmigkeit sozialer und institutioneller Zusammenhänge veranschaulichen soll. Die unterschiedlichen Zugänge sollen verdeutlichen, dass immer nur ein Ausschnitt des Spektrums netzwerkbezogener Analysen dargestellt werden kann.
Im ersten Kapitel 'Pioniere, Klassiker und Visionäre' legt der Autor einen Weg durch 100 Jahre Geschichte der Netzwerkanalysen. In einem kurzweiligen Schreibstil mit vielen Beispielen gelingt es ihm, dem Leser/der Leserin die Faszination der Geschichte der Netzwerkanalyse näher zubringen. Straus teilt die Netzwerkgeschichte in drei Etappen ein: In drei verschiedenen 'Geburtsstunden' werden die Anfänge einer Idee, eines Forschungskonzeptes und einer Methode erläutert. Im Zentrum stehen Georg Simmel mit ersten Überlegungen zu einer Analyse sozialer Netzwerke, Jakob L. Moreno mit seiner Idee und Methode der Soziometrie, sowie Bott und Barnes, die Vorläufer eines netzwerkanalytischen Denkens. Die 'Vorläufer' haben theoretisch oder methodisch die ersten Impulse gesetzt, ohne jedoch die Netzwerkanalyse zu verankern. Mit der Netzwerkmetapher geraten die Strukturqualität von sozialen Beziehungen in den Blick. Die 'Klassiker': haben die Netzwerkanalyse (theoretisch und methodisch) etabliert. Die bekannteste These der Netzwerkforschung fällt in die Zeit der Etablierung. Die Stärke schwacher Beziehungen: "Nicht allein die dichten engmaschigen Netzwerke verhelfen dem Individuum zu erfolgreichem Handeln. Geht es um das Knüpfen von neuen Beziehungen oder/und um neue Informationen sind die "weak ties" den starken Netzwerkbeziehungen überlegen" (Straus 2002, S. 48). Nicht die engeren Freundes- und Verwandtschaftskreise zählen bei der Möglichkeit des sozialen Aufstiegs, sondern die "weak ties" fördern den Zugang zu Ressourcen. Inhaltlich ist die Zeit der Etablierung stark mit einer Formalisierung und Mathematisierung der Netzwerkanalyse verbunden, was Straus anhand der 'social network analysis' darstellt. "Die Netzwerkanalyse kommt in der Netzwerkgesellschaft an". Mit diesem Fazit beginnt Straus seine Überlegungen zur dritten Etappe der Netzwerkgeschichte. Mit Manuell Castells 'Netzwerkgesellschaft' und Bruno Latours 'Actor-Network.Theory' werden zwei hoch aktuelle Ansätze dargestellt und unter der Netzwerkperspektive kritisch analysiert. Die 'Visionäre' haben die Pfade der klassischen Netzwerkanalyse weitgehend verlassen, sie haben die Netzwerkperspektive radikalisiert und nehmen auch kaum Bezug auf diese historischen Wurzeln.
Ziel des zweiten Kapitels 'Skizze zu einer Theorie sozialer Verortung' ist es, sich an das Konstrukt sozialer Verortung theoretisch anzunähern. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Funktionen und Aufgaben soziale Verortungsprozesse haben und was für das Subjekt aus diesen Prozessen entsteht. Straus Reflexionen folgern, dass die Prozesse sozialer Verortungen in ein raum-zeitlich spezifisches Netzwerk an Beziehungen und dinglichen Bezügen münden, in dessen Mittelpunkt die Konstrukte Vertrauen, Zugehörigkeit und Anerkennung stehen. Die Globalisierung führt zu einer Ausdehnung der sozialen Verortung. "Jeder Mensch wird, ob er es will oder nicht, zum Teil einer weltweiten Netzwerkgesellschaft. Diese ist stark von ökonomischen Geldströmen bestimmt, wird aber schrittweise auch in ihren kulturellen, politischen und letztlich auch sozialen Strukturen globaler. Eine immer größer werdende Gruppe von Menschen beginnt sich zunehmend global zu verorten. Teile der persönlichen Netzwerke streuen über den Globus, zunächst noch stärker arbeitsbezogen, dann aber auch privat. Über das Internet entstehen interessensorientierte Freundschaften, die nicht mehr auf dem face-to-facePrinzip aufbauen" (S. 183ff.)
Im Zentrum des dritten Kapitels stehen Methoden der Netzwerkanalyse für die qualitative Forschung und in der psychosozialen Praxis. Wenn Netzwerke ein immer bedeutender werdender Erkenntnisgegenstand sind, welche Möglichkeiten gibt es, diese zu erheben und zu analysieren? lautet die Ausgangsfrage. Im Mittelpunkt dieses mit konkreten Beispielen äußerst anschaulichen Kapitels stehen qualitative Verfahren für die qualitative Forschungspraxis und für psychosoziale Praktiken. Es geht Straus um die Möglichkeiten der Visualisierung als inhärenter Teil der Netzwerkanalyse und um die Stärkung des qualitativen Ansatzes. In diesem Teil des Buches macht sich die langjährige Erfahrung Straus' sowie seine immer wieder theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema bemerkbar. Sein integrativer Blick auf Methoden für Forschung und psychosoziale Praxis haben eine gemeindepsychologische Grundhaltung. "Aus ihr heraus erscheint es mir notwendig, entsprechende Brücken zu bauen" (S. 194). Im ersten Teil werden die Entwicklungslinien qualitativer Netzwerkanalysen aufgezeigt. Diese lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die eine, die mit freien Netzwerkbildern (freie Form der Darstellung) arbeitet, die andere mit der egozentrierten Netzwerkdarstellung. Im zweiten Teil geht es um die Netzwerkanalysen als Verfahren für die psychosoziale Praxis. Nach Straus brauchen ebenso wie in der Forschungsperspektive professionelle HelferInnen und auch KlientInnen Instrumente, um die komplexen und meist unsichtbaren Bezüge eines Netzwerks sichtbar, kommunizierbar und analysierbar zu machen. Sein Ansatz des EGONET-P wird lehrbuchartig aufgearbeitet und so auch für PraktierInnen anwendbar.
Zielgruppen
Die beiden Teile 'Pioniere, Klassiker und Visionäre' und 'Methoden der Netzwerkanalyse für die qualitative Forschung und in der psychosozialen Praxis' kann man als Grundlagentexte für alle diejenigen Leserinnen und Leser bezeichnen, die sich einen allgemeinen Überblick über die Geschichte der Netzwerkperspektive sowie den konkreten Anwendungsmöglichkeiten in der Forschung und Praxis machen wollen. Durch seinen lehrbuchartigen Charakter ist das vorliegende Buch eben nicht nur für fortgeschrittene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern in hohem Masse auch für Einsteigerinnen und Einsteiger und Menschen in der Praxis geeignet. Empfehlenswert ist es auch für alle, die in der Lehre tätig sind und Netzwerkforschung bzw. -analysen vermitteln.
Fazit
Bei den 'Netzwerkanalysen' handelt es sich um ein großartiges und empfehlenswertes Buch. In seinen Anlagen würde eigentlich alles für ein Standartwerk in Praxis und Lehre der Netzwerkforschung stecken, da es Florian Straus gelingt, alle seine Ziele umzusetzen: Beim Leser und bei der Leserin wird das Interesse an der historischen Entwicklungslinie der Netzwerkperspektive geweckt, er/sie findet in ihm das methodische Werkzeug Netzwerkanalyse für die qualitative Forschung sowie für die psychosoziale Anwenderseite und mit dem Werk wird der theoretische Hintergrund der Netzwerkforschung gestärkt. Einen großen Schönheitsfehler hat das Buch jedoch: Es unwahrscheinlich, dass es gerade für das potentielle Zielpublikum die Studierenden und Praktikerinnen und Praktiker angesichts des stolzen Preises erschwinglich ist. Damit könnte der Weg zu dem, was in ihm steckt, verbaut sein.
Rezensent
Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St.Gallen - Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut IFSA
Homepage www.fhsg.ch/ifsa
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Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 25.03.2003 zu: Florian Straus: Netzwerkanalysen. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2002. 339 Seiten. ISBN 978-3-8244-4503-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/734.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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