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Matthias Drilling: Schulsozialarbeit

Cover Matthias Drilling: Schulsozialarbeit. Antworten auf veränderte Lebenswelten. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2009. 4., aktualisierte Auflage. 152 Seiten. ISBN 978-3-258-07424-5. D: 22,50 EUR, A: 32,20 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Thema, Autor und Entstehungshintergrund

Schulsozialarbeit, oder genauer die Frage nach einer intensivierten Kooperation von Jugendhilfe und Schule, ist in den letzten Jahren ein zunehmend aktuelles Thema nicht nur für die Jugendhilfe, für Schulen, Schulämter und für Familien, sondern auch in der Bildungs- und Sozialpolitik geworden. Matthias Drilling strebt mit seinem Buch eine Systematik der Entwicklung der Schulsozialarbeit in Deutschland und der Schweiz an sowie eine theoretische Fundierung und Beschreibung seines eigenen, von ihm als „integriertes Konzept von Schulsozialarbeit“ bezeichneten Verständnisses von Schulsozialarbeit.

Matthias Drilling ist studierter Sozialgeograph und Volkwirt und derzeit als Professor am Institut für Sozialplanung und Stadtforschung der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig. Von 2000 bis 2005 leitete er den Fachbereich Schulsozialarbeit der gleichen Hochschule, war und ist weiterhin an diversen Projekten, Entwicklungsberatungen und Forschungsstudien zur Schulsozialarbeit maßgeblich beteiligt.

Der vorgelegte Band erschien 2009 in der vierten aktualisierten Auflage. Für diese neue Auflage hat Matthias Drilling insbesondere Studien und Evaluationen zur Schulsozialarbeit in den neuen Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland wie auch in der Schweiz aufbereitet. Weiterhin ist sein Kapitel über die Schulsozialarbeit in der Schweiz aktualisiert.

Aufbau

Nach einer inhaltlich aussagekräftigen und orientierenden Einleitung, in der Drilling die Ausführungen zusammenfasst, folgen sechs Themenkapitel und ein inhaltlich weiterführender Ausblick mit Thesen zum Bedarf der anstehenden Entwicklung von Schulsozialarbeit. Drilling geht davon aus, dass Schulsozialarbeit allem voran dem Ziel folgen muss, Jugendliche in der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben zu begleiten und zu unterstützen. Gemäß dieser Auffassung ist das erste Hauptkapitel verschiedenen Aspekten und Bedingungen des Erwachsenwerdens gewidmet. Erst dann folgt eine Ausführung über drei bzw. genauer vier Grundpositionen zur Schulsozialarbeit, mit der Drilling die Entwicklung und Diskussion der Schulsozialarbeit in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland systematisiert und knapp wiedergibt. Der historisch chronologischen Darstellung folgend beschreibt Drilling im folgenden Kapitel zu neueren Entwicklungen der Schulsozialarbeit die Zeit der 90er Jahre und des beginnenden neuen Jahrhunderts, wobei er v.a. intensiv auf die Entwicklung von Schulsozialarbeit in den fünf neuen Bundesländern aus der Sicht der jeweils wichtigsten Forschungsstudien eingeht. Ebenfalls chronologisch und dem Bestand an Forschungsstudien folgend wird im vierten Hauptkapitel die Entwicklung und Situation von Schulsozialarbeit in der Schweiz umfassend beleuchtet. Das umfangreichste Kapitel mit 30 Seiten widmet Drilling der Darstellung seines eigenen, sog. integrationsorientierten Konzepts der Schulsozialarbeit, in dem versteckt bereits eine erste Darstellung der aus seiner Sicht erforderlichen Methoden von Schulsozialarbeit enthalten ist. Möglicherweise erklärt dies, warum das abschließende Hauptkapitel zu „Arbeitsweisen der Schulsozialarbeit“, das auf den Umgang mit Gewalt und Sucht konzentriert ist, auf die Beratung, soziale Gruppenarbeit und einen Überblick über die Strukturen der Kooperation fokussiert wird ohne weitere Arbeitsweisen aufzugreifen.

Inhalt

Bereits aus der Einleitung und dem Ausblick wird Drillings Grundverständnis von Schulsozialarbeit deutlich. Drilling führt den zunehmenden Bedarf an Schulsozialarbeit auf Veränderungen in unserer Gesellschaft zurück, die zu neuen Herausforderungen und Bewältigungsaufgaben für (Kinder und) Jugendliche führen. Entsprechend ist für ihn das Leitziel von Schulsozialarbeit die Unterstützung von Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Vor diesem Hintergrund wird es ihm möglich, Schulsozialarbeit als Aufgabe und Handlungsfeld der Jugendhilfe (und eben nicht der Schule) festzuschreiben, aber zugleich eine intensive und umfassende Kooperation mit Akteuren der Schule zu fordern, ebenso wie eine Anpassung von Methoden der Sozialen Arbeit an den Kontext im System Schule. Die emanzipierte Position von Schulsozialarbeit als Handlungsfeld der Jugendhilfe, die Kooperation mit Schule und die Anpassung der Methoden an das Handlungsfeld führt Drilling dazu, von einem „integrationsorientierten“ Konzept von Schulsozialarbeit zu schreiben. So definiert er: „Schulsozialarbeit ist ein eigenständiges Handlungsfeld der Jugendhilfe, das mit der Schule in formalisierter und institutionalisierter Form kooperiert. Schulsozialarbeit setzt sich zum Ziel, Kinder und Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens zu begleiten, sie bei einer für sie befriedigenden Lebensbewältigung zu unterstützten und ihre Kompetenzen zur Lösung von persönlichen und/oder sozialen Problemen zu fördern. Dazu adaptiert Schulsozialarbeit Methoden und Grundsätze der Sozialen Arbeit auf das System Schule“ (S. 14). Damit wählt er eine lebensweltorientierte und modernisierungstheoretische Begründung für die Kooperation von Sozialer Arbeit und Schule, die eben nicht auf die Förderung von Qualifikation und schulischer Bildung oder noch weniger die (Wieder-)Herstellung der Beschulbarkeit von Kindern und Jugendlichen reduzierbar ist. Der Begriff des „integrationsorientierten“ Konzepts erklärt sich weiter aus dem Schweizer Kontext, der durch die Existenz von zwei Kooperationsformen skizziert wird, dem „additiven“ und dem „integrativen Modell“. Beim additiven Modell, das in der Schweiz vorherrschend sei, besteht nur ein punktueller, anlassbezogener Kontakt, bei dem Soziale Arbeit von Seiten der Schule für bestimmte Themen und Projekte eingesetzt wird. Eine längerfristige und auch formal begründete Kooperation im Rahmen von Schulsozialarbeit sei seltener und nehme erst in neuerer Zeit zu (S. 11).

Weil das Wissen um die Bedingungen und Belastungen, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen und sich behaupten lernen müssen, „in den beruflichen Rucksack von all denen [gehört], die mit jungen Menschen zu tun haben“ (S. 32), ist das erste Kapitel den „Kontexten des Erwachsenwerdens“ gewidmet. Dabei geht Drilling in Kürze auf Ulrich Beck und Peter Gross ein, um eine modernisierungstheoretische Skizze neuer sozialer Ungleichheiten und Herausforderungen durch Individualisierung, Pluralisierung von Lebensstilen und das Leistungsparadigma zu geben. In den knapp gehaltenen Unterkapiteln Familie, Freizeit, Schule, Beruf, Belastungsfaktoren und Entwicklungsaufgaben werden die Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen durch zahlreiche Statistiken gestützt mit dem Fokus auf Veränderungen und potentiellen Schwierigkeiten skizziert.

Um die heutige Vielfalt von Herangehensweisen an Schulsozialarbeit wie auch die fast unzähligen, konkurrierenden Begriffe für das Feld der Kooperation von Sozialer Arbeit und Schule verstehbar zumachen, blickt Drilling im Kapitel „Grundpositionen zur Schulsozialarbeit“ zunächst historisch auf die Entwicklung und Diskussionen von Schulsozialarbeit in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland. Ihm zufolge standen sich damals wie heute drei Konzepte der Schulsozialarbeit gegenüber, die er durch die vierte Position „der Resignierten“ ergänzt, die Schulsozialarbeit wie auch einen Erziehungsauftrag der Schule klar ablehnen. Sozialarbeit in der Schule führt er als parteilich für benachteiligte Jugendliche aus sowie als politische „offensive Jugendhilfe“, die sich in Distanz zur Schule als deren kritisches Korrektiv versteht. Demgegenüber sei das Anliegen der Sozialen Arbeit bei der Sozialpädagogik in der Schule, die Schule tiefgreifend hin zu einer humanen und reformpädagogischen Schule zu verändern, indem eng und intensiv mit Lehrer/innen kooperiert und gearbeitet werde. Zielgruppe seien hier alle Schüler/innen und nicht nur von der Deklassierung bedrohte Kinder und Jugendliche. Im Kontrast zu beiden schon genannten Konzepten ziele die sozialpädagogische Schule darauf, ohne Hilfe von außen „Schule aus sich selbst heraus [zu] verändern“ und als Lehrkräfte sozialpädagogisch und schülerorientiert zu werden (S. 45). Eine vergleichende Übersichtstabelle sowie die sich anschließenden Ausführungen zu den Schwierigkeiten und Kritikpunkten zu den drei Konzepten sind hilfreich für eine etwas ausdifferenziertere Sicht.

Laut Drilling hat sich Schulsozialarbeit inzwischen „gegenüber der Schule und den Strömungen innerhalb der Sozialen Arbeit als eigenständiges Handlungsfeld emanzipiert“ (S. 57). Dies versucht Drilling im Kapitel „Neuere Entwicklungen der Schulsozialarbeit“ zu erläutern. Für die Zeit der 90er Jahre nimmt er vermittelt über den 8. Kinder- und Jugendbericht auf das Konzept der Lebensweltorientierung von Hans Thiersch Bezug. Die daraus folgende Neufassung des Kinder- und Jugendhilfegesetztes nimmt Drilling zum Anlass, die aktuelle rechtliche Grundlage von Schulsozialarbeit auszuführen. Eine erneute Fokussierung von Schulsozialarbeit auf den § 13 KJHG und somit die Zielgruppe der sozial Benachteiligten Kinder und Jugendlichen führt er auf den neunten und zehnten Kinder- und Jugendbericht zurück und bringt damit das bis heute in Deutschland bestehende Theorie-Praxisdilemma der Schulsozialarbeit in Bezug. Intensiv geht Drilling anhand zentraler Ergebnisse aus Begleitstudien auf die Entwicklungen in den neuen Bundesländern ein und arbeitet mehrere Erfolgskriterien von Schulsozialarbeit heraus. So die „Klarheit der Arbeitsansätze und Arbeitsinhalte“ der je einzelnen Schulsozialarbeit (S. 59), die Kontinuität der Arbeit und die sozialpädagogische Ausbildung der Schulsozialarbeiter/innen (S. 61 und 65). Die Diskussion um den Bildungsauftrag Sozialer Arbeit sowie die Forderung nach einer „Kultur des Aufwachsens“ wird angeführt, ohne vertieft auf die aktuellen Entwicklungen im Kontext von Ganztagsschulentwicklung einzugehen.

Auch die Entwicklung von Schulsozialarbeit in der Schweiz wird zunächst der Geschichte folgend dargestellt bevor die Bedeutung von Lehrkräften, Schüler/innen und Eltern als den zentralen Bezugspersonen von Schulsozialarbeit ausgeführt wird. Dabei folgt die Darstellung weitgehend den Ergebnisberichten vorliegender Studien. Den Ausführungen zufolge gab es bis zur Mitte der 1990er Jahre kaum Schulsozialarbeit, sondern nur sporadische Kooperationen zur Sozialen Arbeit sowie eine „weitgehend funktionierende Grundversorgung der Schule mit psychologischen, ärztlichen und weiteren beratenden Diensten“ (S. 73). Erst die zunehmende Zahl an Kindern und Jugendlichen mit belastenden Lebenssituationen und Lebensgeschichten sowie die folgende zunehmende Überlastung der Schulen und der von ihnen eingeschalteten Behörden und Dienste habe gegen Ende der 90er Jahre zu einer Zunahme von Schulsozialarbeitsprojekten geführt. Deren historische Vorläufer finden sich bei Projekten in der Westschweiz. Wie schnell die Entwicklung Fahrt aufgenommen hat zeigt, dass Schulsozialarbeit bereits 2003 in mehr als 100 Städten und Gemeinden der Deutschschweiz existierte (S. 77). Dabei liegt die Trägerschaft im Unterschied zu Deutschland fast ausschließlich bei Schulbehörden und politischen Gemeinden. Orientierend sind Tabellen, die einen Überblick über Versorgung von Schultypen wie auch Gemeinden mit Schulsozialarbeit geben. Anhand von Studienergebnissen wird im weiteren die Bedeutung der Lehrkräfte als Türöffner für Zugänge zu Schüler/innen benannt, Kontaktanlässe zu Schüler/innen und Ergebnisse einer Bedarfserhebung bei Eltern werden ausgeführt.

Die wichtigsten Inhalte des integrationsorientierten Konzepts von Schulsozialarbeit wurden bereits einleitend genannt. Drilling begründet die Kooperation von Sozialer Arbeit und Schule durch die gemeinsame Aufgabe, Jugendlichen in ihrem Entwicklungsprozess zu unterstützen. Weitere Gemeinsamkeiten von Schule und Sozialer Arbeit werden genannt, bevor strukturelle, fachliche und menschliche Schwierigkeiten der Kooperation ausgeführt werden. Sechs Grundsätzen, die Diskussion des Arbeitsprinzips der Freiwilligkeit und die Beschreibung unterschiedlicher „Zielgruppen“ von Schulsozialarbeit ergänzen das Konzept. Benannt werden hier nur die „Grundsätze“. Prävention wird durch primäre und sekundäre Prävention erläutert, die tertiäre Prävention bleibt unerwähnt. Unter Ressourcenorientierung wird beschrieben, dass an den Stärken der Schüler/innen angeknüpft und ihnen ein Zugang zu ihren Stärken geschaffen werden soll, um sie in ihrer Handlungsfähigkeit zu fördern. Auch das vorab und später negierte Ziel (z.B. S. 117), die Schule zu einem Lebensort zu erweitern, wird angeführt. Beziehungsarbeit wird auf Vernetzung und Kooperation bezogen, andererseits im Blick auf die Notwendigkeit des Vertrauens- und Beziehungsaufbaus ausformuliert. Prozessorientierung sei anstelle der schulischen Ergebnisorientierung erforderlich, um im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen Vertrauen zu entwickeln (S. 109). Methodenkompetenz wird operationalisiert durch Kompetenzen der Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit und Projektarbeit. Weiter wird gefordert, Lösungsprozesse nur anzuregen sowie unbürokratisch zu kooperieren, wenn die Sache dies erfordert. Schließlich wird unter Systemorientierung das ausgeführt, was zuvor als Charakteristik einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit eingeführt wurde: dass Probleme nicht individualisiert betrachtet werden dürfen sondern der Mensch wie auch sein Problem(-handeln) im Kontext seiner Lebenswelten, Bezüge und Beziehungen gesehen werden muss, also einen systemisch differenzierten Blick erfordern.

Im abschließenden Hauptkapitel „Arbeitsweisen der Schulsozialarbeit“ wird eine Konzentration auf den Umgang mit Gewalt und Sucht gewählt, weil sie häufig zur Begründung der Einführung von Schulsozialarbeit herangezogen werden. Dabei geht Drilling in gendersensibeler Weise auf die Phänomene Gewalt und Sucht ein. In der folgenden, offensichtlich erfahrungsbegründeten Ausführung zu Beratung und zur sozialen Gruppenarbeit bleiben die beiden Problembereiche im Fokus der gewählten erläuternden Beispiele für das Vorgehen. Die Ausführungen zur Beratung mutieren dabei zunehmend zur „Einzelfallhilfe“ und den hierfür erforderlichen Kooperationen und Kooperationsstrukturen.

Diskussion

Matthias Drilling legt mit seinem Band eine der wenigen theoretisch erarbeiteten Monographien zur Schulsozialarbeit neben inzwischen vielfältigsten Sammelbänden und auch Forschungsstudien und Ergebnisberichten vor. Auch wenn an keiner Stelle des Buches von einem „Lehrbuch“ die Rede ist, wirkt es durch die knapp gehaltenen und häufig sehr klar konturierten Ausführungen wie eine einführende Übersicht über das Themenfeld, die m.E. für Studierende und Berufsanfänger/innen in der Schweiz wie auch in Deutschland sehr zur Hinführung geeignet ist. Er konzentriert sich mit seinen Ausführungen auf den Begriff der Schulsozialarbeit. Die häufige, strittige Diskussion um die Wahl der Begrifflichkeit verlagert er damit in die Mitte seiner Ausführungen, wodurch es möglich wird, das Thema entlang seines Verständnisse auszuführen und zu systematisieren. Dieser Aufbau ist gut gewählt. Auch das Ausgrenzen der aktuellen komplexen Entwicklung von Schulsozialarbeit im Kontext von Ganztagsschulen ist für den hinführenden Überblick ein Gewinn. Allein das abschließende Kapitel zu „Arbeitsweisen“ wirkt etwas angehängt, in der Zusammenstellung etwas zufällig und unvollständig. So werden hier z. B. die vorab eingeführten Bereiche der Projektarbeit und der Gemeinwesenarbeit nicht mehr aufgegriffen. Die i.d.R. vorhandenen offenen Angebote wie Schülercafés und Spielbereiche fehlen.

Die von Drilling gewählte Orientierung von Schulsozialarbeit an der Unterstützung der Lebensbewältigungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen wie auch sein „integrationsorientiertes Konzept“ sind anschlussfähig an eine lebenswelt- und subjektorientierte Schulsozialarbeit. Schade alleine ist, dass er die Veröffentlichungen und die Forschungsstudien zur lebensweltorientierten Schulsozialarbeit von Bolay et. al. aus der Tübinger Forschungsgruppe Jugendhilfe und Schule ebenso wenig zu kennen scheint wie die Veröffentlichungen von Oelerich oder die noch stärker sozialraumorientierten Konzepte und Studien von Deinet, bei denen er von der Sache her anschlussfähige Ausführungen und Diskussionspartner finden kann[1].

Für mich als Vertreterin einer lebensweltorientierten Schulsozialarbeit ist die Begriffswahl von Drilling an manchen Stellen irritierend. So beim Begriff der „Integrationsorientierung“, wenn zugleich mit „integrativ“ an anderer Stelle die Subsumtion von Sozialer Arbeit unter die Schulaufsicht bezeichnet wird (S. 67), noch mehr aber, wenn er diesen Begriff an den Institutionen Schule und Jugendhilfe orientiert erläutert und eben nicht den Adressat/innen. Der Begriff der „Systemorientierung“ anstelle der „Lebensweltorientierung“ oder zumindest doch der fachlich gängigen Bezeichnung eines systemischen Denkens und Handelns lässt mich stolpern. Im weiteren wirken die von Drilling gewählten sechs Grundsätze auf mich etwas zufällig gewählt. Sie werden nicht hergeleitet und nicht begründet, warum es genau diese sechs Grundsätze sind, Freiwilligkeit dagegen den Status eines Arbeitsprinzips bekommt. Unklar scheint mir, warum nicht die mit der Prävention bereits angeschnittenen Handlungs- und Strukturmaxime einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit zur Ausführung der inhaltlich sehr nachvollziehbaren handlungsleitenden Beschreibungen herangezogen oder zumindest in Bezug gesetzt werden.

Positiv und erfrischend fällt beim Lesen des Buches auf, dass durchgängig eine geschlechtergerechte Sprache verwendet und eine gendersensible Ausführung gewählt wird. Ein besonderer Gewinn des Buches scheint mir schließlich, dass Drilling sowohl die Entwicklung in Deutschland wie auch in der Schweiz thematisiert und beide auch für die Neuauflage aktualisiert hat. Auf diese Weise ermöglicht er einen weiter geführten Diskurs, einen vergleichenden Blick sowie auch grenzüberschreitende Kooperationen.

Fazit

Das Buch Schulsozialarbeit von Matthias Drilling ist verständlich geschrieben. Es ist systematisch angelegt und folgt durchgängig der gewählten Zielformulierung für Schulsozialarbeit, Kinder und Jugendliche aufgrund veränderter Lebenslagen und Bewältigsaufgaben in ihrem Erwachsenwerden zu unterstützen. Mit diesem – letztendlich lebensweltorientierten – Begründungsansatz wird es möglich, sowohl zu begründen, warum Soziale Arbeit am Ort der Schule Träger für Schulsozialarbeit sein muss dennoch aber eine an den Jugendlichen orientierte intensive Kooperation mit der Institution Schule notwendig ist. Auch wenn oder vielleicht sogar weil die einzelnen Ausführungen an manchen Stellen zu knapp und holzschnittartig wirken, gelingt dem Autor auf diese Weise, einen Überblick über das komplexe und ausgesprochen kontrovers diskutierte Themenfeld der Schulsozialarbeit respektive Kooperation von Jugendhilfe und Schule zu geben. Aus diesem Grund scheint mir das Buch als hinführendes Lehrbuch sehr geeignet zu sein. Auch ein Vergleich der Entwicklung in Deutschland und der Schweiz wird durch den vorgelegten Band möglich. Eine differenziertere Diskussion einzelner Ansätze muss dann ebenso durch weiterführende Literatur ergänzt werden, wie der Blick auf die aktuellen Entwicklungen der Kooperationen von Jugendhilfe und Schule im Rahmen der Ganztagsschulentwicklung.


[1] Für die Veröffentlichungen der Forschungsgruppe Jugendhilfe und Schule siehe: http://w210.ub.uni-tuebingen.de/portal/jus/ ; Oelerich, G. (1996): Jugendhilfe und Schule: Zur Systematisierung der Debatte; in: Flösser, G./Otto, H.-U./Tillmann, K.-J. (Hg.), Schule und Jugendhilfe: Neuorientierung im deutsch-deutschen Übergang, Opladen, 222-237; Für Deinet z.B.: Deinet, Ulrich (Hg.)(2001): Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Ein Handbuch für die Praxis. Opladen oder: Deinet Ulrich/Icking, Maria (Hrsg.) (2006): Jugendhilfe und Schule – Analysen und Konzepte für die kommunale Kooperation, Verlag Barbara Budrich, Leverkusen


Rezensentin
Prof. Dr. Angelika Iser
Hochschule München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften.
Schulsozialarbeit und außerschulische Arbeit mit Kindern. an der Hochschule München; Mediatorin (BM)


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Zitiervorschlag
Angelika Iser. Rezension vom 18.09.2009 zu: Matthias Drilling: Schulsozialarbeit. Antworten auf veränderte Lebenswelten. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2009. 4., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-258-07424-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7394.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


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