Berthold Dietz: Die Pflegeversicherung
Berthold Dietz: Die Pflegeversicherung. Ansprüche, Wirklichkeiten und Zukunft einer Sozialreform. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 299 Seiten. ISBN 978-3-531-13869-5. 26,90 EUR.
Vorbemerkung
Im Rahmen der Beratungen der "Rürup"-Kommission wurde für einen kurzen Moment erneut die grundlegende Finanzierungsarchitektur dieses jüngsten Zweiges der deutschen Sozialversicherung in Frage gestellt und für eine Abschaffung zugunsten eines steuerfinanzierten Leistungsgesetzes plädiert. Nunmehr scheint sich die Kommission allerdings für eine grundsätzliche Beibehaltung der Pflegeversicherung entschieden zu haben - aber verbunden mit deutlichen Eingriffen in das Leistungsvolumen (so z.B. eine Abschaffung der Pflegestufe I) und strukturellen Veränderungen wie eine betragsmäßige Gleichstellung der Leistungen für ambulante und stationäre Leistungen. Die Rürup-Kommission wird auch Antworten geben müssen auf den Auftrag des Bundesverfassungsgerichts an die Bundesregierung, bis spätestens Ende 2004 eine Entlastung der Familien auf der Beitragsseite der Pflegeversicherung herbeizuführen.
Unabhängig von diesen aktuellen Reformüberlegungen steht die Pflegeversicherung vor allem aufgrund ihrer unmittelbaren Verknüpfung mit der bekannten demografischen Entwicklung im Mittelpunkt vieler pessimistischer Prognosen über die Finanzierbarkeit einer menschenwürdigen Pflege auch in Zukunft. Viele Experten sind sich einig, dass die wahren Ausgaben- wie auch Versorgungsprobleme weniger im klassischen Gesundheitswesen, sondern vor allem im Bereich der Altenpflege auftreten werden. Insofern kann ein Gesamtblick auf die Geschichte, Funktionsweise, Problemstellen und Perspektiven der bestehenden Pflegeversicherung Gewinn bringend sein.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in vier große Blöcke.
- In einem ersten Teil untersucht der Autor die Ansprüche an die Pflegeversicherung in der Entstehungsphase dieses Sozialversicherungszweiges und wie sie auch heute noch vorgetragen werden. ("Was sollte die Pflegeversicherung"). Er zeichnet die Problemdimensionen und Begründungen für die Pflegeversicherung nach, beschreibt die Finanzierungsprobleme und die auch heute noch (bzw. wieder) heftig umstrittene Versicherungsgerechtigkeit sowie die angestrebte Stärkung der familialen Pflege. Deutlich wird der "unfertige" Reformprogrammcharakter der installierten Pflegeversicherungslösung.
- Im zweiten Teil befasst sich der Autor mit den "Begründungen - Deutungen zur Genese der Pflegeversicherung". Hier geht es vor allem um den sozialgeschichtlichen Hintergrund. Es wird herausgearbeitet, dass neben der Modernisierungskomponente, die eine eigenständige Absicherung der Pflegebedürftigkeit hat, gerade auch ein herrschaftssichernder Impuls maßgeblich bei der Entstehung der Versicherungslösung mitgewirkt, wenn nicht sogar dominiert hat.
- Im wichtigen dritten Teil werden die "Wirklichkeiten - Befunde zur Entwicklung der Pflegeversicherung" betrachtet. Nach einer Analyse der Systemwirklichkeiten der gesetzlichen Ziele geht es vor allem um die Strukturwirklichkeiten der gesetzlichen Ziele: Pflege als Markt (Vertragsrecht und Vergütung), die Verbesserung der Pflegeinfrastruktur im ambulanten, im teilstationären und im stationären Sektor sowie die Professionalisierung und Akademisierung der pflegerelevanten Berufsfelder.
- Um die Zukunft der Pflegeversicherung geht es im vierten Teil. Dargestellt werden die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung bis 2050, die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit sowie der Finanzierungsbedingungen. Der Autor konturiert am Ende dieses Abschnitts die markanten zukünftigen Problemstellen an den Beispielen der demenziell Erkrankten, der abnehmenden häuslichen Pflegepotenziale sowie der "fliehenden" kommunalen Verantwortung.
- Abgerundet wird die Arbeit mit einem eigenen Ausblick unter dem Titel "Jahrhundertwerk Pflegeversicherung?", in dem der Autor (leider) zwar keine Zusammenfassung seiner Analyse der Entstehung und Bestandsaufnahme der Pflegeversicherung liefert, dafür aber sehr konkrete Reformvorschläge zu einzelnen Bereichen vorstellt, basierend auf der Annahme, dass ein Systemwechsel nunmehr aufgrund der ausdifferenzierten Versorgungslandschaft keine empfehlenswerte Alternative mehr darstellt, sondern Reformen innerhalb der Systematik angesagt sind. Hier positioniert sich der Autor sehr deutlich und nachvollziehbar.
Zielgruppen
Das Buch eignet sich primär für alle, denen es um eine wissenschaftliche, Theorie geleitete Auseinandersetzung mit dem Thema Pflegeversicherung geht.
Der Autor
Dr. Berthold Dietz war Dozent in der Altenpflegeausbildung und dann drei Jahre im Modellprojekt "Pflegeversicherung und Pflegemarkt" des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung bei der Stadt Münster tätig. Aus diesen Arbeitszusammenhängen heraus ist das vorliegende Buch entstanden, zugleich die Publikation einer über ein Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Dissertation.
Fazit
Eine umfängliche und materialreiche Darstellung der (kurzen) Geschichte und Wirklichkeit der Pflegeversicherung mit einer tief gehenden Einordnung in den wissenschaftlichen Diskurs. Negativ zu vermerken ist allerdings das Fehlen von kompakten Zusammenfassungen am Ende der einzelnen Abschnitte. Das erschwert das Lesen ungemein, da auch der ganze Aufbau darauf angelegt ist, das Buch von vorne bis hinten durchzulesen. Hier hätte man sich eine leserfreundlichere Variante gewünscht. Zumindest die Präsentation von Zusammenfassungen sollte auch bei Dissertationen mittlerweile Standard sein.
Rezensent
Prof. Dr. Stefan Sell
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Zitiervorschlag
Stefan Sell. Rezension vom 30.06.2003 zu: Berthold Dietz: Die Pflegeversicherung. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 299 Seiten. ISBN 978-3-531-13869-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/741.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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