Hans Joachim Schneider (Hrsg.): Internationales Handbuch der Kriminologie. Band 1
Hans Joachim Schneider (Hrsg.): Internationales Handbuch der Kriminologie. Band 1 Grundlagen der Kriminologie. Walter de Gruyter (Berlin) 2007. 1065 Seiten. ISBN 978-3-89949-130-2. 128,00 EUR.
Thema
Will man sich über den gegenwärtigen Stand der Kriminologie oder deren Teilgebiete informieren, greift man entweder zu einem Lehrbuch (z.B.: Karl-Ludwig Kunz: Kriminologie, eine Grundlegung. 4. A. UTB 2004.) oder aber zu einer Art Lexikon, in dem diese Wissensgebiete unter bestimmten Stichworten zusammenfassend dargestellt werden. Das ist nicht ganz einfach, zumal "die" Kriminologie noch immer Mühe hat, sich als eigenständig kompakte Wissenschaft zu etablieren.
Der von Hans Joachim Schneider (HJS) herausgegebene erste Band des internationalen Handbuchs - dessen 2. Band im Laufe des Jahres 2009 erscheinen soll - folgt inhaltlich und umfangmäßig einerseits dem zuletzt von Sieverts und HJS mit-herausgegebenen "Handwörterbuch der Kriminologie" (2. A. 5 Bände 1966-1998) und andererseits dem von Maguire ediertem "The Oxford handbook of criminology" (3. ed. 2002, Oxford).
In dem hier besprochenen 1. Band geht es in 27 Kapiteln um die Kriminologie als Wissenschaft, um Kriminalitätsumfang, Kriminalitätsformen und Reaktionen auf Kriminalität. Im 2. Band sollen dann in 34 weiteren Kapiteln in relativ loser Folge sowohl verstärkt internationale Probleme wie vertiefend weitere Einzelprobleme verarbeitet werden (S.1063f).
Die Gesamtrichtung des Handbuch ist eher "konservativ" an "Maßstäben der Hauptstrom-Kriminologie (Mainstream Criminology) ausgerichtet, die international Zustimmung gefunden und die sich empirisch und praktisch bewährt" hat (HJS S.126). Es folgt dabei weithin "positivistisch" dem Vorverständnis der Kriminologie des psychologisch orientierten Herausgebers HJS, der alleine 11 der 27 Hauptkapitel und damit 43% der 1041 Seiten des Handbuchs bestreitet. Kritische und soziologisch-kriminalpolitische Ansätze, wie sie in letzter Zeit die anglosächsische Diskussion (z.B. in der Zeitschrift "Theoretical Criminology") mitbestimmen, fehlen dagegen weitgehend.
Aufbau und Inhalt
Nach einer eher zu kurzen Überblick gebenden Einleitung (HJS) skizziert Günther Kaiser -ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Kriminologie - das unterschiedliche Verständnis dieser Wissenschaft, wobei er ausgewogen sowohl auf deren Hauptströmungen wie auf deren kritische, postmoderne und feministische Perspektiven näher eingeht. Er betont sowohl den "konstruktiven Charakter der Kriminalität" wie auch deren "Anwendungsorientierung": "Denn ohne angewandte Kriminologie ist weder eine weitere rationale Durchdringung noch empirisch fundierte konstruktive Kritik von Strafrecht, Strafjustiz und Kriminalpolitik möglich und vorstellbar, vorausgesetzt freilich, dass man dies überhaupt als Ziel und Aufgabe der Kriminologie begreift" (S.29). Zwei weitere Kapitel sind der europäischen (Helmut Kury) und US-amerikanischen Geschichte (Theodore Ferdinand, englisch) der Kriminologie gewidmet . Deutlich wird dabei, wie die ursprünglich biologisch-psychiatrische Perspektive zunehmend durch eine Orientierung am stärker sozialwissenschaftlich und - wie von Ferdinand näher beschrieben - am kriminalpolitisch ausgerichteten US-amerikanischen Vorbild abgelöst wird. Dies bestätigt sich in der Darstellung kriminologischer Theorien (HJS), die ganz überwiegend aus dem US-amerikanischen Raum stammen, und deren "bedeutungsvolle Neuentwicklung, die Lebenslauftheorien"(HJS S.168) von David Farrington (englisch) ausführlicher dargestellt werden.
Diesen ersten Hauptteil schließen zwei Beiträge zu den "Methoden der Kriminologie" (HJS) und zur "vergleichenden Kriminologie" (Hans Jörg Albrecht) ab. Während HJS bei den "Methoden" neben den "Grundlagen, Forschungsformen und Forschungsprozess" (vgl. dazu jüngst die ausgezeichnete Darstellung von P.Kraska; W. Neuman: Criminal Justice and Criminology Research Methods. Boston 2008) ausführlich auf Fragen der Evaluation eingeht, betont Albrecht die Chancen wie aber auch die Probleme der Vergleichbarkeit in der bisher noch recht spärlich entwickelten, theoretisch wie kriminalpolitisch jedoch besonders interessanten international vergleichenden Forschung.
Der zweite methodisch orientierte Hauptteil geht zunächst auf Probleme der Kriminalstatistiken, Dunkelzifferuntersuchungen und Operbefragungen ein: "Alle drei haben Vor- und Nachteile. Die Kriminologie kann auf keine der Messformen verzichten" (HJS S. 326). Per Olof Wirkström (englisch) ergänzt dies, zugleich methodisch wie theoretisch orientiert, durch eine aufschlussreiche Analyse der "Social Ecology of Crime", die nach dem Zusammenspiel aus der "interaction between an individual and the setting in which he or she takes part" (S.344) fragt.
Die für das Strafrecht und den Strafvollzug so gewichtige Prognose bearbeitet Heinz Schöch mit gutem Beispiel-Material, wobei er kritisch sowohl auf die Probleme der statistischen wie der klinischen Prognose eingeht und besonderen Wert auf die "Interventions-Prognose" legt, die die Auswirkungen der Strafreaktion wie vor allem auch stützender Maßnahmen mit einbezieht (S.385).
Unter dem Abschnitts-Titel "Dimensionen der Kriminalität" behandelt HJS die von ihm stark geförderte Viktimologie, die methodisch, theoretisch und praktisch (u.a. in der rezenten Opfer-Gesetzgebung) seit den 90er Jahren die bisher dominierende Täter-zentrierte Kriminologie gleichsam spiegelbildlich ergänzt. Weitere "Dimensionen" sind die "Frauen- und Mädchen-Kriminalität" (HJS), die Kinder- und Jugenddelinquenz (Dieter Dölling) und die "alten Menschen als Täter und Opfer" (Ernst-Heinrich Ahlf). Viele statistische Zahlen, unterschiedliche Erklärungsversuche und Ursachensuche bestimmen die Bilder, die sich solchen allgemeinen Überlegungen ohnehin entziehen. Bei der weiblichen Kriminalität betont HJS, dass die von ihm aufgezählten "feministischen Auffassungen im Widerspruch zu empirischen Forschungsergebnissen stehen, die gezeigt haben, dass sich kriminelle Frauen weder als kapitalistisch und patriarchalisch unterdrückt noch als "objektiviert" und rebellisch gegenüber der weiblichen Rolle empfinden. Sie haben vielmehr eine ganz traditionelle Sicht ihrer weiblichen Rolle". Opferfragen werden später unter dem Aspekt der Sexualkriminalität behandelt (vgl. zur Komplexität der hier angeschnittenen Fragen etwa Jody Miller: Getting played: African American Girls, Urban Inequality, and Gendered Violence. New York 2008). Sehr unbefriedigend ist die Darstellung der Kinder- und Jugendkriminalität: "Für die Erklärung intensiver Kinder- und Jugendelinquenz sind biologische, psychologische und soziale Risikofaktoren heranzuziehen" (492), während Ahlf recht praxisnahe bei den Alten auf entsprechende Täter-Mythen ("Lustgreise") und auf deren Viktimisierung sowie deren "ganzheitlich aus der spezifischen Lebenssituation" (S.540) zu verstehenden Kriminalitätsfurcht eingehen kann.
Bei den "Formen der Kriminalität" werden zunächst die klassischen Formen der Gewaltkriminalität, der Eigentums- und Vermögenskriminalität und der Sexualkriminalität mit vielen Zahlen und eher allgemeinen Überlegungen besprochen. Als "modernere" Kriminalitätsformen werden sodann "Economic and Environmental Crimes" (Geis/Cho/DiMento, englisch), organisiertes Verbrechen sowie politische Kriminalität und Terrorismus (jeweils HJS) diskutiert: "the search for a general theory of crime which would embrace economic and environment offences as well as all other criminal acts is a chimera" (Geis et al. S.684); hinsichtlich der organisierten Verbrechen haben "es die kriminologische Forschung und Lehre schwer, gegen die Mythen und Stereotypen der Massenmedien anzugehen" (HSH S.693); "in der kriminologischen Forschung und Lehre wird die politische Kriminalität vernachlässigt" (HSJ S.740); "Eine terroristische Persönlichkeit oder ein terroristisches Persönlichkeitsprofil gibt es nicht" (HSJ S. 815). In allen vier Kapiteln findet man - angesichts der gegenwärtigen Forschungslage - interessante und weiterführende Überlegungen.
Der letzte Abschnitt "Reaktionen auf Kriminalität" greift ein wenig über die "klassischen" Gegenstände der Kriminologie hinaus. Erwin Kube beschreibt die Kriminalprävention aus einer eher polizeilichen Sicht, während HJS die Vielfalt sonstiger - positiv wie negativ evaluierter - Präventionsformen aus der ausländischen Forschung darstellt. Aufschlussreich beschreibt HJS sodann die Ergebnisse der Polizei-Wissenschaft mit einem deutlichem Gewicht auf dem rezenten Ansatz einer "Gemeinschafts-Polizei-Arbeit": Sie "muss das Organisations-Paradigma der Polizei der Zukunft werden. Kriminalität kann nicht ohne die Gemeinschaft erfolgreich verhütet und aufgeklärt werden" (HJS S.953). Abschließend schildern Rudolf Egg unterschiedliche Formen der Behandlung von Sexualstraftätern und Bernd-Dieter Meier das gegenwärtige strafrechtliche Sanktionssystem mit seinen spezial- und generalpräventiven Wirkungsbefunden: "Gleichwirkung der Sanktionen?", "something works", "mehr Sicherheit durch mehr Strafvollzug?".
Fazit
Insgesamt bietet das reichlich voluminös geratene Handbuch - bei unterschiedlicher Güte der einzelnen Beiträge - mit seinen gut gegliederten Inhaltsübersichten und sehr reichhaltigen Literaturhinweisen vor allem auch für die insoweit einschlägige anglosächsische Kriminologie eine gute Arbeitsgrundlage für diejenigen, die sich über den gegenwärtigen "mainstream" der Kriminologie - und sei es auch in kritischer Hinsicht - informieren wollen. Zwar färbt das Übergewicht der Beiträge des Herausgebers, der durch sein profundes Wissen auch der aktuellen, auf internationalen Kongressen geführten Diskussionen besonders ausgewiesen ist, das Gesamtpanorama dieses Handbuches, doch verleiht es ihm dadurch ein relativ einheitliches Design, das dann freilich wiederum über den zerrissenen Stand dieser Wissenschaft hinweg täuschen kann. Inhaltlich wäre es wohl wünschenswert gewesen, in eigenen Kapiteln etwas sowohl über die aktuellen Ansätze einer "kritischen, konstruktivistischen oder cultural" Kriminologie zu erfahren, wie vor allem auch etwas über die gesellschaftliche Einbettung, Rolle und Funktion sowohl der Kriminologie wie auch der Kriminalpolitik und ihrer nicht-strafrechtlichen Kontrollalternativen in gegenwärtig "postmodernen" Zeiten (vgl. etwa David Garland: The Culture of Social Control: Crime and Social Order in Contemporary Society. Oxford 2001 oder Jock Young: The Vertigo of Late Modernity. London 2007). Doch war dies nicht das Ziel dieses Handbuchs, weshalb man insoweit dann auf das ältere und kürzer gefasste "Kleine kriminologische Wörterbuch" von Kaiser/Kerner/Sack (3.A. 1990 Heidelberg) zurückgreifen könnte.
Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Ko-Direktor des Bremer Instituts für Drogenforschung (BISDRO), Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 10.02.2009 zu: Hans Joachim Schneider (Hrsg.): Internationales Handbuch der Kriminologie. Band 1. Walter de Gruyter (Berlin) 2007. 1065 Seiten. ISBN 978-3-89949-130-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7413.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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