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Holm Friebe, Thomas Ramge: Marke Eigenbau

Cover Holm Friebe, Thomas Ramge: Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion. Campus Verlag (Frankfurt) 2008. 288 Seiten. ISBN 978-3-593-38675-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.

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„Autos kaufen bekanntlich keine Autos“

Ob als Schnäppchenjäger, Konsumverweigerer oder einfach Käufer – es geht beim Einkauf um den Preis, manchmal auch um die Qualität; das könnte eine Lesart sein, wie Menschen heute konsumieren. Mediamarkt, Aldi, Lidl und andere Großvermarkter kalkulieren ihren Verkaufserfolg und ihre Umsatzzahlen nach der Masse, sowohl der Käufer als auch der Produkte. „Manchmal hebt der Vorhang der Pupille...“ – und wir lassen dann, meist zaghaft und eigentlich nicht wirklich, ein Unbehagen hinter unsere Stirn, dass die Massenproduktion und der Massenkonsum etwas ist, was gegen unsere Natur ist: eigentlich! Und gelegentlich schleicht sich dann eine Ahnung heran, dass die Güter (das wird ja eigentlich vom Wortstamm „gut“ abgeleitet; oder vielleicht doch eher vom Altslawischen godŭ = günstig?), die für uns Billigkäufer auf den globalisierten, technisierten, anonymisierten Märkten, die zudem allzu oft mit unmenschlichen Bedingungen hergestellt werden, das Geld nicht wert sind, das wir dafür ausgeben; sogar, dass sie nicht nur nutzlos, sondern auch gesundheitsgefährdend sind, wie dies etwa die Rückrufaktionen von in China oder sonst wo produzierten, Spielwaren mit krebserregenden Stoffen zeigen; oder die mit Ekelfutter gemästeten Tiere, deren Fleisch wir verzehren.

Thema

Doch was können wir dagegen tun, wenn wir etwas dagegen tun wollen? Sich die Produkte, die wir kaufen (wollen) genau anschauen, ja. Doch in der mittlerweile unübersichtlichen, verschachtelten und globalisierten Wirtschaft ist das meist gar nicht möglich, das Schlechte vom Guten zu unterscheiden; und wenn das „unschlagbare“ Sonderangebot lockt, ist dem oft auch nur schwer zu widerstehen. Immerhin: Es gibt, so zeigen Untersuchungen über Marktglaube und Wohlbefinden der Konsumenten, eine zunehmende Zahl von Menschen, die zwar nicht mehr „auf den Bäumen leben wollen“, die sich aber mit weniger Massenprodukten versorgen möchten. Initiativen, wie die Vermarktung von lokal und in der Region hergestellten Lebensmitteln, Bauern- und Bioläden, aber auch traditionelle Handwerksbetriebe, nehmen zu.

Der Geschäftsführer der „Zentralen Intelligenz Agentur“ (eine virtuelle Firma, die als kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture neue Formen der Zusammenarbeit propagiert, maßgeschneiderte Produkte entwickelt und dazu beitragen will, in der Wirtschaft und Forschung einen Perspektivenwechsel im Konsumdenken und –handeln herbeizuführen), der Volkswirt Holm Friebe (geb. 1972) und der Journalist Thomas Ramge (1971), beide in Berlin lebend, reagieren auf die scheinbar massenhaft vorhandenen, unterschwelligen Sehnsüchte der Menschen nach „guten Gütern“, indem sie eine Revolution ausrufen: Die Revolution des Selbermachens. Der Trend, den die beiden Autoren in den USA ausmachen, geht dabei weg von scheinbar perfekt und massenhaft produzierten, gleich aussehenden Waren und hin zum „Do it yourself“, mit den logofixierten Aufrufen „Make“ und „Craft“. Damit, so die Interpreten, wird durch die „softe Rebellion“ gegen Massenproduktion und –konsum nicht der Abschaffung des Marktes das Wort geredet; vielmehr geht es bei dieser Form der (Raubtier)Kapitalismuskritik darum, „eine Gegenökonomie zu installieren und eine Alternative zur Produktionsweise der globalen Konzerne auch ökonomisch tragfähig zu machen“. Die verschiedenen Ansätze summieren sich dabei nicht nur in der Utopie, dass eine andere (Konsum-, Alltags-, Existenz-)Welt möglich ist, sondern auch eine andere Arbeitswelt.

Die Produktion des Buches ist gleichsam ein Beispiel dafür: Der in großer Stückzahl im Rolloffsetverfahren hergestellte Band von 288 Seiten, ist in einem Cover gebunden, das einzeln von Hand mittels der in die Vorderklappe lasergestanzten Schablone und mit einer handelsüblichen Sprühdose gestaltet, gewissermaßen als Unikat gelten kann.

Inhalt

Die „Marke Eigenbau“ wird in den vielfältigen Formen und Initiativen, überwiegend aus dem angelsächsischen Raum, entfaltet. Es geht um die „Arbeit Marke Eigenbau“, die „Märkte Marke Eigenbau“, die „Produktion Marke Eigenbau“, die „Organisation Marke Eigenbau“, das „Marketing Marke Eigenbau“ und insgesamt um die „Eine Welt Marke Eigenbau“. Wichtig ist den Initiatoren der verschiedensten Richtungen, von „Garagen-Initiativen“, über Kleinkreditgeber, bis hin zu Internetbloggen, dass sie bei ihrer Kritik an den Kapitalismus- und Globalisierungs-Auswüchsen nicht in die Ecke der ideologischen „Konsumrebellen“ gestellt werden, denen es mehr um Nichts als um Veränderung, um das Zurückschauen als um das Vorwärtsblicken geht. Die interdependente und entgrenzende Entwicklung der Welt lässt sich nicht aufhalten; doch Fortschritt braucht, wie dies Jost Hernand in seinem Buch „Die Utopie des Fortschritts“ (vgl. dazu die Rezension) formuliert, eine konkrete Hoffnung auf Veränderung hin zu mehr Menschlichkeit; und die ist mit Krawall nicht zu erreichen. Vielmehr bedarf es so etwas wie „Soziale Entrepreneure“, die, wie dies der New Yorker Sozialunternehmer Bill Drayton verkörpert, dessen Initiativen darauf beruhen, nicht damit zufrieden zu sein, den armen Menschen Fische zu schenken oder ihnen zu zeigen, wie man Fische fängt, sondern daran zu arbeiten, die Fischindustrie zu revolutionieren. Ein Zeichen für einen menschlichen Kapitalismus und gegen die Gier setzte etwa auch der aus Bangladesch stammende Wirtschaftswissenschafter und Nobelpreisträger Mohammad Yunus mit der Gründung seiner Grameen-Bank, indem er Kleinunternehmern Mikrokredite zu fairen Bedingungen gibt und damit nicht nur den einzelnen Produzenten zu einer besseren Existenzmöglichkeit verhilft, sondern auch – zwar langsam und nach wie vor zögerlich – im ökonomischen Denken weltweit einen Wandel vollzieht: „Social Entrepreneurship ist der Beweis, dass ein anderer Kapitalismus möglich ist“. Interessante Initiativen sind mittlerweile auch in Deutschland angekommen; etwa das vom New Yorker Steve Mariotti 1987 gegründete Bildungsunternehmen „National Foundation für Teaching Entrepreneurship (NFTE, nfte.com). An Haupt-, Real- und Berufsschulen in sozialen Brennpunkten wird, durch die Förderung der Medienunternehmerin Christiane zu Salm und des C&A-Erben Stephan Brenninkmeyer, Jugendlichen ein Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen, von finanziellen und bürokratischen Rahmenbedingungen und die Kompetenzen für eigenes konsumentes und unternehmerisches Handeln vermittelt.

Fazit

Die zahlreichen Beispiele, die von Holm Friebe und Thomas Ramge weltweit zusammen getragen wurden, geben Hoffnung und setzen Zeichen gegen die sattsam bekannten und ohnmächtig wirkenden Auffassungen, wie: Der Einzelne kann ja sowieso nichts machen! Die von den Vereinten Nationen beauftragte Weltkommission für Kultur und Entwicklung zieht 1995 das Fazit ihrer mit internationalen Experten besetzten Analyse des Zustandes unserer Welt mit dem eindeutigen Appell: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Denn das Problem des lokalen wie globalen Marktgeschehens liegt ja darin, dass überwiegend Produkte hergestellt und in den Handel gebracht werden, die erst einmal an die (relativ) Wohlhabenden in dem ökonomisch bevorzugten (kleinen) Teil der Welt adressiert sind. Wohl“Haben“ und Wohl“Sein“ müssen zusammen kommen, um ein Wohl“Befinden“ der Menschen, lokal und global, zu erreichen. Das faszinierende Buch der beiden Berliner Autoren bietet dafür eine Fülle von Anregungen. Es wäre zu wünschen, dass „Marke Eigenbau“ in unserem alltäglichen Handeln wie im wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Denken eine humane Alternative zu einem „Immer-weiter-immer-höher-immer-schneller-immer-mehr“-Verhalten bekäme.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.03.2009 zu: Holm Friebe, Thomas Ramge: Marke Eigenbau. Campus Verlag (Frankfurt) 2008. 288 Seiten. ISBN 978-3-593-38675-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7415.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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