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Silke Gülker: Evaluation und politisches Lernen

Cover Silke Gülker: Evaluation und politisches Lernen. Diskursive Zukunftsforschung als Methode der Politikevaluation. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2008. 200 Seiten. ISBN 978-3-8329-3311-1. 34,00 EUR, CH: 58,90 sFr.

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Thema

Das Buch von Silke Gülker ist auch zugleich Dissertation an der Freien Universität zu Berlin und beschäftigt sich mit der diskursiven Zukunftsforschung als prospektive Evaluationsmethode zur Unterstützung von politischen Lernprozessen. Die Evaluation der Reform der Arbeitsvermittlung als Teilprojekt der „Evaluation der Maßnahmen zur Umsetzung der Vorschläge der Hartz-Kommission“ ist Untersuchungsgegenstand im Auftrage des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Delphi-Verfahren und Szenario-Technik werden als Methoden der Ex-Ante-Evaluation eingeordnet und angewendet. Im Rahmen der hier vorgestellten Forschungsarbeit wurde überprüft, inwiefern das ausgewählte Design auch für die Evaluation komplexer Reformprozesse genutzt werden kann.

Aufbau und Inhalt

Das auf die Einleitung folgende 2. Kapitel behandelt die Zukunftsforschung als Ex-Ante-Evaluierung und reflektiert zunächst den Zusammenhang zwischen Evaluation und politischen Lernen, um – in der Tradition neuerer Evaluationsansätze - aufzuzuzeigen, dass die Implementierenden selbst in den Lernprozess einbezogen werden, also inhärenter Bestandteil und damit nicht nur Evaluationsgegenstand sein können. Außerdem werden die Theorie und Praxis der Zukunftsforschung beleuchtet und als Methoden die Delphi-Verfahren und die Szenario-Technik vorgestellt, die im Folgenden zur Generierung von Orientierungswissen eingesetzt werden.

Im 3. Kapitel geht es um den Gegenstand der „Reform der öffentlichen Arbeitsvermittlung“ - deren wissenschaftliche Evaluation als Bedingung im Gesetzestext verankert ist - und zwar aus drei verschiedenen Perspektiven: aus der Marktperspektive, der Sozialstaats-Perspektive sowie der Governance-Perspektive. Zunächst wird die Arbeitsvermittlung gemäß dem neoklassischen Paradigma der institutionalistischen Tradition gegenübergestellt, aber auch seine Bedeutung als meritorisches Gut und Gerechtigkeitsaspekte diskutiert. Abschließend werden die verschiedenen Steuerungs- und Organisationsformen im öffentlichen Sektor in den Kontext der Arbeitsvermittlung gestellt. Hierdurch hat die Autorin die Komplexität der Reform der Arbeitsvermittlung entfaltet und Klarheit über Anforderungen sowie Zielkonflikte geschaffen.

Das 4. Kapitel beinhaltet den empirischen Teil des Buches „Ergebnisse des Delphi-Verfahrens“, in dem die künftigen Auswirkungen der Reformmaßnahmen bewertet werden. 149 Beteiligte aus Arbeitsagenturen, Arbeitsgemeinschaften, privaten Arbeitsvermittlern, Gewerkschaften, Unternehmen, Arbeitgeberverbänden und Regionalforschungsinstituten wurden in das diskursive Delphi-Verfahren, einer Kombination aus Online-Befragungen und persönlichen Diskussionsveranstaltungen einbezogen. Die Auswertungen erfolgten anhand der getrennt behandelten Aspekte, u.a. Matching-Technologie, Zielgruppenorientierung, Arbeitgeberorientierung, Gerechtigkeit und Angemessenheit der Sanktionspolitik und Verfahrenslogik.

Im abschließenden 5. Kapitel wird die forschungspraktische Auswertung der Untersuchung zusammengefasst und ein Ausblick auf Evaluation und Lernen geliefert: Lernprozesse konnten allein dadurch ausgelöst werden, dass Positionen unterschiedlicher Akteursgruppen miteinander konfrontiert wurden. Nicht Teilaspekte der Reform, sondern eine ganzheitliche Behandlung des Themenfeldes wurde ermöglicht. Verbesserungsvorschläge für das methodische Vorgehen werden geliefert und die Rolle der Evaluation als Unterstützung für politische Diskurs- und Lernprozesse abschließend reflektiert.

Zielgruppen

Das Buch dürfte vor allem für Evaluatiospraktiker eine wichtige Lektüre sein. Aber auch andere Personen, die in der Arbeitsmarktpolitik tätig sind, finden Anregungen zum Weiterdenken.

Fazit

Ex-Ante Evaluation wird im Diskurs über Evaluationsmethoden oftmals vernachlässigt, wenige Lehrbücher bieten einen Überblick über mögliche Verfahren und Anwendungen. Insbesondere in einer Situation der allgemeinen ökonomischen Krise gewinnt Ex-ante-Evaluation an Bedeutung, da in einigen Bereichen der idealtypische Zyklus von Programmplanung, -implementation und Evaluation noch weniger als unter anderen Umständen realisierbar ist. Silke Gülker hat sich hiermit ein Thema für ihre Veröffentlichung und zugleich Dissertation ausgesucht, das sicherlich auch für die Praxis von hoher Bedeutung ist.

„Politisches Lernen“ findet in dem vorliegendem Beispiel vor allem auf der Ebene der Implementierenden statt, die sonst insbesondere bei eher mikro- oder makro-ökonomisch ausgerichteten Evaluationen in der Arbeitsmarktpolitik vernachlässigt werden. Es wurde reflektiert, welche künftigen Auswirkungen der Reformentscheidungen erwartet werden und welche aus Sicht der Beteiligten die zentralen Herausforderungen für den weiteren Prozess sein werden. Wer einen Beitrag zum politischen Lernen auf der Ebene der Politiker erwartet, wird enttäuscht werden.

Der Evaluationsgegenstand der Arbeitsvermittlung, der im Titel nicht erwähnt ist (!), nimmt den Hauptteil der Publikation ein (Kapitel 3 und größtenteils Kapitel 4). Die mehr an Methoden Interessierten finden Informationen zu Stärken und Schwächen in der Anwendung der Methode (Kapitel 2, teilweise Kapitel 4; zusammen knapp 50 Seiten). Die Delphi-Methode ist hier eine relevante Methode, da es sich um normativ definierte Termini handelt, die eine Basis für die Evaluation darstellen und es wichtig ist, diese Begriffe klarer zu definieren bzw. Klarheit über die Unterschiedlichkeit der Begriffsinterpretation zu bekommen. Bei Delphi-Verfahren muss es sich nicht immer um Zukunftsforschung handeln, auch wenn dieses Verfahren oftmals zur Erhebung von Experten-Einschätzungen bezüglich in der Zukunft liegender Themen genutzt wird.


Rezensentin
Sandra Speer
Independent Evaluator, Wiesbaden


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Zitiervorschlag
Sandra Speer. Rezension vom 15.09.2009 zu: Silke Gülker: Evaluation und politisches Lernen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2008. 200 Seiten. ISBN 978-3-8329-3311-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7416.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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