Christian Schröder, Wolfgang Kutta (Hrsg.): Lebensbilder von der Straße
Christian Schröder, Wolfgang Kutta (Hrsg.): Lebensbilder von der Straße. Portraits von Menschen in Wohnungsnot. Evangelische Sozialberatung Bottrop (ESB) Hilfe für Menschen in Wohnungsnot (Bottrop) 2008. 96 Seiten. ISBN 978-3-00-025840-4.
Erhältlich gegen eine Spende von mindestens 12,00 EUR unter www.esb-bottrop.de.
Thema und Entstehungshintergrund
Das vorliegende Werk ist als Fotobuch konzipiert. Die Verfasser sind Mitarbeiter der Evangelischen Sozialberatung Bottrop. In einem Zeitraum von 1 Jahr wurden 17 wohnungslose Menschen, die die Autoren aus ihrer Arbeit in der Evangelischen Sozialberatung und der Suppenküche Kolüsch kannten, interviewt und biographisch porträtiert. Die Portraits wurden mit den Betroffenen besprochen und deren Wünschen angepasst.
Das Buch erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Betroffen von nackten Zahlen (einer Viertelmillion wohnungsloser Menschen - 15% der Bevölkerung Nordrhein-Westfalens) wollen die Autoren berühren und diesen nackten Zahlen „Gesichter“ geben. Das Fotobuch bietet eine Auswahl von Gesichtern und Geschichten, die sich hinter einer Viertelmillion wohnungsloser Menschen in Deutschland verbergen. Die Autoren möchten das Klischeebild vom „Penner“ hinterfragen, um Verständnis für die Probleme dieser Menschen werben und zum Engagement bewegen.
Inhalt
In der Einleitung nehmen die Autoren Bezug auf Klischees und Vorurteile, denen wohnungslose Menschen ausgesetzt sind. Sie beschreiben entsprechend der Definition der BAG Wohnungslosenhilfe zu Beginn die verschiedenen Formen von Wohnungslosigkeit.
Anschließend gewähren die Autoren Einblick in die Lebensgeschichten von 17 wohnungslosen Menschen: 4 Frauen und 13 Männer, was dem realen Verhältnis der Geschlechterverteilung entsprechen dürfte. Die einzelnen Porträts werden untermalt von jeweils 3 fotographischen Bildmotiven: die Betroffenen im Türrahmen stehend, im Porträt und mit einem persönlichen Gegenstand.
Die Autoren gewähren in der Folge Einblick in unterschiedlichste Lebensläufe von (ehemals) wohnungslosen Menschen im Alter zwischen 30 und 76 Jahren.
Die Biographien bieten keine wissenschaftliche Analyse bzw. systematische Erklärung der Ursachen von Wohnungslosigkeit. Es bleibt dem Leser überlassen Spuren, Faktoren und Gemeinsamkeiten herauszufiltern. Die Geschichten schildern keinen geraden Weg sondern Up and Downs im Leben der Betroffenen bis diese schließlich auf der Straße landeten. Man findet Gemeinsamkeiten in den Biographien wie z.B. Alkoholismus, Haft und schlechte familiäre Verhältnisse, die manches Klischee zu bestätigen scheinen.
Die Biographien beschönigen nicht. Sie wirken authentisch: sie sprechen von Alkoholismus, Heroinabhängigkeit, Gewalt und Kleinkriminalität.
Die Portraits sprechen aber auch von Menschen, die lange in verschiedensten Berufen tätig waren, sich immer wieder bemühten Arbeit zu finden und es u.a. auch dank professioneller Hilfe wieder geschafft haben, aus der Wohnungslosigkeit herauszufinden, Menschen die so gar nicht dem Klischeebild vom arbeitsscheuen Penner entsprechen.
Das Hilfssystem selbst wird in den Portraits marginal erwähnt. So vermisst der Leser auch eine genauere Beschreibung des Weges aus der Wohnungslosigkeit und den spezifischen Beitrag des Hilfssystems bei diesem Weg.
Das Buch wird abgerundet durch eine abschließende kurze Beschreibung der Aufgaben und Ziele der Evangelischen Sozialberatung und der Suppenküche Kolüsch.
Fazit
Das Buch richtet sich in erster Linie an den „Normalbürger“ als Träger von Vorurteilen und Klischeebildern über wohnungslose Menschen. Dem professionellen Helfer und dem Wissenschaftler kann es keine wesentlichen neuen Erkenntnisse bieten.
Durch den Einblick in die Vielfalt von Lebensgeschichten gelingt es den Autoren zu berühren und Klischeebilder zu hinterfragen.
Die in der Einleitung von den Autoren formulierte Absicht, der Armut ein Gesicht zu geben, kann als gelungen bezeichnet werden: Ob es gelingt, zu berühren und zum Engagement zu bewegen, bleibt abzuwarten. Es bleibt zu hoffen, dass der Leserkreis des Buches sich nicht nur auf Menschen beschränkt, die gegenüber wohnungslosen Menschen schon positiv eingestellt sind, sondern dass das Fotobuch auch den noch von Klischeebildern behafteten Normalbürger neugierig macht.
Rezensent
DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark
Professor am Studiengang Soziale Arbeit, Fachhochschule Linz, Österreich
Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Geschichte,Theorie und Ethik der Sozialen Arbeit, Wohnungslosigkeit
Homepage www.fh-linz.at
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Christian Stark. Rezension vom 15.06.2009 zu: Christian Schröder, Wolfgang Kutta (Hrsg.): Lebensbilder von der Straße. Evangelische Sozialberatung Bottrop (ESB) Hilfe für Menschen in Wohnungsnot (Bottrop) 2008. 96 Seiten. ISBN 978-3-00-025840-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7449.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Eva Wonneberger: Neue Wohnformen
Stellenangebote
Erzieher/in oder Sozialpädagoge (w/m) für Kinderheim, Freising
Fachberater/in für Kindergärten, Köln
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
