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David J. Bachner, Ulrich Zeutschel: Students of four decades

David J. Bachner, Ulrich Zeutschel: Students of four decades. Participants´ reflections on the meaning and impact of an international homestay experience. Waxmann Verlag (Münster/New York/Berlin/München) 2009. 183 Seiten. ISBN 978-3-8309-2082-3. 19,90 EUR.

Thema

Das politisch-pädagogische Handlungsfeld des internationalen Schüler- und Jugendaustausches kann mittlerweile auf eine Tradition von rund 60 Jahren zurückblicken. In dieser Zeit haben sich Prämissen, Konzepte, Zielsetzungen und Formate der internationalen Begegnung und des Austausches fortwährend entwickelt. Nach der zivilisatorischen Zäsur des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs sind die ersten vorsichtigen internationalen Annäherungen oft über den Weg des internationalen Jugend- und Schüleraustausches erfolgt. Solche Begegnungen von jungen Menschen aus den Staaten der ehemaligen Kriegsgegner waren gleichsam politisch und pädagogisch konzipiert. Im Vergleich zu anderen Feldern des interkulturellen und internationalen Personenaustausches, in denen bis heute oftmals naive Vorstellungen über interkulturelle Kontakt- und Lernerfahrungen vorherrschen, hat man sich in der jugendpädagogischen Austauschforschung schon sehr früh um anspruchvolle Wirkungsuntersuchungen von Auslands- und Austauschprogrammen bemüht. Leitend war dabei eine zunehmend kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit den lernpsychologischen und persönlichkeitsrelevanten Effekten, die von pädagogisch begleiteten Kulturaustauschprogrammen zu erwarten sind. Die nun vorliegende, in englischer Sprache veröffentlichte Langzeitstudie von David J. Bachner und Ulrich Zeutschel fragt ebenfalls nach den Wirkungen und – in dieser Form erstmalig – nach der biografischen Nachhaltigkeit interkultureller Erfahrungen aus dem deutsch-amerikanischen Schüleraustausch.

Autoren

David J. Bachner ist Organisationsforscher. Er war von 1982 bis 1994 Vice-President von Youth For Understanding (YFU), einer der größten Schüleraustauschorganisationen, die 1951 in den USA gegründet wurde. Von 1994 bis 2005 war er als Dean des Global Studies Program am Hartwick College in Oneonta, New York und als Wissenschaftler am Intercultural Management Institute an der American University in Washington tätig. Bachner ist ein profilierter Kenner und Gestalter des internationalen Schüleraustausches.

Ulrich Zeutschel ist Psychologe und arbeitet als Organisationsberater und als Trainer, u.a. im Feld des interkulturellen Austausches. Er koordinierte von 1995 bis 1998 am Institut für Psychologie der Universität Regensburg ein Forschungsprojekt zur interkulturellen Teamentwicklung. Seit seinem eigenen Austauschjahr in den USA mit YFU 1970/71 engagiert sich Zeutschel als konzeptioneller Ideengeber und Begleiter der Entwicklungen des interkulturellen Jugendaustausches in Deutschland. Mit dem „Forscher-Praktiker-Dialog zur internationalen Jugendbegegnung“ initiierte er 1990 ein bundesweites Netzwerk für die Jugendaustauschforschung.

Entstehungshintergrund

Der Titel „Students of Four Decades“ deutet den Kontext der Studie an: Es geht um eine empirische Untersuchung der interkultureller Persönlichkeitsentwicklung verschiedener Teilnehmergenerationen in internationalen Schüleraustauschprogrammen zwischen Deutschland und den USA im Zeitraum von 1951 bis 1987. Den Autoren des vorliegenden Buches geht es um grundlegende Fragen der langfristigen biografischen Auswirkungen, die direkt oder mittelbar aus den Erlebnissen eines längeren (meist einjährigen) Auslandsjahres resultieren. Dies wird am Beispiel von deutschen und US-amerikanischen Austauschschülerinnen und -schülern verschiedener Jahrgangsgruppen in Programmen der Organisation YFU (Youth for Understanding) empirisch untersucht. Die konzeptionelle und methodische Besonderheit dieser Studie liegt darin, dass die Autoren bereits 1990 eine erste umfangreiche Befragung durchführten, der sich 2002 eine Nachfolge-Untersuchung mit narrativen Interviews anschloss (vgl. S. 33). Das erlaubt eine Langzeitperspektive, die es in dieser Form bisher für die interkulturelle Wirkungsforschung noch nicht gibt.

Aufbau und Inhalt

Entsprechend der beiden Untersuchungszeitpunkte gliedert sich die Publikation in die zwei Teile „Original Study“ (Kapitel 1-5) und „Follow-up Study“ (Kapitel 6-17). Der erste Teil umfasst nach einem kurzen Kapitel zur Darstellung des Standes der Austauschforschung (S. 19-28) im Wesentlichen die methodologische Begründung (S. 29-57) und eine zusammenfassende Ergebnispräsentation (S. 58-79) einer quantitativen Befragung von 661 ehemaligen YFU-Austauschschülerinnen und –schülern (208 US-Amerikaner und 453 Deutsche). Der zweite Teil der Studie (Follow-Up Study) wurde im Jahr 2002 in Form von narrativen Interviews mit 15 deutschen Programmteilnehmenden durchgeführt, die bereits bei der ersten Teilstudie beteiligt waren (S. 81-174).

Bachner und Zeutschel verfolgen mit ihrer Studie vier Zielsetzungen (vgl. S. 13):

  • Die Schaffung einer empirischen Grundlage für ein differenzierteres und tieferes Verständnis der individuellen und gesellschaftlichen Langzeiteffekte von deutsch-amerikanischem Jugendaustausch, jenseits der vagen Vermutung, dass solche Programme „pädagogisch wertvoll“ seien.
  • Die Identifikation von Bereichen und Handlungsweisen, in denen die ehemaligen Programmteilnehmerinnen und -teilnehmer ihre Erfahrungen und Kompetenzen auch nach dem Austausch für ein persönliches Engagement für deutsch-amerikanische Verständigung einsetzen – und wie ein solches Engagement dauerhaft gefördert werden kann.
  • Die Sensibilisierung von politischen, pädagogischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeiten für die Chancen und Gelegenheiten des bilateralen Schüleraustausches.
  • Die Entwicklung eines avancierten Modells für die empirische und theoretische Austauschforschung.

Aus den Befragungsergebnissen der ersten Teilstudie (Original Study) werden acht thematische Cluster gebildet, welche die Autoren als wichtige Entwicklungs- und Erklärungsfaktoren einer (erfolgreichen) internationalen Austauscherfahrung betrachten (vgl. S. 41 f.):

  1. Individuelle Veränderungen von Einstellungen, Kenntnissen und Fähigkeiten
  2. Deutsch-amerikanische Perspektive („bilaterlism“)
  3. Multilaterale Perspektive („globalism“)
  4. Austauschbezogene internationale Aktivitäten („involvement with exchange“)
  5. Bildungs- und Berufskarriere mit engem Bezug zur Austauschtätigkeit („professional directions“)
  6. Verwendung von Austauscherfahrungen und Multiplikatoreneffekte („utilisation and ripple effects“)
  7. Evaluation der Programmqualität von YFU
  8. Allgemeine Zufriedenheit mit dem Austausch

Zu diesen acht Kriterien werden teils ausführliche teils eher knappe Interpretationen des Datenmaterials geliefert, die dann in thesenartigen „conclusions“ und „recommendations“ münden. Ingesamt kommen die Autoren sowohl für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie auch für die Evaluation der Programme zu einem positiven Bild über die Wirksamkeit eines Schüleraustausches.

Mit Blick auf die avisierten Nachhaltigkeitseffekte sind für die Austauschforschung die Kriterien 4 bis 6 von besonderem Interesse.

„Involvement with exchange after the sojourn is not typlical“ (S. 71). Nur wenige der großteils durchaus zufriedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich nach dem Austauschjahr weiter für YFU oder eine andere Austauschorganisation engagiert. Bedenkt man, dass solche Organisationen aber wesentlich von dem ehrenamtlichen Engagement der Alumni leben, ist das durchaus überraschend.

„Educational and professional directions are not a significant result of exchange of most participants“ (S. 70). Dieser Befund scheint nur auf den ersten Blick überraschend, wenn man berücksichtigt, dass aus einer positiv bilanzierten Bildungserfahrung nicht notwendigerweise ein eigener Berufswunsch im Bildungs- und Austauschsektor resultieren muss, zumal wenn dieses Feld nur eine begrenzte Zahl bezahlter Berufsperspektiven zu bieten hat. Gleichwohl: Das semi-professionelle Arbeitsgebiet der internationalen Austauschorganisationen rekrutiert ihr Personal aus naheliegenden Gründen primär aus dem Kreis der Ehemaligen.

Antworten auf die zentrale Frage nach langfristigen Verwendungszusammenhängen und Multiplikatoreneffekte (Kriterium 6) waren aus der Pilotstudie des Jahres 1990 nur bedingt zu gewinnen und das leitet unmittelbar auf die Follow-Up Untersuchung im Jahr 2002 über, die im zweiten Teil des Buches präsentiert wird. Hier wurden 15 deutsche Ehemalige aus allen vier Dekaden in zwei Interview-Workhops narrativ und leitfadengestützt interviewt. Die Befunde werden im Buch in doppelter Weise aufbereitet. Zum einen in Form von acht biografischen Einzelfallportraits (S. 84-106), zum anderen thematisch-inhaltlich entlang der oben genannten acht Kriterien (S.107-174).

Ich gehe exemplarisch etwas näher auf das für die Austauschforschung besonders aufschlussreiche Kapitel 14 („Utilisation and Ripple Effects“) ein. Im Zusammenhang mit den Daten der Originalstudie zeigen die Interviews, dass Austauscherlebnisse bei allen Personen in unterschiedlicher Weise deutliche biografische Spuren hinterlassen und markante Wegweisungen für die eigene Lebensentwicklung gegeben haben. Das zeigt sich einerseits auf der individualpsychologischen Ebene in einer gestärkten und reflexiv zugänglichen Selbstwirksamkeitskompetenz und andererseits in einer ausgeprägten sozialen Orientierung auf andere Mitmenschen hin („other-directed utilisation“). Letzteres drückt sich ganz konkret aus, z.B. in Ideen- und Methodentransfers aus den USA in den eigenen deutschen (oder anderweitig internationalen) Berufskontext (S. 134 f.), in der Beratung von Nachbarkindern bei deren Auslandswünschen (S. 137) und in vielfältigen Formen kultureller Vermittlungsfunktionen, die von den Programmteilnehmerinnen und -teilnehmern im Berufs- und Privatalltag häufig wahrgenommen werden (S.139 f).

Diskussion

Der erste Teil der Untersuchung aus dem Jahr 1990 setzte an den seinerzeit diskutierten thematischen Brennpunkten des pädagogischen Austausches an und war in diesem Sinne „State of the Art“. Manche Hypothesen und Fragestellungen, z.B. zur Bedeutung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses oder einer eher vagen Operationalisierung einer „globalen Orientierung“ mögen aus heutiger Sicht etwas überholt erscheinen, sowohl was die sehr positive Grundauffassung über die interkulturellen Lerneffekte betrifft, als auch die rein internationale Perspektive, die Aspekte innergesellschaftlicher Multikulturalität kaum thematisiert. Es wäre aus heutiger Perspektive beispielsweise überaus interessant, ob ein USA-Aufenthalt neben dem attraktiveren Bewerbungsportfolio auch (eher) dazu führt, dass sich jemand zehn Jahre später z.B. in einem multikulturellen Stadtteilzentrum in seinem Wohnort oder der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Der zweite Teil der Studie ist aus nachvollziehbaren Kapazitäts- und Ressourcengründen bescheidener angetreten. Die seinerzeit in den 1990er Jahren offen gebliebenen und aufgeworfenen Fragen sollen im aktuellen Licht mit zeitlichem Abstand neu und vertiefend bearbeitet werden. Metaphorisch gesprochen: die alten gedanklichen Pfade sollten nochmals mit leichterem (methodischen) Gepäck und neuem intellektuellen Schwung, gleichsam entspannt aber sportlich erkundet werden. In dieser „historischen“ und biografischen Erkenntnishaltung liegt meines Erachtens auch die Stärke dieser Studie. Sie veranschaulicht, dass und wie internationale Austauscherfahrungen in vielfältiger Form einen langen persönlichen und zivilgesellschaftlichen Nachhall erzeugen. Angesichts der gut herausgearbeiteten gesellschaftlich-sozialen Dimension wäre es wünschenswert, die deskriptiv angelegten Einzelfallbefunde der Studie noch stärker an aktuelle gesellschaftstheoretische Diskurse über Zivilgesellschaft und Sozialkapital anzubinden.

Fazit

Resümierend lässt sich festhalten, dass auch nach vier Dekaden noch nicht alle Fragen nach dem Warum und dem Wie eines gesellschaftspolitisch verpflichteten Jugend- und Schüleraustausches beantwortet sind. Eindrücklich und überzeugend illustriert die Studie von Bachner und Zeutschel indessen eine Feststellung, die heute wahrscheinlich ebenso richtig ist wie schon vor 50 Jahren: Substanzielle interkulturelle Austauscherfahrungen sind nicht nur eine Episode im (heute fast schon selbstverständlichen) Mobilitätskonsum junger Menschen, sondern sie graben sich als Identität stiftende kosmopolitische Orientierung tief in die Lebensgeschichte ein.

Besonders empfohlen sei dieses Buch den politisch und pädagogisch Verantwortlichen im internationalen Schüler- und Jugendaustausch sowie Forscherinnen und Forschern mit methodisch-konzeptionellem Interesse an Herausforderungen der interkulturellen Austausch- und Wirkungsforschung.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Otten
Fachhochschule Köln Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften Institut für Interkulturelle Bildung und Entwicklung
Homepage maotten.web.fh-koeln.de
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Zitiervorschlag
Matthias Otten. Rezension vom 15.10.2009 zu: David J. Bachner, Ulrich Zeutschel: Students of four decades. Waxmann Verlag (Münster/New York/Berlin/München) 2009. 183 Seiten. ISBN 978-3-8309-2082-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7458.php, Datum des Zugriffs 03.09.2010.


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