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Karin Weiß: Kinder in der Tagespflege

Cover Karin Weiß: Kinder in der Tagespflege. Grundlagen und Praxiswissen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2007. 144 Seiten. ISBN 978-3-451-32087-3. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,80 sFr.

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Thema und Zielsetzung

Das Handlungsfeld Kindertagespflege befindet sich aktuell in erheblichen Umbrüchen. Einerseits muss sie quantitativ wesentlich stärker ausgebaut werden, soll das Ziel des Rechtsanspruches auf Kinderbetreuung in den nächsten Jahren erreicht werden. Andererseits gilt es in der Folge aktueller gesetzlicher Änderungen im SGB VIII einen deutlichen Professionalisierungsschub zu entwickeln, um die rechtliche Gleichstellung der Tagespflege mit der Tagesbetreuung in Kindertagesstätten zu rechtfertigen.

Dabei geht es auch um einen „Austausch“ der Tagespflegepersonen. Während bisher überwiegend Hausfrauen und Mütter zusätzlich zu eigenen Kindern oder im Anschluss an die Erziehung der eigenen Kinder einzelne Tagespflegekinder aufnahmen, soll es in Zukunft gelingen, in immer stärkerem Maße Professionelle, d.h. Erzieherinnen und (allerdings wesentlich seltener) Erzieher für die berufliche Tätigkeit in diesem Feld zu gewinnen.

Das Buch informiert über alle zentralen Aspekte dieser Entwicklungen und stellt rechtliche, wirtschaftliche und pädagogische Herausforderungen und Fragestellungen vor.

Autorin

Karin Weiß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Tagespflege. Sie hat außerdem an der Entwicklung und Evaluation des DJI-Curriculums für die Qualifizierung von Tagespflegepersonen mitgearbeitet.

Entstehungshintergrund

Nach langjähriger Forschungstätigkeit legt die Autorin nun zu ihrem Fachgebiet einen Praxisratgeber und Handlungsleitfaden vor. Auf der Basis ihrer wissenschaftlichen Analysen wendet sie sich nun der Praxis zu und stellt in systematischer Vorgehensweise alle wichtigen Zusammenhänge dar.

Aufbau und Inhalt

  1. Im ersten Teil des Buches werden die Grundlagen des Handlungsfeldes Tagespflege und die aktuellen Entwicklungen skizziert. Neben der Beschreibung der Aufgaben von Tagespflege und der Schilderung des Alltags werden die gesetzlichen, politischen und materiellen Grundlagen ausführlich dargestellt. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die aktuellen gesetzlichen Veränderungen und die Zusammenfassung neuer empirischer Befunde zur Tagespflege. Allerdings werden gesetzlichen Grundlagen lediglich in Auszügen zusammengefasst und kommentiert und nicht komplett abgedruckt.
    Die verschiedenen Formen bzw. Typen von Tagespflege werden erläutert. Es wird deutlich, dass ganz unterschiedliche Frauen mit vielfältigen Motiven Tagesmütter werden. Neben den älteren Frauen, die in traditionellen Familienstrukturen leben und über ihren Ehemann finanziell abgesichert werden, bilden jüngere Frauen, die vor allem das eigene Kind bzw. die eigenen Kinder beaufsichtigen und betreuen und nebenbei weitere Tageskinder hinzunehmen, nach wie vor die größte Gruppe der Tagespflegepersonen. Noch immer sind solche Frauen (besonders im Westen der Republik) die Ausnahme, die in der Tagespflege eine interessante berufliche Alternative sehen. Das hängt damit zusammen, dass Tagesmütter erst ab vier betreuten Kindern ein existenzsicherndes Einkommen erzielen können. Für Frauen und
    Männer, die darüber nachdenken, ob die Tagespflege eine berufliche Alternative darstellen kann, werden die konkreten Voraussetzungen der Tagespflegearbeit aufgelistet und erklärt. Neben räumlichen und fachlichen Anforderungen werden auch die Ansprüche an fachliche Begleitung und Qualifizierung formuliert. Hier zeigt sich, dass die aktuelle Aus- und Weiterbildung von Tagespflegepersonen nur einen Zwischenschritt auf dem Weg zur Gleichrangigkeit mit den Angeboten in Tageseinrichtungen für Kinder bedeutet, da der Qualifizierungsumfang nach wie vor erheblich geringer ist, als in der staatlichen ErzieherInnenausbildung.
    Ausführlich werden ebenfalls die rechtlichen und materiellen Fragen erörtert, die sich für Fachkräfte der Tagespflege stellen. Die neue Sozialversicherungspflichtigkeit bedroht die bisherigen Formen der Tagespflegearbeit und unterstützt dauerhaft den Wandel vom „Billigangebot“ zur fachlichen Orientierung an den Standards der Tageseinrichtungen für Kinder.
  2. Im zweiten Teil wird zentrales Praxiswissen für die Arbeit in der Tagespflege zusammengefasst. Zunächst werden anhand der Begriffe „Förderung“, „Bildung“ und „Erziehung“ die rechtlichen Vorschriften und fachlichen Erwartungen des SGB VIII zusammengefasst. Anschließend werden Fragen der Bindung und der Bildung vertiefend betrachtet. Gerade das Bindungskonzept wird für die Tagespflege als zentral erachtet, da die meisten Kinder schon sehr früh, d.h. innerhalb des ersten Lebensjahres zur Tagespflege kommen. Neben einer Einführung in die Bindungstheorie widmet sich die Autorin besonders praktischen Fragen des Bindungsaufbaus. Sie orientiert ich dabei fachlich-konzeptionell an den Erfahrungen und Arbeiten der Wiener Ärztin Emmi Pikler und ihrer ungarischen Mitarbeiterinnen im Budapester Waisehaus Lóczy. Anhand der Begegnung und Zusammenarbeit mit Säuglingen in der alltäglichen Pflegesituation wird deutlich, wie Tagespflegepersonen, auch ohne langjährige Erzieherinnenausbildung, den Aufbau einer sicheren Bindung ganz praktisch befördern können.
    Am Beispiel der Sprachförderung wird die Bildungsarbeit in der Tagespflege erörtert. Es wird deutlich, wie die Tagesmutter den Kindern ein Sprachvorbild sein und die Sprachentwicklung im Alltag unterstützen kann. Überhaupt wird der Alltag von der Autorin als Modell der Bildungsarbeit in der Tagespflege erachtet. Recht kurz skizziert die Autorin die Ansprüche an Tagespflegepersonen, die Bildungsprozesse der Kinder systematisch und professionell beobachten, verstehen und fördern zu können. Sie verdeutlicht, dass die Bildungspläne der Bundesländer nicht nur für die Tageseinrichtungen gelten, sondern auch für die Tagespflege.
  3. Im dritten Teil widmet sich die Autorin der Zusammenarbeit der Tagespflegepersonen mit den Eltern. Für Eltern ist die Tagespflege im Vergleich zu einer Tageseinrichtung teurer und durch stärkere Unsicherheiten geprägt. Viele Eltern bringen ihre Kinder nur deshalb in der Tagespflege unter, da keine Plätze in Einrichtungen verfügbar sind. Neben diesen grundlegenden Ängsten und Ärgernissen entstehen viele Beziehungskonflikte zwischen Eltern und Tagespflegepersonen, vor allem dann, wenn die richtige Passung zwischen Familie und Tagespflegeperson nicht bei der Anbahnung und Vermittlung hergestellt wird. Um die Konflikte zwischen Eltern und Tagespflegepersonen nicht eskalieren zu lassen, schlägt die Autorin die vertragliche Klärung der Rahmenbedingungen und regelmäßigen Perspektivenwechsel der Tagespflegepersonen vor. In Analogie zu Tageseinrichtungen können und sollen auch Tagespflegepersonen regelmäßigen Kontakt und Austausch mit den Eltern pflegen. Ebenso bieten sich formale Kooperationsgespräche in Form von Entwicklungsgesprächen und Elternabenden an.
  4. Im vierten Teil werden neue fachliche Netzwerke für die Tagespflege vorgestellt. Dazu gehören Modelle des Austauschs und der Vernetzung von Tagespflegepersonen, der Aufbau von Angeboten der „Tagesgroßpflege“, d.h. die Betreuung von mehr als 5 Kindern in Kooperation mit anderen Tagesmüttern und die Zusammenarbeit mit den Kindertageseinrichtungen.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich in erster Linie an Tagespflegepersonen und Frauen und Männer, die überlegen, in diesem Feld aktiv zu werden. Darüber hinaus richtet es sich an Fachkräfte und politisch Verantwortliche in den Kommunen und Ländern, die aktuell den quantitativen und qualitativen Ausbau der Tagespflege anstreben und verantworten müssen. Es richtet sich nicht zuletzt an Eltern, die sich über das System Tagespflege informieren möchten.

Diskussion

Vom Umfang und der Lesbarkeit her, ist das Buch für die verschiedenen Zielgruppen als Einführung in die aktuellen Diskurse über den Ausbau der Tagespflege sehr geeignet. Es bietet einen breiten Überblick über juristische, fachliche und finanzielle Fragen und liefert in ausreichendem Maße Praxisbeispiele.

Inwiefern der angestrebte quantitative Ausbau der Tagespflege und die fachliche Gleichrangigkeit mit den Tageseinrichtungen für Kinder in den nächsten Jahren tatsächlich erreicht werden können, bleibt letztlich offen. Das „ganz andere“ der Tagespflege im Vergleich zu Tageseinrichtungen wird voraussichtlich eher verschwinden, schon weil die klassischen Tagesmütter, die freiwillig auf eine eigene Erwerbsbiografie verzichtet haben und ihre Tätigkeit eher als Alternative zur Erwerbsarbeit und auch als sozialen Auftrag betrachtet haben, mittelfristig verschwinden werden. An ihre Stelle sollen verstärkt unternehmerisch denkende und fachlich ausgebildete junge Frauen (und Männer?) treten. Bisher jedoch sind die dafür zur Verfügung stehenden Mittel viel zu gering. Noch deutlicher als im Urteil der Autorin drängt sich dem Leser das Urteil auf, dass die Tagespflege für qualifizierte Fachkräfte in den nächsten Jahren (noch) keine realistische Alternative zur Berufstätigkeit in einer Einrichtung werden kann.

Auch für Eltern dürften sich die Imageprobleme der Tagespflege eher noch verschärfen. Gerade wenn der bisher dominierende Typus der sorgenden, erfahrenen Laien-Tagesmutter als Alternative immer seltener wird, ist die Tagespflege im Gewand der professionellen Privatinstitution in ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Sicherheit und Transparenz den professionellen Einrichtungen deutlich unterlegen.

Fazit

Karin Weiß legt ein preiswertes und gut lesbares Buch über die Tagespflege vor, das dabei hilft, die aktuellen Entwicklungen der Tagespflege zu verstehen. Es bündelt fachliche, organisatorische, finanzielle und rechtliche Aspekte zu einer gelungenen Einheit. Aus fachlicher Sicht sind besonders das Kapitel über das Bindungskonzept Emmi Piklers und die Alltagsorientierung als konzeptioneller Ansatz der Tagespflege lesenswert. Das umfassende dritte Kapitel, das sich mit der Zusammenarbeit von Tagespflege und Eltern beschäftigt, lässt ebenfalls keine Wünsche offen.


Rezensent
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche von Westfalen, Geschäftsführer der evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Westfalen-Lippe
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 27.04.2009 zu: Karin Weiß: Kinder in der Tagespflege. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2007. 144 Seiten. ISBN 978-3-451-32087-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7477.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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