Günther Schwarz: Basiswissen: Umgang mit demenzkranken Menschen
Günther Schwarz: Basiswissen: Umgang mit demenzkranken Menschen. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2009. 140 Seiten. ISBN 978-3-88414-476-3. 14,95 EUR, CH: 27,50 sFr.
Reihe: Basiswissen.
Thema
In dem Band „Basiswissen: Umgang mit demenzkranken Menschen“ werden alle relevanten Aspekte des demenziellen Prozesses angesprochen und behandelt. Dabei ist es dem Autor ein Anliegen, einen Einblick von dem Innenleben von Menschen mit Demenz zu vermitteln. Das Selbsterleben der Betroffenen bildet für Schwarz die Grundlage für die Bewältigung der therapeutischen und pflegerischen Herausforderung, die die Demenz mit sich bringt.
In dem Band ist die Ätiologie der Demenz, die medizinische Praxis, die therapeutischen - pharmakologischen und nichtpharmakologischen - Möglichkeiten ebenso eingebunden, wie auch die Herausforderungen der Betreuung durch Angehörige und Unterstützungsmöglichkeiten für diese behandelt werden.
Die Zielgruppe des Bandes sind: Mitarbeiter des psychosozialen und psychiatrischen Dienstes, Pflegekräfte, sowie bürgerschaftlich engagierte Menschen in Begleitung und Betreuung, sowie Angehörige von Menschen mit Demenz.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in 10 Abschnitte, die jeweils weiter untergliedert sind.
Inhalt
- Vorwort
Im Vorwort sensibilisiert der Autor für die Ebenen der Demenz, die in Betrachtungen häufig nicht berücksichtigt werden. So weist Schwarz auf eine mögliche Lebensqualität in der Demenz hin, die geprägt ist vom Erleben von: Zufriedenheit, Harmonie, Liebe oder Glück. Ferner thematisiert er, dass die Begegnung mit einem Menschen mit Demenz, für die nicht betroffenen Menschen eine Bereicherung darstellen kann, über die ein veränderter Zugang zum eigenen emotionalen Erleben erfahren werden kann.
Ferner wird die Zielgruppe des Buches dargestellt. - Grundlagen
In diesem Abschnitt wird in sehr knapper Form das gängige Wissen zur Häufigkeit und den verschiedenen Demenzformen zusammengefasst. - Ursachen, Diagnostik und
medizinische Behandlung
Ausgehend von den Hirnalterungsprozessen und den damit einhergehenden Veränderungen, betrachtet Schwarz den demenziellen Prozess. Er hebt dabei hervor, dass nach heutigem Erkenntnisstand, eine Vielzahl von Faktoren für die Ausbildung einer Demenz verantwortlich sind. In seiner Betrachtung nehmen allerdings erbliche Faktoren einen relativ großen Raum ein. Wobei auch Schwarz das Lebensalter als das größte Risikopotential darstellt. Ferner geht er auf die molekularbiologischen und biochemischen Veränderungen im Gehirn ein, sowie auf die Diagnostik. Hier plädiert er für ein fachärztliches Abklären und weist in diesem Zusammenhang auf die Risiken hin, die eine medikamentöse Behandlung der Demenz mit sich bringt und somit ebenso der Fachärztlichen Begleitung bedürfe.
In zwei Unterabschnitten werden zum einen die verschiedenen Medikamente zur Behandlung der Demenzsymptome, und zum anderen die Medikamente zur Behandlung der indirekten Folgen dargestellt. Dabei geht Schwarz auf die jeweiligen Wirkungen und detailliert auf die Nebenwirkungen ein. In einer Tabelle sind die Medikamente, einschließlich der üblichen Dosierung, übersichtlich dargestellt. Hinsichtlich der medikamentösen Behandlung, des sich in der Demenz verändernden Verhaltens, wird darauf hingewiesen, dass es eine Reihe nichtmedikamentösen Alternativen gäbe, die häufig sehr wirksam wären. - Krankheitsverlauf und das
Verstehen von Veränderungen
Der Verlauf der Demenz wird in drei Phasen unterteilt dargestellt. In der Beschreibung wird das Selbsterleben der Menschen mit Demenz mit eingebunden. In der Beschreibung des demenziellen Verlaufes werden die sich einstellenden Veränderungen und Symptome, diesen drei Demenzphasen zugeordnet. In der Darstellung der Demenzsymptome werden diese jedoch vor allen hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Begleiter betrachtet und aus dieser Perspektive auf das Selbsterleben der Betroffenen geschlussfolgert. Zu den beschriebenen Veränderungen werden Hinweise gegeben, wie Betreuende mit diesen umgehen können.
Alle relevanten Aspekte dieses Abschnitts werden gut nachvollziehbar behandelt. Jedoch werden sie nur sehr bedingt, in einen systemischen Zusammenhang gestellt. Auch werden Störungen des Miteinanders so betrachtet, dass sie fast ausschließlich vom Menschen mit Demenz ausgehen. Jedoch geht es Schwarz dabei nicht um eine Schuldzuschreibung. Die Situation der Betroffenen wird durchgängig feinfühlig und zugewandt dargestellt.
In einem gesonderten Unterabschnitt werden die demenziellen Veränderungsprozesse dargestellt, bei denen nicht die alzheimersche Erkrankung Ursache der Demenz ist. - Das Gedächtnis
Dieser Abschnitt ist ein kurzer Abriss der Gedächtnisfunktionen und der Gedächtnisebenen. Es werden die Veränderungen im Verlauf des demenziellen Prozesses dargestellt und welche Bedeutung diese sowohl für den Menschen mit Demenz, als auch für den Angehörigen haben können. Ebenso wird auf die Bedeutung des emotionalen, für ein sich erinnern Können eingegangen. - Therapeutische Hilfen in der
Betreuung
In diesem Abschnitt werden, in Unterabschnitten untergliedert, die in der Begleitung von Menschen mit Demenz gängigen therapeutischen Verfahren dargestellt. In der einleitenden Betrachtung wird problematisiert, dass viele der sogenannten therapeutischen Verfahren eher Anleitungen und Anregungen für die Betreuung seien und sich zumeist unspezifisch auf alle Demenzformen beziehen würden. Schwarz verzichtet selbst aber auch nicht darauf, in einer Auflistung scheinbar allgemeingültige Anleitungen für den Umgang mit Menschen mit Demenz zu formulieren. Als tragendes Element herausgehoben wird eine einfühlsame und wertschätzende Grundhaltung.
Im Weiteren werden die unterschiedlichen Therapieformen dargestellt und kritisch hinterfragt. In dieser Weise betrachtet er das Gedächtnistraining und weißt darauf hin, dass dieses zumeist keinen Einfluss auf alltagsrelevante Fertigkeiten habe, es jedoch kognitive Trainingsprogramme geben würde, die eine der antidementiven Medikamenten vergleichbare Wirkung hätten. Zudem werden für den Alltag sinnvolle Gedächtnishilfen aufgeführt.
Das Realitäts-Orientierungs-Training (ROT) sollte nach der Auffassung von Schwarz reflektiert genutzt werden. Er geht dabei sowohl auf den Nutzen, wie auf die Gefahren für die Menschen mit Demenz ein. In seiner Begründung greift er auf den Konstruktivismus zurück. Die Wirklichkeit ist immer auch subjektiv und auf dieser Ebene setzt sich Schwarz auch mit der Frage des Lügens, differenziert und offen auseinander. Seine Betrachtungen verdeutlicht er mittels Fallvingietten.
In dem Abschnitt zur Validation wird deren Bedeutung für eine individuelle, emotionale und wertschätzende Begegnung ausgeführt und so verwundert es ein wenig, dass am Ende der Beschreibung die Validation auf eine anleitungsähnliche, 3 Schritt-Methode reduziert wird. Die Bedeutung der individuellen Gefühlswelt wird aber auch hier nochmals hervorgehoben. Ferner wird die Bedeutung der Erinnerungspflege dargestellt. Für den Einsatz und Umgang mit der Erinnerungspflege in der Praxis werden Betreuende viel Hilfestellungen an die Hand gegeben, welche eine erfolgreiche Erinnerungsarbeit ermöglichen, hier werden auch kritische Situationen oder Lebensphasen der Menschen mit Demenz benannt.
In der weiteren Darstellung therapeutischer Ansätze wird auf die kognitive Verhaltenstherapie eingegangen, über die Menschen mit beginnender Demenz Zugang zu ihren – auch negativen - Empfindungen finden können und sie verarbeiten oder annehmen lernen. Das operative Lernen kommt eher bei herausforderndem Verhalten zum Tragen und wird von Schwarz in Beziehung zur Umwelt gesetzt. Hier geht er auch auf den Nutzen herausfordernden Verhaltens für den von Demenz Betroffenen ein, und wie dieses durch Umweltverhalten verstärkt wird oder das Umweltverhalten ein Abschwächen des herausfordernden Verhaltens bewirken kann. Die Bewertung von Verhaltensweisen erfolgt in diesem Abschnitt vor allem aus einer Angehörigenperspektive. Der Abschnitt zur Reiz-Reaktions-Verbindung, wirkt im Kapitel zu den therapeutischen Hilfen in der Betreuung, ein wenig deplaziert, obwohl die von Schwarz abgeleiteten Handlungsanleitungen für Begleitende hilfreich sein können. Allerdings werden diese rezeptiv und undifferenziert in den Raum gestellt und nicht kritisch betrachtet.
Sehr anschaulich und nachvollziehbar beschreibt Schwarz, mittels Beispielen aus der Praxis, die Milieutherapie. Er geht dabei auf Milieugestaltung an sich, wie auf deren Wirkung für den Menschen mit Demenz ein. Hier plädiert Schwarz dafür, dass Menschen mit Demenz freie Handlungsmöglichkeiten geschaffen werden und in der Konsequenz beispielsweise Schränke frei zugänglich sein müssen. Zudem habe die Haltung der Mitarbeiter, einen starken Einfluss auf den Effekt der Milieugestaltung.
In einem weiteren Abschnitt wird die Selbsterhaltungstherapie (SET) dargestellt. In diesem therapeutischen Verfahren geht es darum, die durch die Demenz eintretenden Veränderungen in das Selbst zu integrieren. Das Selbst wird in diesem Ansatz als ein dynamisches Geschehen angesehen. SET bezieht die durch den demenziellen Prozess bedingten Veränderungen mit ein und orientiert sich an den gegebenen Möglichkeiten und Potentialen.
Die Bedeutung der Intuition in der Begleitung von Menschen mit Demenz wird nachfolgend dargestellt. Hier geht es Schwarz unter anderem um das mögliche Setzen von Grenzen, das Zulassen können von Nähe und ausbalancieren von Nähe und Distanz. Dieser Abschnitt vermittelt wichtige Grundlagen für die Begleitung von Menschen mit Demenz. Streng genommen ist es keine therapeutische Methode und müsste an anderer Stelle stehen, was der Bedeutung dieses Abschnitts jedoch nichts nimmt. In der letzten Beschreibung in diesem Kapitel geht es um die körper- und sinnesorientierten Ansätze. In diesem Abschnitt werden eine Reihe, in der Praxis der Begleitung von Menschen mit Demenz, zum Teil bedeutende therapeutische Verfahren, in einem Rundumschlag skizzenhaft abgehandelt. Dadurch werden diese Ansätze sehr reduziert und vereinfacht dargestellt. Hierdurch verfälscht sich partiell das Bild dieser Verfahren. - Besondere Herausforderungen in
der Betreuung
In diesem Kapitel geht es um demenziell bedingte Veränderungen, die für die Begleitenden zu einer Herausforderung werden können. Betrachtet werden: die sich verändernden Möglichkeiten zu Kommunikation, das Bedürfnis nach Beschäftigt und Tätig sein zu können, der Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen und die Verwahrlosung.
Bei der Betrachtung der Kommunikation fokussiert Schwarz auf die nonverbale Kommunikation. Weist aber auch darauf hin, dass ein Gespräch für Menschen mit Demenz auch dann noch bedeutungsvoll und wichtig ist, wenn sie scheinbar dessen Inhalt nicht mehr kognitiv umsetzen können und zu verstehen scheinen. Dabei wird auf die Bedeutung gleicher oder ähnlicher Sprachstrukturen hingewiesen. Diese seien verantwortlich für das Gefühl von Nähe, Vertrautheit und Identität. In einer umfassenden Tabelle werden die möglichen Veränderungen der kommunikativen Kompetenzen und deren Folgen dargestellt, wie auch, welche Probleme dies für das Miteinander mit sich bringen kann und welche Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten Begleitende anwenden können, um den Menschen mit Demenz in seiner Kommunikation zu unterstützen.
Ferner wird die Bedeutung des Tätig seins dargestellt. Es wird vermittelt, dass es um die Lust am Tun geht und die Bewertung dessen, von den Menschen mit Demenz vorgenommen wird. Diese kann von der Bewertung der betreuenden Menschen stark abweichen. Für Schwarz müssen Begleiter eine große Offenheit mitbringen, damit ein erfüllendes Tätig sein zugelassen werden kann. Auch in diesem Abschnitt formuliert Schwarz Regeln für einen Umgang. Einige dieser Regeln wirken plakativ. Dahingegen ermöglicht die eingebundene Praxisbeschreibung, einen wunderbaren Nachvollzug dessen, um was es dem Autor geht.
In der Behandlung der herausfordernden Verhaltensweisen, wird der Leser dazu angeregt, in der Begleitung seine Aufmerksamkeit nicht zu sehr auf das herausfordernde Verhalten zu richten. Das Wohlbefinden des Menschen mit Demenz wird in den Vordergrund gerückt und es gehe nicht in erster Linie um ein Abstellen des als Herausforderung erlebten Verhaltens. Auch wird darauf eingegangen, dass diese Verhaltensweisen für den Betroffenen ein Gewinn sein können. Ebenso weist Schwarz darauf hin, dass häufig Wahrnehmungsstörungen als Wahnvorstellungen verkannt werden und mit Neuroleptika behandelt würden, anstatt die Umgebungsbedingungen zu verändern. - Unterstützung für
Angehörige
In diesem Kapitel geht es um das Annehmen können der Demenz und den sich im Verlauf einstellenden Veränderungen. Ist es den Angehörigen möglich diese anzunehmen, führe es zu einer Entlastung. Nachvollziehbar wird dargestellt, welche Faktoren für Angehörige zu einer Belastung werden können und warum Angehörige trotz Bedürftigkeit, mitunter Hilfe nicht oder nur sehr schwer annehmen können. Ebenso geht Schwarz auf die gesundheitlichen Folgen dieser Belastung für die Angehörigen ein. - Schlussbemerkung
Hier wird in einem kurzen Abriss, die sich im Laufe der Zeit verändernde gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Demenz thematisiert. - Literaturverzeichnis
Dem Literaturverzeichnis angehängt ist eine Linksammlung.
Diskussion
Das Buch „Basiswissen: Umgang mit
demenzkranken Menschen“ spricht alle wesentlichen Aspekte im
Zusammenhang der Begleitung von Menschen mit Demenz an. Dabei werden
einzelne Aspekte von verschiedenen Perspektiven betrachtet und
diskutiert, während andere eher nur knapp aufgeführt sind.
Nicht immer ist ersichtlich, worin sich diese unterschiedliche
Gewichtung begründet. Insgesamt ist das kleine Buch sehr
übersichtlich gegliedert und wird dem Anspruch Basiswissen zu
vermitteln gerecht. Bedauerlich ist, dass an den jeweiligen
Abschnittsenden Literaturhinweise für ein vertiefendes
Weiterlesen fehlen.
Aus jedem Kapitel wurden Merksätze
herausgezogen. Diese stehen auf dem ausklappbaren Coverumschlag und
da sie mit der entsprechenden Seitenzahl versehen sind, kann sich der
Leser sehr schnell einen Überblick zum Inhalt verschaffen oder,
sollte das Buch als kleines Nachschlagewerk genutzt werden, sind die
Merksätze auf dem Cover eine gute Orientierungshilfe, das
Gesuchte auf unkomplizierte Weise schnell im Buch finden zu können.
Dass in der Betrachtung der einzelnen Aspekte, fast durchgängig
unterschiedliche Perspektiven dargestellt werden und kritisch auf
gängige Gedankenansätze geschaut wird, ist eine besondere
Qualität dieses Buches. Die verallgemeinernden schematischen,
rezeptartigen Anleitungen, stellen für Begleitende
Hilfestellungen für den Umgang mit Menschen mit Demenz dar.
Stehen aber auch in einem Widerspruch zum im Buch formulierten, den
einzelnen Menschen wahrnehmenden und wertschätzenden Anspruch.
Fazit
Günther Schwarz hat ein kleines Nachschlagewerk Demenz geschaffen, welches in die Hosentasche der Begleiter von Menschen mit Demenz einen guten Platz hat, um immer wieder schnell mal nachschlagen zu können. Gleich ob sie Angehörige, bürgerschaftliche Engagierte oder berufliche Begleiter sind, das Buch ermöglicht einen schnellen Überblick über alle relevanten Themen. Auch wenn diese, aufgrund des Buchumfanges nicht in der Tiefe beschrieben sind, so ist der Leser doch umfassend informiert. In knapper verständlicher Form gelingt es Schwarz, unterschiedliche, wie auch kritische Sichtweisen darzustellen. So regt das Buch auch zur eigenen Auseinandersetzung an und ermöglicht neue Sichtweisen.
Rezensent
Dipl.-Gerontologe Michael Ganß
Dipl.-Kunsttherapeut. Mitarbeiter der Demenz Support Stuttgart gGmbH
Homepage www.demenz-support.de
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Zitiervorschlag
Michael Ganß. Rezension vom 05.12.2009 zu: Günther Schwarz: Basiswissen: Umgang mit demenzkranken Menschen. Psychiatrie-Verlag (Bonn) 2009. 140 Seiten. ISBN 978-3-88414-476-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7501.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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