Hinrich Olsen: Offene Altenarbeit als Empowerment: das Beispiel "inForum"
Hinrich Olsen: Offene Altenarbeit als Empowerment: das Beispiel "inForum". Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2002. 170 Seiten. ISBN 978-3-934129-32-0. 19,90 EUR.
Einführung in die Thematik: Altwerden heißt Anfangen
"Die vergreiste Republik", "Der alternde Planet", "Langlebigkeit als soziale Herausforderung", "Die jungen Alten", "Hilfe zur Selbsthilfe im Alter", "Nicht von Gestern: die Alten von heute", das sind nur ein paar Schlagzeilen in den Medien. Von Horrormeldungen bis zur Rückbesinnung auf einen "neuen Stoizismus" alt-griechischer Philosophien reicht der Diskurs in allen Gesellschaften der Erde. Klar ist eines: Die absolute Zahl der alten Menschen über 65 Jahren werden sich auf der Erde in der Zeitspanne von 1960 bis zum Jahr 2025 vervierfacht haben. Dies führt zu ganz unterschiedlichen Konzepten, wie eine Gesellschaft mit dieser Tatsache umgeht, die zudem verstärkt wird durch die Bevölkerungsentwicklung zwischen Geburten-, Langlebens- und Sterberaten.
Es gilt hier eine Arbeit zu besprechen, die der Verlag Dialogische Erziehung, Oldenburg, vorlegt. Der VDE gibt, im Rahmen der "Paulo-Freire-Kooperation" (www.freire.de; www.dialogische-erziehung.de) Literatur zur Rezeption der "Pädagogik der Befreiung" des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire heraus. Das Buch ist in der Reihe "Edition Neuer Diskurs", die von Dr. Joachim Dabisch herausgegeben wird, erschienen.
Überblick: kurze Charakterisierung der Schrift
Offene Altenarbeit ist ein soziales Konzept, das sich im Laufe der letzten Jahrzehnte vom Leitbild des "betreuten Alters" über das der "aktiven Senioren" hin zum "gestalteten Leben im Alter" verändert hat. Zwei Schlüsselbegriffe markieren die engagierte und vielfältige gesellschaftliche Diskussion in Deutschland: Zum einen ist es die Frage nach einer neuen Qualität einer "Produktivität im Alter", also der Revidierung der traditionellen Auffassung, dass mit dem Altern ein unvermeidlicher Abbau von geistigen und körperlichen Fähigkeiten (Defizit-Modell) verbunden sei; zum anderen ist es der Ruf nach einer neuen "Kultur des Helfens", bei der die ehrenamtliche Arbeit (auch) von älteren Menschen gewürdigt und eingefordert wird. Hinrich Olsen berichtet, und das ist das Interessante an der Arbeit, als Studierender der Sozialarbeit / Sozialpädagogik an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, über zweijährige Erfahrungen bei der (ehrenamtlichen) Mitarbeit beim 1994 im Rahmen der städtischen Bildungs-, Beratungs- und Betreuungsarbeit eingerichteten Begegnungsstätte für ältere MitbürgerInnen: inForum.
Warum die Veröffentlichung?
Der Autor hat seine o.a. Erfahrungen in seiner Diplomarbeit zusammengefasst. Das im Rahmen des städtischen "Altenplans" eingerichtete inForum erhebt bereits mit dem Namen den Anspruch, ein "Marktplatz" zu sein, bei dem, im mittelalterlichen Sinne, Ware gegen Ware getauscht wird: Ein auf Gegenseitigkeit ausgerichteter Austausch von Erfahrungen, von Wissen und Fähigkeiten. Der Bericht über das überwiegend ehrenamtliche Engagement von zur Zeit etwa 50 mitarbeitenden älteren Menschen, deren Arbeit initiiert, begleitet und koordiniert wird von eineinhalb zeitlich befristeten Planstellen für DiplompädagogInnen, lohnt, in den Diskurs über offene Altenarbeit einzubringen. Denn die durch den Abbau von öffentlichen Ausgaben für soziale Zwecke bestimmte Entwicklung auch in der gesellschaftlichen Senioren-Integration führt nur allzu leicht dazu, dass "freiwilliges soziales Engagement ... zum billigen Ersatz für hauptberufliche Sozialarbeit degradiert werde" (aus der Tagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, vom 29. - 30. 4. 1997).
Zielgruppen
Die Arbeit kann haupt-, wie ehrenamtlichen MitarbeiterInnen bei ihrem sozialen Engagement in Altenbegegnungsstätten, Wohneinrichtungen und von kommunalen und freien Trägern initiierten Projekten in der Altenarbeit (es wäre sinnvoll, über einen neuen Begriff in diesem Zusammenhang nachzudenken!) neue Anregungen geben; sie ist aber auch für Studierende der (Sozial)Pädagogik an Universitäten und Fachhochschulen interessant; wie auch für die "aktiven Alten" in ihrem Ehrenamt.
Aufbau der Arbeit
Die Schrift diskutiert zuerst einmal die demographischen Veränderungen in unserer Gesellschaft. Danach setzt der Autor mit einigen theoretischen Konzepten zum Strukturwandel des Alters auseinander. Im dritten Teil werden die veränderten Bedingungen und Entwicklungen des Alterns und des Altersbildes dargestellt. Danach werden die gesellschaftlichen Veränderungen zur Sprache gebracht, die das Projekt der offenen Altenarbeit prägen. Schließlich wird das inForum ausführlich vorgestellt; und es werden Reflexionen darüber angestellt, wie aus einer "Altenarbeit" ein "Empowerment-Konzept", im Gegensatz zu der traditionellen "Defizitorientierung", entwickelt werden kann.
Bezug zu Paulo Freire
Das im Empowerment-Konzept grundgelegte Ziel eines "positiven Alters-Erlebens" beruht in der Einsicht, dass der Prozess des Erkennens von individuellen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten von der Kompetenz abhängig ist, "sich aus einer macht- und demoralisierten Situation herauszuentwickeln, die eigene Stärke zusammen mit anderen zu erkennen und ihre Lebensbedingungen zumindest teilweise nach eigenen Vorstellungen zu gestalten" (Wolfgang Stark). Das ist Freires "conscientizaçao", das man als Bewusstseinsbildung, Bewusstseinsweckung und sich der eigenen Situation Bewusstmachen übersetzen könnte.
Perspektiven
Hinrich Olsen, so schreibt er, hat den Bericht für die haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen des inForum in Oldenburg geschrieben. Die Arbeit kann durchaus als ein exemplarischer Versuch gewertet werden, zu beschreiben, wie ein Projekt einer "offenen Altenarbeit" entsteht, darüber zu reflektieren, wie die alltägliche Arbeit abläuft und eine Vision zu entwickeln, wie die Einbeziehung von älteren Menschen in einen produktiven Gesellschaftsprozess möglich sein könnte. Er deutet an, dass es auch in Oldenburg immer wieder Diskussionen darüber gibt, ob das inForum in städtischer Trägerschaft weiter erhalten werden kann und soll. Ein Klick im Internet zeigt immerhin: Das inForum existiert noch. Die Weiterentwicklung scheint sich in der Richtung zu vollziehen, dass es zu einer Vernetzung der verschiedenen Aktivitäten und Angebote zur Altenarbeit in der Stadt und in der Region kommt.
Bewertung
Wenn Robert Jungk (1988) sich erhofft, dass ein steigernder Einfluss der Alten auf die gesellschaftliche Diskussion und Entwicklung in dieser etwas mehr Gelassenheit und etwas weniger Ehrgeiz und Konkurrenzdenken bewirken könne, dann trifft er mit dieser Hoffnung auf eine Reihe von regionalen und globalen Initiativen für das "dritte Alter", wie z. B. die internationale Dachorganisation HAI (Help Age International), die sich in mehr als 57 Mitgliedsvereinen auf der Erde für "Hilfe zur Selbsthilfe im Alter" einsetzt. Hier ist auch ein Aspekt angesprochen, der für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit wichtig und entwicklungsnötig ist: eine Begegnung und Solidarität zwischen den Generationen zustande zu bringen. Einrichtungen wie das inForum sind die richtigen Orte dafür.
Fazit
Das in Paperback vom Verlag vorgelegte Buch ist gut lesbar. Einige Druckfehler und gelegentlich allzu kurz dargestellte wissenschaftliche Begriffe, wie auch das Fehlen von zumindest einer zitierten Literatur im Literaturverzeichnis, schmälern die Arbeit nicht wesentlich. Alles in allem: Eine Arbeit, die die Diskussion um neue Formen der Offenen Altenarbeit hin zu einem selbstbestimmten Empowerment beleben könnte. Die fehlende Auswertung einer Befragung von NutzerInnen und MitarbeiterInnen des inForums sollte unbedingt nachgeliefert werden.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.04.2003 zu: Hinrich Olsen: Offene Altenarbeit als Empowerment: das Beispiel "inForum". Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2002. 170 Seiten. ISBN 978-3-934129-32-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/751.php, Datum des Zugriffs 03.09.2010.
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