Gerhard Zarbock: Praxisbuch Verhaltenstherapie
Gerhard Zarbock: Praxisbuch Verhaltenstherapie. Grundlagen und Anwendungen biografisch-systemischer Verhaltenstherapie. Pabst Science Publishers (Berlin, Bremen, Miami, Riga, Rom, Viernheim, Zagreb) 2008. 481 Seiten. ISBN 978-3-89967-471-2. 29,00 EUR.
Reihe: DVT-Praxis - Band 1.
Thema
Die in diesem Buch beschriebene biographisch-systemische Verhaltenstherapie (BSVT) versteht sich als Form einer „VT der dritten Welle“, d.h., einer VT, die Kognitionen und Emotionen zentral berücksichtigt und unter der Beibehaltung verhaltenstherapeutischer Identität und Kernmerkmale auch untersucht, wo Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten mit anderen Therapieschulen bestehen.
Autor
Dr. phil. Gerhard Zarbock ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in eigener Praxis, Ausbildungsleiter und Geschäftsführer des IVAH (Institut für Verhaltenstherapie-Ausbildung Hamburg). Er ist tätig als Therapeut, Supervisor und Dozent für Verhaltenstherapie, Gutachter für VT der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Beihilfe und Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg für klinische Psychologie/VT.
Entstehungshintergrund
Das Buch soll ein Begleiter sein für die tägliche Praxis einer zeitgemäßen Verhaltenstherapie vom Erstkontakt mit dem Patienten über die Antragsstellung im Gutachterverfahren bis zur Therapiebeendigung. Aus der langjährigen Erfahrung des Autors nicht nur als Verhaltenstherapeut, sondern auch als Ausbilder und Supervisor heraus ist es ein Hauptanliegen des Buches, die in diesem Rahmen gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse zusammenzufassen, zu systematisieren und zur Diskussion zu stellen. Es soll Ausbildungskandidaten der VT die ersten Schritte in der psychotherapeutischen Arbeit erleichtern und Studenten der Psychologie und der Medizin einen ersten Einblick in die therapeutische Praxis ermöglichen. Aber auch erfahrene Psychotherapeuten können das Buch zur Reflexion ihrer bisherigen Arbeit nutzen. Weiterhin will der Autor einen Überblick über die Weiterentwicklung in den Grundlagen und die Fortschritte in der Anwendung der Verhaltenstherapie der letzten zehn Jahre geben. Die Kennzeichnung des vorgestellten Ansatzes der VT als biographisch-systemische Verhaltenstherapie (BSVT) soll verdeutlichen, dass aus Sicht des Autors die Lebensgeschichte und die aktuellen Lebenskontexte eines Patienten eine zentrale Rolle in der Therapie spielen.
Da das Buch als ein Werk- und Arbeitsbuch zur Praxisbegleitung gedacht ist, empfiehlt der Autor selbst, es eher nicht in einem Stück zu lesen, sondern nach einer initialen Orientierung über den Ansatz der BSVT durch Lektüre von Kapitel 2 einzelne Kapitel unter speziellen Fragestellungen durchzuarbeiten.
Aufbau und Inhalt
1. Einleitung und Übersicht (S. 15 – 26)In der ausführlichen Einleitung umreißt der Autor den Entstehungshintergrund und basale Grundsätze der BSVT und gibt einen hilfreichen Überblick über den Aufbau des Buches und eine „Gebrauchsanleitung“.
2. Grundfragen zur BSVT (S. 27 – 40)Dieses Kapitel umreißt das Konzept der biographisch-systemisch orientierten Verhaltenstherapie im Licht der Psychotherapieforschung und bestimmt das Verhältnis der BSVT zu störungsspezifischen Ansätzen.
3. Biographische Analyse: Wie wir wurden, was wir sind. Lebenserfahrungen und ihre Verarbeitung aus Sicht der BSVT (S. 41 - 80) Dieses Kapitel stellt die Biographische Analyse dar, in der störungsrelevante und die Person prägende Lebenserfahrungen und deren Bewältigung erarbeitet werden. Dies basiert auf einem Bedürfnis-Frustrations-Modell mit der Betonung von Bindung, Emotionen und Grundannahmen sowie der Ausformung von Bewältigungsstrategien. Da das Kapitel ein Kernstück der BSVT begründet dient es dem Leser zur intensiven Einarbeitung in das Konzept.
4. Beziehung (S. 81 – 104)Dieses Kapitel beschreibt die therapeutische Beziehung als Eckpfeiler jeder gelingenden Therapie. Strategien zur Analyse und Modifikation von Beziehungsproblemen werden vorgestellt.
5. Motivation (S. 105 – 118)Dieses Kapitel verdeutlicht, dass die Motivation zur Therapie und zur Veränderung nicht selbstverständlich beim Patienten vorausgesetzt werden können. Strategien zur Überwindung von Motivationsblockaden werden dargestellt.
6. Das individuelle Störungsmodell (S. 119 – 148)Dieses Kapitel ist der Erstellung eines individualisierten Störungsmodells als Basis der Therapieplanung gewidmet. Hierbei werden Entstehungs- Erstauftritts- und aufrechterhaltende Bedingungen der Störung unterschieden. Hilfreiche Begriffe und Heuristiken werden vorgestellt und anhand von Fallbeispielen illustriert.
7. Therapieziele (S. 149 – 164)In diesem Kapitel werden übergeordnete und generelle Ziele jeder VT definiert. Es wird untersucht, wie spezifische Therapieziele aus dem Störungsmodell abgeleitet werden können. Es wird gezeigt, wie die Ziele des Patienten und die Ziele des Patienten integriert werden können.
8. Therapieplanung: Der Weg zu den Zielen (S. 165 - 198)Dieses Kapitel zeigt, wie der Therapieplan als Wegweiser zu den Zielen konzipiert werden kann. Entscheidungshilfen für die Therapieplanung im Spannungsfeld von störungsspezifischer Symptomtherapie und Systemtherapie werden diskutiert. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Therapiephasen im Therapieplan wird aufgezeigt, welche konkrete Methode wie präsentiert wird und welcher generelle Interaktionsstil für welchen Patienten geeignet ist. Außerdem werden Verlaufs- und Erfolgskontrolle sowie Therapiebeendigung und Rückfallprophylaxe berücksichtigt. In einem ergänzenden Unterkapitel von Dr. med. Eckhard Roedinger, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Neurologie und Psychiatrie, werden die Wirkungsweisen der Psychopharmaka einführend beschrieben.
9. Erstkontakt, probatorische Sitzungen und Antragsfahrplan (S. 199 – 238)In diesem Kapitel werden Hinweise für die Gestaltung des ersten Sitzungen gegeben und ein „Antragsfahrplan“ für eine effektive und zeitsparende Erstellung des Kostenübernahmeantrags vorgestellt.
10. Therapiedurchführung, ad-hoc-Heuristiken, schwierige Therapiesituationen (S. 239 – 278)Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den Problemen der konkreten Therapiedurchführung und gibt Hinweise für den Umgang mit Krisen, Suizidalität und traumatischen Erfahrungen. Weiterhin werden schwierige Therapiesituationen, Probleme des Therapeuten in seiner Rolle und Gründe für Therapiemisserfolge besprochen.
11. Basistechniken (S. 279 – 411)Der umfangreichste Abschnitt gibt Hinweise zu therapeutischen Basistechniken, die im Sinne einer multimodalen VT auf den Ebenen des Verhaltens, der Kognitionen, der Emotionen wie auch der Körperlichkeit ansetzen. Folgende Themen werden berührt: Validierungstechniken, Verbale und nonverbale Kommunikationsmuster, Psychoedukation, Mikroanalysen von Problemverhalten als Therapiewerkzeug, Vertikale Verhaltensanalyse, (Selbst-)Exposition, Aktivitätsaufbau, Soziales Kompetenztraining, Soziale Interaktionsanalyse, Rollenspiele mit interaktionellem, biographischen und internalem Fokus, Problemlösetraining, Kognitive Umstrukturierung, Arbeit mit Grundannahmen, Entspannungstraining, Imaginative Verfahren, Emotionsregulation, Achtsamkeit, Akzeptanzstrategien.
12. Schlusswort (S. 412 – 413)
13. Literatur (S. 414 – 426)
14. Anhang (S. 427 – 452)Der Anhang mit 17 Fragebögen und Arbeitsblätter für Patienten rundet das Buch ab.
15. Stichwortverzeichnis (S. 453 – 481) Ein umfangreiches Stichwortverzeichnis ermöglicht eine rasche Orientierung beim Nachschlagen.
Diskussion
Das Praxisbuch bietet einen fundierten Überblick über den aktuellen Stand der Verhaltenstherapie und den Ansatz der biographisch-systemischen Verhaltenstherapie mit ihrer Kombination von Arbeit am Symptom und Arbeit am Hintergrund im Sinne eines integrativen und zeitgemäßen Psychotherapiekonzeptes. Im ersten eher theoretisch orientierten Teil werden die Grundlagen der BSVT dargestellt wie die Biographische Analyse und allgemeine Therapie-Grundlagen wie Motivation, Beziehung, Störungsmodell, Therapieziele und –planung, wobei immer wieder ein Bezug zur Praxis hergestellt wird. Im zweiten eher anwendungsorientierten Teil werden die einzelnen Schritte der Therapie vom Erstkontakt über Probatorik, Antragsstellung und Therapiedurchführung bis hin zur Therapiebeendigung dargestellt. Die genaue Beschreibung der einzelnen Schritte wird von Fallvignetten und Arbeitsmaterialien ergänzt. Eine sinnvolle Gliederung in die einzelnen Kapitel und Unterteilung innerhalb der Abschnitte macht das Buch übersichtlich. Dazu tragen auch Hervorhebungen, Auflistungen und einige Tabellen sowie ein ausführliches Stichwortverzeichnis bei.
So ist es einerseits für die grundsätzliche Einarbeitung in das Thema der BSVT, andererseits auch für die bedarfsgerechte Durcharbeitung einzelner Aspekte bzw. Kapitel gut geeignet.
Aufgrund der Komplexität des Themas und der hohen inhaltlichen Dichte ist das Buch v.a. für Neulinge sicherlich keine „leichte Kost“. Allerdings bietet es auch für erfahrenere Therapeuten immer wieder neue Impulse und kann Ausbildungskandidaten als eine sinnvolle Grundlage zur Ausbildung und Prüfungsvorbereitung dienen.
Zielgruppe und Fazit
Mit diesem Band ist Gerhard Zarbock ein durchaus preiswertes, übersichtliches Buch gelungen, das sein Ziel als Praxisbuch sowohl zur ersten Orientierung für Neueinsteiger auf dem Gebiet der Verhaltenstherapie, zur Prüfungsvorbereitung für Ausbildungskandidaten als auch als Nachschlagewerk und Arbeitsbuch für erfahrenere Therapeuten voll erfüllt.
Rezensentin
Vicki Richter
Oberärztin
Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie
und -psychotherapie
Psychiatrische Klinik Lüneburg gGmbH
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
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Zitiervorschlag
Vicki Richter. Rezension vom 04.03.2010 zu: Gerhard Zarbock: Praxisbuch Verhaltenstherapie. Pabst Science Publishers (Berlin, Bremen, Miami, Riga, Rom, Viernheim, Zagreb) 2008. 481 Seiten. ISBN 978-3-89967-471-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7532.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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