Jürgen Liechti: Dann komm ich halt, sag aber nichts
Jürgen Liechti: Dann komm ich halt, sag aber nichts. Motivierung Jugendlicher in Therapie und Beratung. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 224 Seiten. ISBN 978-3-89670-674-4. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.
Thema
Aus der sozialen und therapeutischen Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen ist die Hilflosigkeit angesichts deren mangelnden Bereitschaft sich helfen zu lassen, ein ernstzunehmendes Thema, dass Jürg Liechti in dem vorliegenden Buch durch zahlreiche Fallbeispiele aus der Praxis in Kombination mit verschiedenen theoretischen Konzepten aus der Therapiemotivation und Methoden der systemischen Therapie, angeht. Die Frage ist nicht nur ob „man überhaupt „Therapie machen“ kann, wenn eine jugendliche Person „nicht will“ und wenn „ja“ wie denn?“(S.20), sondern u.a. auch, wie man Jugendliche erreichen kann, „die von einer psychotherapeutischen Behandlung profitieren könnten, sich dieser aber aktiv bzw. passiv widersetzen.“(S.20)
Autor
Jürg Liechti, Dr. med., Studium der Humanmedizin, Experimentellen Medizin, Biologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Systemtherapie. Seit 1985 freiberufliche Praxis in Bern. Supervisor und Lehrbeauftragter an verschiedenen Kliniken und Instituten (Universität Bern, Zürich, Basel). Lehrbeauftragter für systemische Therapie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern seit 1998. Gründungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für systemische Therapie und Beratung (SGS). Aufbau und Geschäftsleitung des Zentrums für Systemische Therapie und Beratung (ZBS) Bern seit 1995.
Aufbau und Inhalt
In zehn gut gegliederten und aufeinander abgestimmten Kapiteln, baut Liechti Schritt für Schritt sein Konzept der systemischen Motivierungspraxis auf.
Beginnend mit drei klinischen Einstiegskonstellationen in Kapitel 1 „Einleitung“, welche die ganze Bandbreite jugendlichen Verweigerung am therapeutischen Prozess teilzunehmen kurz skizzieren, folgt in Kapitel 2 „Ein stilles Leiden“ ein Fallbeispiel einer Jugendlichen mit Selbstverletzenden Verhalten. Liechti ordnet dem Phasenmodell der Psychotherapie (Howard et al. 1992, Lueger 1995) die therapeutischen Aufgaben und Maßnahmen des systemischen Therapiemodells zu, gleichzeitig führt er das „KEJ- Modell“, der konsultative Einbezug Jugendlicher ein, das sechs Schritte beinhaltet:
- die Klage (Perspektive) der Eltern akzeptieren
- Neurahmung der elterlichen Perspektive
- die Klage (Perspektive) der/des Jugendlichen akzeptieren
- Neurahmung der jugendlichen Perspektive
- Klärungsprozesse in Gang setzen (der/die Jugendliche =Experte seiner Situation)
- Autonomieprozesse begleiten
In Kapitel 3 „Ein heikles Thema“ beschreibt Liechti die Schwierigkeiten im Umgang mit der Motivierung, bzw. der psychologischen Reaktanz (Brehm 1966), gut nachzuvollziehen im Fallbeispiel des 15-jährigen J. Der Therapeut bietet dem Jugendlichen mit öffnenden Fragen einen Kontext, der die Optionen des Jugendlichen mehrt, so dass dieser in Lage versetzt wird eigene Entscheidungen zu machen erst „… dann beginnen sie, für sich zu sprechen.“ (S.64).
In Kapitel 4 werden grundsätzliche Themen behandelt zum Thema „Jugendliche und Eltern“ und in Kapitel 5 „Der systemische Therapieprozess und der konsultative Einbezug Jugendlicher“ stellt Liechti, das bereits in Kapitel 2 eingeleitete Modell vor und führt zu jedem einzelnen Schritt ein Fallbeispiel auf. Ziel ist die Gestaltung eines kooperativen Kommunikationsrahmens„…als Voraussetzung für die Entwicklung von Therapiemotivation und Selbstheilung.“ (S.82)
In Kapitel 6 „Aspekte der Therapiemotivation“, beschreibt Liechti den Leidensdruck Jugendlicher mit seelischen Problemen, da sie oft erst gar nicht in die Sprechstunde kommen, welche Faktoren, z.B. personelle Faktoren oder die beziehungskontextuelle Faktoren bei der Motivation zu berücksichtigen sind. Auch bekannte Konzepte der Veränderungsmotivation werden von Liechti detailliert dargestellt, z.B. die motivationale Gesprächsführung von Meichenbaum u. Turk (1994) u.a.
In Kapitel 7 „Hilfebeziehung und therapeutisches Handwerk“ bietet Liechti dem Leser eine Auswahl von Methoden an aus der systemischen Therapie, angefangen bei der therapeutischen Haltung bis zu den verschiedenen Fragetypen an, verdeutlicht an einigen Fallbeispielen.
In „Phasensensitive Modelle“, geht Liechti, von der Annahme aus, dass der therapeutische Prozess stufenweise vollzogen wird:
- Stadium 1-Fehlendes Problembewusstsein („precontemplation“)
- Stadium 2- Nachdenklichkeit („contemplation“)
- Stadium 3-Entscheidung/Vorbereitung („preparation“)
- Stadium 4- Handeln
(„action“)
Stadium 5-Aufrechterhalten („maintenance“) - Stadium 6- Abschließen („termination“)
In „Zwei Beispielen für den Einstieg“, Kapitel 9 werden zwei Therapien unter dem Aspekt der Motivierung des jugendlichen Klienten vorgestellt. Und im 10 Kapitel „Krisenintervention“ die (systemische) Vorgehensweise bei der Krisenbegleitung.
Fazit
Das vorliegende Buch Liechtis bietet vor allem Fachleuten, die mit Jugendlichen und deren Familien in einem therapeutischen Kontext arbeiten, eine Vielzahl von Möglichkeiten, um einen Einstieg zu finden in die oft undurchschaubare Welt der Heranwachenden, die sich der Hilfe, die sie am Nötigsten bräuchten, verweigern. Den Leser erwartet ein gut lesbares Buch, ein Kompendium von Ressourcen, Methoden, Modellen und zahlreichen Fallbeispielen, die auch das Helfersystem motivieren, nicht nur einen guten Anfang in die Therapie zu finden, sondern auch während des therapeutischen Prozesses das notwendige Handwerkzeug liefern um den Motor in Gang zu halten.
Rezensentin
Dipl.-Psychol. Aspasia Zontanou
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Zitiervorschlag
Aspasia Zontanou. Rezension vom 20.08.2009 zu: Jürgen Liechti: Dann komm ich halt, sag aber nichts. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 224 Seiten. ISBN 978-3-89670-674-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7534.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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