Ralf Eric Kluschatzka, Sigrid Wieland (Hrsg.): Sozialraumorientierung im ländlichen Kontext
Ralf Eric Kluschatzka, Sigrid Wieland (Hrsg.): Sozialraumorientierung im ländlichen Kontext. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 213 Seiten. ISBN 978-3-531-15557-9. 34,90 EUR.
Reihe: VS research - Forschung und Entwicklung in der Sozial(arbeits.
Thema
Das Buch geht der Frage nach, welche Werkzeuge Praktiker/innen der Sozialen Arbeit benötigen, um sozialraumorientiert denken und handeln zu können. Der Sammelband gliedert sich in die beiden Teile Theorien/Methoden und Beispiele des Good Practice
Autoren
Manuela Brandstetter Sozialarbeiterin und Soziologin, Dozentin am Studiengang Soziale Arbeit – Fachhochschule St. Pölten, Werner Freigang Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik und Hilfen zur Erziehung an der Hochschule Neubrandenburg, Martin Geser Lehrbeauftragter an den Fachhochschulen Voralberg und Joanneum/Graz, Peter Hämmerle Amt der Voralberger Landesregierung, Abteilung Gesellschaft und Soziales, Wolfgang Hinte Hochschullehrer für Sozialpädagogik der Universität Duisburg-Essen, Ralf Eric Kluschatzka Sozialarbeiter, Gertraud Panucek Professorin an der Fachhochschule St. Pölten, Studiengang Soziale Arbeit, Peter Panucek Leiter Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit an der Fachhochschule St. Pölten, Katrin Pollinger Sozialarbeiterin, Supervisorin, Lektorin an der Fachhochschule St. Pölten, Sandra Rostock Diplom-Sozialpädagogin Lehrbeauftragte an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln, Tom Schmid Leiter Sozialökonomische Forschungsstelle und Professor für Sozialpolitik an der Fachhochschule St. Pölten, Ursula Stattler Sozialarbeiterin, Sigrid Wieland Amt der Voralberger Landesregierung, Abteilung Gesellschaft und Soziales, Sabine Wolf Sozialarbeiterin
Herausgeber
- Ralf Eric Kluschatzka, Mag. (FH), ist als Sozialarbeiter für den NÖ Landesverein für Sachwalterschaft und Bewohnervertretung in St. Pölten tätig.
- Sigrid Wieland, Mag. (FH), ist Arbeitsassistentin bei der Firma „dafür“ gem. GmbH in Hohenems.
Entstehungshintergrund
Das Ilse Arlt Institut der Fachhochschule St. Pölten (A) hat sich in den vergangenen Jahren ausführlich mit Fragestellungen sozialräumlicher Arbeit in ländlichen Regionen beschäftigt. Während bisherige Publikationen zum Thema Sozialraumorientierung meist aus Deutschland stammten und sich schwerpunktmässig mit sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen in Städten befassten, beleuchtet das Buch sozialraumorientierte Soziale Arbeit auf dem Land. Der Sammelband enthält Beiträge zahlreicher Autor/innen aus verschiedenen Arbeitsbereichen der Sozialen Arbeit.
Aufbau …
Das Buch ist inhaltlich in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil werden theoretische Fragen zur Eigenheit ländlicher Strukturen und kommunaler Sozialpolitik, zur Organisation sozialer Arbeit unter der Prämisse Sozialraumorientierung und zum Thema Sozialmanagement als Instrument für Sozialraumorientierung diskutiert. Der zweite Teil widmet sich der aktuellen Praxis im ländlichen Kontext. In den Beträgen werden praktische Erfahrungen und eine breite Palette von Handlungsfeldern sozialraumorientierter Sozialer Arbeit im ländlichen Raum beschrieben.
… und Inhalt
Der erste Beitrag (Autor Wolfgang Hinte) gibt einen Überblick über Entstehung, Methoden und Arbeitsfelder der Sozialraumorientierung. Die theoretische Verortung kommt im stark subjektiv geprägten Artikel zu kurz. Leider werden die Aussagen im Beitrag nicht zum ländlichen Raum in Bezug gesetzt - so geht der letzte Teil des Artikels (Sozialraumorientierung in der Jugendwohlfahrt) ausschliesslich auf ein städtisches Umfeld ein.
Peter Pantucek stellt grundsätzliche Überlegungen zum Unterschied zwischen städtischen und peripheren ländlichen Räumen an. Der Autor betont, dass die Herausforderungen sozialräumlichen Arbeitens für beide Räume dieselben sind, wobei die Voraussetzungen sich durchaus unterscheiden können: z.B. Nähe der Entscheidungsträger/innen, kleinräumig strukturierte Zivilgesellschaft, schwere Erreichbarkeit spezialisierter Angebote, etc. im ländlichen Raum. Pantucek sieht die Kunst des sozialraumorientierten Arbeitens im ländlichen Raum darin, die Enge der Gemeinschaft zu nutzen und diese gleichzeitig tendenziell zu überschreiten.
Sandra Rostock befasst sich in Soziale Räume managen damit, wie Sozialraumorientierung zur Verbesserung der Lebenswelten dienen kann und welche Instrumente des Sozialmanagements sich eignen, eine professionelle sozialraumorientierte Arbeit sicherzustellen. Die Autorin bezieht sich nicht speziell auf den ländlichen Raum, sondern spricht immer von Quartier. Interessant wäre zu erfahren, wo denn die Herausforderungen des Sozialmanagements im ländlichen Raum sind, da doch von anderen Voraussetzungen ausgegangen werden muss als im städtischen Umfeld.
Tom Schmid befasst sich mit kommunaler Daseinsvorsorge ohne auf den Kontext ländlicher Gemeinden einzugehen.
Manuela Brandstetter beschreibt die kommunale Sozialpolitik aus der Perspektive von Bürgermeister/innen Niederösterreichs. Aufgrund der Befragung von Bürgermeister/innen kommt sie zum Schluss, dass die Ausrichtung am Sozialraum eine konsequente Orientierung am jeweils konkreten örtlichen Ansatzpunkt erfordert. Sie weist darauf hin, dass die Beratung ländlicher Kommunen keine Innovation im eigentlichen Sinne ist, sondern an die früheren Formen der Gemeinwesenarbeit (z.B. Settlement-Bewegungen der USA) anschliesst.
Mit der Situation von Frauen am Land eröffnet der Beitrag von Katrin Pollinger den zweiten Teil (Handlungsfelder und Erfahrungsberichte) des Buches. Mit anschaulichen Beispielen und Aussagen aus Interviews beschreibt die Autorin die oft schwierige Situation von Frauen auf dem Land.
Gertraud Pantucek fasst in ihrem Artikel Sozialraumorientierte Katastrophenhilfe Erfahrungen und Schlussfolgerungen eines Projektes zusammen, welches zum Ziel hatte, in drei von einem Hochwasser stark betroffen Gemeinden kollektive Bewältigungsprozesse zu ermöglichen.
Werner Freigang diskutiert Sozialraumorientierung am Beispiel der Hilfen zur Erziehung in Deutschland. Der Artikel passt besser in den ersten Teil, da es sich um eine theoretische Auseinandersetzung mit den Konzepten der Lebensweltorientierung bzw. der Sozialraumorientierung handelt.
Martin Geser und Peter Hämmerle beschreiben in Das Gegenteil der Vielfalt ist die Einfalt erfolgreiche sozialraumorientierte Handlungsansätze im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Sie zeigen die unterschiedlichen Erfahrungen mit den in den 1970-er Jahren konzipierten und unterschiedlich umgesetzten Sozialsprengeln und Sozialzentren auf.
Der Artikel von Sabine Wolf Sozialraumanalyse Triestingtal befasst sich mit den Erfahrungen der von ihr durchgeführten Sozialraumanalyse, welche zum Ziel hatte, in der Region situierte Problemlagen und Potenziale bezogen auf die Lebenswelt von Jugendlichen kennen zu lernen und ein Konzept für eine regionale, nachhaltige Jugendarbeit zu erstellen. Sie kommt zum Schluss, dass eine gelebte Sozialraumorientierung, die über die Sozialraumanalyse hinausgeht, wandelbare Organisationsformen benötigt, um auf veränderte Lebenswelten und zukünftige Herausforderungen reagieren zu können.
Im letzen Beitrag „Die Kirche im Dorf lassen“ geht Ursula Stattler auf unterschiedliche Aspekte sozialräumlicher Kurzinterventionen in Gemeinden ein. Für die Autorin liegen die Vorzüge einer Kurzintervention in der Stärkung zur Selbsthilfe, Wahrung der lokalen Expert/innenschaft und Selbstverantwortung sowie gezielte Know-how-Vermittlung.
Diskussion
Die Artikel weisen bezüglich Inhalt und Form sehr unterschiedliche Niveaus auf: Sehr gut zu lesende bis hin zu umständlich geschrieben. Im ersten Teil Wiederholungen, was den theoretischen Hintergrund des sozialräumlichen Ansatzes betrifft. Zudem wird hier zuwenig auf die spezifische Situation des ländlichen Raumes eingegangen, was aufgrund des Titels erwartet werden darf. Im zweiten Teil zeigen die Handlungsfelder und Erfahrungsberichte beispielhaft die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten sozialraumorientierter Methoden. Die meisten Artikel sind anschaulich und zeigen interessante Ansatzpunkte für sozialräumliches Arbeiten im ländlichen Kontext auf.
Fazit
Kurz gesagt: Nichts grundsätzlich Neues! Im ersten Teil wird das Buch dem Titel nicht gerecht, da in den meisten Artikeln zuwenig auf den ländlichen Kontext eingegangen wird. Dies ist wohl exemplarisch für den im Bereich der sozialwissenschaftlichen Fragestellungen immer noch lückenhaft erforschten ländlichen Raum.
Rezensentin
Beatrice Durrer Eggerschwiler
Hochschule Luzern, Soziale Arbeit. Projektmitarbeiterin Institut WDF
Kompetenzzentrum Regional- und Stadtentwicklung
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Zitiervorschlag
Beatrice Durrer Eggerschwiler. Rezension vom 09.06.2009 zu: Ralf Eric Kluschatzka, Sigrid Wieland (Hrsg.): Sozialraumorientierung im ländlichen Kontext. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 213 Seiten. ISBN 978-3-531-15557-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7547.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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