Anke Langner: Behindertwerden in der Identitätsarbeit
Anke Langner: Behindertwerden in der Identitätsarbeit. Jugendliche mit geistiger Behinderung - Fallrekonstruktionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 266 Seiten. ISBN 978-3-531-16296-6. 34,90 EUR.
Reihe: VS research - Gesundheitsförderung - Rehabilitation - Teilhabe.
Thema
Die Dissertationsschrift von Anke Langner richtet ihren Blick auf die Bedingungen des Aufwachsens einer besonderen Gruppe von Jugendlichen, die in unserer Gesellschaft als „geistig behindert“ gelten. Das Heranwachsen dieser Mädchen und Jungen ist durch sozio-ökonomische Rahmenbedingungen und damit verbundene Herausforderungen geprägt, die besonders sind. Der Forschungsfokus der Arbeit liegt auf der Analyse einer Dialektik von Geschlecht und geistiger Behinderung. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass sich die Kategorien „Geschlecht“ und „Behinderung“ in einem biopsychosozialen Kontext entwickeln und somit als sozio- ökonomisch-kulturelle Konstruktionen angesehen werden können. Anhand von Fallrekonstruktionen sollen das (geistig) Behindertwerden und die Aneignung von Geschlecht empirisch untersucht werden.
Aufbau und Inhalt
Innerhalb der Publikation wird eine Perspektive auf das Behindertwerden eröffnet, die sich auf die Disabiltiy Studies stützt. Behinderung wird als ein konstruiertes Produkt sozialer und kultureller Prozesse verstanden.
Im ersten Teil der Arbeit wird ein Verständnis von Identität und Identitätsarbeit dargelegt, welches diesen Teil der Persönlichkeit – unter Bezugnahme auf Bourdieu und Kaufmann – als Sinnaushandlungsinstanz (= Aushandeln zwischen individuellem und sozialem Sinn) versteht. Die kritische Diskussion der bestehenden Identitätskonzepte beschränkt sich dabei auf den psycho-sozialen (nach Goffman und Mead) und den interaktionistischen Ansatz (nach Erikson, Krappmann und Keupp). Der Rolle des Körpers kommt in der Betrachtung eine besondere Bedeutung zu: Identität und auch Körper werden von Langner als prozesshafte Aneigungskonstrukte beschrieben, welche sich über kulturelle Symbole entwickeln. Der Körper ist demzufolge aktiver Bestandteil des Selbst, über welchen ein reflexives Erfahren möglich wird (= direkte Beteiligung an der Identitätsarbeit). Bei der Zuschreibung einer geistigen Behinderung handelt es sich um ein Stigma, was über die „Verleiblichung sozialer Strukturen“ das Erleben des Behindertwerdens impliziert. Beim Verständnis von Geschlecht wird eine kategoriale Trennung zwischen weiblicher und männlicher Identitätsarbeit abgelehnt. Es geht vielmehr darum, Identitätsarbeit als die weibliche oder die männliche Arbeit am Ich infrage zu stellen. Dabei soll „Geschlecht“ in seiner Mehrdimensionalität untersucht und das Wechselverhältnis zwischen Geschlecht und Behindertwerden analysiert werden.
Der
Frage nach der Aushandlung von Geschlecht in der Identitätsarbeit
und dem Erleben des Behindertwerdens wird in einer qualitativen
Untersuchung über die Analyse des Aneignungsprozesses
nachgegangen. Hierzu wählt die Autorin als Basis die Grounded
Theory und stützt sich bei ihrer Datenerhebung auf teilnehmende
Beobachtungen, Videoaufnahmen und Interviews (=
Methodentriangulation). Es erfolgen Beobachtungen in zwei
Schulklassen einer Sonderschule. Mithilfe des Theoretical Samplings
werden zehn Fallrekonstruktionen ausgewählt; sieben der zehn
Fallrekonstruktionen sind SchülerInnen der Sonderschule mit dem
Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Drei weitere
Fallrekonstruktionen finden mit SchauspielerInnen eines integrativen
Theaterprojektes statt. Als Ergebnis erfolgt eine Generalisierung der
Beobachtungen und Fallrekonstruktionen; auf der Basis des Theoretical
Samplings und der Strukturrekonstruktion nach Oevermann werden
mittels Typenbildung vier differente Typen der Identitätsarbeit
bestimmt: Identitätsarbeit als Rückzug, abgesicherte
Identitätsarbeit, wechselhafte Identitätsarbeit und
offensive Identitätsarbeit. Vor dem Hintergrund dieser vier
variablen Identitätstypen wird eine erneute Generalisierung
vorgenommen im Rahmen derer Einflussfaktoren auf die Identitätsarbeit
der untersuchten Jugendlichen diskutiert werden (z.B. Anerkennung,
institutionelle Bedingungen, Gewalterfahrungen, Ressourcen).
Die
abgeleiteten Implikationen für die pädagogische Praxis
plädieren für eine Umstrukturierung der schulischen
Bedingungen: u.a. stärkere (Selbst)Reflexion der Pädagogen,
Stärkung der Eltern, gezielter Aufbau sozialer Kompetenzen,
aktive Integrationsarbeit).
Zielgruppen und Diskussion
Die Publikation hat ihren Fokus auf einem forschungsorientierten Zugang zum Konstrukt Geistige Behinderung. Als Leser sind hier demzufolge primär Wissenschaftler aus dem Bereich der Geistigbehindertenpädagogik und der Integrationspädagogik angesprochen. Während der Theorieteil der Arbeit mit ca. 70 Seiten relativ kurz gehalten wird, erhält der Leser einen differenzierten Einblick in das Forschungsvorgehen und die fallbezogenen Ergebnisse der Studie.
Besonders positiv fällt der verstehende Zugang auf, den die Autorin gegenüber dem Personenkreis von Jugendlichen mit dem Etikett einer „geistigen Behinderung“ wählt: Aufbauend auf der Sichtweise von Jantzen werden primär die sozialen Strukturen als zentrale Einflussgröße auf die Konstruktion von geistiger Behinderung und auf die Identitätsentwicklung der betreffenden Personen fokussiert. Der hiervon abgeleitete Blick auf das Behindertwerden bestätigt u.a. die Perspektive von Jantzen: „Das Behindertwerden wird in erster Linie durch die Aberkennung sinnvollen Handelns vermittelt“ (S. 251). Innovative Einsichten erhält der Leser hinsichtlich der Frage nach der Rolle des Geschlechtes im Kontext der Identitätsarbeit von Menschen mit so genannter geistiger Behinderung: Das Geschlecht kann als eine Art „Rettungsanker in der Identitätsarbeit dienen (…), weil die Orientierung an vordefinierten Rollen Sicherheit gibt“ (S. 252); aufgrund dessen fungiert es als mögliche Variable für eine Neukontextualisierung des Behindertwerdens. Wenngleich in der finalen Diskussion der Fallrekonstruktionen stellenweise apodiktische Aussagen vorgenommen werden, erfährt man als Leser dennoch interessante Details über Einflussfaktoren, Verarbeitungsstrategien und Prozesse der Identitätsarbeit von Jugendlichen mit der Zuschreibung einer geistigen Behinderung.
Fazit
Diese Veröffentlichung verkörpert einen der wenigen Forschungsbeiträge, welcher die Innenperspektive von Menschen, die in unserer Gesellschaft als „geistig behindert“ stigmatisiert werden, beleuchtet. Man erhält einen kleinen, aber unschätzbar wichtigen Einblick in die Denk- und Handlungsstrukturen von Menschen mit Behinderungserfahrungen und kann diese Erkenntnisse nutzen, um eigene Denk- und Handlungsschemata gespiegelt zu bekommen, zu reflektieren und ggf. zu modifizieren. Daher halte ich diese Arbeit für äußerst lesenswert. Aufgrund des differenzierten wissenschaftstheoretischen Bezugsrahmens der Autorin erreicht die Schrift leider sicher kaum Leser außerhalb des wissenschaftlichen Arbeitsfeldes. Gerade für Nicht-Wissenschaftler wären jedoch die Aussagen und Erkenntnisse der Arbeit eine Bereicherung.
Rezensentin
Prof. Dr. Saskia Schuppener
Universität Leipzig, Institut für Förderpädagogik, Abteilung Geistigbehindertenpädagogik
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Zitiervorschlag
Saskia Schuppener. Rezension vom 01.11.2009 zu: Anke Langner: Behindertwerden in der Identitätsarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 266 Seiten. ISBN 978-3-531-16296-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7550.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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