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Michael Isfort: Patientenklassifikation & Personalbemessung in der Pflege

Cover Michael Isfort: Patientenklassifikation & Personalbemessung in der Pflege. Grundlagen und Studienergebnisse. Monsenstein und Vannerdat (Münster) 2008. 302 Seiten. ISBN 978-3-86582-750-0. 25,80 EUR.

Reihe: MV Wissenschaft.

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Autor

Michael Isfort, geboren 1970, absolvierte von 1990-1993 eine Ausbildung als Krankenpfleger und studierte danach von 1995-1999 an der Katholischen Fachhochschule in Köln Pflegewissenschaft mit dem Abschluss Dipl.-Pflegewissenschafter. Seit 2000 ist er am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln tätig.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist die Dissertation zur Erlangung des Dr. rer. medic. Sie wurde unter dem Titel „Patientenklassifikationssysteme (PCS). Beiträge pflegerischer Leistungszahlen am Beispiel von Tätigkeitsdaten auf Intensivstationen – eine deskriptiv-explorative Studie“ nach Besuch des Doktorandenkollegs der Universität Witten-Herdecke angenommen. Hintergrund ist der allseits bekannte Strukturwandel in deutschen Krankenhäusern: Ausrichtung an den neuen Finanzierungssystemen, Personalstellenkürzung im Pflegebereich und Neuzuschneidung der Tätigkeitsbereiche der Mitarbeiter im therapeutischen Bereich. Ziel war die Entwicklung von Kennzahlen, die eine sinnvolle Personalbemessung ermöglichen. Durch entsprechende Patientenklassifikationssysteme soll das in Deutschland gängige Verfahren der Pflege-Personalregelung durch eine pflegerisch und finanziell sinnvolle Bemessung ersetzt werden.

Aufbau

Etwas ungewöhnlich und dem Status einer Dissertation geschuldet ist der Aufbau. Die Arbeit besteht aus drei relativ unabhängigen Teilen: einem analytischen, einem empirischen und einem konzeptionellen Teil. Als „analytisch“ bezeichnet der Autor die Recherche von Sekundärquellen bzw. Literatur zur Patientenklassifikation. Als „empirisch“ benennt er sein „analytisch-experimentelles“ Gewinnen von Daten im Intensivpflegebereich. Der „konzeptionelle“ Teil schließlich ist die Zusammenführung der Ergebnisse der ersten beiden Teile, um zu zentralen Erkenntnissen zu kommen.

Die Sprache ist insgesamt relativ einfach gehalten und erlaubt es auch nicht wissenschaftlich vorgebildeten Personen, die Arbeit zu verstehen. Die abschließenden sieben Maximen sind nachvollziehbar und bilden die Basis eines Messmodells, das zukünftig eingesetzt werden soll.

Die drei Teile der Arbeit werden in sechs inhaltliche Kapitel aufgeteilt; hinzu kommen ein Abstract, ein Vorwort und ein Anhang (Kapitel 7).

Inhalte

Der „analytische Teil“ umfasst die ersten vier Kapitel. Kapitel 1 „Grundpositionen und Überlegungen zur Arbeit“ enthält neben der Positionierung auch eine Beschreibung der Ausgangssituationen (1.3). Diese gibt dem Leser einen guten Überblick über die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten. Kapitel 1.3.1 „Rationierung im Pflegepersonalbereich“ – gemeint ist wohl die Rationalisierung – beschreibt den Rückgang der Zahl der Pflegekräfte und die daraus erwachsenden Folgen. 1.3.2 „Finanzierung des Krankenhaussektors“ – besser wäre Finanzierung der Pflege im Krankenhaus, die etwa 30% der Betriebskosten ausmacht – beschreibt die gesetzlichen Entwicklungen. Vom früher üblichen Selbstkostendeckungsprinzip und tagesgleichen Pflegesätzen hin zu den pauschalisierten Entgeltsystemen der Diagnosis Related Groups (DRG) und ihren Codierungen. In 1.3.3 geht es dann um die Neuordnung der Tätigkeitsbereiche im Krankenhaus. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Wandel weitgehend nach dem „try & error“-Verfahren (S. 33) – gemeint ist wohl „Trial & Error“, also Versuch und Irrtum – vollzogen wird.
Kapitel 2 mit dem wenig aussagekräftigen Titel „Einleitung“ beschreibt aus dem Personalmanagement bekannte Verfahren der Leistungsbemessung. Allerdings stehen die Zeitmessverfahren im Mittelpunkt; hier hätte man sich eine intensivere Auseinandersetzung mit den in der Wirtschaft eingesetzten Appraisals hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf den Krankenhauspflege gewünscht. Leider hat der Autor die Möglichkeit nicht genutzt, jenseits der im Gesundheitssystem bekannten analytischen Zeitmessmethoden auch andere Systeme auf ihre Einsatzfähigkeit zu prüfen. Dieses wäre spannend geworden.
Kapitel 3 ist die „Literaturarbeit“, für die der Autor nach eigenen Angaben 18 Monate aufgewandt hat. Neben der Auflistung der Datenbanken beschreibt er auch die quantitative Auswertung der Literatur mit SPSS; sicherlich ein nicht gewöhnliches wissenschaftliches Verfahren. Über den Sinn einer Randauszählung der Themen lässt sich sicherlich streiten. Es folgt dann eine sehr ausführliche Darstellung zahlreicher Klassifikationsverfahren, die der Autor gefunden hat. Eine Synopse fehlt allerdings.
Diese findet sich in Kapitel 4 „Typologie der Patientenklassifikationssysteme“, wobei die vier Generation noch etwas stärker ausdifferenziert werden (S. 142). Insgesamt kommt der Autor zu keiner guten Bewertung der vorhandenen PCS („weitestgehend theoriefrei“ S. 170).

Teil B „Empirischer Teil“ beschreibt relativ kurz die Datenerfassung und deren Auswertung. Es werden die üblichen Parameter der Randauszählungen, wie sie SPSS anbietet – beispielsweise Histogramme – wiedergegeben. Im Anschluss an die Darstellung der statistischen Auswertung werden die Ergebnisse diskutiert.

Teil C „Konzeptioneller Teil“ schließlich umfasst das Kapitel 6 „Schlussfolgerungen und Modellentwicklung“. Bei den zentralen Ergebnisse wird dafür plädiert, die Bemessung oder Steuerung von Personal durch Patientenklassifikationssysteme zu regeln. Interessant ist hierbei das empirische Ergebnis, nach dem nur 50% der Tätigkeiten direkt einem Patienten zugeordnet werden können (S. 235). Betriebswirtschaftlich sind also nur die Hälfte der Tätigkeiten unmittelbar einem Kostenträger (Patienten) zuzuordnen, die andere Hälfte sind Gemeinkosten. Leider geht der Autor auf diese äußerst wichtige Erkenntnis nicht ein, sondern stellt in seinen messtechnischen Überlegungen die genannten Maximen auf. In Kapitel 6.3 erfolgt dann die Entwicklung eines eigenen Messmodells für ein PCS.

Diskussion

Das Thema ist zweifelsohne relevant und interessant. Und es ist erschreckend, mit wie wenig personalwirtschaftlichem Know-how anscheinend – wenn man die Ausführungen des Autors folgt – ein riesiger Personalkostenapparat in den Krankenhäusern geführt wird. Ob das Messmodell des Autors hier Abhilfe schaffen kann und wird, muss später die Praxis zeigen.

Sehr hilfreich ist die umfängliche Darstellung der Finanzierungs- und Bemessungsmodelle, die zu einem guten Verständnis der Problematik beiträgt. Allerdings ist das Buch eher für den Wissenschaftler als für den Praktiker geeignet. Für die berufsständische und politische Diskussion müssten die Erkenntnisse deutlich verdichtet werden, um Gehör zu finden. Vermisst wird auch ein „Blick über den Tellerrand“: gerade in einer Dissertation hätte die Möglichkeit bestanden, Leistungsbemessungen und Leistungsbeurteilungen außerhalb des Gesundheitssektors auf ihre Eignung für diesen zu prüfen.

Fazit

Eine notwendige und durchaus interessante Forschungsarbeit. In der entsprechenden wissenschaftlichen Diskussion dürfte sie durchaus Beachtung finden. Für eine Umsetzung in der Praxis müssten die Ergebnisse und Erkenntnisse jedoch noch aufbereitet werden.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
Professor für Human Resource Management an der Fachhochschule Koblenz
RheinAhrCampus Remagen
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 30.09.2009 zu: Michael Isfort: Patientenklassifikation & Personalbemessung in der Pflege. Monsenstein und Vannerdat (Münster) 2008. 302 Seiten. ISBN 978-3-86582-750-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7556.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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