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Rahel Jünger: Bildung für alle?

Cover Rahel Jünger: Bildung für alle? Die schulischen Logiken von ressourcenprivilegierten und -nichtprivilegierten Kindern als Ursache der bestehenden Bildungsungleichheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 588 Seiten. ISBN 978-3-531-16047-4. 59,90 EUR.
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Thema

Dass der Bildungserfolg mit der sozialen Herkunft zusammenhängt, ist weitgehend bekannt. In dem Buch von Rahel Jünger wird nach den Ursachen für die Schwierigkeiten benachteiligter (oder wie es von der Autorin bezeichnet wird: nichtprivilegierter) Kinder beim Kompetenzerwerb und der Bildungsreproduktion gefragt. Hierfür wurden Interviews und Gruppendiskussionen mit 4.- und 5.-Klässlern geführt.

Autorin

Die Autorin, Rahel Jünger, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Pädagogischen Institut der Universität Zürich und Dozentin an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Bevor sie mit dieser Arbeit an der Universität Zürich promoviert wurde, war sie Lehrerin in verschiedenen Gemeinden der Schweiz.

Aufbau und Inhalt

Rahel Jünger gliedert das Buch in 12 Kapitel (inkl. Literaturverzeichnis). Diese sind folgendermaßen strukturiert:

  • In der Einleitung werden zunächst Entstehungshintergrund und Aufbau der vorliegenden Studie dargestellt. Die Autorin entwickelt ausgehend von ihrer langjährigen Tätigkeit als Lehrerin in verschiedenen Gemeinden das Erkenntnisinteresse ihres Dissertationsprojekts. Ebenso wird die Auseinandersetzung mit dem Werk Pierre Bourdieus als Inspiration beschrieben.
  • In Kapitel 2 wird das Problem der Abhängigkeit des schulischen Erfolgs von der sozialen Herkunft einführend erläutert. Es werden die gesellschaftlichen und individuellen Bedeutungen von Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb skizziert und in den Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit gebracht. Dabei werden u.a. biologische Argumentationsmuster zur Erklärung von Bildungsungleichheit in Frage gestellt.
  • Daraufhin werden die Erklärungsansätze aus Erziehungswissenschaft und Soziologie zum Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozioökonomischer und -kultureller Herkunft – und die bestehenden Lücken skizziert. In diesem 3. Kapitel wird theoretisch verdeutlicht, dass sowohl (Lern-) Voraussetzungen des Kindes durch seine familiäre Prägung als auch schulische Strukturen und Praktiken zur Erklärung von herkunftsbedingten Disparitäten im Schulsystem heranzuziehen sind. Als Desiderat wird u.a. formuliert, dass kaum Erkenntnisse über die Haltungen und Strategien der Kinder bezüglich Schule vorliegen, insbesondere in Bezug auf das subjektive Erleben von Schule. Diese Lücke soll durch diese Studie geschlossen werden.
  • In Kapitel 4 werden Vorgehen und Fragestellungen detailliert dargelegt. Zentrale Fragestellungen sind (1) wie die Logiken von privilegierten und nichtprivilegierten Kindern aussehen, (2) ob sich generelle Muster zwischen beiden Schülergruppen unterscheiden lassen, (3) ob in den schulischen Logiken der Kinder ähnliche Metastrukturen in Bezug auf die Habitusformen, wie sie Pierre Bourdieu in Frankreichs Klassen gefunden hat, auffindbar sind, (4) welche Erklärungen für Bildungsvererbung gewonnen werden können. Zusätzlich werden zwei weitere Aspekte unterschieden. Zum einen sollen die Belastungen, unter denen die unterprivilegierten Kinder aufgrund ihrer Erfolglosigkeit leiden, herausgestellt werden. Zum anderen soll nach (schul-) pädagogischen Möglichkeiten zur Unterstützung dieser Kinder gefragt werden.
  • Theoretische Grundlagen der vorliegenden Studie werden in Kapitel 5 dargelegt. Hierbei unterscheidet die Autorin den Bereich, in dem mit Bourdieu die außerschulischen Sozialisationsbedingungen der Kinder als Erklärung für die Privileg-Differenz theoretisch hergeleitet werden (Sozialer Raum und Habitus), von dem anderen Bereich, in dem die Schule im Spannungsfeld zwischen Erzeugung von sozialer Gleichheit und der (Re-) Produktion von sozialer Ungleichheit positioniert wird.
  • Nach der theoretischen Analyse der schulischen und außerschulischen Kontextbedingungen werden in Kapitel 6 wissenschaftstheoretische Grundlagen der bourdieuschen Forschung explizitdargestellt.Hier versucht Jünger ein bourdieusches Menschenbild herauszuarbeiten, indem sie die theoretischen Anleihen Bourdieus rekonstruiert (Strukturalismus, Phänomenologie, Konstruktivismus).
  • InKapitel 7 und 8 werden die Methoden der Datenerhebung (insbesondere Gruppendiskussionsverfahren) und die Methoden der Datenauswertung (in Anlehnung an Ralf Bohnsack, Phillip Mayring und die Grounded Theory)ausführlich dargestellt.
  • Das mit knapp 300 Seiten umfassendste Kapitel 9 stellt eine ausführliche Erörterung der Empirischen Ergebnisse dar. Hier werden die ressourcenspezifischen schulischen Logiken von privilegierten und weniger privilegierten Kindern gegenübergestellt. Die beiden ersten Fragestellungen werden hier beantwortet (siehe Kapitel 4).
  • Ausgehend von den empirischen Ergebnissen werden in Kapitel 10 Theoretische und reflexive Ergebnisse dargestellt und damit die übrigen Fragestellungen beantwortet. Die zuvor erörterten empirischen Ergebnisse in Bezug auf die schulischen Logiken werden nun mit den bourdieuschen Metastrukturen der Habitusformen konfrontiert, Erklärungen für die Bildungsvererbung abgeleitet, spezifische Belastungen nicht-privilegierter Kinder herausgestellt und nach praxisbezogenen Unterstützungsmöglichkeiten dieser Kinder gesucht.
  • Im letzten Kapitel Rückblick und Ausblick fasst Jünger jedes Kapitel kurz zusammen und formuliert Desiderate. Mit dem Literaturverzeichnis endet das Buch.

Ergebnisse

Es konnten kollektive ressourcenspezifische schulische Logiken herausgestellt werden. Diese existieren unabhängig von Schule und Gemeinde. Kinder aus benachteiligten Verhältnissen betonen eine existenzsichernde Funktion des Schulbesuchs. Sie haben das Leistungsprinzip, nach dem der Erfolg in der Schule und in der Zukunft in der eigenen Hand liegt, internalisiert. Dazu gehört auch ein funktionaler Lernbegriff, wonach Lernen die Vorbereitung für den späteren Beruf darstellt und nicht einfach des Lernens wegen oder gar zum Vergnügen geschieht. Dadurch resultiert ein außerordentlicher Druck, welcher zusätzlich durch die Eltern verstärkt wird, ohne dass die Familie Hilfestellungen anbieten könnte. Obwohl die benachteiligten Kinder die Schule als wichtig bezeichnen, fällt es ihnen ernorm schwer, einen Zugang zu den Lerninhalten zu finden. Nicht-privilegierten Kindern fehlt die Distanz, Schule oder Lehrkräfte kritisch zu hinterfragen.

Anders sieht es bei den privilegierten Kindern aus: Sie lernen mit Spaß, finden Schule sogar "cool". Sie können sich auf Hilfestellungen der Eltern verlassen und werden von der Familie ohne belastenden Leistungsdruck motiviert. An ihre eigene Zukunft haben sie relativ genaue, positive Erwartungen. Sie sind in der Lage, Lehrkräfte und Unterricht kritisch zu beurteilen, und treten Erwachsenen gegenüber selbstbewusst auf. Ein weiterer interessanter Unterschied zwischen den beiden Schülergruppen besteht darin, dass Benachteiligte in den Ferien die Schule vermissen, wohingegen dies für Privilegierte keineswegs zutrifft.

Das Thema dieser Arbeit ist ein überaus komplexes. Das wird spätestens dann deutlich, wenn aus den nachvollziehbaren, empirischen Befunden versucht wird, Praxisempfehlungen abzuleiten. Die Autorin diskutiert zu Recht, dass allein schon die Zielformulierung Schwierigkeiten bereitet. Soll versucht werden Chancengleichheit herzustellen oder sollen Mindestkompetenzen definiert werden? Sollen bestimmte Abschlussquoten anvisiert oder sollten in den Lehrplan Themen/Kompetenzen integriert werden, die für benachteiligte Kinder zugänglicher sind? Selbst dann, wenn man sich auf Zieldimensionen einigen würde, wäre es nicht leicht, daraus genaue Maßnahmen abzuleiten. Schul- und Bildungsreformen bleiben politische Prozesse.

Diskussion

Die insgesamt 588 Seiten wirken – selbst für eine Dissertation – sehr mächtig. Ein Blick in das 9-seitige Inhaltsverzeichnis, in welchem 11 Kapitel mit zahlreichen Unterkapiteln aufgelistet sind, bestärkt den ersten Eindruck. Allerdings gelingt es der Autorin durch Verweise (bspw. von der einzelnen Fragestellung auf die Seite, in der sie beantwortet wird und umgekehrt), mehrfaches Zusammenfassen und hilfreiche Tabellen letztlich doch, Übersicht und Verständlichkeit herzustellen. Den Leserinnen und Lesern wird durch eine intensive Verlinkung ein individueller Zugang ermöglicht, sodass je nach Interesse Passagen übersprungen werden können, ohne dass Wesentliches verloren geht (auch wenn dadurch ein hoher Grad an Redundanz produziert wird).

Insgesamt legt Rahel Jünger eine gelungene Studie vor, die insbesondere für Doktorandinnen und Doktoranden, die im Bereich qualitativer Bildungsforschung tätig sind und sich an dem Werk von Pierre Bourdieu orientieren, von großem Interesse sein kann. Ebenso sind die empirischen Befunde für Lehrkräfte und Lehramtsstudierende sowie für Schulsozialarbeiter von Bedeutung.

Fazit

Mit dieser Studie wird ein beachtlicher Beitrag zum Verständnis der Ursachen und Folgen sozialer Ungleichheit in der Schule geleistet. Der Autorin ist zu wünschen, dass ihr Buch – trotz des abschreckenden Umfangs und der zunächst sperrigen Struktur – auf breite Resonanz trifft.


Rezensent
Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani
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Zitiervorschlag
Aladin El-Mafaalani. Rezension vom 28.08.2009 zu: Rahel Jünger: Bildung für alle? Die schulischen Logiken von ressourcenprivilegierten und -nichtprivilegierten Kindern als Ursache der bestehenden Bildungsungleichheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-16047-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7569.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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