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Matthias Hamberger: Erziehungshilfekarrieren

Cover Matthias Hamberger: Erziehungshilfekarrieren - belastete Lebensgeschichte und professionelle Weichenstellungen. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2008. 412 Seiten. ISBN 978-3-925146-69-5. 21,50 EUR.

Reihe: Erziehungshilfe-Dokumentationen - Band 29. Praxis und Forschung.
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Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor, Jg. 1967, ist Diplompädagoge und seit 2007 Leiter der Jugendhilfereinrichtung „Martin-Bonhoeffer-Häuser“ in Tübingen. Nach seinem Studium der Sozialpädagogik arbeitete er zunächst in verschiedenen Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekten sowie in der ambulanten Erziehungshilfe. Er ist Co-Autor der vergleichenden Studie „Jugendhilfeleistungen“ (1998) und erarbeitete wichtige Arbeitsinstrumente im Bundesmodell-Projekt: „Integration und sozialräumliche Organisation der Erziehungshilfen“.

Vor dem Hintergrund seiner Forschungserfahrungen ist die vorliegende Dissertations-Arbeit (Uni Tübingen) als rekonstruktiv-qualitative Studie entstanden. Die untersuchten 28 Fälle lassen sich verstehen als eine besonders auffällige Gruppe innerhalb des allgemein vorfindbaren Spektrums von Lebensschicksalen in (aber auch vor und nach) Maßnahmen der Erziehungshilfen. „Es handelt sich um Kinder und Jugendliche, die zum Stichtag bereits vier bis zwölf Stationen in ambulanten und stationären Jugendhilfemaßnahmen durchlaufen hatten“ (S. 38).

Aufbau und Inhalt

Die 400 Seiten umfassende Arbeit ist in vier Teile gegliedert.

Bevor die Fallstudien in Teil III im Einzelnen ausgebreitet werden, gibt der Autor in Teil I einen fundierten Überblick zum Forschungsstand in Bezug auf Befunde und Untersuchungsstrategien, die sich mit Lebensverläufen junger Menschen in Einrichtungen der Erziehungshilfe befassen. Es wird zwischen einer biografieorientierten und einer interaktionsorientierten Perspektive unterschieden und insbesondere auf die „nicht-intendierten Nebeneffekte der Differenzierung“ (S. 21) im System der Erziehungshilfen hingewiesen.

Nach der Präsentation der Forschungsperspektive und verschiedener Karrieremodelle stellt der Autor in Teil II seine eigene Forschungsstrategie dar, die sich an einem „Modell der Weichenstellungen“ orientiert, demzufolge Entscheidungen wie auch unvorhergesehene Umstände einen normativ geprägten Biografieverlauf durchbrechen. Alle weiteren Entwicklungen und Phasen im Betreuungsverlauf sind von diesen „weichenstellenden“ Ereignissen beeinflusst, was ihre Bedeutung im Verlauf einer Erziehungshilfekarriere besonders verdeutlicht. Forschungsprozess, Felderschließung und Fallauswahl werden ausführlich dargestellt und begründet. Die Datenbasis der empirischen Untersuchung stellen Aktenanalysen und qualitative Interviews mit Jugendlichen und Fachkräften dar.

In ausführlichen Teil III werden die Fallrekonstruktionen dargelegt. Im Mittelpunkt - und gewissermaßen beispielgebend - steht die Analyse und Rekonstruktion des Falls Florian, dessen Erziehungshilfekarriere vom frühen Kindesalter bis ins junge Erwachsenenalter verfolgt wird. Der Junge „durchläuft“ in dieser Zeit neun (teil-)stationäre und sechs ambulante Maßnahmen. Neben der Aktenanalyse fließen Daten aus vier qualitativen Interviews in diese mehrperspektivische Fallanalyse ein. Im Verlauf der über 100 Seiten umfassenden Darstellung wechselt die Perspektive vom Jugendlichen auf die Fachkräfte. In der Zusammenfassung werden diese Perspektiven systematisch und phasenspezifisch aufeinander bezogen.
Aus dem qualitativ untersuchten Sample von insgesamt 10 Fällen werden im Folgenden vier weitere „Fallvignetten“ erarbeitet, wovon zwei wiederum auf mehrperspektivischen Interviews beruhen. Jede Fallanalyse schließt mit einer zusammenfassenden Feststellung kritischer Karriereeinflüsse ab. Als abschließende Bündelung „einflussreicher Faktoren“ werden das subjektive Erleben des Jugendlichen, seine Interaktion mit den Fachkräften sowie die institutionellen Bedingungen des Handelns und der Zusammenarbeit herausgestellt.

Die Arbeit schließt mit einer Untersuchung von Fehlerquellen und den daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen für die sozialpädagogische Praxis ab.

Diskussion

Die Arbeit stellt im Spektrum vergleichbarer Untersuchungen zur Analyse von Lebensläufen in Erziehungshilfe-Strukturen nach wie vor eine Seltenheit dar. Hamberger schreibt: „Man steht vor der erstaunlichen Tatsache, dass kaum jemand einen Überblick dazu hat, wie lange junge Menschen an einem neuen Platz verweilen, mit welchen Begründungen und Erwägungen Weiterverweisungen erfolgen und wie oft sich solche Wechsel aneinanderreihen.“ (S. 32). Es gibt nach wie vor sehr wenige Studien, die sich ernsthaft dieser anspruchsvollen Aufgabe zuwenden. Insofern ist der erste und vielleicht größte Verdienst dieser Arbeit, dass sie diese Lücke ein Stück weit auf hohem, fachlichen Niveau zu schließen beginnt.

Des Weiteren ist hervorzuheben, dass die explizit ausgearbeiteten Fälle vor dem Hintergrund eines großen Wissensfundus rekonstruiert werden: Ausgehend von einer repräsentativen Analyse (JULE 1998) wird das Feld systematisch und zunehmend tiefgehender erschlossen, um zuletzt die wichtigsten Aspekte im Lebensverlauf, die letztlich zu einer „Karriere“ führen, herauszuarbeiten.

Dabei stehen gewiss die Mängel der institutionalisierten Erziehungshilfe im Mittelpunkt der Kritik: Biografische Übergänge wurden nicht hinreichend fachlich begleitet und kommuniziert, lange wurde mit einer angemessenen Hilfestellung abgewartet, wenig erfahrene KollegInnen mussten schwierigste Fälle übernehmen… Hier bietet die Arbeit gewiss viele Ansatzpunkte für öffentliche und freie Träger, die Schlussfolgerungen ernst zu nehmen, was „Selbstreflexivität“, „Kenntnis der Lebensrealität“ sowie „Respektierung der Rechtsstellung des jungen Menschen“ aber auch was „Vernetzung“ und „alternative Lösungstrategien“ (S. 372 ff) anbetrifft. Insofern bietet die Arbeit - ausgehend von großer Praxisnähe und umfassendem biografischen Wissen - fundierte Erkenntnisse in Bezug auf die Stolperfallen innerhalb des Systems Erziehungshilfe.

Im Verlauf der Darstellung gerät das Grundkonzept der „Weichenstellungen“ etwas aus dem Blick. Hier hätte man sich vielleicht schlussfolgernd eine etwas deutlichere theoriegeleitete Zuspitzung gewünscht, zumal das Konzept viel versprechend ist. An etlichen Stellen wiederholen sich (durchaus wichtige) Gedanken und Argumentationsmuster. Dem Leser wird somit durchaus viel Geduld abverlangt, bis er die schlussendlichen Erkenntnisse schließlich ernten darf. Aber vielleicht ist dies wiederum nur eine Klage dessen, der in der Hektik der Zeit immer weniger dazu kommt, sich mit einem klaren Kopf der Vielschichtigkeit einer lebensprägenden Hilfekarriere reflexiv und zukunftsbezogen zuzuwenden. Hierzu gibt die vorliegende Arbeit hervorragend Gelegenheit.

Fazit

Vor dem Hintergrund einer sehr breiten, gründlich recherchierten Datenbasis werden einzelne biografische Fallanalysen akribisch herausgearbeitet. Die Arbeit setzt ihren Anspruch, zu klären, wie Erziehungshilfekarrieren tatsächlich entstehen, voll um. Aus der Vielfalt der Einzelbeobachtungen werden einige zentrale Wirkungszusammenhänge herausgearbeitet, die der Entstehung einer Erziehungshilfekarrieren zuarbeiten oder eine solche möglicherweise auch verhindern können.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 22.08.2009 zu: Matthias Hamberger: Erziehungshilfekarrieren - belastete Lebensgeschichte und professionelle Weichenstellungen. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-925146-69-5. Reihe: Erziehungshilfe-Dokumentationen - Band 29. Praxis und Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7577.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


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