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Sigrid Ebert (Hrsg.): Die Bildungsbereiche im Kindergarten

Cover Sigrid Ebert (Hrsg.): Die Bildungsbereiche im Kindergarten. Orientierungswissen für Erzieherinnen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. 215 Seiten. ISBN 978-3-451-32225-9. 16,95 EUR.

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Thema

Das vorliegende Buch soll praktische Hilfe geben, wie die Bildungs- und Erziehungspläne der einzelnen Bundesländer umgesetzt werden können. Die Autorinnen und Autoren wollen Orientierung geben, wie die gesellschaftlichen Erwartungen an den Bildungsort Kindergarten mit dem Recht des Kindes auf individuelle, altersgemäße und an seiner Lebenswelt orientierte Förderung ausbalanciert werden können.

Herausgeberin

Sigrid Ebert war lange Jahre Vorsitzende des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes und Leiterin der Abteilung Aus- und Weiterbildung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin. Sie engagiert sich in verschiedenen Gremien für die Professionalisierung der pädagogischen Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage des Buches ist 2003 erschienen, noch ganz aktuell im Hinblick auf die diskutierten PISA-Ergebnisse. Inzwischen gibt es in allen Bundesländern Bildungs- bzw. Erziehungspläne für Kindertageseinrichtungen, so dass eine aktualisierte und überarbeitete Neuauflage erschienen ist. Dabei wurde ein Beitrag von Daniela Braun zum kreativen Gestalten neu aufgenommen.

Aufbau

Neben dem Vorwort sind zehn Aufsätze von verschiedenen Autorinnen und Autoren enthalten, darüber hinaus gibt es ein Kapitel mit Basisliteratur zum Thema und Angaben zu den einzelnen Verfasser/innen der Aufsätze.

Vorwort

Im Vorwort geht Sigrid Ebert auf zwei wesentliche Problemfelder ein. Zum einen ist es die mangelnde finanzielle Ausstattung der Kindertageseinrichtung bei einem hohen Erwartungsdruck. Zweitens zeigt sie Widersprüche in den Bildungsplänen bzw. –programmen der Länder auf, die zwar einen ganzheitlichen Bildungsansatz beanspruchen, aber dann einen curricularen Lernansatz mit Bildungsbereichen favorisieren, der eher die Kernfächer der Schule widerspiegelt, als ganzheitlich zu sein. Im vorliegenden Buch geht es um einen humanistischen Bildungsbegriff, der vorwiegend die Perspektive der Kinder und die Eigentümlichkeit frühkindlicher Bildungsprozesse vertritt. Die im Buch vorgestellten Bildungsbereiche sollen als Orientierungswissen den Erzieherinnen und Erziehern bei der Steuerung und Moderierung pädagogischer Prozesse und bei der Stärkung ihrer Dialogfähigkeit helfen.

Gerd E. Schäfer: Wahrnehmen, Gestalten, Denken. Aisthetische Erfahrung als Grundlage frühkindlicher Bildung

Der Autor stellt seinen Ansatz der aisthetischen Bildung vor, wo das Kind unterstützt werden soll, sich seine Wahrnehmungswelt mit allen Sinnen zu erschließen, sie zu differenzieren und zu strukturieren. Dabei hebt er die Bedeutung der konkret-sinnlichen Erfahrung und der emotionalen Wahrnehmung hervor und beschreibt die Entwicklung der Vorstellungswelt und Fantasie. Das Spielen, Fantasieren und Gestalten sind dabei wichtige Prozesse, die durch eine kinderfreundliche Umwelt unterstützt werden müssen. Auf dieser Basis entwickelt der Autor zwölf Thesen zur Bedeutung einer basalen aisthetischen Bildung.

Julia Schneewind: Die Welt erschließt sich auch über Gefühle. Zur Entwicklung emotionaler Kompetenzen im Kindergarten

Zunächst betrachtet die Autorin die emotionale Bildung im Kontext des neuen Bildungsbegriffs. Ein Ziel der emotionalen Erziehung sollten zufriedene, in sich ruhende kleine und große Menschen sein. Im Abschnitt über die emotionale Kompetenz geht sie auf die Bedeutung von Selbstwirksamkeitserfahrungen, die Rolle der Bewusstheit über den eigenen emotionalen Zustand und das Verständnis der eigenen Emotionen und der Gefühlszustände anderer ein. Als beste Prophylaxe gegen die Entstehung von Aggressivität sieht die Autorin die Vermittlung von Einfühlungsvermögen und die intensive Auseinandersetzung mit Befindlichkeiten an. Es werden verschiedene Themen der emotionalen Bildung angedeutet, wie z. B. Körpergefühle und Sinneswahrnehmung. Beständige und liebevolle Beziehungen bilden die Grundlage seelischer Gesundheit.

Sigrid Ebert: Ich, du, wir und die Anderen. Soziale Bildung im Kindergarten

Soziales Verhalten erwerben Kinder weniger durch spezielle Förderprogramme, sondern durch konstruktive soziale Erfahrungen und eine unterstützende Erziehung in der Familie und in der Kindertageseinrichtung, so die Ausgangsthese der Autorin. In kurzen Abschnitten geht sie auf die Entwicklung der Vorstellungskraft, der Empathiefähigkeit und die soziale Bildung als Bedeutungsbildung ein. Anschließend werden die Beziehungsqualität zwischen Kind und Erzieherin bzw. Erzieher und die Bedeutung der Gleichaltrigen betrachtet. Dem autoritativen Erziehungsstil wird dabei der Vorrang eingeräumt. Die Autorin betont, dass es nicht nötig ist, spezifische Möglichkeiten zum sozialen Lernen zu schaffen, vielmehr geht es darum, unterschiedliche Beziehungserfahrungen mit Gleichaltrigen, jüngeren und älteren Kindern und Erwachsenen zu ermöglichen und Kinder ernst zu nehmen, sie an Entscheidungen zu beteiligen.

Renate Zimmer: Lernen durch Wahrnehmung und Bewegung. Grundlagen der Bewegungserziehung

Bewegung ist ein wichtiges Medium der Erfahrung und Aneignung der Wirklichkeit, verbunden mit vielfältigen Gelegenheiten für eine ganzheitliche Bildung. Die Bedeutung der Bewegungserziehung wird kurz unter folgenden Gesichtspunkten beleuchtet:

  • aus anthropologischer Sicht
  • aus entwicklungspsychologischer,
  • lernpsychologischer und neurophysiologischer,
  • sozial-ökologischer,
  • gesundheitspädagogischer Sicht und
  • aus der Sicht der Unfallprävention und Sicherheitserziehung.

Durch Bewegungserziehung können den Kindern Erkenntnisse in den Bereichen Körpererfahrungen, Materialerfahrungen, Selbsterfahrungen und Sozialerfahrungen ermöglicht werden. Als didaktische Prinzipien bei der Bewegungserziehung stellt die Autorin heraus: Kindgemäßheit, Offenheit, Freiwilligkeit, Erlebnisorientiertheit und Sinnhaftigkeit, Entscheidungsfreiheit und Selbsttätigkeit. Schlussendlich wird von der Autorin die Bewegung selbst als „pädagogisches Prinzip“ definiert.

Michaela Ulich: Literacy und sprachliche Bildung im Elementarbereich

Die frühe Förderung von Literacy wird von der Autorin als Möglichkeit gesehen, die Lese- und Sprachkompetenz von Kindern und Jugendlichen auf ein höheres Niveau zu heben und gleichzeitig zur Chancengleichheit beizutragen. Dabei wird von ihr Literacy als Sammelbegriff angesehen für kindliche Erfahrungen und Kompetenzen rund um die Buch-, Erzähl-, Reim- und Schriftkultur (S. 87), welche sie als wichtigste Grundlagen für den Schulerfolg und die Bildungslaufbahn ansieht. Besondere Lernchancen werden in der Bilderbuchbetrachtung gesehen, besonders dann, wenn sie als Dialog gestaltet ist, der das Kind bzw. die Kinder aktiviert. Ein weiterer wichtiger Beitrag wäre die schriftliche Dokumentation von Erzählungen der Kinder, am besten in der Form von kleinen Büchern oder in der Dramatisierung als Bühnenstück. In einem weiteren Abschnitt des Aufsatzes werden Literacy-fördernde Räume und Rituale benannt. Die systematische Beobachtung der Sprachentwicklung und Literacy ist mit Hilfe des Sismik-Beobachtungsverfahrens für Migrantenkinder und mit Hilfe des Seldak-Verfahrens für deutschsprachig aufwachsende Kinder möglich. Beide Verfahren werden kurz vorgestellt. Weiterhin benennt die Autorin wesentliche Kompetenzen, die Kinder im Vorschulalter bzw. im Übergang zur Schule erwerben sollten.

Daniela Braun: Schöpferisch denken, innovativ handeln. Ganzheitliche Bildungsentwicklung durch Kreativitätsförderung

Am Beginn des Aufsatzes steht eine Beschäftigung mit dem Begriff der Kreativität als Lebensgestaltungskompetenz. Dabei äußert sich Kreativität nicht nur in Bastel- und Malaktivitäten, sondern vor allem im Problemlösen, was aber laut Autorin in den Kindergärten noch zu wenig berücksichtigt wird. Sie fordert ein Umdenken weg von Einzelaktivitäten und Angeboten hin zu Projektarbeit, Lernwerkstätten und Kinderateliers. Dabei ist eine kreativitätsfördernde Haltung der Erzieher/in ebenso notwendig wie das Durchdenken der Raumgestaltung und des Umgangs mit Materialien. So kann eine kreative Bildungskultur aufgebaut werden, die nicht durch eine Vermittlungsdidaktik geprägt ist, sondern durch eine handlungsorientierte, kreativitätsorientierte Didaktik, bei der die fünf Phasen kreativer Prozesse moderiert werden.

Johannes Beck-Neckermann: Die Welt zum Klingen bringen. Das musikalische Spiel als Bildungserfahrung

Grundlegend wird vom Autor eine Haltung gefordert, die Kinder als Klangforscher und Musikgestalter im Spannungsfeld von wahrnehmenden Entdecken und gestaltendem Handeln anerkennt. Dabei werden grundlegende Bildungsprozesse angesprochen wie: Wahrnehmen und Entdecken, Empfinden und Spüren, Erkennen und Verstehen, sich Ausdrücken und Mitteilen, Kommunizieren und Interagieren, Erschaffen und Bewirken. Der Autor führt vier Themenfelder des musikalischen Forschens und Gestaltens an und favorisiert Musik-Werkstätten und Musik-Ateliers.

Norbert Neuß: Orientierung an der kindlichen Lebenswelt. Medienbildung in der frühen Kindheit

Der Autor stellt sechs Bereiche frühkindlicher Medienbildung vor:

  1. Medien als Erfahrungsspiegel,
  2. Medien zur Sensibilisierung der Sinne,
  3. Medien als Erinnerungshilfe,
  4. Die Medien durchschauen,
  5. Medien als Bildungsmaterial,
  6. Medienbildung als kooperative Erziehungsaufgabe.

Gisela Lück: Warum ist der Himmel blau? Naturwissenschaftliche Bildung und Erziehung

Ausgehend von einem Blick in die Geschichte und verschiedenen Wellen von Naturwissenschaftseuphorien fordert die Autorin einen besonnenen Umgang mit den Bestrebungen, naturwissenschaftliche Bildung im Kindergarten zu etablieren und früher Verschulung zu entgehen. Sie betont, dass die Phänomene der unbelebten Natur gegenwärtig in der Pädagogik zu kurz kommen. Anschließend folgt ein Überblick über die naturwissenschaftlichen Inhalte der Bildungsvereinbarungen bzw. –pläne. Als Zugang zu Naturphänomenen wird das Experimentieren hervorgehoben. Die Autorin führt Kriterien für die Auswahl von Experimenten an und benennt deren Potential für die Unterstützung der sprachlichen Entwicklung der Kinder, wenn z. B. das Experiment in eine Geschichte eingebettet ist. Sie fordert, dass Kinder früher an naturwissenschaftliche Phänomene herangeführt werden, sei doch die Piagetsche Stadientheorie widerlegt. Es werden eigene Untersuchungsergebnisse hinsichtlich Akzeptanz, Erinnerungsfähigkeit und Langzeitwirkung dargestellt.

Klaus Hasemann: Ordnen, Zählen, Experimentieren. Mathematische Bildung im Kindergarten

Zunächst beschreibt der Autor, wie sich das mathematische Verständnis und die Zählfähigkeit bei Kindern entwickeln. Kurz wird ein Test zur Zahlbegriffsentwicklung vorgestellt. Das Ziel der mathematischen Bildung im Kindergarten sollte das Sammeln eigener, sinnlicher Erfahrungen bei den Kindern bis drei Jahren sein. Später sollten diese Erfahrungen vertieft werden. Der Autor nennt Beispiele für die Umsetzung: Vergleichen, Klassifizieren, Ordnen, Invarianz und Eins-zu-eins-Zuordnungen, Mengen erfassen, Arbeit mit Montessori-Material, ein Projekt zum Aufbau des Zahlbegriffs und eine mathematische Projektwerkstatt. Für Kinder mit einem deutlichen Rückstand in der Zahlbegriffsentwicklung wird ein niederländisches Förderprogramm empfohlen.

Diskussion

Zunächst war ich beim Lesen des Buchtitels skeptisch: Noch ein Buch, dass den schulischen Bildungsgedanken in den Kindergarten tragen will? Aber so ist das Buch über weite Teile nicht gemeint, sagt doch auch der Untertitel, dass es sich um Orientierungswissen für Erzieher/innen handeln soll. Aufgrund der Fülle der Beiträge wird jeweils ein Überblick über die einzelnen Themen gegeben, eine zu detaillierte Sicht ist gar nicht möglich.

Zehn Aufsätze von bekannten Autorinnen und Autoren zur frühkindlichen Pädagogik in einem Band, das verspricht reichhaltige Erkenntnisse und die Wiederentdeckung von bereits Bekanntem. Es werden vielfältige Aspekte der aktuellen Bildungsdiskussion im Kindergarten gestreift und Erklärungen für die derzeitige Perspektive auf Kinder gegeben. Obwohl hier praktische Hilfe bei der Umsetzung der Bildungspläne bzw. Erziehungsprogramme versprochen wurde, wird dies für Menschen, die ein Rezeptbuch erwarten, weniger stark realisiert, zumindest nicht in allen Teilen. Für mich fand ich den Abschnitt von Michaela Ulich besonders anregend, im welchem sie die mündliche Sprache mit der Sprache in Bilderbüchern vergleicht und so aufzeigt, dass eine schriftlich festgehaltene Sprache in Büchern wesentlich reichhaltiger ist.

Demgegenüber scheint mir die Überarbeitung des Artikels zum Medienwissen noch nicht so ganz gelungen: Welcher Kindergarten arbeitet heutzutage noch mit Glas-Dias und Tonbandgeräten? Doch wohl eher mit Overheadprojekttoren, Digitalkameras und Diktiergeräten, oder? Dass es in Kindergärten kaum Computer gibt, entspricht auch nicht meinen Erfahrungswerten, hier hat sich in den letzten drei Jahren viel verändert.

Warum wird ein niederländisches Förderprogramm von 1995, das noch nicht einmal in Deutschland erschienen ist, zur Förderung des Zahlenbegriffsverständnisses empfohlen? Das dürfte für Erzieherinnen und Erzieher nicht zugänglich sein.

Aus meiner Sicht hat sich der Anspruch nach Orientierungswissen erfüllt. Die Gestaltung der Bildungsprozesse wird meist unter den Gesichtspunkten der Selbstbildung, der Eigenaktivität der Kinder und der Angebote der Erwachsenen, die aber keine Angebotspädagogik, sondern vorrangig Beziehungsangebote darstellen, betrachtet.

Fazit

Wer orientierendes und überblicksartiges Wissen über die gegenwärtige Sicht auf frühkindliche Bildungsprozesse erlangen möchte, erhält hier überblicksmäßig zusammenfassende Erkenntnisse.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Sozialwesen
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 28.01.2010 zu: Sigrid Ebert (Hrsg.): Die Bildungsbereiche im Kindergarten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. 215 Seiten. ISBN 978-3-451-32225-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7583.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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