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Ingo Niehaus: [...] Bildungskarrieren türkischstämmiger Migrantenkinder

Ingo Niehaus: Grenzgänger. Geglückte Bildungskarrieren türkischstämmiger Migrantenkinder. Tectum-Verlag (Marburg) 2008. 167 Seiten. ISBN 978-3-8288-9804-2. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag - Reihe Sozialwissenschaften - Band 13.

Thema und Hintergrund

Würde es den türkeistämmigen Migrantenkindern gelingen, einen annähernd ähnlichen Bildungserfolg zu erreichen wie die gleichaltrigen einheimischen Kinder, hätte sich eine solche Arbeit wie die vorliegende sicherlich erübrigt.

Nach wie vor verlassen etwa 20 Prozent von ihnen die Schule ohne Abschluss, fast die Hälfte erreicht nur den Hauptschulabschluss und nicht einmal 10 Prozent erlangen die Hochschulreife, während die Abiturentenquote bei deutschen Jugendlichen über 30 Prozent beträgt.

In der vorliegenden, ursprünglich als Diplomarbeit verfassten, Publikation greift Ingo Niehaus dieses gesellschaftspolitisch skandalöse Bildungsproblem auf, richtet sein Augenmerk insbesondere auf die „geglückten Bildungskarrieren“ und sucht nach deren subjektiven Erklärungsmustern und Ursachen. Die Grundlage bilden dabei zehn leitfadengestützte qualitative Interviews. Der Autor fragt hauptsächlich danach, wie Bildungserfolge auch in bildungsfernen Familien gelingen können.

Autor

Ingo Niehaus ist Soziologe und zur Zeit beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft e.V. im Bereich der Benachteiligtenförderung tätig. Er arbeitet darüber hinaus als Honorardozent an der Philipps-Universität Marburg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht neben einem Inhaltsverzeichnis, einem zehnseitigen Literaturverzeichnis und einem zwölfseitigen Anhang am Ende aus sieben Kapiteln.

In der Einleitung erläutert Niehaus zunächst seinen Zugang zum Thema, indem er einige, türkische Migranten in Deutschland betreffende, aktuelle Gesichtspunkte und Zahlen aufgreift. Dann skizziert er denForschungsstand zum Thema und die der Arbeit zugrunde liegenden Fragestellungen sowie den Aufbau der Arbeit.

Im 2. Kapitel mit dem Titel Migration, Integration und Bildung in Deutschland werden empirisch relevante Daten überMigranten in Deutschland und über die Erwerbsbeteiligung und den sozioökonomischen Status sowie über Bildung als „Integrationsbilanz der Migranten in Deutschland“ vorgestellt, bevor auf die Gründe für schulischen Misserfolg und für Bildungserfolg bei Migrantenkindern eingegangen wird.

Den Bildungserfolg aus soziologisch-theoretischer Perspektive behandelt Niehaus im 3. Kapitel unter Rückgriff auf Pierre Bourdieu. Er stellt Bourdieus Theoriekonzept, bildungssoziologischen Ansatz und Entwurf einer „Rationalen Pädagogik“ vor und reflektiert Bourdieus bildungssoziologische Analysen.

Das 4.Kapitel ist der Planung und Durchführung der Datenerhebung gewidmet. Niehaus stellt hier die methodischen Grundlagen seiner Untersuchung vor, indem er zunächst seine Entscheidung für die Wahl der qualitativen Forschungsmethode, des problemzentrierten Interviews begründet, dann den Forschungsprozess beschreibt.

Darauf folgt die Ergebnisdarstellung der durchgeführten Studie. Und zwar erfolgt diese im Hinblick auf Gemeinsamkeiten aller Befragten, Ressourcen (Erziehung, Stellenwert von Bildung im Elternhaus, Geschwister, Verwandtschaft, Freundeskreis und kulturelles Kapital), Sprache, Identität, Schule (Schullaufbahn und schulische Förderung), Persönlichkeit, soziale Kosten/ Diskriminierungserfahrung und die bildungserfolgreiche türkischstämmige Frau in Deutschland. Niehaus thematisiert am Ende dieses Kapitels die Grenzen des Erklärungsmodells sowie die Anwendung der theoretischen Grundlagen auf den Untersuchungsgegenstand.

Im 6. Kapitel geht es um die Bildung von folgenden vier Typen:

  1. „Die statusreproduzierenden Akademikerkinder“,
  2. „die leistungsorientierten Bildungsaufsteiger“,
  3. „die orientierungssuchenden Grenzgänger“, die bei ihrer erfolgreichen Bildungskarriere einen Umweg über die Schulformen Haupt- und Realschule gegangen sind, und
  4. „die eigenverantwortlichen Bildungsspringer“, ein Bildungstypus, den „ein hoher Grad an Eigenverantwortung für die Schulkarriere, kombiniert mit einem relativ geringem Maß an Bildungskapital im Herkunftsmilieu“ (S. 130) auszeichnet.

Die Arbeit schließt mit einem Fazit und Ausblick. Die Schlussfolgerungen des Autors hierbei lassen sich wie folgt zusammenfassen: Es gibt eine große „verdeckte Mittelschicht“. „Auf der einen Seite stehen ... die Vielen, die in traditionellen Wertmaßstäben verhafteten, die Stehengebliebenen, die Abgehängten, die Erfolglosen, nie in Deutschland Angekommenen, die in ihrer abgeschotteten Parallelwelt Lebenden. Auf der anderen Seite sind die Menschen des Aufbruchs, des Umdenkens und des Erfolgsstrebens zu finden. Sie nutzen die Möglichkeiten der Moderne; sie trauern der alten Zeit keine Träne nach und gehen neue Wege, finden neue Identitäten, entdecken neue Möglichkeiten. Die von mir Interviewten befinden sich auf dieser letztgenannten Seite.“ (S. 142)

Fazit

Das Unterfangen von Ingo Niehaus gleichzeitig den Ansatz einer differenzierten Sichtweise auf die in Deutschland lebenden Muslime aufzunehmen und Beispiele für Bildungs-, damit Integrationserfolge türkischstämmiger junger Migranten in Deutschland vorzustellen, muss anerkennend gewürdigt werden. Abgesehen von wenigen Flüchtigkeitsfehlern (so wird sich der Interviewte Erkan möglicherweise ärgern, dass er in der Tabelle auf Seite 63 als weiblich aufgeführt wird) zeigen seine sprachlich klaren Ausführungen, dass hohe Bildungsambitionen in den sog. bildungsfernen Lebenswelten durchaus verbreitet sind, und bestätigen zudem viele Erfahrungen in Deutschland z.B. mit griechischen, spanischen und vietnamesischen Migrantenkindern, dass Migrationshintergrund und Bildungserfolg miteinander vereinbar sind. Kluge Bildungsentscheidungen der Betroffenen und aktive Gestaltung der eigenen Biografie sind dabei für den Bildungserfolg von entscheidender Bedeutung. Damit aber noch mehr Eltern und junge Menschen dies leisten können, sind weitertreibende Fragen hinsichtlich der Entwicklung von Fördermöglichkeiten für Eltern und junge Menschen im Elementarbereich genauso wie im schulischen und außerschulischen Bereich notwendig, die noch immer viel zu wenig zur Sprache kommen.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/goegercin.html
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 27.05.2009 zu: Ingo Niehaus: [...] Bildungskarrieren türkischstämmiger Migrantenkinder. Tectum-Verlag (Marburg) 2008. 167 Seiten. ISBN 978-3-8288-9804-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7598.php, Datum des Zugriffs 06.09.2010.


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