Antonius Hansel, Ilona Katharina Schneider (Hrsg.): Bildung im Kindergarten
Antonius Hansel, Ilona Katharina Schneider (Hrsg.): Bildung im Kindergarten. Förderkonzeption der Arbeitsgruppe Frühpädagogik an der Universität Rostock. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2008. 256 Seiten. ISBN 978-3-8255-0722-0. 24,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
Reihe: Schulpädagogik - Band 9.
Thema
Der vorliegende Rahmenplan für die Arbeit in Kindertagesstätten Mecklenburg-Vorpommerns soll in verschiedenen Lernbereichen die Basis für ein kontinuierliches Heranführen von Kindern an den grundschulischen Anfangsunterricht darstellen und ein Instrument zur individuellen Förderung eines jeden Kindes sein.
Herausgeberin und Herausgeber
- Prof. Dr. Toni Hansel ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Rostock.
- Prof. Dr. Ilona Katharina Schneider arbeitet als Professorin für Grundschulpädagogik und Didaktik des Sachunterrichts am Institut für Schulpädagogik der Universität Rostock.
Entstehungshintergrund
Das vorliegende Buch, welches 2007 verfasst und 2008 veröffentlicht wurde, bezeichnen die Herausgeber/innen als Rahmenplan, der auf Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren abzielt. Die Notwendigkeit für diesen Rahmenplan hat sich für sie aus der Ausweitung des Bildungsauftrags auf diese Altersjahrgänge ergeben. Forschungen zur Förderqualität der frühpädagogischen Einrichtungen haben ebenfalls eine Optimierung nahe gelegt.
Aufbau
Das Buch ist in 6 Kapitel gegliedert, der siebente Abschnitt gibt Hinweise für weiterführende Literatur.
Inhalte
1. Vorwort. Im Vorwort werden die beteiligten Mitglieder der Arbeitsgruppe Frühpädagogik vorgestellt, so neben den Beteiligten aus der Universität auch 3 Vertreterinnen aus Kindertagesstätten, die für die Verknüpfung mit der pädagogischen Fachpraxis gesorgt haben.
2. Bildung im Kindergarten. Hier
wird betont, dass frühpädagogische Einrichtungen den drei
Schwerpunkten „Erziehung – Betreuung – Bildung“
verpflichtet sind und der „planvollen Kontur durch Pädagogik
und Didaktik“ (S. 15) bedürfen. Der Rahmenplan dient der
Erfassung der kindlichen Entwicklung und der Vorbereitung der Kinder
auf die Schule, wobei diese normierte Aufgabe mit den Lerninteressen
der Kinder verknüpft werden soll.
Zum
Bildungsverständnis wird weiterhin formuliert, dass
frühpädagogische Förderung der grundschulischen
Bildung zwar den Boden bereitet, ihr aber nicht vorgreifen darf.
Im Kapitel werden die emotionale, die kognitive, die soziale
sowie die körperliche und motorische Entwicklung der Kinder bis
zum Schuleintritt dargestellt.
3. Pädagogische
Konzeptualisierung frühkindlicher Bildung. Es wird
klargestellt, dass frühpädagogische Förderung darauf
abzielt, das Lernen zu unterstützen, Erziehung zu gewährleisten
und Bildung zu sichern. Bildungsziele, die durch Förderung
erreicht werden sollen, sind: personale, soziale, kognitive,
motorische, körperliche und alltagspraktische Fähigkeiten.
Pädagogische Fachkräfte sollen Schlüsselerfahrungen
bei den Kindern herbeiführen, damit Lernsituationen Hafttiefe
erlangen. Dabei sollen Sachzusammenhänge unter lebensweltlichen,
didaktischen und lernpsychologischen Gesichtspunkten ausgewählt
werden.
Ausgangspunkt für die Arbeit in den
Kindertagesstätten ist eine an den Zielen orientierte
Verhaltensdiagnostik, auf deren Basis dann eine stabile Lernhaltung
angebahnt und gefestigt sowie die kindliche Spielhaltung
weiterentwickelt werden soll.
4. Aufbau des Rahmenplanes. Der
grundlegende Aufbau der einzelnen Bildungsbereiche wird erläutert:
In den späteren Abschnitten werden zu jedem Lernbereich die
Aufgaben, die spezifischen Ziele im Hinblick auf Fähigkeiten,
Fertigkeiten sowie Einstellungen, Erfahrungsfelder und Fragen sowie
Anregungen zur Reflexion genannt. Dann wird das zu erwerbende Können
in 6 Niveaustufen dargestellt, dem exemplarische Inhalte und
Gestaltungsvorschläge beigefügt werden.
Pädagogische Prinzipien bei der Realisierung der
Förderkonzeption sollen das Prinzip der Kindorientierung, der
Differenzierung und Individualisierung, der Lebensnähe, der
Kontinuität in der Förderung, das Prinzip der
Selbsttätigkeit und das Prinzip der Gleichzeitigkeit von Spielen
und Lernen sein.
5. Lernbereiche. Folgende Lernbereiche werden unter der im 4. Punkt genannten Systematik dargestellt:
- Sprechen und Sprache
- Bewegungserziehung
- Gemeinschaft – Natur – Sachen
- Musikalisches und bildnerisches Gestalten
- Mathematisches Denken.
6 .Weiterführende Perspektiven
und Aufgaben. In diesem Abschnitt gibt es kurze Hinweise zur
Elternarbeit, wo unter anderem den Eltern Unterstützung gegeben
werden soll mit dem „drastischen Rollenverfall“ (S. 242)
der Mütter umzugehen, wenn ihre Kinder selbständiger
werden.
Es wird ein Blick auf weitere Instanzen wie
Sportvereine oder Musikschulen geworfen, die in die Netzwerkbildung
der Kindertagesstätten einbezogen werden müssen.
Beim Übergang in die Schule wird die dauerhafte
Kommunikation des pädagogischen Personals gefordert.
Diskussion
Obwohl am Beginn des Buches betont wird, dass durch den vorliegenden Rahmenplan der Grundschulunterricht nicht in den Kindergarten vorverlegt werden soll, so ist doch fast alles, was in dem Buch geäußert wird, von einer erwachsenendominierten Gestaltung der Lernprozesse und der Durchsetzung einer Förderkonzeption geprägt. Zum Beispiel wird die die Umsetzung von „Beschäftigungsaufträgen“ von den Kindern und die „Weiterentwicklung der kindlichen Spielhaltung“ durch die Fachkräfte gefordert (S. 38). Sie sollen zur Unterstützung der emotionalen Entwicklung den Kindern bei der Herausbildung der Fähigkeit zum Belohnungsaufschub und der Fähigkeit, mit Frustration und Versagen angemessen umzugehen, beitragen (S. 19). Schlussendlich wird betont, dass durch den Rahmenplan die Voraussetzungen für formale Bildungsprozesse in den Kindertagesstätten Mecklenburg-Vorpommerns geschaffen werden. Was ist das anderes als Verschulung des Kindergartens, wenn ein Grundbestand an wünschenswerten und unverzichtbaren Grundwissen vermittelt werden soll? Wo bleiben da die Interessen und Bildungsbedürfnisse der Kinder? Wo ist da der Gedanke der Ko-Konstruktion?
Das Buch wird allen denen gefallen, die eine Angebotspädagogik mit Beschäftigungsangeboten auf der Basis einer Verhaltensdiagnostik in Kindertagesstätten realisieren wollen. Die Sicht der Kinder und die Kinder selbst spielen in dem Buch kaum eine Rolle. Erzieherinnen sollen die Lerntätigkeit der Kinder auf grundlegendes Konzeptwissen lenken und die Lernprozesse der Kinder durch ein kontinuierliches Feedback begleiten. Partizipation der Kinder? Das Thema findet seine Berücksichtigung in der eher plakativ formulierten Forderung nach Kindorientierung und der alters- sowie entwicklungsangemessenen Beteiligung, aber sonst bestimmen die Fachkräfte, wie die Förderung aussieht.
Die mit dem Buch angedachte zielgerichtete und langfristige Vorbereitung auf die Schule bezieht sich vor allem auf Wissenstatbestände, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Es mutet schon reichlich antiquiert an, wenn dann im folgenden Nachsatz davon die Betreuung und Erziehung abgetrennt werden als „weitere Aufgaben der Kindertageseinrichtungen“ (S. 245).
Die Darstellung der einzelnen Entwicklungsniveaus erfolgt mit Bezug auf ganz konkrete Schwerpunkte und hat mich nicht wirklich überzeugt. So wird im Abschnitt Sprechen und Sprache beim Erfahrungsfeld „Kommunikation und soziale Umwelt“ der Schwerpunkt „Ich und meine Familie“ vorgegeben. In der Niveaustufe A kann das Kind seinen eigenen Namen und der der Geschwister nennen, zuhören und verständlich sprechen, in der Niveaustufe E über sich und seine Familie erzählen und in der Niveaustufe F über sich und seine Familie verständlich erzählen (S. 56). So wird das Ganze dann durch 4 verschiedene Themenbereiche „durchdekliniert“. In dem Lernbereich folgen dann noch 3 weitere Erfahrungsfelder. So entsteht zu jedem Lernbereich ein Kanon von Themen, der Fachkräfte dazu anleitet, genau diese Themen auch abzuarbeiten.
Schwerpunkte in der Fördersystematik des Buches bilden die Forderung nach systematischen Übungen der Fertigkeiten und der Gewichtung des Wissenserwerbs. Es wird also mit dem Buch von einer stark instruktiven Pädagogik ausgegangen, obwohl auch fast beiläufig immer mal betont wird, dass die Lern-, Spiel- und Aktionsinteressen der Kinder Berücksichtigung finden müssen.
Erzieherinnen in der Praxis dürfte es einige Mühe kosten, die oftmals mit Fachbegriffen durchsetzte Wissenschaftssprache im Buch zu verstehen.
Mit Blick auf die empfohlene weiterführende Literatur wird deutlich, dass wenig ganz aktuelle Literatur berücksichtigt wurde, die meisten Literaturempfehlungen sind aus der Zeit 1990 (oder auch davor) bis 2003 und damit im Buchhandel oft nicht mehr erhältlich.
Fazit
Der Rahmenplan frühkindlicher Bildung für Mecklenburg-Vorpommern ist in hohem Maße instruktionspädagogisch geprägt. Kein Buch, was man notwendigerweise besitzen muss.
Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Sozialwesen
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 06.03.2010 zu: Antonius Hansel, Ilona Katharina Schneider (Hrsg.): Bildung im Kindergarten. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2008. 256 Seiten. ISBN 978-3-8255-0722-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7618.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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