Stephan Kostrzewa, Marion Kutzner: Basale Stimulation in der Sterbebegleitung
Stephan Kostrzewa, Marion Kutzner: Was wir noch tun können! Basale Stimulation in der Sterbebegleitung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 4., überarbeitete und ergänzte Auflage. 159 Seiten. ISBN 978-3-456-84693-4. 24,95 EUR.
Reihe: Pflegepraxis - Palliative Care.
Thema
Der Text verbindet das wichtige Anliegen der Begleitung von Menschen am Lebensende mit dem Wissen aus der Methode der Basalen Stimulation. Dass der Band das Verständnis von Basaler Stimulation aufnimmt, sowie es von den beiden GründerInnen Andreas Fröhlich und Christel Bienstein intendiert ist, geht aus dem Vorwort des Bandes hervor, indem Andreas Fröhlich den beiden AutorInnen „Mut und Engagement“ attestiert./p>
Aufbau und Inhalt
In der Einleitung (Seite 13-16) wird unter anderem der Anspruch der beiden AutorInnen genannt: „…die Begleitung und Pflege Sterbender als Verhalten in einer historisch gewachsenen Situation und als prozesshafte, ganzheitliche Beziehungsarbeit anzusehen.“ (Seite 13) Damit soll begründet werden, dass es sich bei dem Text nicht um eine „Gebrauchsanleitung“ handelt.
Ganz kann der letztgenannte Anspruch - keine Gebrauchsanleitung zu sein - nicht eingelöst werden. Der Band ist in hohem Maße didaktisiert und voll von nummerierten und nicht nummerierten Aufzählungen und von mit Kästen unterlegten Fallbeispielen. Dies ist einerseits sehr hilfreich, um durch den Band zu erlernen, wie die Methode der Basalen Stimulation für Sterbende angewandt werden kann, andererseits erweckt es einen Rezept-förmigen und standardisierten Eindruck, der die gleichzeitig dargelegte Notwendigkeit von Individualität im Umgang mit Sterbenden konterkariert. (Beispielsweise wird Sterbebegleitung auf Seite 74 beschrieben als…“eine die Individualität des Sterbenden akzeptierende Grundhaltung“).
Beide AutorInnen sind als erfahrene ReferntInnen und KursleiterInnen der Altenpflege ausgewiesen, was die Schlussfolgerung nahe legt, das der Band aus der Ausformulierung von Lehrmaterial, das in den Kursen eingesetzt wurde, entstanden ist.
Die erste Hälfte des Bandes (Seite 17 – 72) ist der Einführung in das Thema gewidmet.
Im Kapitel 1 (Seite 17-46) erfolgt ein breit und daher nicht sehr tief gehaltener Abriss zur gesellschaftlichen Bedingtheit des Umgangs mit Sterben und Tod, dieser enthält einen historischen Exkurs (auf zwei Seiten) (1.2), einen Abschnitt zum „sozialen Tod“ (1.3) sowie zur gesellschaftlichen Verdrängung des Todes (1.4), und zu Orten des Sterbens (1.5). Nicht ganz systematisch aber inhaltlich sehr wichtig wird in diesen Abschnitt ein insgesamt 16 Seiten langer Exkurs zu „Sterbegleitung bei Dementen“ integriert (1.5.3 – 1.5.5), der als sehr aussagekräftig und hilfreich bezeichnet werden kann und ein sehr weites und fortschrittliches Verständnis von Hospizarbeit widerspiegelt.
Im Kapitel 2 (Seite 47-58) folgt eine Einführung in die „Begleitung Sterbender“, die sich auf eine Fülle an Literatur stützt, ohne diese Fülle in der Kürze auch darstellen zu können.
Im Kapitel 3 „Wahrnehmung“ (Seite 59-72) wird das zweite Thema, nämlich die Basale Stimulation eingeführt, in dem wichtige Grundkenntnisse der Perzeption und ihrer Störungen vermittelt werden.
Im Kapitel 4 „Wahrnehmungsveränderungen, Wahrnehmungsstörungen bei Sterbenden“ (Seite 73-84) werden die beiden grundlegenden Themen des Bandes erstmalig aufeinander bezogen. Hier wird auf den Aspekt der Schmerzen und auf unterschiedliche Aspekte der Kommunikation (verbal und non-verbal) mit Sterbenden eingegangen.
Das Kapitel 5 definiert „Basale Stimulation“ (Seite 85-88).
Das Kapitel 6 zeigt „Anwendungsbereiche der Basalen Stimulation in der Begleitung Sterbender“ auf (Seite 89- 116). Dies erscheint als das Kernstück des Bandes, der eigentlich innovative Teil, in dem sehr systematisch auf unterschiedliche Möglichkeiten der Stimulation und der Berührung eingegangen wird.
Das Kapitel 7 „Basale Stimulation als Element der Hospizarbeit“ (Seite 117-146) enthält offenbar Kursmaterialien, die den Vortragenden zur Verfügung standen, die allerdings nur indirekt einen Bezug zum Thema erkennen lassen.
Fazit
„Stimulation Sterbender?“ so lautet der Anfang des Vorwortes von Andreas Fröhlich und spricht mit der Frage m.E. den LeserInnen (und auch mir) aus der Seele. Die Lektüre des kurzen aber dichten Band hinterlässt die klare Antwort: ja, das ist sinnvoll.
Das Verdienst dieses Bandes ist nicht sprachliche oder inhaltliche Differenziertheit – so fehlt beispielsweise immer wieder die Gender-Sensibiltät in der Sprache. Das Verdienst besteht meines Erachtens einerseits in der Innovation, das Konzept der Basalen Stimulation auf die Situation von Menschen am Lebensende zu beziehen. Andererseits besteht die Stärke in dem unglaublichen Schatz an praktischer und an didaktischer Erfahrung, der hier in einzigartiger Weise versammelt ist und dem Leser/der Leserin Einblick in eine hilfreiche und in Bezug auf die Begleitung Sterbender noch zu wenig bekannte Methode gibt.
Das zeigt vor allem die Fülle von insgesamt 14 sehr gut nachvollziehbar dargestellten Fallbeispielen, die die Stärken der Autorinnen als examinierte und im direkten PatientInnenkontakt erfahrene Pflegende mit ihren Stärken als Lehrende verbindet.
Der Band ist angenehm kompakt und damit auch kurz gehalten, die Wiederholungen von anderswo differenzierter publizierten Erkenntnissen zur Thanatosoziologie am Anfang sind insoferne nicht störend, als sie an dieser Stelle dazu beitragen, das beschriebene Thema als Ganzes zu erfassen. Allerdings fokussiert der Text in seinen Kernbereichen auf den individuellen Zugang von Pflegenden zu einzelnen Sterbenden und wäre meines Erachtens daher auch ohne die soziologischen Betrachtungen am Beginn ausgekommen.
Insbesondere wegen des Kapitels 6 ist der Band als lesenswert zu empfehlen, vor allem für Pflegende (und deren Lehrende und Leitende), die auf der Suche sind danach, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in der Begleitung von Menschen am Lebensende zu erweitern.
Rezensentin
Dr. Katharina Heimerl
Ao. Univ. Prof.
IFF - Palliative Care und OrganisationsEthik
Homepage www.iff.ac.at/pallorg
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Zitiervorschlag
Katharina Heimerl. Rezension vom 03.10.2009 zu: Stephan Kostrzewa, Marion Kutzner: Basale Stimulation in der Sterbebegleitung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 4., überarbeitete und ergänzte Auflage. 159 Seiten. ISBN 978-3-456-84693-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7625.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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