Fran London: Patientenedukation. Patienten beraten, schulen und anleiten
Fran London: Patientenedukation. Patienten beraten, schulen und anleiten. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 352 Seiten. ISBN 978-3-456-83917-2. 39,95 EUR, CH: 67,00 sFr.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Silke Hinrichs. Deutschsprachige Ausgabe bearbetet von Rudolf Müller und herausgegeben von Angelika Abt-Zegelin.
Einführung in die Themenstellung
Je kürzer die Liegezeiten im Krankenhaus werden, desto wichtiger wird es, dass Patienten lernen, mit ihren Gesundheitsproblemen zu Hause angemessen umzugehen und in diesem Lernprozess von Pflegenden in allen Behandlungsphasen unterstützt werden. Das vorliegende - aus dem Amerikanischen übersetzte - Buch zeigt, wie Beratung in unterschiedlichen Situationen pflegerisches Handeln durchdringen kann und hierdurch zu einem Wesenszug der Pflege werden kann. Beratung wird hierbei als wertschätzende Kommunikation betrachtet, die individuelle und kulturelle Eigenarten des anderen wahrnimmt und respektiert und Feedback offen entgegennimmt. Gleichzeitig vermittelt das Buch didaktisches Rüstzeug für Einzel- und Gruppengespräche und fördert einen kompetenten Umgang mit klassischen und neuen Medien.
Zielgruppe des Buches
Das Buch wendet sich an praktisch tätige Pflegekräfte, an Pflegeschüler und an Pflegepädagogen, einige Kapitel sind auch für andere im Gesundheitswesen tätige Berufsgruppen gut geeignet. Es ist nicht erforderlich, das Buch chronologisch zu lesen, einzelne Kapitel können auch ohne den Kontext der vorherigen Kapitel gut verstanden werden. Hierbei ist besonders das Kapitel: "Sagen Sie es schriftlich!" hervorzuheben, das auch z.B. für Sozialarbeiter sehr hilfreich sein kann.
Zum Inhalt
In den ersten fünf Kapiteln werden Pflegende motiviert, ihre Beratungskompetenzen systematisch zu erweitern, damit sie ihre Patienten und deren Angehörige unterstützen können
- Entscheidungen zu treffen
- Selbstversorgungskompetenzen zu entwickeln
- Probleme zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren und
- sich weitere Informationen zu beschaffen.
Das Buch vermittelt Pflegekräften, pädagogisch günstige Momente zu erkennen und zu nutzen, eine offene respektvolle Kommunikation zu pflegen, zielorientiert an die Beratung heranzugehen und Beratungstätigkeiten präzise zu dokumentieren. Betont werden hierbei auch Teamgeist und interdisziplinäre Kooperation.
In den Kapiteln 6 - 9 werden umfangreiche Kenntnisse der kreativen Mediennutzung vermittelt, großer Wert wird hierbei auf interaktive Elemente gelegt, die die Patienten in die Lage versetzen, das erworbene Wissen auch wirklich in ihrem Alltag umzusetzen. Besonders ausführlich wird die schriftliche Informationsvermittlung behandelt. Nachdem Hinweise zum Umgang mit Analphabeten gegeben werden, findet man eine sehr gute Anleitung, wie man verständliche Texte entwerfen kann und vorhandene Materialien mit Hilfe von SAM (Suitability Assessmant of Materials) auf ihre Eignung für die Zielgruppe überprüfen kann. Das Kapitel "Computer als Beratungshilfe" unterstützt beim Einsatz neuer Medien in der Pflege, hier wäre es allerdings hilfreich gewesen, wenn die Übersetzer die Linklisten noch mehr an den deutschen Sprachraum angepasst hätten.
Im zehnten Kapitel wird noch einmal die Notwendigkeit der Individualisierung von Beratung insbesondere im Hinblick auf einzelne Zielgruppen (u.a. Sinnesbehinderte, Kinder, Senioren) aufgegriffen. Es geht hierbei auch um Compliance, Kooperationsbereitschaft und Allianz. Einige Ergänzungen aus der Motivierenden Gesprächsführung hätten hier noch gut hingepasst.
Kapitel 11 befasst sich mit der Gruppenschulung: Es werden wertvolle, praxisnahe Hinweise zur Gestaltung der Edukation in Gruppen gegeben. Eine in diesem Bereich noch gänzlich unerfahrene Pflegekraft könnte sich hierbei allerdings von der Fülle der umzusetzenden Aspekte überfordert fühlen. Vielleicht wäre es für diese Zielgruppe hilfreich, umschriebene, weniger anspruchsvolle Einstiegsmöglichkeiten in die Gruppenarbeit darzustellen.
Die letzten drei Kapitel beantworten häufig gestellte Fragen, geben weitere hilfreiche Hinweise zur kreativen, alltagsnahen Ergebnisüberprüfung und regen - last not least - den Leser zur Weiterentwicklung der Pflegeberatung an.
Ein Aufsatz im Anhang weist darauf hin, dass in der deutschen Pflege die Patientenedukation noch nicht ausreichend gewürdigt wird und hier ein Rückstand gegenüber der us-amerikanischen Pflege unbedingt aufgeholt werden muss.
Stärken und Schwächen des Buches
Das Buch ist motivierend geschrieben, sehr vielseitig und benutzt viele Praxisbeispiele. Der Leser wird motiviert, Gelerntes umzusetzen und eigene Ideen zu entwickeln. Die optische Struktur ist durch eine starke Untergliederung, durch Hervorhebungen, Zeichnungen, Merkkästen, Tabellen und Kapitelanhänge sehr ansprechend. Bei der inhaltlichen Strukturierung würde ich mir etwas mehr Klarheit wünschen: Manche Wiederholungen könnten weggelassen werden, besonders im 5. und im 10. Kapitel schweifen die Ausführungen manchmal von den einzelnen Überschriften ab. Zitate werden dem Textfluss an mancher Stelle nicht ausreichend angepasst.
Fazit
Es handelt sich um ein gut lesbares, gleichwohl jedoch inhaltlich anspruchsvolles Buch für Pflegekräfte, das grundlegende Beratungskompetenzen und edukative Fähigkeiten praxisnah vermittelt und mit Hilfe zahlreicher Fallbeispiele veranschaulicht. Zugleich werden wichtige Kompetenzen im Umgang mit Medien vermittelt. Das Buch regt zur Selbstevaluation und zur eigenen Weiterentwicklung an und ist getragen von einer ethischen Grundhaltung, die Individualität und kulturelle Besonderheiten der Patienten wahrnimmt und respektiert.
Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Lausitz
Homepage www.hs-lausitz.de/users/ajost.html
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 07.10.2003 zu: Fran London: Patientenedukation. Patienten beraten, schulen und anleiten. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 352 Seiten. ISBN 978-3-456-83917-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/763.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Jutta Ihle: Pflegerische Krisenintervention
Stellenangebote
Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen als Gesundheitsmanager (w/m), Stuttgart
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
