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Bernd Overwien, Hanns F. Rathenow (Hrsg.): Globalisierung fordert politische Bildung

Cover Bernd Overwien, Hanns F. Rathenow (Hrsg.): Globalisierung fordert politische Bildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 300 Seiten. ISBN 978-3-86649-222-6. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 47,00 sFr.
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Thema

Vor mehr als 15 Jahren begann in der Politikwissenschaft und den Sozialwissenschaften die Diskussion über mehr und mehr sichtbare Globalisierungsprozesse und ihre Folgen. Etwa gleichzeitig entstand nach einem längeren Prozess der Erörterungen zu „Umwelt und Entwicklung“ die Agenda 21, die in Rio de Janeiro 1992 verabschiedet wurde. Noch länger zurück reichen die Wurzeln des Globalen Lernens. Bis vor wenigen Jahren war von all dem in der Didaktik der politischen Bildung kaum etwas angekommen. Einige wenige Beteiligte aus diesem Arbeitsfeld hatten zwar immer wieder auf die deutliche Lücke hingewiesen, im „Mainstream“ repräsentiert durch die Fachgesellschaft GPJE (Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung) kamen diese Signale erst spät an. Immerhin erschien 2005 im Handbuch politische Bildung ein Aufsatz zum Globalen Lernen aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive (Asbrand/Scheunpflug).

Inhalt

Das nun vorliegende Buch schließt endlich die Lücke und leistet dabei noch mehr. Im Rahmen „fachdidaktischer und fachwissenschaftlicher Zugänge“ werden sicher nicht alle, aber wichtige Aspekte des Globalisierungsprozesses diskutiert. So widmet sich Massing demokratietheoretischen Fragen, Sander diskutiert die Folgen einer „Welt der Differenz“ für politische Bildung und Steffens beschäftigt sich mit den Konsequenzen für didaktische und curriculare Felder, nicht ohne die tatsächlich vorhanden Bezüge in der Vergangenheit anzusprechen. Immerhin waren hinsichtlich internationaler Perspektiven z.B. die hessischen „Rahmenrichtlinien Gesellschaftslehre“ der siebziger Jahre ihrer Zeit weit voraus. Im selben, eher grundsätzlichen Teil des Bandes diskutiert Seitz Aspekte weltbürgerlicher Bildung und arbeiten Overwien und Rathenow die Diskussion um Globales Lernen in der Bundesrepublik auf. Besonders bemerkenswert ist es, dass neben den Verbindungen zum Globalen Lernen auch Diskussionslinien hin zur Migrationsdebatte (Birsl) und zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (Michelsen) gezogen werden. Beide Bereiche sind innerhalb der schulisch orientierten Didaktik der politischen Bildung bisher vernachlässigt worden. Überhaupt ist es bemerkenswert, dass hier der doch etwas selbstreferentielle Rahmen der Didaktik der politischen Bildung weit geöffnet wird. Es kommen Autorinnen und Autoren zusammen, die man in dieser Auswahl bisher wohl kaum gemeinsam sehen konnte.

Auch der Bereich der Menschenrechtsbildung zählt innerhalb der schulisch orientierten Didaktik der politischen Bildung eher zu den zu wenig beachteten. Im „Wörterbuch politische Bildung“, von führenden Mitgliedern der Fachgesellschaft herausgegeben, taucht das entsprechende Stichwort nicht einmal auf. Im vorliegenden Band gehört Menschenrechtsbildung (Thiemann/Trisch) zu den „Handlungsfeldern politischer Bildung“, die im zweiten Hauptteil bearbeitet werden. Aus der Fülle der diskutierten Ansätze seien hier nur einige genannt: Es geht

  • um globale Probleme im Sachunterricht der Grundschule,
  • um Schülerfirmen,
  • um Interkulturalität als Herausforderung für die politische Bildung,
  • um Friedenerziehung oder
  • um methodische Fragen.

Abgeschlossen wird das Buch von einem eher nachdenklichen, manchmal sogar etwas pessimistisch erscheinenden Beitrag des britischen Hochschullehrers David Selby, der sich mit dem Klimawandel und seinen eigentlich notwendigen Folgen für die Bildungsarbeit befasst.

Fazit

Das gerade erst erschienene Buch ist für Theorie und Praxis der politischen Bildung gleichermaßen interessant. Es ist mehr als nur eine weitere Aufsatzsammlung, sondern bringt Diskussionsansätze zusammen, deren Fäden bisher eher nebeneinander lagen. Dies wird schon in der Einleitung deutlich, die fundiert begründet, warum dieses Handlungsfeld der politischen Bildung nicht länger randständig sein darf. Hilfreich für die möglichen zukünftigen Entwicklungen ist die dabei ansatzweise geleistete Archäologie der bisherigen Versuche, hier eine Änderung zu erreichen. Die Bedingungen dafür sind allerdings jetzt andere, globale politische Herausforderungen sind täglich erfahrbar, Regelungen des Finanzmarktes, Menschenrechtsstandards, in diesem Rahmen auch Sozial-, und Umweltstandards, werden diskutiert. Inzwischen liegt sogar ein „Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung“ vor, den die Kultusministerkonferenz mithilfe auch des BMZ herausgegeben hat (im Buch: Kalex und Gramann). Globale Entwicklungen sollen also in angemessener Weise in den Schulen (und darüber hinaus) bearbeitet werden. Alle Voraussetzungen sind also erfüllt, um besser als bisher den Anforderungen der Globalisierung an politische Bildung gerecht zu werden.


Rezensentin
Dr. Claudia Lohrenscheit
Deutsches Institut für Menschenrechte Koordination Menschenrechtsbildung
Homepage www.institut-fuer-menschenrechte.de


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Zitiervorschlag
Claudia Lohrenscheit. Rezension vom 07.05.2009 zu: Bernd Overwien, Hanns F. Rathenow (Hrsg.): Globalisierung fordert politische Bildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-222-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7631.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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