Franz Petermann, Ulrike Petermann: Training mit Jugendlichen

Cover Franz Petermann, Ulrike Petermann: Training mit Jugendlichen. Aufbau von Arbeits- und Sozialverhalten. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2007. 8., überarbeitete Auflage. 231 Seiten. ISBN 978-3-8017-2069-8. 34,95 EUR, CH: 56,00 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8017-2320-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thema

Entwicklungspsychopathologisch stellt der Übergang Kindheit-Jugend eine besondere Klippe dar. Soziales Problemverhalten, das in der Kindheit auf den familiären Rahmen begrenzt war, generalisiert häufig auf die Umgebung, und sozio-emotionale Beeinträchtigungen, die in der Familie kompensiert werden konnten, entfalten sich mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu manifesten psychischen Störungen. Junge Menschen, die sozio-emotionale Dysfunktionen zeigen, verlieren aufgrund ihres Problemverhaltens gehäuft den Bezug zu wichtigen entwicklungsfördernden Umgebungen, die unsere Gesellschaft natürlicherweise bereitstellt. Die Schere zwischen diesen Risikojugendlichen und jungen Menschen, die in Schule und Berufsausbildung besser profitieren, geht in den wenigen Jahren der mittleren Adoleszenz oft sehr weit, nicht selten unumkehrbar auseinander. Die Dynamik von sozialem Problemverhalten und gesellschaftlicher Ausgrenzung kann nur durch die Bereitstellung eines Lernumfeldes gestoppt werden, das gezielt auf die kritischen Defizite der betroffenen Jugendlichen eingeht und diese dabei als eine Tatsache anerkannt, die nur schrittweiser Veränderung zugänglich ist.

Das Training mit Jugendlichen zum Aufbau von Arbeits- und Sozialverhalten stellt ein solches Lernprogramm zur Verfügung.1987 erstmals von Franz und Ulrike Petermann vorgestellt, liegt das Training mittlerweile in der 8., überarbeiteten Auflage vor. Zielgruppe des Programms sind junge Menschen zwischen 13 und 20 Jahren, die aggressiv-dissoziale oder initiativlose Verhaltensweisen mit Arbeits- und Motivationsproblemen aufweisen.

Aufbau und Inhalte

Das erste Kapitel, Theoretische Überlegungen, zeigt den entwicklungspsychopathologischen Prozeß auf, in dem Störungen des Arbeits- und Sozialveraltens sich typischerweise entwickeln. Zentral dabei ist die allmähliche Umorientierung des Anerkennungssystems der betroffenen Jugendlichen: weg von der – zunehmend selbstwertbelastenden - Suche nach prosozialer Anerkennung, hin zu dissozialer Handlungsbereitschaft. Um bei chronifizierten Arbeits- und Motivationsproblemen konstruktive Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen, ist es erforderlich, den Teufelskreis aus sozialem Misserfolg, Anstrengungsvermeidung und dissozialen Handlungsmustern gezielt zu durchbrechen. Die Teilnahmemotivation der Jugendlichen am Programm wird durch gestufte, bewältigbare Anforderungen und fortlaufende Anerkennung gestützt.

Inhaltlich ist das Programm auf störungstypische Risikofaktoren der Betroffenen im Bereich der sozialen Informationsverarbeitung und der Handlungsplanung ausgerichtet. Als Ziele des Trainings benennen die Autoren im zweiten Abschnitt des Buches Verbesserungen in den Bereichen

  • Selbst- und Fremdwahrnehmung der betroffenen jungen Menschen
  • Selbstkontrolle und Ausdauer
  • Umgehen mit dem eigenen Körper und Gefühlen
  • Selbstsicherheit und stabiles Selbstbild
  • Einfühlungsvermögen
  • Umgehen mit Lob, Kritik und Misserfolg

Letztes Ziel ist die Integration der Lerneffekte in das Selbstkonzept der jungen Menschen.

Die Indikationsstellung des Programms wird in Kapitel 3 diskutiert. Die Autoren empfehlen das Programm zum einen zur präventiven Anwendung bei schulbezogenen Auffälligkeiten des Arbeits- und Sozialverhaltens. Zum anderen geben Petermann und Petermann für bereits stärker generalisierte Störungen eine Anwendungsempfehlung im Rahmen integrierter Interventionsprogramme durch die Jugendhilfe oder als ein Therapiebaustein klinischer Behandlungsmaßnahmen. Sollen generalisierte Verhaltensstörungen bearbeitet werden, beginnt das konkrete Vorgehen mit einem diagnostischen Gespräch, zu dem die Autoren einen Explorationsleitfaden vorlegen. Das strukturierte Interview erfragt eine Selbstbewertung des Problemverhaltens, erkundet den biographischen und familiären Hintergrund, die Intereressen und sozialen Erwartungen des jungen Menschen. Die Autoren geben im Weiteren Anwendungsempfehlungen zum Einsatz von Fragebögen zur Selbsteinschätzung und von Verfahren zur Leistungsdiagnostik. Zur Fremdeinschätzung enthält das Manual einen Beobachtungsbogen zur Erfassung von aggressivem, kompetentem und initiativlosem Verhalten. Beide Instrumente, Leitfaden und Beobachtungsbogen, wurden aus den früheren Auflagen des Manuals übernommen.

Der 4. Buchabschnitt Grundlagen des Vorgehens erläutert die Struktur des Trainings. Durchgeführt werden sieben 50-minütige Einzelsitzungen, darunter 2 Sitzungen, die für den Erstkontakt veranschlagt sind, und insgesamt elf 100-minütige Gruppensitzungen. Im Einzeltraining stehen die Ziele

  • Selbst- und Fremdwahrnehmung
  • Selbstkontrolle und Ausdauer

im Fokus. Arbeitsmaterialien sind das Muster eines Trainingsvertrages, der mit den Jugendlichen abgeschlossen wird, ein Tagebuch zur Selbstbeobachtung, und Cartoons, die zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Berufsgruppen anregen sollen und bereits aus den früheren Auflagen des Manuals bekannt sind. Sowohl das Einzel-wie das Gruppentraining enthalten zahlreiche Empfehlungen für geleitete Rollenspiele zum Aufbau günstiger Interaktionsstrategien. Das Gruppentraining ist für Gruppen mit 4-5 Jugendlichen konzipiert. Themenblöcke des Gruppentrainings sind

    Gruppenregeln erstellen
  • Gefühle und Verhalten angemessen wahrnehmen und interpretieren
  • Vorstellungsgespräche üben
  • Einfühlungsvermögen üben
  • Selbstsicherheit im Umgang mit Gleichaltrigen
  • Anerkennung aussprechen und loben
  • Akzeptieren von Außenseitern
  • Umgehen mit Kritik im Beruf
  • Umgehen mit Misserfolg
  • Rückmeldungen zum Training

Jede Gruppensitzung beginnt mit der Tagebucharbeit, umfasst themenbezogene Rollenspiele und systematische Rückmeldung zur Einhaltung der Sitzungsregeln. Gearbeitet wird mit Video, den aus früheren Auflagen bekannten "Gefühlsfotos", auf denen verschiedene Emotionen dargestellt werden, und anhand von Rollenspielskripts. Die Rückmeldung zum Training wird durch Arbeitsblätter gestützt.

Statistische Befunde zur Effektivität des Trainings werden in Kapitel 8 dargelegt. Zwei Abschnitte des Buches diskutieren Varianten des Trainings. Kapitel 7 des Buches empfiehlt eine leicht modifizierte Form des Gruppentraining zur Anwendung in Schulklassen. Kapitel 9 diskutiert den Einsatz des Programms im Rahmen der Jugendarbeit und der psychologischen Beratung. Das Buch enthält eine CD-ROM zum Ausdruck der Arbeitsmaterialien.

Zielgruppe und Fazit

Jungen Menschen, deren Entwicklung durch Störungen der Leistungsmotivation und des Sozialverhaltens bedroht ist, ist zu wünschen, dass sie Teilnehmer des beschriebenen Gruppentrainings werden. Leider ist diese Wahrscheinlichkeit im Alltag der psychosozialen Versorgung nicht sehr hoch. Die Anwendbarkeit des Programms ist dabei nicht das Problem. Das Training überzeugt durch die klare Systematik und Dosierung der Anforderungen und Rückmeldungen an die Teilnehmer. Diese Stärke gleicht den Umstand, dass das Bildmaterial teilweise etwas in die Jahre gekommen wirkt, mehr als aus. Das Problem ist, welche Berufsgruppen im Alltag ausreichende Ressourcen bereit stellen können, um mit betroffenen Jugendlichen wirklich im Sinne des Manuals zu arbeiten? Die Anzahl der Trainingseinheiten ist aus klinischer Sicht angemessen, zu diskutieren wäre eine geringere Terminfrequenz als von den Autoren empfohlen.

Zur engeren Zielgruppe des Buches zählen prinzipiell Pädagogen und Sozialpädagogen im Rahmen der Schulen für Erziehungshilfe, der Jugendhilfe und der Arbeitsförderung, sowie Therapeuten in Ambulanzen und Praxen mit sozialpsychiatrischem Versorgungsauftrag und Erziehungsberatungsstellen. Wünschenswert für eine der nachfolgenden Auflagen wäre die Berücksichtigung migrationsbedingter Problemkonstellationen.


Rezensent
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg


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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 11.05.2008 zu: Franz Petermann, Ulrike Petermann: Training mit Jugendlichen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2007. 8., überarbeitete Auflage. 231 Seiten. ISBN 978-3-8017-2069-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/764.php, Datum des Zugriffs 21.10.2014.


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