Konstantin Mitgutsch, Elisabeth Sattler u.a. (Hrsg.): Dem Lernen auf der Spur
Konstantin Mitgutsch, Elisabeth Sattler, Kristin Westphal, Ines Maria Breinbauer (Hrsg.): Dem Lernen auf der Spur. Die pädagogische Perspektive. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 340 Seiten. ISBN 978-3-608-94494-5. 34,90 EUR, CH: 59,00 sFr.
Thema und Zielsetzung
Die Autoren sind in ihrem Buch „Dem Lernen auf der Spur“. Sie stellen sich die Frage nach dem „Wie“ des Lernens aus pädagogischer Perspektive. Da mittlerweile viele Aspekte des Lernens von anderen wissenschaftlichen Disziplinen okkupiert wurden, führen die Autoren diesen der Pädagogik immanenten Plot nun wieder durch die Betonung des Lern-Vollzugs und die Frage des „Wie“ in seine Ursprungsdisziplin zurück.
Entstehungshintergrund
Die Idee zu dem Buch kam den Autoren im Herbst 2005, als sie bei Literaturrecherchen nach einer explizit pädagogischen Perspektive auf das Lernen suchten und ein Defizit solcherlei Texte aus pädagogischer Perspektive feststellten. Das Bestreben konkretisierte sich im Rahmen einer Tagung in Gesprächen mit zahlreichen Fachkollegen im Jahre 2006. Es ging den sich zusammenfindenden Autoren darum, den bislang implizit gebliebenen Vollzug des Lernens pädagogisch zu explizieren.
Im Herbst 2007 waren schließlich Textbeiträge aller eingeladenen Autoren beisammen, so dass nun die Arbeit an der sinnvollen Gestaltung und Zusammenstellung der Texte begann.
Autoren/ Herausgeber
Das Quartett der Herausgeber besteht aus Konstantin Mitgutsch, Elisabeth Sattler, Kristin Westphal und Ines Maria Breinbauer.
Frau Prof. Dr. phil. Mag. rer. nat. Ines Maria Breinbauer, Dr. phil Elisabeth Sattler und Dr. phil. Konstantin Mitgutsch sind am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien tätig. Ines Maria Breinbauer ist nach einer Habilitation für Systemische Pädagogik und Berufungen in Regensburg und Passau seit 2008 Dekanin der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien und hat eine Vielzahl von Veröffentlichungen im Bereich der Pädagogik verfasst.
Frau Dr. phil. Elisabeth Sattler ist in Forschung und Lehre am Institut für Bildungswissenschaft der Forschungseinheit Allgemeine Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik der Universität Wien tätig und forscht hier mit dem Schwerpunkt Allgemeine Erziehungswissenschaft, Bildungstheorie und –philosophie und Subjektivitätsstudien.
Dr. phil. Konstantin Mitgutsch ist als wissenschaftlicher Assistent ebenfalls am Institut für Bildungswissenschaft der Forschungseinheit Allgemeine Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik tätig. Forschungsschwerpunkte sind pädagogische Lerntheorien, Bildung und Medien und Computerspielforschung.
Frau Prof. Dr. phil. Kristin Westphal habilitierte 2002 über „Wirklichkeiten von Stimmen. Grundlegung einer Theorie der medialen Erfahrung“ im Fach Erziehungswissenschaften und hat einen Lehrstuhl für Grundschulpädagogik inne.
Aufbau
Das Buch gliedert sich auf 350 Seiten in drei übergeordnete Abschnitte/ Themenblöcke: Retournieren (re-turn), Unterbrechen (inter-mit) und Verschieben (re-locate), die wiederum in die Kapitel der einzelnen Autoren gegliedert sind.
1. Retournieren (re-turn)
Nach einer übersichtlichen Einleitung beginnt der Teil des Retournierens mit einem Kapitel von Horst Rumpf über „Lernen als Vollzug und als Erledigung“. Er widmet sich zwei Grundformen des Lernens: Lernen als Vollzug, eine eher idealistische Perspektive und Lernen als Erledigung, eine eher pragmatische Perspektive. Beides sind Möglichkeiten, mit denen man neuen und damit unbekannten Situationen begegnen kann, die zum gleichen Ziel führen, der Bewältigung neuer Situationen, kausal allerdings sehr unterschiedlich sind.
Tobias Künkler beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem „Lernen im Zwischen“. Er beschreibt Lerntheorien als Subjekttheorien, die er aus lerntheoretischen Überlegungen herausarbeitet und beschreibt damit die Tragweite und Struktur des jeweiligen Lernbegriffes aus Behaviourismus, Kognitivismus, Subjektwissenschaft, Konstruktivismus und Neurowissenschaften.
Ines Maria Breinbauer denkt in ihrem Kapitel über „Nachhaltiges Lernen“ nach. Dazu trennt sie finale von kausalen Aspekten des Lernens, um auf dieser Basis die Frage zu stellen, wie Lernprozesse gestaltet sein müssen, damit sie Anspruch auf „Nachhaltigkeit“ haben.
Das darauf folgende Kapitel von Lutz Koch, „Zur Urteilsform des Lernens. Bemerkungen zur Logik des Lernens“ handelt von Verknüpfungen, Überschneidungen, Reziprozitäten, kurzum Beziehungen zwischen Lernen und daraus resultierenden Entitäten wie Diskursivität, Vorwissen, Wahrheit, Denken, Rationalität und Kausalität.
Gerold Scholz wagt in seinem Beitrag im wahrsten Sinne des Wortes den „Sprung über die Bank“ und beschreibt anhand eines 11-minütigen Filmausschnittes den Lernprozess eines Mädchens auf dem Pausenhof, woraus sich entgegen der behaviouristischen „black box“ die unmittelbare Beobachtbarkeit des Lernprozesses ergibt.
In ihrem Beitrag „Elementares Lernen und Erfahrungslernen“ betont Jutta Ecarius den Zusammenhang von Biographie und Lernen und stellt die Determination des Lernens auf lange Sicht in Punkto Sinngebung und Deutung dar.
Im darauf folgenden Kapitel beginnt Henning Schluss seinen Beitrag „Gutes Lernen. Perspektiven auf das moralische Lernen“ mit einem Zitat von Rousseau:. „Die Kinder werden weniger durch das Böse, das sie sehen, als durch eure Lehren verdorben“. Mit Hilfe einer autobiographischen Erzählung von Wieland Herzfeld stellt er Modellvarianten des Lernens von Moral dar.
2. „Unterbrechen“ (inter-mit)
Der zweite Teil des Buches „Unterbrechen“ beginnt mit einem Kapitel von Johannes Bilstein, in dem er zunächst fragt, was der Umgang mit Kunst für die Muster und Probleme des Lernens bedeutet. Er schließt sein Kapitel mit Gedanken über das Leben als Gesamtkunstwerk.
Andrea English schreibt in Ihrem Beitrag über „Learning by doing“ und fragt mit John Dewey danach, „Wo doing aufhört und learning anfängt.“
Im darauf folgenden Kapitel beschäftigt sich Kristin Westphal erneut mit künstlerischen Aspekten des Lernens und bringt das Theater ins Spiel und analogisiert das Schweigen im Theater mit Unterbrechungen des Lernprozesses.
Agnieszka Dzierzbicka stellt in ihrem Text die Frage, wie das vielerorts praktizierte informelle (Fakten-) Lernen zustande gekommen ist und inwieweit es überhaupt Bestandteil der pädagogischen Disziplin ist.
Anschließend beschäftigt sich Thomas Metten in seinem Beitrag mit der „Medialität als Differenz und Vermittlung. Überlegungen zu einem ästhetischen Lern- und Vermittlungsbegriff“. Dabei betont er die Relevanz des vermittelnden Mediums und die der notwendigen Intersubjektivität.
Im nächsten Kapitel „37 Elefanten. Oder: Kann man ohne Lerntheorie unterrichten?“ untersucht Alfred Schirlbauer die Frage, ob das alltägliche Unterrichten in der Schule auch ohne Lerntheorie möglich ist oder ob es expliziter Kenntnisse darüber bedarf, um im Schulunterricht wirksam lehren zu können.
Ludwig Duncker thematisiert im folgenden Kapitel die mittlerweile in die Neurowissenschaften geratene Frage nach Lernen, Erinnern und Gedächtnis. Er behandelt in diesem Rahmen vor allem die Modi der Vermittlung (von Wissen) und weist auf den Bedeutungsverlust kultureller Erinnerung hin.
Im letzten Kapitel dieses Abschnitts berichtet Reinhold Stipsits über die Entdeckung von Unbekanntem und Neuem beim Lernen. Dabei stellt er eine Analogie zum Bereisen unbekannter Regionen und dem Entdecken von Neuem her.
3. Verschieben (re-locate)
Der letzte und kürzeste Abschnitt des Buches beginnt mit einem Kapitel von Klaus Prange, der über das „Lernen im Kontext des Erziehens“ diskutiert.
Fortgesetzt wird dieser Abschnitt mit einem Beitrag über „Enkulturation und Erziehung“ von Klaudia Schultheis in dem sie auf den Kontext von Geist und Körper und die Bedeutung dieses Zusammenhanges für gewisse Lernprozesse hinweist.
„Lernen durch Erfahrung“ heißt der Beitrag von Konstantin Mitgutsch, in dem er über „Bruchlinien im Vollzug des Lernens“ berichtet und damit der Frage des „Wie“ des Lernvollzuges nachgeht.
Ihm folgt ein Kapitel von Malte Brinkmann. Er thematisiert den Zusammenhang von Lernen und Üben. Beide Entitäten beschreibt der Autor als nicht-lineare, sondern „kreisförmige“ Prozesse, bevor er eine kurze Theorie der Übung als spezifische pädagogische Form von Performativität und Rekursivität darstellt.
Birgit Althans bewegt sich thematisch auf ähnlichem Gebiet wie Klaudia Schultheis. Sie berichtet über die Verknüpfung von Körper und Geist in Form des inkorporierten Gedächtnisses und schildert bekräftigend historische Eckpfeiler in der hellenischen Antike und bei Sigmund Freud.
Das Kapitel von Jörg Zirfas handelt schließlich von der Endlichkeit des Seins und basiert damit auf dem Konzept des „Sterben Lernens“ (durch die zentralen Dimensionen Zeit, Muße, Aufgabe, Freiheit und Lehrbarkeit) des römischen Staatsmannes und Philosophen Seneca als Gegenpol zum modernen Konzept des „Leben Lernens“.
Den Abschluss des dritten Abschnitts bildet ein Beitrag von Elisabeth Sattler über Alfred Petzelts Subjektivität, in dem sie über das „Lernen, sich zu bestimmen“ und die Implikationen des Subjektivitätsgedankens für das Lernen nachdenkt. Sie schließt mit einem Zitat von Elias Canetti: „Ungenauestes aller Worte: 'ich`“.
Zielgruppen
Das Buch spricht in erster Linie Pädagogen und Erziehungswissenschaftler an, die sich über pädagogische Zugänge zum Phänomen des Lernens informieren wollen.
Fazit
Mit „Dem Lernen auf der Spur…“ haben die vier Herausgeber dieses informativen Werkes, Konstantin Mitgutsch, Elisabeth Sattler, Kristin Westphal und Ines Maria Breinbauer, ein umfassendes pädagogisches Werk vieler namhafter Autoren herausgegeben, die das Lernen aus pädagogischer Perspektive beleuchten und es dem Leser auf vielfältige Weise näher bringen.
Rezensent
Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Arzt und Sozialwissenschaftler. Beschäftigt an den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel (Switzerland)
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 24.06.2009 zu: Konstantin Mitgutsch, Elisabeth Sattler, Kristin Westphal u.a. (Hrsg.): Dem Lernen auf der Spur. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 340 Seiten. ISBN 978-3-608-94494-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7652.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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