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Daniel Nakhla, Andreas Eickhorst u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch für Familienhebammen

Cover Daniel Nakhla, Andreas Eickhorst, Manfred Cierpka (Hrsg.): Praxishandbuch für Familienhebammen. Arbeit mit belasteten Familien. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2009. 189 Seiten. ISBN 978-3-940529-28-2. 22,90 EUR.
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Hintergrund und Thema

Familienhebammen sind staatlich examinierte Hebammen mit einer Zusatzqualifikation, deren Tätigkeit die Gesunderhaltung von Mutter und Kind fördert. Die Arbeit der Familienhebamme hat die Gesundheit von Mutter und Kind mit Hilfe niederschwelliger Angebote innerhalb des sozialen Netzes zum Ziel. Dabei liegt der Schwerpunkt der Arbeit durch eine aufsuchende Tätigkeit und interdisziplinärer Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Berufsgruppen auf der psychosozialen, medizinischen Beratung und Betreuung von Risikogruppen.

Aufgabenschwerpunkt ist die Begleitung und Beratung von Risikoschwangeren und Familien mit einem erheblichen Förderungsbedarf bis zum Ende des 1. Lebensjahres des Kindes. Somit können Frauen und Mütter, die auf Grund ihrer sozialen und gesundheitlichen Probleme wie z. B. Sucht, Existenzprobleme, Minderjährigkeit, Behinderung, Sprachschwierigkeiten bei Frauen mit Migrationshintergrund eine Familienhebamme in Anspruch nehmen. Die Familienhebamme hat einen aufsuchenden Charakter und Angebote der Vor- und Nachsorge können im häuslichen Umfeld erbracht werden. Ihre Aufgaben umfassen:

  • Aufklärung über medizinische und soziale Versorgungsangbote
  • Geburtsvorbereitung und Vermittlung in diese
  • Durchführung der Vor- und Nachsorge bei der Schwangeren
  • Anleitung im Umgang mit dem Säugling
  • Vermittlung und Begleitung zu Ärzten und Krankhäusern
  • Kooperation mit den örtlichen Schwangerenberatungsstellen, Jugend- und Sozialhilfeträgern der Gesundheitsbehörde und anderen Beratungseinrichtungen
  • Ziel ist es, Gefährdungen von Säuglingen frühzeitig zu erkennen und ihnen entgegen zu wirken
  • Verlässliche und dauerhafte Bindungen zwischen Kind und Eltern (ggf. ersatzweise auch anderen Bezugspersonen) zu stärken
  • Kindern eine altergemäße Entwicklung zu sichern
  • Verminderung von Risikofaktoren und Stärkung von Resilienzen
  • Arbeitsweise: Vernetzung von Hilfsdiensten, Hilfe zur Selbsthilfe, Begleitung bei Behördengängen oder Therapiemaßnahmen, Aufbau von Kooperationen

Wichtiger Motor für die Entwicklung der Zusatzqualifikation zur Familienhebamme war die Wahrnehmung einer erhöhten perinatalen Sterblichkeit und Morbidität in bestimmten Bevölkerungsgruppen oder Regionen und die wachsende Auseinandersetzung und Forschung im Kontext des plötzlichen Kindstodes.

Autorinnen und Autoren

Von den insgesamt 13 AutorInnen stammen 11 aus dem medizinischen, psychosomatischen oder psychologischen Bereich des Universitätsklinikums in Heidelberg, eine Psychologin und zugleich Doktorin der Naturwissenschaften ist an der Universität Osnabrück und eine Pflegewissenschaftlerin an der Hebammenschule in Hamburg tätig. Die drei Herausgeber Daniel Nakhla, Andreas Eickhorst, Manfred Cierpka sind am Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie des Universitätsklinikums Heidelberg beschäftigt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in insgesamt 24 Kapitel und wurde von eben dreizehn Autoren verfasst. In den ersten fünf Kapiteln wird die Situation der Familienhebamme anhand ihrer historischen Entwicklung, im wissenschaftlichen Diskurs bis hin zur professionellen Beziehungsgestaltung zur Klientin und Gesprächstechniken dargestellt. In den nächsten beiden Kapiteln wird die Geburt als existenzielle Erfahrung und unter psychologischer Perspektive betrachtet. Es schließt sich die Entwicklung des Kindes im ersten Lebensjahr und deren Bedürfnisdarstellung an. Im Anschluss spannt sich ein breiter Bogen von den interaktionellen Herausforderungen in der Säuglingszeit, über die Eltern-Kind-Bindung, die Bedeutung anderer Personen, den Symptomen und Hinweisen auf körperliche und seelische Misshandlungen und Vernachlässigungen, den kulturspezifischen Wertvorstellungen und Umgangsweisen mit Säuglingen bis hin zu den speziellen Problemlagen wie Abhängigkeitsthematik, psychische Erkrankungen und Teenagerschwangerschaften. Im Abklang des Buches finden sich Ansätze zur Problembewältigung in Form von Familienhilfe, Krisenbewältigung, finanzieller Unterstützungsleistung, die Rolle des Kinderarztes oder Eltern-Kind-Gruppen. Das Buch wird abgerundet durch die Vorstellung eines Modellvorhabens, dem Erfahrungsbericht einer Familienhebamme und einem berufspolitischen Ausblick für den Berufsstand.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Familienhebammen und Hebammen gleichermaßen. Ihnen wird eine gute Einführung und ein guter Überblick über das Feld der Familienhebamme gegeben. Vor allem der breite theoretische Bezug, die Perspektivenvielfalt und die Auseinandersetzung mit den vielfältigsten Themenfeldern in diesem Bereich machen dieses Buch zu einem echten Grundlagenbuch. Die Auseinandersetzung mit hebammengenuinen Tätigkeits- und Familienspektren machen dieses Werk sehr reizvoll. Auszubildende und Interessierte können hier einen breiten Einblick in die Bedeutung der Arbeit von Familienhebammen bekommen. Das Buch hat somit orientierenden Charakter, denn so heterogen das Feld der unterschiedlichen Familien ist, so heterogen sind die Anforderungen an die jeweilige Familienhebamme. Dabei verzettelt sich das Werk nicht in Detailwissen (über z.B. finanzielle Beratung) sondern stellt immer wieder die Bedeutung der aufsuchenden Tätigkeit von Familienhebammen und die Nachhaltigkeit ihrer Arbeit im Zuge des Empowerment in den Mittelpunkt.

Diskussion

Die Autoren leisten in diesem Buch einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarmachung der Bedeutung von Familienhebammen und der Darstellung ihres Tätigkeitsfeldes.

Das Buch gibt auf der inhaltlichen Ebene neben dem breiten Einblick in das Handlungsfeld auch handlungsorientierte Hilfestellung für (Familien-) Hebammen. Elemente systemisch-lösungsorientierten Arbeitens, Risikoeinschätzung durch die Hebamme und die Bedeutung von Copingstrategien finden sich in diesem Werk genauso wieder wie die vielfältigen Veränderungen und Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Thema Familiengründung.

Das Buch spannt einen prägnanten Bogen von der fundiert wissenschaftlichen bis hinunter zu der rein pragmatischen Ebene (Einbindung aktueller Studienergebnisse als auch Gesprächstechniken, Ressourcennutzung, Wahrnehmungsförderung der Klienten oder der Darstellung der Kindesentwicklung im ersten Lebensjahr). Das Buch eignet sich somit einen Überblick über Fragestellungen und Inhalte rund um den Praxisalltag von Familienhebammen zu bekommen.

Hervorzuheben sind die einfache, verständliche und zugleich komprimierte Sprache, die prägnanten Darstellungen, die alltagsnahen Praxisbeispiele und der perspektivische Aufbau. Das komplexe Thema Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung wird differenziert dargelegt. Dabei steht der Präventionsgedanke konsequent im Vordergrund des Buches.

Die Grenzen des Wirkungskreises einer Familienhebamme – sowohl die Grenzen der eigenen Belastbarkeit als auch die Probleme der Verantwortungsübernahme und der rechtlichen Konsequenzen werden deutlich. Der Einsatz von Assessmentinstrumenten wird gefordert, um eine professionelle Arbeit zu gewährleisten. Kritische Gesichtspunkte, wie die Gefahr der Instrumentalisierung durch die Jugendämter und das Verschieben der Verantwortungsübernahme werden ebenso in den Blick genommen. Ferner ist der Charakter der aufsuchenden Arbeit von (Familien-) Hebammen in treffender Weise skizziert und die Bedeutung von Hilfe zur Selbsthilfe aus Sicht der professionellen Hebamme deutlich geworden. Zahlreiche Facetten des beruflichen Handelns kommen deutlich zur Sprache (z.B. das mangelnde Problembewusstsein bestimmter Klienten).

Auf der formalen Ebene ist zu erwähnen, dass die kurzen und gut verständlichen Aufsätze überwiegend durch Zusammenfassungen, checklistenartige Fragestellungen in Form eines Merkgerüstes und Rückanbindung an das Thema Familienhebamme immer wieder abgerundet werden. Der Titel „Praxishandbuch für Familienhebammen“ ist folglich gut gewählt, denn über ein Praxishandbuch hinaus kann und will das Buch nicht gehen. Dafür fehlen weiterführende Diskussionen, weitere theoretische Modelle für die Urteilsbildung, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung und auch die Diskussion weiterer wissenschaftstheoretischer Ansätze über die Denkstile in Psychologie und Medizin hinausgehend.

Mit dem Werk konnte aufgezeigt werden, dass die Praxis gerade in diesem Bereich sehr vielfältig ist. Zahlreiche Aspekte und Einzelelemente wurden abgearbeitet. Hierdurch geschuldet bleibt das Werk folglich zeitweise an der Oberfläche.

Obwohl an verschiedenen Stellen darauf hingewiesen wird, dass sich die Zusatzqualifikation zur Familienhebamme sehr unterschiedlich gestaltet, scheint (auch) von den AutorInnen des Buches im Vorfeld nicht geklärt worden zu sein, ob die Zusatzqualifikation jetzt durch eine Aus, Fort-, Weiterbildung oder durch ein Studium geleistet werden soll, da bezogen auf die Zusatzqualifikation sich kein einheitlicher Sprachgebrauch findet (u.a. 7, 9, 11, 13, 21, 176 usf.).

Fazit

Den Autoren gelingt es mit diesem Werk ein einführendes Buch in einem hochaktuellen Bereich zu schreiben, der ansonsten von vielen divergierenden Diskussionen lebt.


Rezensentin
Dipl. Pflegewiss. Sabine Dörpinghaus
Hebamme, M.Sc., Doktorandin Institutsleitung am Bildungsinstitut für Gesundheit – Bensberg
Homepage www.sabine-doerpinghaus.de
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Zitiervorschlag
Sabine Dörpinghaus. Rezension vom 20.06.2009 zu: Daniel Nakhla, Andreas Eickhorst, Manfred Cierpka (Hrsg.): Praxishandbuch für Familienhebammen. Arbeit mit belasteten Familien. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2009. ISBN 978-3-940529-28-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7659.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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