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Arne Weidemann, Jürgen Straub u.a. (Hrsg.): Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz?

Cover Arne Weidemann, Jürgen Straub, Steffi Nothnagel (Hrsg.): Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz? Theorien, Methoden und Praxis in der Hochschulausbildung. Ein Handbuch. transcript (Bielefeld) 2010. 366 Seiten. ISBN 978-3-8376-1150-2. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Entstehungshintergrund

Die Globalisierung unserer Lebens- und Berufswelt, die Internationalisierung der Hochschulen sowie der Bologna-Prozess haben der Forderung nach der Vermittlung von interkultureller Kompetenz an den bundesrepublikanischen Hochschulen besondere Dringlichkeit und eine besondere politische Brisanz verliehen. Das vorliegende Handbuch greift dieses wichtige hochschulpolitische Thema auf. Es markiert den Abschluss eines 2001 gestarteten Forschungsprogramms dessen Kern seit 2004 das interdisziplinäre Graduiertenkolleg „Interkulturelle Kommunikation – Interkulturelle Kompetenz“ war. Das Programm war institutionell eingebettet in das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und den Lehrstuhl für interkulturelle Kommunikation der Technischen Universität Chemnitz (TU Chemnitz). Maßgeblich finanziell gefördert wurde es von der Hans-Böckler-Stiftung als weiteren institutionellen Partner.

Herausgeber und Herausgeberin

Arne Weidemann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für interkulturelle Kommunikation der TU Chemnitz, Steffi Nothnagel war dort ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin und geht derzeit dieser Tätigkeit an der Professur Erziehungswissenschaft der TU Chemnitz nach. Jürgen Straub war bis 2008 Inhaber des Lehrstuhls für interkulturelle Kommunikation der TU Chemnitz und lehrt nun Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Von zentralem Erkenntnisinteresse des Forschungsprogramms waren die Fragen, um was genau es sich denn bei „interkultureller Kompetenz“ eigentlich handelt, mit welchen Methoden interkulturelle Kompetenz, Kommunikation und Kooperation erforscht werden können und schließlich wie interkulturelle Kompetenz vermittelt werden kann.

In dem vorliegenden Handbuch gehen in insgesamt fünf Teilen und 23 einzelnen Beiträgen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterschiedlichster Fachdisziplinen, die mit der Lehre interkultureller Kompetenz im Kontext Hochschule befasst sind, diesen Fragen nach.

Aufbau und Inhalt

Im einleitenden Teil widmen sich die drei Herausgeber Hauptmerkmalen des theoretischen Begriffs „interkulturelle Kompetenz“ und damit der Frage, was denn überhaupt vermittelt werden soll. Dass es keine allgemeingültige Definition des Begriffs gibt, ist Stand der Forschung. Komplexe begriffstheoretische Annäherungen werden durch Komponenten- und Konstituentenmodelle handhabbar, die hier exemplarisch vorgestellt und in ihren Möglichkeiten und Grenzen diskutiert werden. Als Charakteristika all dieser Modelle identifizieren die Autoren, „dass sich ‚interkulturelle Kompetenz‘ aus vielerlei psychischen Dispositionen, Wissenbeständen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammensetzt“ und daher eine emotionale, eine kognitive sowie eine konative Dimension umfassen. Interkulturelle Kompetenz ergreift somit die „tieferen Schichten einer Person“ (Weidemann, Straub, Nothnagel, Teil 1: Einleitung, S. 18, 21). Dass dies sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden vor besondere Anforderungen stellt, wird hier evident. Den Beiträgen des Handbuchs liegt ebenfalls keine einheitliche Definition von interkultureller Kompetenz zugrunde. Jedoch basieren diese auf dem Grundkonsens, dass eine gezielte Vermittlung von Lern- und Lehrinhalten sich immer nur auf einzelne Konstituenten oder Komponenten von interkultureller Kompetenz beziehen kann.

Im zweiten Teil des Handbuchs werden theoretische Grundlagen für die Vermittlung von interkultureller Kompetenz behandelt. Jürgen Straub fokussiert in seinem Beitrag die lerntheoretische Basis. Immer noch ist die Frage, wie sich interkulturelles Lernen vollzieht unzureichend theoretisch aufgearbeitet. Vorhandene und gängige Modelle zur Klärung dieser Frage werden kurz beschrieben und ihr Für und Wider näher beleuchtet. Straub stellt sodann eingehend den bislang in der Fachdiskussion kaum zur Kenntnis genommenen lerntheoretischen Ansatz des Psychologen Klaus Holzkamp sowie den diesen - aus Straubs Sicht - komplementär ergänzenden phänomenologischen Ansatz von Käte Meyer-Drawe vor und stellt deren Erklärungspotenziale für die Beantwortung der Frage, wie sich interkulturelles Lernen vollzieht, dar.
Lothar Bredella thematisiert in einem weiteren Beitrag, warum es bislang keine einheitliche Methodik für die Vermittlung interkultureller Kompetenz gibt. Die Ursache hierfür sieht er darin, dass Erklärungsmodelle interkultureller Kompetenz sich auf unterschiedliche Anwendungssituationen derselben beziehen, woraus sich unterschiedliche Zielsetzungen mit weitreichenden Konsequenzen für die Vermittlung von interkultureller Kompetenz ergeben. Daher sei die Klärung der Frage, wie es hierzu komme, von fundamentaler Bedeutung für begründete methodische und didaktische Entscheidungen bei der Vermittlung interkultureller Kompetenz, so Bredella. Dies veranschaulicht er an verschiedenen Beispielen.

Im dritten Teil des Handbuchs rückt der institutionelle Rahmen für die Lehre interkultureller Kompetenz im Kontext Hochschule ins Zentrum der Analyse. Arno Weidemann und Steffi Nothnagel widmen sich in ihrem Beitrag den für die Vermittlung von interkultureller Kompetenz relevanten Akteuren in der Institution Hochschule. Diese werden in ihrer Bedeutung für den Vermittlungsprozess näher bestimmt und die sich hieraus ergebenden Konsequenzen für die Ausbildung von interkultureller Kompetenz im Kontext Hochschule thematisiert. Überzeugend zeigen Weidemann und Nothnagel auf, dass die Ausbildung von interkultureller Kompetenz die Institution Hochschule in ihrer Gesamtheit betrifft.
Matthias Otten geht in seinem Beitrag über die Funktionen und Organisationsformen interkulturell ausgerichteter Studienangebote den Fragen nach, worauf beim Aufbau interkulturell ausgerichteter Studienangebote zu achten ist und was diese bewirken können. Insbesondere die Möglichkeit für Lernende, eigene Kulturbegegnungen und Fremdheitserfahrungen vor theoretischem Hintergrund reflektieren zu können, identifiziert er zu Recht als ein wichtiges Merkmal interkultureller Studienelemente, wenn sie tatsächlich Kompetenz fördernd wirken sollen. Ferner plädiert er dafür, im Kontext Hochschule als vorrangiges Ziel eine Verbesserung der Lern- und Studierfähigkeit bei der Konzeption interkultureller Studienangebote anzustreben und erst im zweiten Schritt sich den speziellen Erfordernissen bestimmter Berufsfelder im Hinblick auf interkulturelle Kompetenz zuzuwenden.
Frances Blüml beschreibt in seinem Beitrag über Qualitätssicherung in interkulturellen Studiengängen, welche Chancen eine an „learning-outcome“ orientierte Curricula-Entwicklung für die Qualitätssicherung in interkulturell ausgerichteten Studienangeboten bietet und inwiefern diese zur Professionalisierung solcher Ausbildungsangebote beitragen kann.

Im vierten und eigentlichen Hauptteil des Handbuchs werden Methoden der Vermittlung interkultureller Kompetenz in unterschiedlichen Fachdisziplinen und Kontexten vorgestellt. Hierbei handelt es sich in den einzelnen Beiträgen um Verfahren, Materialien oder um Lehr-/Lernarrangements.
In den ersten fünf Beiträgen werden Verfahren wie Trainings/Lehrtrainings (Stefanie Rathje), Planspiele und Computersimulationen (Stefan Strohschneider), linguistisch begründete Verfahren (Konrad Ehlich/Jan D. ten Thije), interkulturelle Sprachentandems (Mark Bechtel) sowie 'Deliberative Dialogues' (Kamakshi P. Murti) vorgestellt. In den daran anschließenden sechs Beiträgen wird der Einsatz bestimmter Materialien in der interkulturellen Lehre dargestellt. Hierbei handelt es sich um 'Critical Incidents' und Kulturstandards (Astrid Utler/Alexander Thomas), Literatur und Kunst (Laurenz Volkmann und Ralph Köhnen), Spiel- und Dokumentarfilme (Martin Gieselmann), Lehrfilme (Gerd Ulrich Bauer) und den Lehrfilm KUSTOS (Nik Oberlik). In fünf weiteren Beiträgen werden sodann Lehr-/Lernarrangements im Hinblick auf ihre Potenziale zur Vermittlung interkultureller Kompetenz ausgelotet. Zunächst werden in den Beiträgen E-Learning (Jürgen Bolten) und '>Virtual Classroom' (Doris Fletscher) mediale Lehr-/Lernarrangements vorgestellt. In den daran anschließenden Beiträgen werden das Auslandssemester (Steffi Nothnagel), der Fremdsprachenunterricht (Winfried Thielmann) sowie Lehrforschung und Lehrforschungsprojekte (Arne Weidemann) als weitere Lehr-/Lernarrangements behandelt. Dem Leser werden zahlreiche Methoden zur Vermittlung interkultureller Kompetenz aus unterschiedlichsten Bereichen des Lehr-/Lernfeldes Hochschule und deren Einsatzbedingungen und Wirkungsweisen vorgestellt und diese werden auch diskutiert. In wenigen Beiträgen wird dabei fachdisziplinäres Expertenwissen vorausgesetzt, so dass diese für eine fachfremde Zielgruppe schwerer verständlich sind.

Im abschließenden fünften Teil des Handbuchs thematisieren Maik Arnold und Thomas Mayer in ihrem Beitrag anschaulich, in welcher Form eine theoretisch fundierte und methodisch verfahrende Evaluation interkultureller Studienangebote trotz großer Forschungslücken in diesem Bereich erfolgen kann.

Fazit

Ein derart komplexes Thema wie das der Vermittlung von interkultureller Kompetenz in der Hochschule in möglichst vielen Facetten zu beleuchten, ist ohne Frage ein anspruchsvolles Unterfangen. Es gelingt den Autoren und Autorinnen in hervorragender Weise. So bündeln die einzelnen Beiträge des Handbuchs die aktuelle Forschungsdiskussion in dem vorgestellten Untersuchungsgegenstand, verweisen auf vertiefende Überblicksdarstellungen und zeigen so Wege auf durch eine schier unüberschaubare Fülle an Literatur in einem multidisziplinär aufgestellten Forschungsfeld. Vor allem aber lädt das Handbuch Lehrende, die sich mit der Vermittlung interkultureller Kompetenz im Kontext Hochschule befassen ein, das eigene Handeln vor dem Hintergrund der hier vorgestellten theoretischen Ansätze neu zu hinterfragen. Es lädt ein, bei der Suche nach geeigneten Methoden für den Einsatz in den Lehr-/Lernsettings den Blick über den Tellerrand zu wagen und vielleicht einmal ganz neue Wege zu beschreiten. Und mit Forderungen, wie der nach der Vermittlung von interkultureller Kompetenz im Rahmen einer stringenten Personalpolitik an der Hochschule markiert es wichtige Ziele, die es zu erreichen gilt, wenn Internationalisierung wirklich gelingen soll. Für jeden Leser, der sich mit der Vermittlung von interkultureller Kompetenz im Kontext Hochschule beschäftigt ist dieses Handbuch eine spannende, lohnende, weil inspirierende Lektüre.


Rezensentin
Elke Möller
M.A.
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Zitiervorschlag
Elke Möller. Rezension vom 04.04.2011 zu: Arne Weidemann, Jürgen Straub, Steffi Nothnagel (Hrsg.): Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz? Theorien, Methoden und Praxis in der Hochschulausbildung. Ein Handbuch. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1150-2. Reihe: Kultur und soziale Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7672.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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