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Thomas Pohl: Entgrenzte Stadt

Cover Thomas Pohl: Entgrenzte Stadt. Räumliche Fragmentierung und zeitliche Flexibilisierung in der Spätmoderne. transcript (Bielefeld) 2009. 386 Seiten. ISBN 978-3-8376-1118-2. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Urban Studies.

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Thema

Die Globalisierung und die mit ihr einhergehenden strukturellen Veränderungen haben entgegen den Erwartungen nicht zu einer Schwächung der Städte geführt, sondern eine Renaissance des Urbanen eingeleitet. Freilich ist der Übergang von der fordistischen zur postfordistischen Stadt mit komplexen Restrukturierungen der Alltagsorganisation in Städten verbunden. Insbesondere steht hier das Problem der angemessenen Organisation raum-zeitlicher Strukturen der im Entstehen begriffenen Wissensökonomie der Städte. Thomas Pohl stellt sich hier insbesondere die Frage, welche Vorteile eine enge räumliche Konzentration die Stadt heute noch für die Alltagsorganisation ihrer Bewohner und ihre Unternehmen bietet und welche Probleme damit verbunden sind. Das Ziel seiner Studie besteht in der Verbesserung der empirischen Basis räumlicher und zeitlicher Strukturen in der Stadt, woraus auch Erkenntnisse für die Planung gewonnen werden sollen.

Aufbau und Inhalt

Pohl geht davon aus, dass der aktuelle Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft zu einer Überformung des Rhythmus unserer Städte führt, in denen die Ursachen und Konsequenzen der Auflösung kollektiver Zeitstrukturen besonders deutlich erkennbar seien. Was sich verändere, seien sowohl die funktionale Bedeutung von vielen Orten, als auch die temporale Organisation des Alltags der Stadtbewohner selbst: „die Stadt wird räumlich und zeitlich entgrenzt“ (S. 11). Pohl versucht nun mit seiner sozialgeographischen Studie – die zugleich als Dissertation am Institut für Geographie der Universität Hamburg angenommen wurde – am Beispiel der Stadt Hamburg zu zeigen, welche Folgen diese Entwicklung mit sich bringt und welche Herausforderungen für die Stadtplanung hieraus resultieren (S.11).

Im Anschluss an die Einführung werden im Kapitel zwei (S. 41 ff.) Forschungsansätze dargelegt, die sich mit dem Thema Raum, Zeit und Alltagsorganisation befassen, darunter die Zeitgeographie, die Aktionsraumforschung, die Sozialökologie u.a. . Aufbauend auf diesen Ansätzen wird dann in Kapitel 3 ein geeigneter methodischer Untersuchungsansatz entwickelt (S. 193 ff.). In Kapitel 4 stehen dann die räumlich-strukturellen Veränderungen des Wandels in der spätmodernen Stadt im Vordergrund (S. 225). In diesem Kapitel diskutiert der Autor auch die Leistungsfähigkeit einer „modernisierten social area analysis“, mit deren Hilfe er die sozialökologische Organisation der spätmodernen Stadt gemessen hat. In Kapitel 5 erfolgt die Integration zeitstruktureller Bezüge in die gesamtstädtische Betrachtung (S. 247 ff.). Anschließend diskutiert Pohl im sechsten Kapitel die Erklärungskraft verschiedener Gruppenkonzepte, von denen vermutet wird, dass sie die raum-zeitliche Gestaltung des Alltags der Menschen maßgeblich beeinflussen (S. 263 ff.). Das erfolgt vergleichend für vier unterschiedliche Quartiere von Hamburg, die der Autor entsprechend seiner vorher erzielten Ergebnisse ausgewählt hat. Im letzten Kapitel 7 werden die erzielten Ergebnisse zusammengefasst, diskutiert und darauf aufbauend eine Interpretation der „spätmodernen Stadt“ entwickelt (S. 353 ff.).

Die räumlichen und zeitlichen Implikationen der „Gesellschaft im Umbruch“ (von Pohl auch als „spätmoderne Gesellschaft“ bezeichnet) ließen sich entlang der Begriffe „Fragmentierung“, „Entgrenzung“, „Beschleunigung“ und „Flexibilisierung“ erfassen. Der Begriff „Fragmentierung“ beschreibe die räumlich-strukturellen Implikationen des Wandels in der Spätmoderne. Die Begriffe „Entgrenzung“, „Beschleunigung“ und „Flexibilisierung“ verwiesen dabei sowohl auf zeitliche und räumliche als auch auf strukturelle und individuelle Dimensionen des Wandels. Besonders deutlich werde das am Begriff der „Entgrenzung“ – ein zentraler Begriff für Pohl – der einerseits die transnationale Angleichung institutioneller Rahmenbedingungen, andererseits aber eine Entstandardisierung individueller Alltagsorganisation bewirke (S. 39). Mit Entgrenzung ist gemeint, dass „zeitliche Strukturen poröser, durchlässiger, in sich beweglicher werden: es gibt weniger verbindlich festgelegte eindeutige Zeitpunkte und –räume für bestimmte Aktivitäten“ (S. 25).

Als theoretischen Ausgangspunkt für die Überprüfung der Verzeitlichungsthese wählte Pohl die Humanökologie, für die Untersuchung der raum-zeitlichen Organisation der Stadt griff er auf den von Ellegard u.a. entwickelten Regionalisierungsansatz zurück und für die raum-zeitliche Zonierung des Stadtraums und die Ausweisung von Chronotopen lehnte er sich an die Forschungsarbeiten von Eberling/Henckel an (S. 356). Pohl entwickelt in klassischer Weise für seine theoretisch geleitete empirische Untersuchung eine Reihe von Hypothesen, die er zu verifizieren sucht und differenziert außerdem eine Reihe von Teilhypothesen bezüglich seiner zentralen Begriffe aus (S. 202; 211; 222). Im Kapitel 2 erfolgt eine etwas opulente Entfaltung und Diskussion theoretischer Ansätze (S. 41-191), wobei hier hervorhebenswert ist, dass neben geographischen auch dezidiert soziologische Ansätze einbezogen werden. Allerdings stellt sich hier die Frage, warum neben den Lebensstilansätzen, die vor allem den Raumbezug von Lebensstilgruppen als Szene betonen (Schulze), nicht das Konzept der Lebensführung, wie es von Voß u.a. entwickelt worden ist, berücksichtigt wurde. Hier wird nämlich – im Unterschied zu vielen Lebensstiluntersuchungen – die raum-zeitliche Organisation des Alltags von Individuen konzeptionell einbezogen. Als Basis für die Analyse der zeitlichen Strukturierung dient die sozialräumliche Differenzierung Hamburgs, wie sie im Kapitel 4 durch die Sozialraumanalyse ermittelt wurde (S. 248). Hierauf aufbauend werden Zeitverwendungsmuster in den unterschiedlichen Arealen der Stadt erfasst und die Aktionsräume der Individuen analysiert.

Pohl kommt zu einem Ergebnis, das nicht ganz seinen Hypothesen und Erwartungen entspricht. So „wird bei der Betrachtung des tageszeitlichen Rhythmus der gesamten Stadt deutlich, dass dieser auch heute noch in einem ganz wesentlichen Maße durch deutlich getaktete (Normal)Arbeitsverhältnisse bestimmt zu sein scheint“. Die relativ hohe Aktivität der innerstädtischen Quartiere in den Abendstunden verweise zwar auch auf eine Ausdehnung bzw. Flexibilisierung der Arbeitszeiten, dieser sei allerdings (noch?) keine dominante Funktion beizumessen (S. 253). Von einem „Weg in eine kontinuierlich aktive Gesellschaft“ könne auch in den zeitlich entgrenzten Arealen der Stadt derzeit noch keine Rede sein (S. 358).

Diskussion

Die Ergebnisse der Analyse neuer raum-zeitlicher Strukturen in der spätmodernen Stadt vermögen den selbst gesetzten Ansprüchen nicht immer gerecht zu werden. Pohl konzediert, dass viele der Ergebnisse der empirischen Untersuchung mit Blick auf die in der Literatur beschriebenen Veränderungen der spätmodernen Stadt nicht überraschend sein mögen (S. 360). Er macht aber geltend – und dies kann hier unterstrichen werden –, dass sich seine Untersuchung im Unterschied zu vielen anderen Arbeiten durch einen quantitativen empirischen Zugang auszeichnet. Die im Theorieteil entwickelte (idealtypische) Gegenüberstellung fordistische versus postfordistische Stadt wird freilich den empirischen Ergebnissen nicht ganz gerecht: Sowenig die fordistische Stadt in ihren raum-zeitlichen Strukturen vollständig und einheitlich getaktet war, sowenig wird die postfordistische Stadt völlig entgrenzt, fragmentiert und flexibilisiert sein. Das gegenwärtig anzutreffende Nebeneinander unterschiedlicher Rhythmen, das Pohl in der Analyse unterschiedlicher Stadtteile und sozialer Gruppen differenziert herausgearbeitet hat, könnte durchaus ein Dauerzustand werden. Denn warum sollten suburbane Wohn- und Lebensformen sowie klare zeitliche Taktungen nicht nur von herkömmlichen Industrien, sondern auch von vielen Dienstleistungseinrichtungen (Schulen, Krankenhäusern, Ämtern) vollständig verschwinden? Das Verdienst der Analyse besteht hier darin, dass ein Trend empirisch abgebildet wird, der sich in Zukunft stärker ausprägen dürfte. Ob er aber zum beherrschenden wird, bleibt vorerst dahin gestellt. Der als Schlussplädoyer entwickelten Forderung nach städtischer Zeitpolitik vermag man sich intuitiv anzuschließen. Allerdings fragt man sich sofort, was in einer postfordistischen Stadt miteinander synchronisiert werden soll und wie dies erfolgen könnte. Hier identifiziert der Autor künftigen Forschungsbedarf und man kann sich nur wünschen, dass sich Thomas Pohl dem mit ebensoviel analytischem Scharfblick und professionellem Engagement widmen wird.

Fazit

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine sehr anspruchsvolle, theoriegeleitete empirische Untersuchung, die aus der Perspektive einer engagierten Geographie mit sozialpolitischem Anspruch geschrieben ist (S. 35 f.). Sie setzt sich kritisch mit bestehenden Konzepten auseinander (S. 161 ff.) und sucht nach Wegen der Konzeptualisierung neuer alltagsweltlicher Phänomene. Darin besteht ein wesentlicher Ertrag für die Analyse neuer raum-zeitlicher Strukturen in der spätmodernen Stadt.


Rezensent
Prof. Dr. Dieter Rink
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Department Stadt- und Umweltsoziologie
Zugleich Honorarprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Mittweida, Fachbereich Soziale Arbeit
Homepage www.ufz.de/index.php?de=1662
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Zitiervorschlag
Dieter Rink. Rezension vom 24.03.2010 zu: Thomas Pohl: Entgrenzte Stadt. transcript (Bielefeld) 2009. 386 Seiten. ISBN 978-3-8376-1118-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7675.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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