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Heinrich Fallner, Michael Pohl: Coaching mit System

Cover Heinrich Fallner, Michael Pohl: Coaching mit System. Die Kunst nachhaltiger Beratung. Leske + Budrich (Leverkusen) 2001. 251 Seiten. ISBN 978-3-8100-2882-2. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Einführung

Der Begriff "Coaching" leidet unter einem ähnlich inflationären Gebrauch wie der Begriff "Supervision" noch vor einigen Jahren. Während sich allerdings für die Qualitätsstandards in der Supervision inzwischen ein Berufsverband (DGSv) stark macht, genießt "Coaching" eine solche professionelle Wachsamkeit nicht. Während manche Firmen und andere Institutionen schon die Fortbildung "Wie telefoniere ich richtig?" als "Telefon-Coaching" verkaufen, nennt Pohl folgende Definition von" Coaching" (S. 31):

"Coaching mit System ist ein professionelles Begleitangebot für lernende Organisationen, für Veränderungsprozesse und für Menschen, die mit Menschen arbeiten, besonders wenn sie das leitend oder beratend tun

  • Es ist psychisch entlastende Beratung, indem es bei der Erreichung individueller und organisatorischer Ziele sowie bei der Reflexion eigener Beratungstätigkeit unterstützt.
  • Es ist Kommunikationsberatung, Training und Selbstklärungshilfe für Person und System.
  • Es identifiziert Erfolgsblockaden und fördert den menschlichen und beruflichen Erfolg."

"Coaching mit System" bedeutet zum einem, dass das Thema "Coaching" systematisch in der Verzahnung von Theorie – Praxisreflexion – Praxis behandelt wird, und zum anderen, dass die Autoren von der systemischen Sichtweise geprägt sind: sie sehen den "Klienten" im Kontext seiner Beziehungen und der Organisationsstruktur und -kultur, in der er arbeitet.

Entstehungshintergrund und Verwendungszusammenhänge

Das Buch ist spürbar entstanden aus eigenen Fortbildungsveranstaltungen der Autoren. Sowohl Fallner als auch Pohl sind seit Jahren renommierte Leiter von Aus- und Fortbildungen in Supervision und Coaching. Sie nennen ihr Werk ein "Lehr-, Lern- und Werkbuch". Es könnte als Lehrbuch für diejenigen dienen, die von den Autoren fortgebildet werden. Das Buch, so gut und praxisnah es auch ist, ersetzt freilich eine solche Fortbildung nicht. Beratungsmethoden erweisen ihre Brauchbarkeit für die eigene beraterische Praxis dann, wenn man sie selbst erlebt hat. "Lehrbuch" bedeutet vor allem, dass das Buch ein theoretisch begründetes und enzyklopädisch verortetes Coachingkonzept anbietet.

Ein Lernbuch ist "Coaching mit System", weil es selbst für versierte Berater/innen viele Aha-Effekte birgt, die die eigene Praxis (und die eigene Theorie!) sehr bereichern. Inwiefern allein die Lektüre des Buches soziale Kompetenz fördert, wie der Klappentext behauptet, ist mir nicht klar. Ein Werkbuch ist das Buch im besten Sinne: es reichert mit seinen zahlreichen Praxisanregungen den eigenen methodischen Werkzeugkasten an und fördert so die beraterische Kreativität.

Inhalte - erster Teil

Das Buch beginnt mit einem Überblick – und erweist sich dadurch selbst als ein Stück "Coaching", denn auf diese Weise gewinnen Leser/innen schon vor der Lektüre der einzelnen Kapitel eine Orientierung im Feld des Coaching. "Coaching" wird (vorläufig) definiert, die "Theorie-Melange" der Autoren wird offengelegt und die Elemente des Buches dargestellt. Danach beginnt der erste Teil, der mit "Die Kunst des Coaching" überschrieben ist, Michael Pohl ist der Autor dieses Buchteils.

Die Kapitel

  1. Coachingsprachen. Auf verschiedenen Sprach- und Denkebenen (Alltagssprache, Betriebswirtschaft, Beratungsprofis) wird definiert, was Coaching ist und wozu es dient.
  2. Coaching mit System als konzeptionelle Weiterentwicklung. In diesem Kapitel geht es um die Ziele des Coaching (wobei auch das Ziel "Humanisierung der Arbeit" nicht außer Acht gelassen wird), um die Frage, in welchen Bereichen Coaching eine hilfreiche Methode sein kann (und in welchen gerade nicht!), sowie um das Verhältnis von Coaching und Supervision.
  3. Coaching und Kreativität. Hier wird kreatives Coaching als Kunst verstanden und kreativitätsfördernde und –hemmende Faktoren benannt.
  4. System-Metaphern. Das "Systemhaus" von Fallner/Boxhammer (S. 193) ist ein in vielen Fortbildungen gut erprobtes Bild für den Raum, in dem die berufliche und persönliche Entwicklung berufstätiger Menschen stattfindet. Es schärft den systemischen Blick und ist gut geeignet als diagnostisches Instrument. Pohl ergänzt diese Metapher um das Bild der Stadt, in der die Systemhäuser stehen und nimmt so auch den Kontext der Häuser in den Blick.
  5. Coaching-Lernen. Wie lernen soziale Organisation und wie Menschen in sozialen Organisationen? "Zukunftsfähiges Lernen ist in erster Linie Erwerb von Kompetenzen, nicht Aneignung von Wissen", sagt Pohl.(S. 68)
  6. Was muss ein Coach können? ein Coach braucht bestimmte Grundqualifikationen, und man muss von ihm erwarten können, dass er die verschiedenen relevanten Rollen flexibel handhaben kann. Die "Haltung des Coach" wird ebenso reflektiert wie sein "Grundlegende(s) Interventionsverhalten".
  7. Coaching und gestaltende Wissenschaft. Seit einiger Zeit kooperiert der Autor mit dem Fachbereich Design der Bielefelder Fachhochschule. Die Erfahrungen werden in dem abschließenden Kapitel reflektiert.

Inhalte - zweiter Teil

Den zweiten Teil des Buches beginnt Heinrich Fallner mit einer eigenen kurzen Definition: "Coaching ist ein professionelles Begleitkonzept zur Qualifizierung beruflichen Handelns in Arbeits-Systemen." (S. 101) Die Ebenen systemischen Arbeitens werden kurz entfaltet, bevor Fallner in einem zweiten Abschnitt unterschiedliche "Coaching-Formen und Kontrakte" darstellt (Leitungscoaching, Teamcoaching, Stabsfunktionen, Projektmanagement etc.) Noch einmal werden auch die Grundqualifikationen eines Coach aufgelistet. Im dritten Abschnitt refereriert Fallner ausführlich (und lehrreich!!) das Modell seines "System-Hauses", um abschließend unter 4. die Begegnung von Coach und Klienten zu reflektieren.

Inhalte - dritter Teil

Im dritten Buchteil (Coaching-Praxis) schließlich arbeiten die beiden Autoren gemeinsam und tragen ihr in vielen eigenen Coaching-Prozessen und Fortbildungen erworbenes Methodenwissen zusammen. Das nun allerdings (dankenswerterweise!) nicht in der üblichen Weise einer bloßen Auflistung von Methoden, sondern so, dass ihr jeweiliger Ort im Beratungsgeschehen deutlich wird. Das Ganze wird so zu etwas anderem als einem Methoden-Selbstbedienungsladen, in dem man sich den eigenen Beratungs-Einkaufswagen konsumsüchtig füllen kann. Gerade deshalb aber lässt sich in diesem Buchteil viel lernen – es geht um Praxis, nicht um bloße Techniken!

Zielgruppen

Als Zielgruppen dieser Publikation denke ich mir vor allem Menschen in beratenden Berufen, die sich über Coaching als Beratungsform informieren und sicherstellen wollen, dass sie die Inflation des Wortes nicht vorantreiben. Ganz sicher ist es ein fundiertes und hilfreiches Lehrbuch für alle, die Fortbildungsveranstaltungen in Sachen Coaching besuchen. Wegen seiner systemischen Perspektive ist das Werk aber auch für praktisch arbeitende Sozialwissenschaftler und –pädagogen eine bereichernde Lektüre. Das Buch ist, wie es sich für ein Praxisbuch gehört, gut lesbar – immerhin beschreibt einer der Autoren in einem Abschnitt, wie er seinen beiden Töchtern erklärt, was eigentlich ein Coach macht... Die fachliche Qualifikation der beiden Autoren steht außer Frage, beide sind im Bereich Supervision und Coaching sowie Organisationsberatung bekannte Größen.

Fazit

"Coaching mit System" ist ein gut verständliches, theoretisch und praktisch gleichermaßen gut fundiertes "Lehr-, Lern- und Werkbuch" (Klappentext), das hilft, Coaching als Beratungskonzept gut zu begründen und methodisch zu verantworten. Die theoretische Reflexion ist dabei ebenso erhellend wie die Darstellung einer möglichen Coaching-Praxis.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 01.11.2001 zu: Heinrich Fallner, Michael Pohl: Coaching mit System. Die Kunst nachhaltiger Beratung. Leske + Budrich (Leverkusen) 2001. ISBN 978-3-8100-2882-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/77.php, Datum des Zugriffs 30.07.2016.


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