Wolfgang Bergmann: Warum unsere Kinder ein Glück sind

Cover Wolfgang Bergmann: Warum unsere Kinder ein Glück sind. So gelingt Erziehung heute. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. 174 Seiten. ISBN 978-3-407-85879-5. D: 14,95 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 25,40 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

Nach den Büchern von Bueb und Winterhoff ist auf dem pädagogischen Büchermarkt mit dem vorliegenden Buch wieder neuer Zündstoff erschienen. Der Autor Wolfgang Bergmann möchte hiermit eine Antwort auf “Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ von Michael Winterhoff (vgl. die Rezension) geben, worauf ein auffälliger gelber Aufkleber auf der Titelseite hinweist. Schon in der Vergangenheit hat er sich immer wieder in verschiedenen Medien gegen die „Gehorsamspädagogik“ ausgesprochen. Der ursprünglich geplante Titel des vorliegenden Buches wurde als „Wie unsere Kinder keine Tyrannen werden“ angekündigt und dann kurzfristig geändert. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (am 22.02.09 unter dem Titel „Zur Hölle mit der Disziplin) wollte Bergmann sich nicht äußern, ob es stimmt, dass Winterhoff, hinter dem eine große Verlagsgruppe steht, eine Klage gegen ihn wegen Geschäftsschädigung anstrebe. Zumindest wird es triftige Gründe geben, dass einTitel, der schon als Buchtitel - Abbildung unter Neuerscheinung („Psychologie Heute“, Ausgabe April 2009) angekündigt wird, wieder zurückgenommen wird.

Autor

Wolfgang Bergmann ist diplomierter Erziehungswissenschaftler, Kinder- und Familientherapeut und der Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover. Er publiziert Fachbücher und ist bekannt durch Presse, Rundfunk und Fernsehen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Wesentlichen in drei große Teile gegliedert, die wiederum übersichtlich strukturiert diverse Fragestellungen und Ansichten des Autors darstellen. Dabei durchziehen das Buch viele Beispiele wie ein roter Faden. Die Sprache ist klar und gut verständlich, auch für den pädagogischen Laien gut lesbar. Gleich im Vorwort beschreibt Bergmann eine „merkwürdige Wende“ in der Erziehung, die vor fünf bis sechs Jahren mit der „Super Nanny“ begonnen habe. Er deutet die dort praktizierte „stille Treppe“ als Misshandlung kindlicher Seelen und leitet über Bernhard Bueb zu Michael Winterhoff über. In diesem Zusammenhang betont er, dass sein Buch nicht gegen Herrn Bueb und Herrn Winterhoff, sondern gegen die Kälte in der Erziehungslandschaft gerichtet sei. Dabei kritisiert er den Ruf nach Disziplin, Ordnung, Autorität und Hierarchie, der sich als Zeitströmung bemerkbar mache.

Im ersten Teil geht Bergmann vorwiegend auf Winterhoffs Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ ein, durchleuchtet exemplarisch einzelne Sachverhalte und Zitate daraus und nimmt kritisch Stellung dazu. Aber er kritisiert nicht nur ihn, sondern auch den Kinderschutzbund und die Gewerkschaft der Lehrer, die keinen Schrei ausstoßen in Anbetracht der Forderungen nach Disziplin und Worten wie z. B. „steuern“, „kontrollieren“, „Grenzen ziehen“ in Verbindung mit Kindern. Dann geht er zur Kritik an Buebs Buch „Lob der Disziplin“ und dessen Verherrlichung von Strafen über. Der Einsatz für Strenge, Härte und Disziplin bedeutet für Bergmann eine „Zerstörung des kindlichen Selbstwertgefühls und der Fähigkeit, in der sozialen Gemeinschaft Bindung und Halt zu finden“. Strafe erschrecke und entwerte.

Im zweiten Teil geht er auf die Entwicklung von Familien ein, die heute „kleine, störanfällige Einrichtungen“ geworden seien, die sich zunehmend abschirmen. Sie werden als Bindungsgemeinschaften gesehen. Mann und Frau sind in „egozentrierten Bedürfniskulturen“ (S. 47) aufgewachsen. Kinder werden zum „narzistischen Objekt ihrer Eltern“, werden in „vorgeschriebene Lernmuster“ (S. 51) gedrängt und stehen unter „Bestätigungszwang“. Hierin sieht der Autor eine der wichtigen Ursachen vieler weitgehenden seelischen und kommunikativen Prägungen und deren Folgen, die die heutige problematische Veränderung moderner Kinder im Vergleich zu früheren Generationen ausmacht (vgl. S. 51). Weiter werden Beispiele mit Erziehungsfragen behandelt.

Im dritten Teil, dem ausführlichsten, geht Bergmann in vielen praktischen Beispielen auf Alltagsprobleme erziehender Eltern ein. Statt auf Dressur, Kontrollieren, Schimpfen und Strafen setzt er auf kleine Tricks, wie Kinder verblüffen, Ablenkung (vgl. Beispiel S. 88ff), veränderte Prioritäten (vgl. Beispiel S. 70ff) und vor allem auf seine Grundaussage, dass bei einem Kind mit guter Bindung viele Probleme erst gar nicht auftauchen werden. Auch hier finden wir immer wieder Hinweise auf die „Disziplinpädagogen“, „Disziplinideologen“, Bueb und Winterhoff. Als eine zentrale gesellschaftliche Ursache für Probleme in der Familie sieht der Autor die „Überfokussierung“ der Eltern auf das Kind. Seine Beispiele sind lebendig dargestellt. Zu den gelungen Erziehungstipps gehört die „ABC Liste“ (vgl. S. 119ff), leider zu umfangreich, um sie hier darzustellen. Wichtig erscheint mir der Ratschlag des rechtzeitigen Einschreitens, bevor etwas Ernsthafteres passiert, dies gelte im Elternhaus und in der Schule. Dieser einfache Rat kann eine Menge Ärger ersparen.

Weniger überzeugend ist das Beispiel, indem berichtet wird, dass Eltern einen Termin haben, das Kind aber weiter spielen möchte. Ermahnungen und Verzögerungen folgen, ein heulendes Kind wird die Treppe heruntergezerrt und die Eltern sind genervt. Bergmann empfiehlt für solche Situationen eine Denkpause, kleine meditative Momente und das Hinterfragen, ob der Termin wirklich so notwendig ist, oder ob ein Einkauf auch später möglich ist und diese Zeit als gewonnene Zeit für ein Telefonat mit einer Freundin gedeutet und genutzt werden kann (vgl. S. 70f). Ein weiteres Beispiel handelt von einem neunjährigen Kind, das vom Spielen nicht zum verabredeten Zeitpunkt zurück zum Eiscafé gekommen ist, indem die Eltern sitzen. Der Grund sei etwas Wichtiges im Kinderleben gewesen, vielleicht ein Spiel auf dem Spielplatz gewinnen oder verlieren. Hier sollen die Eltern den Sohn als kleines Wunder sehen, wenn er mit verschwitztem Gesicht endlich zurück ist. Zum Schluss wird noch ein Eisbecher bestellt, da nichts besser erzieht als gemeinsamer Spaß, vor allem im Eiscafé (vgl. S. 91ff).

Diskussion

Als Zielgruppe werden im Text vielfach Väter und Mütter angesprochen. Eigentlich ist das Buch auch im Großen und Ganzen ein Erziehungsratgeber, der ganz praktische Erziehungsfragen beantwortet, wären da nicht die ständigen Seitenhiebe gegen Bueb, Winterhoff und die gesamte „Disziplinfraktion“. In meinen Augen entwertet dies das ganze Buch etwas, da es auch teilweise wie eine „Abrechnung“ erscheint, also nicht immer sachlich formuliert, sondern teilweise ironisch, zu vereinfacht und plakativ.

Obwohl Bergmann Winterhoff Verallgemeinerungen vorwirft, die mit Zahlen nicht belegbar sind, greift auch er dazu. So schildert er, dass „reihenweise“ Kleinkinder zu Therapeuten und Psychiatern gebracht werden, um anhand von Normtabellen die Entwicklung überprüfen zu lassen, um ihre seelische Stabilität messen zu lassen und ihre Begabungen gezielt auf Förderung einstellen zu lassen. Es wird von privaten Kindergärten berichtet, in denen Zweieinhalbjährige Chinesisch lernen, damit sie dem globalen Marktgeschehen gewachsen sein werden (vgl. S. 56). Hier wird der Eindruck erweckt, als wäre es eine weit verbreitete Zeiterscheinung, dass Kleinkinder in Privatkindergärten Chinesisch lernen. Aber auch hier geht es um eine Minderheit und nicht um die Mehrheit. Bei den Beschreibungen, wie Kinder zum „narzisstischen Objekt“ der Eltern werden, der „Überfokussierung“ und dem „Cocooning“, kommen unweigerlich Erinnerungen zu den Schilderungen bei dem ach so kritisierten Buch „Tyrannen müssen nicht sein“ von Winterhoff . Die weniger überzeugenden Beispiele und Hinweise klingen zum Teil etwas zu weltfremd und unrealistisch, obwohl der Autor durchaus durch eigene Kinder und durch beruflichen Umgang mit Kindern zu tun hat. Hier steht den Disziplinpädagogen nun ein ehemaliger Mitgründer von antiautoritären Kindergärten gegenüber, ein Spektrum von Extremen. Und doch scheint es Übereinstimmungen, wenn auch mit anderen Begrifflichkeiten und Deutungen versehen, zu geben. Bei beiden Autoren wird berichtet, dass Kinder für eigene Bedürfnisse der Eltern herhalten müssen, zur Kompensation fehlender anderer befriedigender Beziehungen oder Erfolgserlebnissen benutzt werden.

Fazit

Das vorliegende Buch ist für interessierte Eltern sicher lesenswert, da es klar und verständlich formuliert ist und zu Erziehungsproblemen Tipps gibt, die Antworten also nicht schuldig bleibt. Für die Leser, die Bueb und Winterhoff bisher nicht gelesen haben, wäre das zu empfehlen, ansonsten dürfte der erste Teil nicht so befriedigend sein, da er sich nur damit beschäftigt. Auch im Text geht Bergmann immer mal wieder auf die „Disziplinfraktion“ und die erwähnten Autoren ein, mal ironisch, mal polemisch und allgemein ablehnend. Ohne diese Seitenhiebe wäre seine Position seriöser. Was bleibt unsicheren, Rat suchenden Eltern bei solch extrem gegensätzlichen Positionen der Fachleute? Sie sind gut beraten, wenn sie sich mit deren verschiedenen Positionen vertraut machen und sich dann auf ihren eigenen Kopf und Bauch verlassen in der Erziehung ihrer Kinder!


Rezensentin
Beate Sonsino
M.A. - Tätig in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischem Fachpersonal
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Zitiervorschlag
Beate Sonsino. Rezension vom 16.07.2009 zu: Wolfgang Bergmann: Warum unsere Kinder ein Glück sind. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. 174 Seiten. ISBN 978-3-407-85879-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7731.php, Datum des Zugriffs 20.12.2014.


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