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Ben Bachmair: Medienwissen für Pädagogen

Cover Ben Bachmair: Medienwissen für Pädagogen. Medienbildung in riskanten Erlebniswelten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 375 Seiten. ISBN 978-3-531-16305-5. 24,90 EUR.

Reihe: Lehrbuch.

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Auf Humboldts Spuren in die Handyzeit

Es ist ein löblicher Ansatz, Wilhelm von Humboldt aus dem 18. Jahrhundert als Kronzeuge aufzurufen, wenn Kinder und Jugendliche mit ihrem Handy oder dem Internet umgehen können, mehr über Klingeltöne und Pokémon wissen als ihre Lehrerinnen und Lehrer. Ben Bachmair weitet den Blick von klassischen Kulturgütern als Bildungsmittel für Schüler auf die Medienwelt von heute. So wie das Buch und die alten Sprachen der Römer und Griechen für Wilhelm von Humboldt in seiner Zeit Kulturaneignung und damit Bildung sichern sollten und noch immer in den Bildungsplänen nachwirkt, so sind die Medienwelten des 21. Jahrhunderts und ihr Umgang damit – von Web 2.0 bis Podcasts – aus Bachmairs Sicht kulturelle Manifestationen, mit denen wichtige Bildungsprozesse angestoßen und erreicht werden. Nicht die Hochkultur und deren Nutzung durch Eliten sondern die Alltagstauglichkeit von Medien und Medienereignissen sind bestimmende Faktoren für die gemeinsame Sinnstiftung und dem gemeinsamen Bedeutungsfundus unserer Gesellschaft und unserer Kultur. (S. 24). Nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die individuelle Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen in einer zerklüfteten Sinnwelt, die nicht mehr auf einem klaren (und damit einfachen) Weltbild aufbaut.

Inhalt

Überaus lobenswert ist, dass Bachmair den Blick auf die tatsächlichen realen Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen lenkt und sie als lebenswichtige Lernprozesse begreift, analysiert und in Beziehung setzt zu dem schulischen Lernen. Eindrucksvoll belegt er, dass es vor allem die in prekären Verhältnissen Lebenden sind, die die Schule mit ihrem elitären und elaborierten Angeboten nicht erreicht, weil die Bildungsziele mit deren Erfahrungen so gut wie nichts zu tun haben. Er rückt den Alltag dieser Zielgruppen in den Mittelpunkt, der vor allem medial geprägt ist. Als wesentlichstes Kommunikationsmittel diagnostiziert er das Handy als das Konvergenzmedium, das bisher getrennte Medienwelten miteinander verzahnt und minituarisiert an jedem Ort zur Verfügung steht.

Bachmair untersucht und verbindet, was Alltagslernen im Umgang mit dem Handy ist und mit Ästhetik und besagtem Humboldt aus seiner Sicht zu tun hat. Seine These: In den kulturellen Alltagsprozessen sind ästhetische Handlungsformen eingeschrieben, selbst wenn sie rudimentär auf einem einfachen Niveau erfolgen. In der Sprachforschung spricht man vom restringierten Code und setzt ihn damit von der reflexiven Hochsprache ab. In gewisser Weise will Bachmair diese Differenz aufheben, nachweisen, dass auch im prekären Umgang mit Medien Reflexion und ästhetische Umgangsformen enthalten sind. Am Beispiel von zwei unterschiedlichen Handyvideos wird dies von ihm ausführlich belegt. Jugendliche filmen Obdachlose und stellen das Ergebnis ins Netz. Von Youtube gelangt es in die örtliche Presse, die Staatsanwaltschaft wird tätig, die Jugendlichen stehen wegen Diskriminierung selbst am Pranger. Lernen am Modell der Realität, die Schule heute kaum vermitteln kann. Weder geben das die Lernziele her, noch ein dafür nicht vorgesehene Unterrichtsfach, noch können Lehrerinnen und Lehrer mithalten. Für viele sind Youtube und Flickr, Twittern oder Blogs bestenfalls Schlagwörter aus der Presse, sie selbst haben noch nie Bilder und Texte ins Netz gestellt oder sich an der Community des Web 2.0 beteiligt. Es ist für sie eine fremde verschlossene Welt. Nur, und das ist die These von Bachmair, wenn Lehrer es verstehen, die Welt der prekären Medien und die Welt der in prekären schulfernen Lebenswelten lebenden Kinder und Jugendlichen mit schulischen Kontexten zu verbinden, in dem sie deren Erfahrungswelt in den Unterricht ernsthaft mit einbeziehen, hätten die Jugendlichen eine Chance, sie auch für das instrumentelle Lernen der Schule zu interessieren.

Soweit aus meiner Sicht die Kernaussage des über 350 Seiten umfassenden Buches von Bernd Bachmair. Es ist nicht die Fülle der Beispiele aus der Welt der Medien- und Eventgesellschaft, die das Lesen so schwerfällig macht, sondern die Wiederholungen seiner Fälle und seiner Erläuterungen in den fünf Kapiteln, die Bachmair für sein Thema „Medienbildung in riskanten Erlebniswelten“ aufschlüsselt.

Sein wichtigstes Plädoyer im ersten Kapitel zur Einführung ist das Ernstnehmen der medialen Veränderungen im 21. Jahrhundert. Beispielhaft belegt an den vielfältigen Nutzungsaspekten des Handy, wie Kinder und Jugendliche sie zu nutzen wissen. Die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen der veränderten Lebenswelten verlangen von Kindern und Jugendlichen ein informelles Alltags-Lernen. Die notwendige subjektive Aneignung in einer fragmentierten Sozialwelt verlangt mit ihren neuen kulturellen Produkten veränderte Umgangsformen außerhalb der traditionell ausgerichteten Lerninstitutionen. Bachmair setzt dafür den Begriff Alltagsästhetik ein und widmet ihm ein eigenes zweites Kapitel. Eine wichtige Rolle spielt auch der Begriff Literalität im Zusammenhang mit der Nutzung der neuen medialen Welten, die eigene textbasierte Umgangsformen erfordern. Sie müssen im individualisierten Bildungsprozess erworben und gelernt werden.

Das dritte Kapitel ist dem Themenbereich Bildung gewidmet. Homboldts Bildungsbegriff wird auf heute übersetzt, Baackes Medienkompetenz als zu kurz gegriffen aposthrophiert und durch „Medienbildung“ erweitert. Er fordert die Integration der Alltagsmedien, die von Kindern und Jugendlichen genutzt werden in die Schule ein.

Die Enttraditionalisierung unserer Lebenswelt beschreibt das 4. Kapitel „Erlebenswelten“. Sie erfordert einen individualisierten Aneignungsprozess von Welt. Das Lesen und Verstehen von Alltagsinformationen und Kulturprodukten als Bedeutungsträger greift auf semiotische Modelle zurück, beschrieben am Beispiel von Wrestling. Im letzten Kapitel dann werden beispielhaft Kulturprodukte mit ihren Medien analysiert und auf Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen bezogen.

Das Beste kommt zum Schluss: Jedes Kapitel endet mit einem Fazit und Anregungen zur Weiterarbeit, weiterhin mit Zusammenfassungen und Definitionszusammenstellungen des jeweiligen Kapitels, die man am besten als erstes liest.

Fazit

Die sich verändernden Umgangsweisen und Handhabungen von Kindern und Jugendlichen mit den heutigen komplexen Medien sind den Pädagoginnen und Pädagogen fremd, ist ein Kernsatz von kritischer Rezeption des schulischen Alltags, der auf dem historisch verbürgten Bildungskanon beharrt. Hier setzt Ben Bachmair an. Der alltägliche Umgang auch und besonders mit prekären Medien in prekären sozialen Verhältnissen und die für den Unterricht daran abzuleitenden Forderungen stehen im Mittelpunkt seines Buches. Er bietet mit seiner "Medienbildung", die die Alltagsästhetik der heutigen Medienwelten in die Schule einbinden will, zugleich ein Gegenbild zum klassischen Medienkompetenzbegriff an. Zusammenfassungen und pädagogische Hinweise jeweils am Ende der übergreifenden Kapitel ermöglichen, den allzu ausführlich geratenen Textkorpus eher kursorisch zu lesen.


Rezensent
Prof. Kurt Johnen
Professur für Medienpädagogik/Ästhetik und Kommunikation an der Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Sozialwesen
Homepage www.fh-bielefeld.de/article/articleview/2820/1/43?N ...


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Zitiervorschlag
Kurt Johnen. Rezension vom 24.11.2009 zu: Ben Bachmair: Medienwissen für Pädagogen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 375 Seiten. ISBN 978-3-531-16305-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7741.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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