Thomas Wolke: Finanz- und Investitionsmanagement im Krankenhaus
Thomas Wolke: Finanz- und Investitionsmanagement im Krankenhaus. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2009. ISBN 978-3-941468-06-1.
Unter Mitarbeit von Jens Poll.
Thematik und Ziel
Die Abfassung des vorliegenden Werks ausgelöst hat das Inkrafttreten des Krankenhausfinanzierungsreformgesetzes (KHRG). Dieses gibt in § 10 KHG einen Entwicklungsauftrag zur Reform der Investitionsfinanzierung vor. Eine Investitionsförderung der Krankenhäuser auf Antrag soll künftig durch eine solche mittels leistungsorientierte Investitionspauschalen abgelöst werden.
Dieser Umstand wird die Krankenhausträger angesichts der ohnehin seit Jahren rückläufigen Volumina an Fördermitteln vor weitere Probleme stellen. Sie müssen sowohl den bereits aufgelaufenen Investitionsstau als auch künftige Mittelverwendungen zum dauerhaften Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit mit Maßnahmen decken, die denen der gewerblichen Wirtschaft im Wesentlichen entsprechen.
Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des vorliegenden Werkes, die Ansätze der klassischen Betriebswirtschaftslehre auf Anwendbarkeit zur Lösung von Problemen des Finanz- und Investitionsmanagements in deutschen Krankenhäusern zu überprüfen. Zudem sollen dem Leser praktische Erfahrungen und Handreichungen zur erfolgreichen Umsetzung dieser Ansätze dargeboten werden.
Autoren
Dr. Thomas Wolke ist Professor für Kapitalmärkte und Unternehmen an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Er ist Autor zahlreicher Publikationen insbesondere zu Themen des Finanz- und Risikomanagements.
WP/StB/RA Dr. Jens Poll ist Honorarprofessor an der Universität Ulm. Er ist insbesondere mit der Prüfung und Beratung von Krankenhäusern unterschiedlicher Rechtsformen und Trägergesellschaften befasst. Aus diesen praktischen Erfahrungen ist ebenfalls eine Reihe von Publikationen im Fachschrifttum hervorgegangen.
Aufbau
Eingangs werden (Kapitel 1) begriffliche Grundlagen in zweierlei Hinsicht gelegt: Zum einen hinsichtlich der komplexen Finanzierungsregeln im deutschen Gesundheitswesen, welche insbesondere auf das Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) zurückgehen, zum anderen hinsichtlich der betriebswirtschaftlichen Definitorik der Investitions- und Finanzierungslehre.
Kapitel 2 widmet sich sodann den Spezifika des Investitionsmanagements. Hier werden die Investitionsrechenverfahren – gegliedert nach statischen und dynamischen Verfahren – im Gesamtzusammenhang dargestellt und anhand von Beispielen erörtert. Kapitel 3 ist nach demselben Aufbauschema auf die Verfahren der Finanzanalyse und -planung gerichtet. Nach Abschluss der Lektüre dieser Kapitel steht ein Methodenbaukasten zum Management der Mittelverwendung und Mittelherkunft gleichermaßen zur Verfügung.
Die folgenden Kapitel 4 und 5 erörtern in der Folge eine Reihe von Möglichkeiten der Außenfinanzierung im Wege der Aufnahme von Eigen- sowie Fremdkapital. Bezüglich ersterer Differenzierung wird weiter zwischen börsennotierten und nicht börsennotierten Unternehmen, hinsichtlich letzterer nach der Fristigkeit der Aufnahme des Kapitals unterschieden.
Im Kapitel 6 werden allerdings sehr knapp die Möglichkeiten der Innenfinanzierung skizziert. Hierzu ergeben sich auch allerdings keine krankenhausspezifischen Besonderheiten.
Das abschließende Kapitel 7 enthält einige besonderen und komplexen Finanzierungsstrategien wie Konstruktionen des sale-and-lease-back sowie des public-private-partnership. Die Fallstudie des Privatisierungsverfahrens eines vormals kommunalen Krankenhauses rundet die Darlegungen ab.
Inhalt
Das einleitende Grundlagenkapitel nimmt seinen Ausgangspunkt in der Erläuterung der Prinzipien der Krankenhausfinanzierung, insbesondere dem sog. dualen Finanzierungsprinzip. Auf dieser Basis werden die rechtlich kodifizierten Finanzierungs- bzw. Förderformen und ihre Anwendungsvoraussetzungen vorgestellt. In empirischer Perspektive wird die fortschreitende Ausdünnung der Fördervolumina hervorgehoben, die die Notwendigkeit einer Suche nach alternativen Finanzierungsformen für die Krankenhausbetreiber bedingt.
Mit dieser Grundlegung widmen sich die Autoren sodann den betriebswirtschaftlichen Grundlagen. Hierzu zählen neben den zentralen Begriffsdefinitionen auch
- der ökonomische Bezugsrahmen von Investitions- und Finanzierungsentscheidungen,
- bedeutende Zieldimensionen und -indikatoren (Rentabilität, Liquidität),
- relevante jahresabschlussgestützte Kennzahlen der Vermögens-, Finanz- und Erfolgslage sowie
- die Darstellung bekannter Gesetzmäßigkeiten, wie z.B. die Mechanik des Leverage-Effekts.
Die Brücke zwischen beiden genannten Grundlagenpfeilern wird insoweit geschlossen, als dass abschließend die Problematik privater Investitionen im Gesundheitswesen beleuchtet wird. Traditionell verpönt, führt nunmehr die faktische Aufgabe des Prinzips der Selbstkostendeckung aufgrund leerer Kassen der Gebietskörperschaften dazu, dass eine „privatwirtschaftliche“ Betriebsführung und damit auch Finanzierung toleriert oder sogar aktiv betrieben wird. Hieraus ergibt sich auch die Motivation für das vorliegende Werk.
In Kapitel 2 werden die Grundlagen des Investitionsmanagements dargestellt,
- die konstitutiven Merkmale von Investitionen,
- die grundlegende Differenzierung von Investitionsrechenverfahren sowie
- die Darstellung von deren Funktionsweise anhand von Beispielen.
Ausgegangen wird wiederum von der fundamentalen Rechtsvorschrift des § 4 KHG, der den Krankenhäusern eine Übernahme der Investitionskosten im Wege der öffentlichen Förderung zusichert. Hieraus ergibt sich das Erfordernis einer Abgrenzung der Investitionskosten von den „laufenden Nutzungskosten“, wobei Abgrenzungsprobleme insbesondere hinsichtlich der Instandhaltungskosten bestehen. Diesbezüglich sind Herstellungs- von Erhaltungsaufwendungen zu differenzieren. Eingegangen wird weiterhin auf Anwendung und Bemessung der bedeutenden Förderformen, Einzel- und Pauschalförderung, sowie auf das vom Gesetzgeber vorgesehene Procedere zur Überwachung der zweckentsprechenden Verwendung der Fördermittel, dem sich die Krankenhausträger unterziehen müssen.
Auf Basis einer Definition und Klassifizierung des Investitionsbegriffs werden sodann die statischen und dynamischen Investitionsrechenverfahren vorgestellt. Aufgrund der dargestellten Schwächen der ersteren Verfahren fokussieren die Ausführungen auf letzteren. Hervorzuheben ist die zugleich präzise und anschauliche Darstellung, die auch eine Erläuterung der wesentlichen Anwendungsprämissen und Anforderungen an die Dateninputs einschließt (z.B. Wiederanlageprämisse). Die Stärken und Schwächen der dynamischen Verfahren werden nachvollziehbar gegeneinander abgewogen sowie typischerweise zu erhaltende Rechenergebnisse einer Interpretation und Würdigung unterzogen. Grundlagen der Aufstellung eines sog. vollständigen Finanzplans runden diesen Abschnitt ab.
Kapitel 3 enthält analoge Darstellungen für die Sphäre der Mittelherkunft, also die Finanzanalyse und -planung. Entsprechende Überlegungen sind vor dem Hintergrund des sukzessiven und dramatischen Absinkens der öffentlichen Fördermittelquoten von besonderer praktischer Relevanz. Erörtert wird zunächst die kennzahlgestützte Finanzanalyse. Im Anschluss an eine Einführung in unterschiedliche Kennzahlarten und deren Aussagekraft kommen zur Sprache die wesentlichen
- statischen (bestandsbezogenen) Kennzahlen insbesondere der vertikalen und horizontalen Kapitalstruktur,
- dynamischen Kennzahlen auf Basis einer vorherigen Ableitung des Cashflows.
Bildung und Interpretation dieser Kennzahlen werden einprägsam am Beispiel des Jahresabschlusses der Helios Kliniken AG verdeutlicht.
Das wesentliche Instrument der Finanzkontrolle bildet die Kapitalflussrechnung, die im Anschluss behandelt wird. Das Verständnis der Darlegungen wird auch hier sehr gut durch eine textliche Verzahnung von theoretischen Inhalten und der Erörterung des Praxisbeispiels „Helios AG“ gefördert. U.a. wird nachvollziehbar aufgezeigt, welche Interpretationen aus der in der Kapitalflussrechnung aufgezeigten Struktur des Cashflows gewonnen werden können. Der Abschnitt wird mit einer kurz gefassten Darstellung der Grundzüge der kurzfristigen Finanzplanung beschlossen.
Insoweit ist das wesentliche betriebswirtschaftliche Methodengerüst des Investitions- und Finanzmanagements bereitgestellt worden. Die Kapitel 4 bis 6 widmen sich nun der Behandlung der einzelnen Finanzierungsarten.
Kapitel 4 enthält relevante Maßnahmen der Eigenfinanzierung. Zwar werden im hinteren Teil dieses Abschnitts ausgiebig die Vorbereitung und Durchführung eines Börsengangs einschließlich der Maßnahmen der Kapitalerhöhung behandelt, diese werden aber für Krankenhausträger im Regelfall nicht in Betracht kommen. Dies ist nicht nur den sektoral vorherrschenden Rechtsformen der GmbH oder GmbH & Co. KG, sondern darüber hinaus der Gemeinnützigkeit und schließlich dem üblicherweise mangelnden Publikumsanlegerinteresse geschuldet. Praxisrelevanter dürften deshalb die vorangestellten Ausführungen zum Abschluss von Managementverträgen als Vorstufe einer späteren Privatisierung bzw. zu Vereinbarungen von Zu- oder Nachschussverpflichtungen der Gebietskörperschaften sein.
Aufgrund der Begrenztheit der Akquisition von Eigenkapital dürfte die im Kapitel 5 behandelte Fremdfinanzierung den Normalfall darstellen. Behandelt werden, differenziert nach der Fristigkeit der Kapitalüberlassung,
- langfristige Maßnahmen wie die (börsengängige und damit wenig praxisrelevante) Anleihefinanzierung und der Investitionskredit,
- kurzfristige Maßnahmen wie Lieferanten- und Kontokorrentkredite, Leasing und Factoring,
wobei insbesondere dem Leasing aufgrund der Fristenkongruenz von Nutzungsaufwand und Abfluss von Zahlungsmitteln künftig erhöhte Bedeutung zukommen dürfte. Hier sollten auch langfristige Formen des Finanzierungsleasings bedeutsam sein. Die abschließend aufgeführte Forfaitierung ist im Außenhandel verbreitet und dürfte deshalb im Gesundheitswesen irrelevant sein.
Den Schluss des Werkes bilden zwei kleine Kapitel
- zu Maßnahmen der Innenfinanzierung (Kapitel 6), diesbezüglich kann auf die bereits zuvor hergeleiteten Bestandteile des Cashflows, insbesondere die Abschreibungen und die langfristigen Rückstellungen verwiesen werden,
- zu besonderen Maßnahmen des Finanz- und Investitionsmanagements im Gesundheitswesen (Kapitel 7), insbesondere Konstruktionen des public-private-partnership und des sale-and-lease-back.
Der Inhalt beider Kapitel wird durch je eine instruktive Fallstudie aus der Praxis unterlegt.
Zielgruppe
Das Buch richtet sich insbesondere an das Management und leitende Mitarbeiter in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken, weiterhin an Studierende in gesundheitsbezogenen Spezialstudiengängen vor dem Hintergrund der Zielsetzung dieses Personenkreises, Wissen über betriebswirtschaftliches Mechanismen und Instrumente erwerben zu wollen.
Aus diesem Grund wird insbesondere auf eine Darlegung aufgrund von Beispielen Wert gelegt. Eine gewünschte weitere Vertiefung der komplexen Materie wird den Lesern anhand der dargebotenen Literaturhinweise nach jedem Kapitel ermöglicht. Die erläuternde, zum Teil auch kritische, aber nach Auffassung des Rezensenten stets zutreffende Würdigung der dort aufgeführten Grundlagenlehrbücher ist für den unerfahrenen Leser außerordentlich hilfreich. Als zielgruppengerecht ist außerdem die Darbietung eines prägnanten Glossars am Schluss des Werkes zu werten.
Diskussion und Fazit
Das vorliegende Werk bietet eine sowohl theoretisch geschlossene als auch außerordentlich praxisnahe und anschauliche Darstellung der Ziele und Instrumente des Investitions- und Finanzmanagements mit der Besonderheit ihrer konsequenten Einbettung in den sektoralen Kontext des Gesundheitswesens. Jener ist insbesondere durch die rechtlichen Regelungen zur Investitionsförderung gegeben.
Leitungspersonen entsprechender Einrichtungen wird eine wertvolle methodische Hilfestellung vor dem Hintergrund gegeben, dass die hergebrachte wirtschaftliche Sicherung der Krankenhäuser durch Übernahme ihrer Investitionskosten im Wege öffentlicher Förderung auf ein nicht zur Substanzerhaltung ausreichendes Maß reduziert wurde und folglich Instrumente des erwerbswirtschaftlichen Sektors adaptiert werden müssen, um den Fortbestand der Einrichtungen nachhaltig zu sichern.
Die Zielsetzung des Werkes wird in jeder Hinsicht erfüllt. Zahlreiche Rechen- und sektorspezifische Fallbeispiele lassen den gewünschten Praxistransfer gelingen. Allenfalls die vergleichsweise breite Darstellung des going public (S. 108 – 131) scheint überzogen.
Nur zur Vollständigkeit halber soll, wie von den Verfassern allerdings ausdrücklich vermerkt, darauf hingewiesen werden, dass die Vermittlung betriebswirtschaftlichen Methodenwissens für i.d.R. nicht-betriebswirtschaftlich ausgebildete Leitungspersonen im Fokus steht und nicht die Erörterung gesundheitsspezifischer Rechtsnormen für Branchenunkundige. Dies bleibt entsprechender Kommentarliteratur vorbehalten.
Rezensent
Prof. Dr. Mathias Graumann
Professor für Rechnungslegung, insbesondere Controlling, Kosten- und Leistungsrechnung, Steuer- und Wirtschaftsprüfung an der
Fachhochschule Koblenz, RheinAhrCampus Remagen, Fachbereich Betriebs- und Sozialwirtschaft.
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Zitiervorschlag
Mathias Graumann. Rezension vom 03.03.2010 zu: Thomas Wolke: Finanz- und Investitionsmanagement im Krankenhaus. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2009. ISBN 978-3-941468-06-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7752.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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