Philipp Sandermann: Die neue Diskussion um Gemeinschaft
Philipp Sandermann: Die neue Diskussion um Gemeinschaft. Ein Erklärungsansatz mit Blick auf die Reform des Wohlfahrtssystems. transcript (Bielefeld) 2009. 234 Seiten. ISBN 978-3-8376-1123-6. 24,80 EUR, CH: 44,00 sFr.
Reihe: Sozialtheorie.
Thema
Philipp Sandermann untersucht in seinem Buch die neue Diskussion um „Gemeinschaft“ und zeigt auf, wie die neue Gemeinschaftsdiskussion die fordistisch-keynesianische Wohlfahrtsstaatsdoktrin tendenziell ablöst.
Autor
Heute ist Philipp Sandermann wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. Theorie und Empirie des Wohlfahrtssystems und die Theoriediskussion in der Sozialen Arbeit.
Entstehungshintergrund
Die vorliegende Arbeit wurde 2008 unter dem Titel „Neue Gemeinschaftsdiskussion und bundesrepublikanisches Wohlfahrtssystem. Ein ideologiekritisch-systemtheoretischer Erklärungsansatz“ als Dissertation an der Freien Universität Berlin eingereicht.
Aufbau
Eingerahmt von einer Einleitung, welche die neue Gemeinschaftsdiskussion vom Verdacht befreit, eine reine „Luxusdebatte“ darzustellen, und einem Resümee, welches in relativ zugänglicher Form die These des Buches im wissenschaftstheoretischen Kontext verortet, stehen fünf aufeinander aufbauende Kapitel, welche von der Beschreibung der neuen Gemeinschaftsdiskussion zu ihrer Analyse als funktionales Äquivalent der Wohlfahrtsstaatsdoktrin fordistisch-keynesianischer Prägung führen.
Inhalt
Ist die neue Diskussion um Gemeinschaft in den Sozialwissenschaften eine „Luxusdebatte“ ohne Bedeutung? Nein, meint Philipp Sandermann. Systemtheoretisch ausgerichtet, fragt er nach der Funktion jeden Diskurses, jeder Argumentation, so auch der neuen Gemeinschaftsdiskussionen. Es fällt auf, dass die neuen Diskussionen um Gemeinschaft unabhängig vom thematischen Feld, in welchem sie stattfinden, immer wieder eine „Wiederbesinnung“ enthalten. Egal, ob es um Moral und Werte, um Erziehung, um sozialpädagogische Theoriebildung geht, stets stellt der Wiederbesinnungsdiskurs die zentrale Argumentation dar (S. 86f.). Da diese Argumentation nicht mit einer bestimmten Positionierung einhergeht, sondern von dieser unabhängig gilt, erkennt Philipp Sandermann im Wiederbesinnungsdiskurs eine strukturierendes Element für die neue Gemeinschaftsdiskussion.
Weiter untersucht er die ideologische Struktur der neuen Gemeinsachftsdiskussion (S. 117ff.). Sandermann stellt fest, dass normative und analytische Funktion in der neuen Gemeinschaftsdiskussion auf ideologische Weise verwoben sind und nicht auseinandergehalten werden können: die Gemeinschaftsdiskussion appelliert an „gemeinsame Werte“, an „Verschüttetes“, welches selbstredend wertvoller, kostbarer, besser ist als das darüber Liegende. So werden gemeinschaftliche Werte, Interessen und Ziele als Gemeinsames konstruiert und auf eine normativ höhere Stufe gestellt.
Das Wohlfahrtssystem fordistisch-keynesianischer Prägung war solange gut, als es nicht gross bemerkt wurde. Mit seiner – mengenmäßigen – Expansion jedoch wurde es auf einmal als „eigene Wirklichkeit“ bemerkt und mit Lösungen „bedacht“, welche aus anderen Logiken stammen (S. 151). Zunehmend gerät die Wohlfahrtsstaatsdoktrin in Konflikt mit ökonomischen, medialen, wissenschaftlichen und politischen Logiken und wird von diesen mit Lösungsvorschlägen eingedeckt, etwa mit Integrationsvereinbarungen für Ausländerinnen und Ausländer oder mit flächendeckendem Case Management. Dieser Reideologisierungsprozess wird in einer Grafik auf S. 160 zusammengefasst.
So kommt es, dass die Gemeinschaftsdiskussion eine Übergangsfunktion einnimmt. Die Gemeinschaftsdiskussion stellt einen Ansatz zur eigenen Reideologisierung des Wohlfahrtssystems dar. Die Gemeinschaftsdiskussion wird vom System als relevant erkannt und bietet systemintern anschlussfähige Informationen. Die neue Gemeinschaftsdiskussion stellt im Rahmen der Kritik am Wohlfahrtsstaat das aufbereitete Baumaterial für den Umbau des Wohlfahrts-Hauses dar – vielleicht gar das Material für eine Totalsanierung. Allein, der Umbau des Hauses steht noch an (S. 201).
Gerade die Tatsache, dass die neue Gemeinschaftsdiskussion seit der Jahrtausendwende eher am Abflachen ist, ist für Sandermann ein Indiz, dass die Wohlfahrtsstaatsdoktrin die Gemeinschaftsargumentation integrieren und für ihre Reideologisierung verwenden kann: „Unter den ideologischen Stichworten der ‚Aktivierung’ und des ‚Förderns und Forderns’ und einem in diesem Zuge reaktualisiertem und aufgewerteten Vokabular, das von ‚Selbsthilfe’ und ‚Eigenverantwortung’ bis hin zu ‚Verpflichtung’ und ‚Sanktionierung’ reicht, scheint eine neue, in sich mehr und mehr geschlossene neue Doktrin des Wohlfahrtssystems generiert zu werden. (…) Hier tauchen auch die Argumentationsmuster der neuen Gemeinschaftsdiskussion wieder auf (…), werden jedoch weiterentwickelt und im Zuge dieser Weiterentwicklung vor allem auf alle vorhandenen Steuerungsmittel des Wohlfahrtssystems ausgedehnt.“ Dazu gehört auch die Anpassung des sozialarbeiterischen Kommunikationsstils auf ‚Aktivierung’ hin. Weiterhin wird die Aufgabe des Wohlfahrtssystems in erster Linie darin bestehen, Kommunikation zu teilgesellschaftlichen Exklusionsprozessen aufzugreifen, für sich nutzbar zu machen und zu verwalten. Aufgrund der Anlage der neuen Doktrin sieht Sandermann jedoch eine nochmalige Verschärfung der ohnehin bestehenden Individualisierungs- und Stigmatisierungsprozesse voraus.
Diskussion
Der große Gewinn von Philipp Sandermanns Buch liegt in seiner theoretischen Strenge Sauberkeit – die systemtheoretisch korrekt und typisch bisweilen etwas teflonartiges, widerstand-abstoßendes hat. Ein komplizierter und komplexer Schreibstil – dafür sozusagen ohne Druckfehler – sorgen für weitere Entrücktheit des Buches. Die systemtheoretische Herangehensweise unterstützt und unterstreicht m.E. eine gewisse Leblosigkeit oder Starre, man könnte auch sagen „Lebens-Entrücktheit“ des Buches.
Allerdings geht diese Distanz im brillanten Fazit, welches interessanterweise auch in einem viel flüssigeren und einfacher lesbaren Schreibstil gehalten ist, glücklicherweise verloren. In der Thematisierung nicht nur der Wohlfahrtsstaatsdoktrin, sondern auch ihrer Praxis in der Sozialen Arbeit macht das Fazit das Buch zur neuen Gemeinschaftsdiskussion nicht nur zur lohnenden, sondern auch zur lustvollen Lektüre.
Fazit
Ein wissenschaftliches Werk mit hohem wissenschaftstheoretischem Anspruch, keine Bettlektüre und auch für Studierende wohl nur beschränkt geeignet, jedoch eine wertvolle und reiche Quelle für Menschen, die der Ungemütlichkeit in den neuen Diskussionen um den Wohlfahrtsstaat und seine Tätigkeitsfelder informiert begegnen wollen.
Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 02.12.2009 zu: Philipp Sandermann: Die neue Diskussion um Gemeinschaft. transcript (Bielefeld) 2009. 234 Seiten. ISBN 978-3-8376-1123-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7755.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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