Axel Dammler: Verloren im Netz (Kinder)
Axel Dammler: Verloren im Netz. Macht das Internet unsere Kinder süchtig? Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2009. 208 Seiten. ISBN 978-3-579-06898-5. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,90 sFr.
Zu dem Titel liegt eine Leseprobe vor.
Die Hilflosigkeit der Hilflosen
Die Klagen über das Verhalten und die Einstellungen von Kindern und Jugendlichen, deren Anderssein, die Provokationen gegen die von den Erwachsenen etablierte Umwelt, ziehen sich durch die Generationen der Menschheit: Sie ist herunter gekommen und zuchtlos, respektlos gegenüber den Erwachsenen (aus einem Keilschrifttext aus der Stadt Ur, die um 2000 v. Chr. in Stein gemeißelt wurde); sie will nur konsumieren und hat schlechtes Benehmen (vom griechischen Philosophen Aristoteles überliefert, etwa um 320 v. Chr.); sie denken an nichts anderes als an sich, dazu sind sie ungeduldig und unbeherrscht (im 12. Jahrhundert beklagt von einem Einsiedler, der über die jungen Leute lästerte, die redeten als wüssten sie alles und das, was „wir für weise halten, empfinden sie als Torheit“); bei der Schuljugend verschwindet immer mehr die früher selbstverständliche Anständigkeit (aus einem amtlichen Bericht von 1852).
Thema und Autor
In der sich immer interdependenter, schneller und entgrenzender entwickelnden „www-Welt vollzieht sich die Spannweite der Veränderungen auch als Generationenkonflikt; zwischen den „Digital Natives“, also den Jugendlichen, die mit den Segnungen und Gefahren der virtuellen Welt aufwachsen, und den „Digital Immigrants“, den Erwachsenen, die sich, nicht selten mühsam und widerständig, mit den neuen Kommunikationstechnologien vertraut machen müssen. In den zahlreichen Jugendstudien, etwa den seit 1953 alle drei bis vier Jahre herausgegebenen empirischen Shell-Jugendstudien, werden jeweils die (veränderten) Wertevorstellungen, Gewohnheiten, das Sozial- und politische Verhalten von Jugendlichen analysiert. Dabei kommen dann jeweils neue, die Erwachsenenwelt beunruhigenden und irritierenden Verhaltensweisen zu Tage, die wiederum Aktionen und Reaktionen im gesellschaftlichen Diskurs hervorrufen. Statistisch verbrachten 14- bis 19-Jährige im Jahr 2008 täglich rund 120 Minuten online im Internet, 20 Minuten länger als beim Fernsehen; und es ist zu vermuten, dass sich dieser Trend weiter rapide fortsetzt.
Der 1965 geborene Münchner Kommunikationswissenschaftler Axel Dammler ist seit 1992 als Jugendforscher tätig; seit 1999 als Geschäftsführer von „iconkids & youth“, dem bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendforschungsinstitut. „Verloren im Netz“, das ist eine Schlagzeile gegen die Schlagzeile; etwa, wenn in einer Jugendstudie wieder einmal veränderte Einstellungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen diagnostiziert werden – und die Medien aus Sensationslust oder vermeintlicher Interessantheit verkürzt Aspekte heraus picken. Axel Dammler will mit seinem Buch von der „Vogelperspektive“ aus den möglichst umfassenden Blick dafür öffnen, was das Internet tatsächlich bei jungen Menschen bewirkt und welche Bedeutung es im Alltagsleben von Jugendlichen hat: „Es zeigt nicht nur, was die Jugendlichen alles im Internet treiben, sondern es hinterfragt auch die Gründe für dieses Verhalten und analysiert die möglichen Auswirkungen auf die Jugendlichen und die Gesellschaft“. Wahrhaftig ein enormer Anspruch!
Aufbau und Inhalt
Axel Dammler gliedert das Buch in drei Bereiche: Während im ersten Teil den Erwachsenen der Spiegel dadurch vorgehalten wird, dass sie sich einerseits selbst auf die „Suche nach der verlorenen Jugend“ machen und andererseits sich damit auseinandersetzen, dass die Virtualität zur Realität in unserem Leben geworden ist, bereitet er vor, wie die „virtuelle Jugend“ wird und geworden ist, wie sie ist. Dazu wird ein Blick in den Mikrokosmos, der alltäglichen Lebenswelt der Jugendlichen, geworfen und daraus werden, aus den Entwicklungen, Einstellungen und Vorurteilen, Bilder projiziert und bewusst gemacht, wie es ist, scheint und eben auch nicht ist. Es relativiert sich auch der Blick in den Makrokosmos, mit all den Irritationen und Schreckensbildern, die in der gesellschaftlichen Diskussion über die „Jugend heute“ kursieren. Und siehe da: Der erste „Zwischenruf“ des Autors fällt nicht wie erwartet pessimistisch und defätistisch aus. Vielmehr kommt er zu dem Ergebnis: Ich halte diese Jugendgeneration für eine der besten, die wir jemals hatten: „Was die heutige Jugend auszeichnet, ist eine gesunde Balance aus Pragmatismus und Hedonismus, aus Ehrgeiz und Gelassenheit“. Diese überraschende Erkenntnis wird mit der Perspektive versehen: Wir haben eine Jugendgeneration, die (durchaus) guten Willens ist und gute Anlagen hat. Freilich mit der vergällten Ahnung, dass doch noch ein Pferdefuß auf diese optimistische Einschätzung folgt: „Die Jugend ist auf der Flucht“. Es ist der „schleichende Ausstieg“, die zunehmende Distanzierung „von allem, was unser Land, unsere Demokratie und unser Sozialsystem ausmacht“.
Es bedarf einer Ursachenforschung, um die Gründe dafür zu erkennen. „Das Internet ist nämlich nicht das Problem“; vielmehr ist eine echte Gesellschaftsanalyse notwendig. Sie muss beginnen mit der entwicklungspsychologischen Variante, dass Heranwachsende persönlichen und gesellschaftlichen Widerstand benötigen, um ihre Identität zu entwickeln. Das „erwachsene Werteskelett“, vielfach tatsächlich ein Gerüst ohne Fleisch und Blut, und die „jugendliche Realität“ wird fast immer mit dem Schwarz-Weiß-Bild der Erwachsenen gemessen. Berücksichtigt wird dabei z. B. nicht das „Phänomen der Akzeleration“ in der Entwicklung der jungen Menschen: Die Kindheit verkürzt sich und die Jugend beginnt heute früher. Damit aber, so stellt Axel Dammler fest, werden die Jugendlichen von der Gesellschaft alleine gelassen und vielfach überfordert. Auch die Schule, die sich als weitgehend unbewegliche und veränderungsresistente Institution darstellt, trägt nicht dazu bei, dass die wirkliche Virtualität der Jugendlichen in einen handhabbaren und verantwortbaren Rahmen gebracht wird. Jeder, der die schulische Praxis kennt, kann bestätigen, dass Schülerinnen und Schüler zwar lernen, im Internet zu recherchieren, ihnen kaum Grenzen gesetzt werden, auch zu plagiatieren, aber nicht lernen, Probleme zu lösen. Dies aber kann das Internet nicht leisten!
Der dritte Teil subsumiert die analysierten und diskutierten Frageaspekte: „Unsere Jugend ist nicht verloren!“. Mit zehn Forderungen an die Gesellschaft, zuvorderst an uns Erwachsene, greift der Autor in die Diskussion ein. Es sind Anregungen, die eigentlich „auf der Straße liegen“; nichts Sensationelles haftet ihnen an. Es sind auch keine Neuentdeckungen, sondern allgemeine und eigentlich alltägliche Erziehungsnormen. Sie in Erinnerung zu rufen, ist ein Verdienst:
- Akzeptieren wir die Jugendlichen, wie sie sind!
- Streiten wir mit ihnen – aber konstruktiv!
- Schaffen wir einen zeitgemäßen gesellschaftlichen Konsens!
- Erklären wir den Jugendlichen die Welt!
- Entwickeln wir ein neues Wir-Gefühl!
- Holen wir die Jugendlichen zurück in die Mitte der Gesellschaft!
- Lernen auch wir Erwachsene das Internet kennen und lieben!
- Führen wir die Jugendlichen an das Internet heran!
- Zeigen wir ihnen Alternativen zum Internet!
- Fangen wir so früh wie möglich an!
Sicherlich: Einige der Forderungen, wie auch der angeführten Beispiele und Argumentationen, hören sich platt und selbstverständlich an. Manches ist sogar verquer geraten; etwa, wenn Axel Dammler als Beispiel für den vermeintlichen Pessimismus und die Lust von „uns Deutschen“ zum „Schlechtreden“ die Siemens-Korruptionsaffaire oder die (rigorose?) Verurteilung von Doping heranzieht und argumentiert, dadurch würden ja auch Arbeitsplätze gesichert. Mit solchen „Argumenten“ allerdings lässt sich Jugend sicherlich nicht gewinnen! Aber das kann als ein „Ausrutscher“ betrachtet werden; weil die sonstige Argumentation im Buch diesem Stil nicht folgt. Es reicht nicht aus, „Jugendlichen erklären zu wollen, warum Partizipation wichtig ist“, vielmehr ist es entscheidend, sie in die Lage zu versetzen, zu ermöglichen und ihnen vorzuleben, es zu tun!
Fazit
Das Buch ist keine Rezeptologie für den Umgang mit jungen Menschen; auch kein Handbuch zur Auseinandersetzung mit der virtuellen www-Welt. Es bietet Denkanstöße und ist ein Spiegel, um im Generationenkonflikt zwischen den „Natives“ und den „Immigrants“ unseres digitalisierten Daseins in der Einen Welt adäquat agieren und reagieren zu können. Die Hinweise auf ausgewählte Links, Internet Communitys, Suchmaschinen, Websites und Chats bieten Jugendlichen und Erwachsenen weitergehende Informationen.
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.05.2009 zu: Axel Dammler: Verloren im Netz (Kinder). Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2009. 208 Seiten. ISBN 978-3-579-06898-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7756.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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