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Reinert Hanswille (Hrsg.): Systemische Hirngespinste

Cover Reinert Hanswille (Hrsg.): Systemische Hirngespinste. Neurobiologische Impulse für die systemische Theorie und Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. 262 Seiten. ISBN 978-3-525-40150-7. 24,90 EUR.
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Thema

Neurowissenschaften sind „in“. Neben der unbestreitbaren Bedeutung der Neurobiologie als Grundlagenwissenschaft wird in den letzten Jahren auch viel darüber gedacht und geschrieben, wie die Neurobiologie praxisorientiert angewendet werden kann – in diesem Band am Beispiel der systemischen (Psycho-) Therapie. Der Herausgeber sieht im Vorwort sogar die Möglichkeit (und offensichtlich auch die Hoffnung), dass die systemische Therapie nach der Kybernetik 2. Ordnung vor einer dritten, wesentlichen Wende hin zu einer „systemischen Neuropsychotherapie“ steht (vgl. S.10).

Dieses Buch entstand im Rahmen der 8. wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) „Systemische Hirngespinste – Neurobiologische Impulse und andere Ideen für die Systemische Theorie und Praxis“ 2008 in Essen.

Das Gros der Referenten hat seine Vorträge in diesem Band niedergeschrieben.

Herausgeber

Reinert Hanswille ist Dipl.-Pädagoge, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Traumatherapeut, Paar- und Familientherapeut sowie Lehrtherapeut und Lehrsupervisor. Er ist Leiter des isf (Institut für Familientherapie, systemische Supervision und Organisationsentwicklung) in Essen.

Aufbau und Inhalt

Das erste Kapitel von Martina Piefke und Hans J. Markowitsch trägt den Titel „Was kann die Psychotherapie von den Ergebnissen der Neurobiologie lernen?“ und erläutert zunächst grundlegendes über Aufbau und Funktion des Gehirns, um sich anschließend der Posttraumatischen Belastungsstörung mit ihren charakteristischen Auswirkungen auf das Gehirn zu widmen.

Günter Schiepek schrieb das zweite Kapitel „Systemische Neurowissenschaften und systemische Therapie“, in welchem er das Gehirn als komplexes, sich selbst organisierendes System beschreibt, dessen Elemente und Relationen synergetisch zusammen wirken. Hierbei spannt Schiepek den Bogen von individuell neuronalen Prozessen zu sozialen Prozessen, denn für ihn ist das Gehirn ein genuin soziales System. Im Weiteren beschäftigt sich das Kapitel mit dem Zusammenhang von systemischer Neurowissenschaft (die Modellierung neuronaler Vernetzungs- und Kopplungsstrukturen (Konnektivität) mit mathematischen Methoden, S.47) und systemischer Therapie – beide Bereiche haben es mit dynamischen, selbstorganisierenden Systemen zu tun. Folgt man dieser Logik, dann wäre „systemische Therapie“ nicht mehr nur bezogen auf psychotherapeutische Anwendungen, sondern auch auf neurobiologische Anwendungen und würde so verstanden werden als systemische bio-psycho-soziale Therapie.

Das dritte Kapitel trägt den Titel „Spuren des Erfolgs: Was lernt die systemische Praxis von der Neurobiologie?“ und wurde von Rainer Schwing verfasst. Begonnen wird mit drei „Mahnungen“ an die Adresse der Neurobiologie, um dann damit fortzufahren, die dem Autor relevant erscheinenden Aspekte der Neurobiologie an die systemische Praxis zu koppeln. Dies geschieht in Form eines Modells , welches es nach Ansicht des Autors erlaubt, „ . . . verschiedene Interventionsebenen zu integrieren und das zum einen neurobiologisch begründet ist und auch eine Grundlage darstellen kann, neurobiologische Erkenntnisse nutzbringend in systemischer Theoriebildung und Praxis zu integrieren“ (S. 75).

Wilhelm Rotthaus beschäftigt sich im vierten Kapitel mit der „Bedeutung der Neurobiologie für die Kinder- und Jugendlichentherapie“. Er stellt dar, welche neurobiologischen Forschungsergebnisse ihm für die therapeutische und auch pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bedeutsam erscheinen. Dieses sind z.B. die großen Bedeutungen der Aktivierung positiver emotionaler Zustände, der Therapeut-Klient-Beziehung, über Fragen der Psychopharmakologie, bis hin zu Aspekten der Neurodidaktik.

Neurobiologische Ansätze und heilende Interaktionen. Traumatisierte Kinder in Pflegefamilien“ lautet das von Alexander Korittko verfasste fünfte Kapitel.Der Großteil dieses Kapitels beschäftigt sich mit den neurobiologischen Charakteristika eines psychischen Traumas. Der Autor setzt das psychische Trauma in Relation zu dem Bindungsphänomen und zeigt Wege der Trauma-Therapie (z.B. die Trauma-Erzählgeschichte).

Mit dem ähnlichen Thema „Systemische Traumatherapie und Neurobiologie“ befasst sich Reinert Hanswille im sechsten Kapitel. Dabei geht er von dem Metakonzept der „strukurellen Dissoziation“ als Erklärungsmodell für Traumafolgestörungen aus. Dieser Ansatz geht davon aus, dass es zwischen den beobachtbaren, normalen Persönlichkeitsanteilen (ANPs – Apparently Normal Personalities), emotionalen Persönlichkeitsanteilen (EPs – Emotional Personalities), und der Aktivierung basaler emotionaler Persönlichkeitsanteile, sowie den sog. Psychobiologischen Überlebenssystemen einen deutlichen Zusammenhang gibt (vgl. S. 167).

Frank Natho verfasste das siebte Kapitel mit dem Titel „Bindung und Trennung – Was Trennung so schwer macht. Neurobiologische Aspekte mit methodischer Anregung für eine systemische Trauerarbeit“. Natho grenzt sich ab von traditionellen psychoanalytischen Konzepten der Trauerarbeit und erläutert, welche neurobiologischen Aspekte in einer systemischen Trauerarbeit Berücksichtigung finden müssten. Weiterhin setzt er die Qualität der zu leistenden Trauerarbeit in Beziehung zu dem Grad der Bindung, die zwischen den sich verabschiedenden Menschen bestand.

Das achte Kapitel von Jörg Bauer trägt den Titel „Supervision als neurowissenschaftlich inspirierter Lehr-Lern-Prozess: Facetten einer gehirngerechten Supervision“. Anhand eines fiktiven Fallbeispiels einer Supervision erläutert Bauer seine Grundsatzpositionen eines neurowissenschaftlich angereicherten systemisch-konstruktivistischen Supervisionskonzepts.

Im neunten und letzten Kapitel „Hirngespinste systemischer Organisationstheorie“ unternimmt Jochen Schweitzer den ungewöhnlichen Versuch, die Deutsche Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) als neuronales Netzwerk darzustellen und zu schauen, welche Fragen entstehen, wenn sich dieser Fachverband selbst zum Gegenstand systemtheoretischer Betrachtungen macht. Diese Fragen lauten z.B. „Wozu sind wir da? Wen wollen wir unter uns haben? Mit welchem Mix aus Ideen, Beziehungsarbeit, Macht und Geld steuert sich ein Verband?“ Der Beitrag schließt ab mit einer Spekulation auf das neuronale Netzwerk der DGSF im Jahr 2018.

Zielgruppe

Aufgrund des teilweise doch recht anspruchsvollen Niveaus empfehle ich dieses Buch allen Menschen mit einer grundlegenden Kenntnis der Neurobiologie und systemischen Therapie.

Durch den hohen Praxisbezug wird auch ein systemischer Praktiker hierbei voll auf seine Kosten kommen.

Persönliche Anmerkung

Oftmals „kranken“ Tagungsdokumentationen an dem Umstand, dass der mündlich gehaltene Vortrag verschriftlicht wurde. Das gesprochene Wort unterscheidet sich eben doch vom geschriebenen Wort. Dieser Umstand trifft auf das hier vorliegende Buch absolut nicht zu. Die Kapitel sind von den jeweiligen Autoren explizit und gut als schriftliche Arbeiten ausformuliert.

Obwohl sich alle Kapitel dem gleichen Oberthema widmen, entstehen hier keine Dopplungen oder Wiederholungen, da es jedem Autoren gelingt, trotz ähnlicher Basis, seinen eigenen Schwerpunkt zu setzen.

So entsteht ein vielfältiges Bild des Themas, wie sich neurobiologische Erkenntnisse auf systemische Theorie und Praxis auswirken. Die hierbei erläuterten neurobiologischen Grundlagen sind für Nicht-Neurobiologen zwar auf hohem Niveau, werden aber durch praxis-relevante Gedanken abgeschlossen.

Fazit

Reinert Hanswille ist es gelungen, eine beachtliche Zahl renommierter Fachleute für sein Buch zu gewinnen, die neurobiologische Erkenntnisse auf ein weites Spektrum systemischer Praxis anwenden. So entsteht ein vielfältiges Bild, in welchem vermutlich jeder Praktiker seinen Anknüpfungspunkt finden wird.

Zusammenfassend gesagt, ein absolut lesenwertes Werk.


Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Torsten Ziebertz
Personzentrierter Berater, Systemischer Familientherapeut
Promovend am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Düsseldorf. Praktisch tätig in der Familienberatung und der Erwachsenenbildung.


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Zitiervorschlag
Torsten Ziebertz. Rezension vom 10.08.2009 zu: Reinert Hanswille (Hrsg.): Systemische Hirngespinste. Neurobiologische Impulse für die systemische Theorie und Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. ISBN 978-3-525-40150-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7789.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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