Christine Förster: Gewalt in der institutionellen Altenpflege
Christine Förster: Gewalt in der institutionellen Altenpflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 160 Seiten. ISBN 978-3-940529-31-2. 15,90 EUR.
Bonner Schriftenreihe Gewalt im Alter - 16.
Autorin
„Gewalt in der institutionellen Altenpflege“ wurde von Christine Förster als Diplomarbeit an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen, Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen verfasst. Sie gewann den Förderpreis der Schröter-Stiftung und wurde in der Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“ des Vereins HsM („Handeln statt Misshandeln - Initiative gegen Gewalt im Alter“) veröffentlicht.
Entstehungshintergrund
HsM hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gewalt im Alter auf Fachtagungen und durch wissenschaftliche Veröffentlichungen zu thematisieren und es damit der Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen. Neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet werden seit 1997 veröffentlicht, und bislang konnten hierdurch die öffentliche Diskussion zu dem Thema sowie positive Veränderungen in diesem Bereich angeregt werden. Der 16. Band aus dieser Schriftenreihe befasst sich mit der Gewalt in der institutionellen Altenpflege und fokussiert die „Zusammenhänge von äußeren und inneren Realitäten der Pflegekräfte, […] die förderlich bei der Entstehung von Gewalt in der Altenpflege sein können“ (S.2).
Aufbau
Das Buch beginnt damit, die zentralen Konzepte, die mit dem Gewaltthema im Zusammenhang stehen, anhand der für diese Arbeit relevanten sozialwissenschaftlichen und psychologischen Theorien und Modelle zu klären. Der zweite Teil befasst sich mit dem methodischen Vorgehen. Im dritten Teil werden drei Interviews mit Pflegekräften aus der stationären Altenpflege dargestellt, analysiert und verglichen. Der vierte Teil diskutiert die ermittelten Ergebnisse auf Mikro-, Meso- und Makroebene, und im fünften Teil werden Anregungen für eine Umsetzung in der sozialen Arbeit gegeben.
1. Theorie
Im ersten Kapitel klärt Förster zunächst den Gewaltbegriff und stellt die für ihre Arbeit relevanten Theorien und Modelle vor. Mit verschiedenen wissenschaftlichen Zugängen bildet sie einen vielfältigen Gewaltbegriff im Pflegekontext ab.
Die der Gewalt artverwandten Konzepte Aggression und Macht werden in ihren für die Arbeit relevanten Dimensionen dargestellt und miteinander in Beziehung gesetzt, in sofern, als „Aggression eine grundlegende Entwicklungsstufe bei der Entstehung von Gewalt darstellen kann“ (S. 10) und beidem die selben Bedingungen zugrunde liegen. Da es grundlegend verschiedene Erklärungen für die Entstehung von Aggression gibt, entscheidet sich die Autorin für die motivationstheoretische, welche der Entstehung und Hemmung aggressiver Taten u.a. Sozialisationsaspekte zugrunde legt. Sie folgt dem Ansatz von Popitz, der Macht als inhärenten Bestandteil von Beziehungen identifiziert und in vier verschiedene Formen, die sich alle in der Altenpflege auffinden lassen, aufschlüsselt.
Bedingungsfaktoren für die Entstehung von Gewalt macht Förster auf drei Ebenen aus: Auf der Makroebene (Kap. 1.2) findet sie sowohl in strukturellen als auch kulturellen / gesellschaftlichen Gegebenheiten Gewalt mit Auswirkungen auf die Altenpflege. Auf der Mesoebene (Kap. 1.3) geht es um die Institution Altenpflege. Die Autorin betrachtet die Institutionen der Altenpflege kritisch unter dem Gesichtspunkt der von Goffman beschriebenen „totalen Institution“, welcher die Bewohner ausgeliefert sind. Die These der „Institutionellen Anomie“ nach Gröning sieht hingegen durch institutionelle Verbesserungen (Qualitätsmanagement) eher die Pflegekräfte den Zwängen der Institution ausgesetzt. Auf der Mikroebene (Kap. 1.4) geht es um Faktoren, die auf Seiten des Personals zu finden sind und Einfluss auf das Gewaltgeschehen haben. Hierfür zieht sie verschiedene Modelle und Theorien heran, um die Entstehungsbedingungen von Gewalt und die Wechselbeziehungen zwischen Konflikten, Erwartungen, Frustration und Stress sowie Vermeidungs- und Bewältigungsstrategien zu erklären.
Das „Integrative bio-psycho-sozialen Modell“ von Pauls schließlich vereint die Faktoren der Makro-, Meso- und Mikroebene und stellt sie in ihrer wechselseitigen Beeinflussung dar.
2. Methodisches Vorgehen
Christine Förster begründet die Wahl des halbstrukturierten, narrativen Interviews damit, dass der vorliegende Fachliteratur nur selten ein qualitativer Forschungsansatz zugrunde läge und daher Pflegende „nur selten die Möglichkeit [hätten], die moralische Schranke zu durchbrechen um diesen ihren Erfahrungen den notwendigen Raum zu geben“ (S. 39). Im Leitfaden mit Erzählanstößen und Detailfragen werden die biografischen Gewalterfahrungen der Pflegenden, Gewaltgeschehen im Berufsalltag, Reflexion und Bewältigung von Gewalterfahrungen, die Funktion und Legitimation von Gewalt aus subjektiver Sicht sowie Strategien zur Stressbewältigung und eventueller Unterstützungsbedarf fokussiert.
Die Auswertung der drei Interviews erfolgte mit der Globalauswertung nach Legewie und der Inhaltsanalyse nach Mayring. Der entsprechende Kodierleitfaden ist tabellarisch auf den Seiten 52-54 zu finden.
Neben ihrer eigenen Rolle als Interviewerin, die sich auf ein schwieriges Terrain begibt, reflektiert die Autorin kurz die Gütekriterien ihrer Forschungsarbeit Validität und Reliabilität.
3. Auswertung und Gegenüberstellung der Interviews
Förster stellt die Interviewsituation und die drei Interviewpartner mit einer kurzen Berufsbiografie vor. In ihrer Ergebnisdarstellung folgt die Autorin den im 2. Kapitel beschriebenen Kategorien.
Es sind Interviews mit zum Teil emotional anrührenden oder drastischen Passagen, die Einblick in die Arbeit von Altenpflegekräften geben, die trotz bester Absichten manchmal „die Geduld verlieren“ (S. 59) oder dem Arbeitsdruck nicht mehr standhalten können.
4. Diskussion
Die Autorin beleuchtet in diesem Kapitel die Machtdynamiken, die sich aus den Interviews ergeben, auf der Makro-, Meso- und Mikroebene unter Bezugnahme auf die im ersten Kapitel beschriebenen Theorien und Modelle.
Auf allen drei Ebenen kann sie den Interviewäußerungen Bestätigungen der vorgenannten Theorien entnehmen.
Auf der Mikroebene beleuchtet sie die subjektiven Erklärungsmuster der Interviewpartner zu den Ursachen und Auswirkungen von Frustration und Stress. Ebenso widmet sie sich den geschilderten Strategien zur Vermeidung oder Verarbeitung von Belastungssituationen
5. Implikation für die soziale Arbeit
In der Sozialarbeit sieht die Autorin konsequenterweise verschiedene Handlungsfelder, um der Gewalt in der Pflege auf der Makro-, Meso- und Mikroebene zu begegnen und wählt hierbei einen ressourcenorientierten Ansatz, wobei sie davon ausgeht, dass „sämtliche Ressourcen, die sich aus diesen Ebenen ableiten lassen, vom Pflegepersonal genutzt werden [können]“ (S. 141). Besonderen Wert legt sie auf die Arbeit mit den Biografien der Pflegenden, die zur Prävention von Gewalt angewandt werden könnten.
In ihrer Schlussbemerkung konstatiert Christine Förster, dass durch ihre Untersuchungsergebnisse die Theorien bestätigt werden konnten. Da sich in ihrer Arbeit herausgestellt hat, dass die Biografie eine entscheidende Rolle bei der Ausübung und Interpretation von Gewalt sowie bei Strategien zur Bewältigung von Belastung spielt, könne hier weitere Forschung betrieben werden.
Diskussion
Mit ihrer Arbeit beleuchtet Christine Förster das Thema Gewalt in der Institutionellen Altenpflege aus der Perspektive der Pflegenden und untermauert ihre Ergebnisse konsequent mit den hierfür relevanten Theorien und Modellen. Sinnvoll ist ihre Einteilung in die Makro-, Meso- und Mikroebene, sowohl bei der Darstellung der theoretischen Grundlagen als auch bei der Ergebnisdarstellung und –auswertung. Mit der Befragung von betroffenen AltenpflegerInnen wählt sie eine bislang selten angewandte Methode für das Thema. Das spricht für sie und ihre zukünftige Arbeit als Sozialarbeiterin. Gleichwohl kommt die Theorie nicht zu kurz – im Gegenteil: sie ist gründlich recherchiert und für dieses Thema aufgearbeitet. Besonders gut ist es Christine Förster auch gelungen, ihre Untersuchungsergebnisse in dem zuvor geschaffenen theoretischen Rahmen darzustellen und kritisch zu reflektieren. Das Untersuchungsdesign ist umfassend beschrieben, allerdings wären die Ausführungen zu den Gütekriterien Validität und Reliabilität verzichtbar gewesen. Die Darstellung der Interviews und deren Gegenüberstellung sind unerwartet spannend zu lesen, allerdings treten bei der Gegenüberstellung unnötige Doppelungen auf, so dass eine weitere Bearbeitung zur Reduktion der Interview-Aussagen sicherlich fruchtbar gewesen wäre.
Fazit
Auch wenn es im dritten Teil etwas lang wird – es ist ein sehr gelungenes Buch, das zahlreiche Anregungen für die praktische Arbeit – nicht nur die Sozialarbeit, sondern auch für die Aus- und Fortbildung von AltenpflegerInnen – gibt.
Rezensentin
Dipl.-Pflegepädagogin Anke Jürgensen
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Zitiervorschlag
Anke Jürgensen. Rezension vom 14.09.2009 zu: Christine Förster: Gewalt in der institutionellen Altenpflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 160 Seiten. ISBN 978-3-940529-31-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7825.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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