Sigrid Tschöpe-Scheffler: Familie und Erziehung in der sozialen Arbeit
Sigrid Tschöpe-Scheffler: Familie und Erziehung in der sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2009. 157 Seiten. ISBN 978-3-89974-318-0. 9,80 EUR.
Reihe: Wochenschau Studium. Grundlagen sozialer Arbeit.
Thema
Im Mittelpunkt des Buches stehen das Erziehungsgeschehen in Familien und die Förderung der Erziehungskompetenz, vor dem Hintergrund der Verunsicherungen und Schwierigkeiten, wie sie in unserer heutigen Gesellschaft immer häufiger beobachtet werden.
Autorin
Frau Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler ist Direktorin des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist in der Reihe Grundlagen Sozialer Arbeit des Wochenschau Verlages erschienen. Es richtet sich an Studierende und ist bewusst kompakt gestaltet, unter der Annahme, dass das Bachelor Studium ein strafferes Zeitmanagement erfordert. Es soll in die Grundlagen des Themas einführen.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel, die jeweils mit einem kleinen Fragenkatalog enden, der der Vertiefung und Übung dienen kann.
Es beginnt mit einem Überblick über die verschiedenen Familienformen unter den Bedingungen der heutigen (Risiko-) Gesellschaft und die damit verbundenen Anforderungen an Eltern in Zeiten von Globalisierung und Individualisierung.
Es folgt eine Betrachtung von Erziehung unter verschiedenen Aspekten. Die Autorin verbindet das Erziehungshandeln mit der Idee von den Alltagskonzepten der Menschen, wie sie insbesondere von Görlitz beschrieben wurden. Die spannende Frage richtet sich auf die eventuelle Veränderbarkeit von Alltags- und damit auch Erziehungskonzepten.
Das anschließende Kapitel widmet sich der Frage nach der „guten“ Erziehung. Nach einem kurzen historischen Rückblick kommt die Autorin schnell über das Zieldreieck der Erziehung von Hurrelmann auf das von ihr entwickelte Modell der fünf Säulen der Erziehung, das entwicklungsfördernde bzw. -hemmende Aspekte der Erziehung benennt. Sie erwähnt noch die Bedeutung der frühkindlichen Bindung, leider ohne weiter darauf einzugehen.
Die Autorin geht dann, nach einer knappen Schilderung was kompetente Eltern ausmacht, näher auf entwicklungsförderndes Erziehungsverhalten ein und hält sich dabei an die vier Hauptaspekte der bereits erwähnten fünf Säulen der Erziehung: Liebevolle Zuwendung, Achtung und Respekt, Kooperation sowie Verbindlichkeit und Grenzsetzung.
Die Kehrseite der Medaille wird unter der Überschrift Gewalt gegen Kinder beschrieben. Neben der physischen Gewalt geht die Autorin besonders auf die psychische Gewalt ein. Psychische Gewalt wird ihrer Ansicht nach immer noch nicht ausreichend erkannt, bzw. gilt immer noch als „normal“. Wieder in Anlehnung an das bereits erwähnte fünf Säulen-Modell wird dann entwicklungshemmendes Erziehungsverhalten beschrieben, bevor die Autorin mit einem kurzen Abriss über die Resilienzforschung abschließt.
Das Buch endet mit einem Kapitel über Unterstützung elterlicher Erziehungskompetenz. Entgegen ihrer Ankündigung in der Einleitung geht die Autorin aber nicht auf die Hilfen der §§ 27 ff. des SGB VIII ein, sondern widmet ihr mit Abstand ausführlichstes Kapitel verschiedenen Angeboten der Elternbildung. Als Unterstützungsmöglichkeiten für stark belastete Familien, die durch primärpräventive Angebote nicht oder nur kaum erreicht werden, führt sie zwei Programme an („Opstapje“ und „Hippy“), die von geschulten Laien durchgeführt werden, also kein Arbeitsfeld für Sozialpädagoginnen darstellen. Einen wichtigen Hinweis auf die Haltung von Fachkräften flicht die Autorin noch ein. Sie stellt die Bedeutung einer partnerschaftlichen, kooperativen und ressourcenorientierten Haltung heraus, die die Klienten als Experten für ihr Leben wertschätzt und nicht an ihren Defiziten ansetzt.
Diskussion
Das vorliegende Buch von Frau Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler stellt eine Auseinandersetzung mit einem sehr umfangreichen Thema auf denkbar kleinstem Raum dar, um Studierende der Bachelor Studiengänge in die Grundlagen des Themas einzuführen. Dies gelingt derart, dass viele relevante Aspekte berührt werden, einige wichtige etwas ausführlicher. Es eignet es sich aufgrund seiner guten Lesbarkeit. Es ist gut strukturiert, im rechten Maße fachlich und eben sehr kompakt. Für eine erste Beschäftigung mit dem Thema im Grundstudium mag das ausreichen, am Thema interessierte Studierende müssen allerdings weiter lesen. Dies berührt auch einen meiner Kritikpunkte: das Buch wirkt an einigen Stellen so, als wolle es zu viel, zu viele interessante Aspekte sollen erwähnt werden und landen deshalb in einem Nebensatz. Ob daher neben den Fragen, die jedes Kapitel beschließen, nicht auch konkrete Hinweise auf weiterführende Literatur hilfreich sein könnten, sei dahingestellt. Das Buch wirkt zudem teilweise wie mit der heißen Nadel gestrickt. An einigen Stellen ist es nicht ganz schlüssig, an anderer Stelle will die Autorin auf das Thema Bindung in den ersten Lebensjahren eingehen und versäumt es dann und das Literaturverzeichnis ist leider nicht ganz vollständig. Insgesamt erkennt man meiner Ansicht nach zu stark, wes Kind das Buch ist. Elternkurse werden hier und da erwähnt, und das letzte Kapitel handelt fast ausschließlich von Elternbildungsangeboten, einem Gebiet mit dem sich die Autorin intensiv beschäftigt hat. Eine Verbindung des Themas zur Praxis der Sozialen Arbeit wird hingegen kaum hergestellt, ein Hinweis auf das wichtige Arbeitsfeld der Sozialpädagogischen Familienhilfe fehlt zum Beispiel.
Fazit
Trotz kleinerer Mängel und einer gewissen Einseitigkeit bietet das Buch für die Zielgruppe der Studierenden einen leicht zu lesenden, sehr kompakten Einstieg in das Thema. Für Fachkräfte bietet es zu wenig (neue) und für Laien zu viele (verwirrende) Informationen. Die Autorin
stellt bei den Familien aller sozialen Schichten eine Erziehungsunsicherheit fest und plädiert für umfassende und passgenaue Unterstützungsmaßnahmen. Dem ist nicht zu widersprechen, doch passt die starke Ausrichtung des Buches an ihrem „Fünf-Säulen-Modell“ und ihrem Fokus auf Elternbildungsangebote nicht zu einem Grundlagenbuch.
Rezensent
Christian Oetken
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Zitiervorschlag
Christian Oetken. Rezension vom 16.08.2010 zu: Sigrid Tschöpe-Scheffler: Familie und Erziehung in der sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2009. 157 Seiten. ISBN 978-3-89974-318-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7846.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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