Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur des Saarlandes (Hrsg.): Mehrsprachiges Aufwachsen in der frühen Kindheit
Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur des Saarlandes (Hrsg.): Mehrsprachiges Aufwachsen in der frühen Kindheit. verlag das netz (Berlin) 2008. ISBN 978-3-86892-010-9.
Red. Eva Hammes-Di Bernardo. Bd. 1. Fakten, Voraussetzungen, Möglichkeiten für einen gelenkten Spracherwerb. 175 Seiten. Bd. 2. Beispiele aus der internationalen Praxis für einen gelenkten Zweitsprachenerwerb. 136 Seiten. .
Entstehungshintergrund
Das Buch versammelt die Beiträge eines Kongresses, der im Rahmen des Projekts “Austausch von ErzieherInnen zwischen Schulen der Moselle und Kindergärten des Saarlandes“ stattfand. Die Federführung hatte das saarländische Bildungsministeriums, beteiligt waren die Christliche Erwachsenenbildung Merzig-CEB, der Conseil Général de la Moselle, die Inspection Académique de la Moselle. Die EU hat das Projekt unterstützt im Rahmen des INTERREG IIIA Förderung und der Union Stiftung Saarland.
Thema
Die erwiesenermaßen positiven Auswirkungen von Mehrsprachigkeit auf die allgemeine kognitive und soziale Entwicklung über das Kindergartenalter hinaus führen dazu, die Förderung von Mehrsprachigkeit als ein wesentliches Ziel in der Frühpädagogik zu sehen. Zur Zeit wird dies nur vereinzelt verwirklicht in Modellversuchen und grenznahen Kindergärten, wie hier vor allem aus dem Saarland beispielhaft dargestellt. Veränderte Anforderungen an die ErzieherInnen und an deren Ausbildung sind notwendig, um den neuen Aufgaben gewachsen zu sein. Ein weiteres Problem ist die bisher mangelnde Nutzung der Zweitsprache von Kindern aus Migrantenfamilien für den Zweitsprachenerwerb. Ihnen wir dadurch nicht nur der spätere Übergang auf die Schule, sondern die gesamte kognitive und sozial integrative Entwicklung anhaltend erschwert.
Ziel
Ziel ist es, die kognitiven und psychosozialen Fähigkeiten von Kindern möglichst frühzeitig zu fördern und Mehrsprachigkeit im Hinblick auf die kindliche Entwicklung zu nutzen. Darüber hinaus soll die Einsicht in die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rahmen der Europäisierung vermittelt werden.
Aufbau
Der erste Band trägt den Titel: „Bd. 1. Fakten, Voraussetzungen, Möglichkeiten für einen gelenkten Spracherwerb“. Die Beiträge in Band 1 sind in vier Oberkapiteln zusammengefasst: Mehrsprachigkeit unter
- dem Bildungsaspekt,
- dem europäischen Aspekt,
- dem Aspekt der sprachlichen Förderung in der Kindertagesstätte und zuletzt
- Fragen der Ausbildung, der Fortbildung und Informationen über Netzwerke.
Der zweite Band trägt den Titel „Beispiele aus der internationalen Praxis für einen gelenkten Zweitsprachenerwerb“. Zwar dominieren naturgemäß Erfahrungsberichte und Beispiele aus der saarländischen Region mit Deutsch-Französisch , aber auch andere Erfahrungen finden hier ihren Niederschlag.
Band 1
In dem aufschlussreichen Essay: Früher Spracherwerb und frühes Lernen: Wie nutzen wir diese Chancen? beruft sich die Verfasserin Rita Franceschini auf neurobiologische Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass es „einen engen Zusammenhang gibt zwischen Sprachlernen, hohen Kompetenzen in den jeweiligen Sprachen und anderen kognitiven Leistungen: Die Sprachentwicklung beeinflusst die Entwicklung weiterer kognitiver Fähigkeiten.“ (S. 16 ). Sie betont daher die Notwendigkeit, diese Erkenntnisse in der frühen Pädagogik zu nutzen. Dabei geht sie u.a. auch auf die Schwierigkeiten des Zweit- oder Mehrsprachenerwerbs in bildungsfernen Schichten ein und verweist auf die immer noch zu geringe Nutzung der -oft bereits vorhandenen- Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund. Zur Propagierung und Durchsetzung von Mehrsprachigkeit schlägt sie einen regelmäßigen Informations- und Erfahrungsaustausch über laufende Projekte und Schulversuche vor. Ein Länderaustausch von Jugendlichen wäre dahingehend zu erleichtern, (Berufs-)Abschlüsse in anderen Ländern anzuerkennen.
Henning Wode stellt in seinem Beitrag: Immersion und ihr Bedingungsgefüge ein Modell zum mehrsprachigen Lernen vor, das in einem Kita-Grundschulverbund in Kiel entwickelt und praktiziert wurde und überragende Ergebnisse im Vergleich zum lehrgangsähnlichen Lernen erzielt hat. Das Modell ist jedoch an organisatorische, personelle und soziale Bedingungen geknüpft, die – abgesehen von einem Modellversuch - utopisch sind. Die Kinder werden gleichzeitig während des Betreuungszeitraums von zwei PädagogInnen mit unterschiedlicher Muttersprache betreut und lernen die Zweitsprache im Umgang mit ihren AltersgenossInnen, bzw. mit den BetreuerInnen, die diese konsequent benutzen. Der Gebrauch der Sprache ist somit an die aktuelle Situation gebunden, sie dient dem direkten Kontakt und hat die für das Kind wichtige Funktion, mit ihr Bedürfnisse, Gefühle etc. auszudrücken.
Carmen Herrmann knüpft in ihrem Beitrag Aspekte grenzüberschreitender Qualifizierung und Fortbildung zur Förderung der Nachbarsprache an den Gedanken der Immersion an, indem sie auf Angebote in verschiedenen Bildungsbereichen in saarländischen Kindertagesstätten verweist, die auf diesem Prinzip basieren. Sie stellt ein Fortbildungsprogramm für KindergartenpädagogInnen vor, in dem die TeilnehmerInnen mit einem breiten Spektrum an Bildungsinhalten vertraut gemacht werden. Weitere institutionelle Fort- und Weiterbildungsangebote zur zweisprachigen Erziehung werden aufgeführt.
Mit Vehemenz veweist Susanna Buttaroni in ihrem Beitrag: Migrationsflüsse, Migrationsstörungen - Beiträge derLinguistik zur Aus- und Fortbildung von Kindergartenpädagoginnen aufdie Notwendigkeit einer fundierten sprachwissenschaftlichen Ausbildung von PädagogInnen und skizziert dazu ein Curriculum. Sie prangert die Fehler und Lücken eines Förderprogramms in Österreich an, die Fragwürdigkeit von nicht standardisierten Tests zur Sprachstandsfeststellung und die mangelhafte Ausbildung von PädagogInnen. Sie weist darauf hin, dass eine Sprachstandsfeststellung, die schon in ihrem Ausgangspunkt die Erkenntnisse der Sprachwissenschaft unberücksichtigt lässt und im folgenden dann zu fehlerhaften Förderprogrammen führt, nicht erfolgreich sein kann.Das betrifft vor allem die besondere Sprachsituation von Migrantenkindern, deren Muttersprache bei Tests unbedingt berücksichtigt werden müsse.
Band 2
In Band 2 werden teils recht ähnliche Modelle und Beispiele vorgestellt. Neben solchen aus dem Saarland kommen auch andere zu Wort , aus dem osteuropäischen (polnisch-deutsch; polnisch- tschechisch), dem niederländischen, sogar aus dem brasilianischen und dem chinesischen (chinesisch-englisch) Raum. Die einzelnen Beiträge bieten ein breites Spektrum an methodischen Ansätzen, wobei die chinesische Sprache wegen der vielen Schriftzeichen und der unterschiedlichen bedeutungstragenden Intonation und Tonhöhe eine besondere Herausforderung darstellt. Die didaktischen Schwerpunkte variieren zwischen einem mehr oder weniger intensivem Kulturaustausch mit Vor- und Nachbereitung, beschränkt auf gegenseitige Besuche und Teilnahme an Festen einerseits, und dem Vorrang authentischer Sprachvermittlung, die neben der Beschäftigung mit kulturellen Unterschieden auch gemeinsame Unternehmungen einschließt.
Eva Hammes-Di Bernardo und Judith Dauster werten in ihrem Aufsatz Französisch in Kindergarten und Grundschule – ein Modell aus dem Saarland die Dokumentation von etwa 150 Schulstunden mit Videorecorder und MiniDiscs aus. Sie haben das Lernverhalten von Kindern beim Erlernen einer Fremdsprache analysiert und ziehen daraus Rückschlüsse auf Methoden. Kritik richtet sich auf antrainierte Reaktionsweisen im Lehrer-Schüler-Dialog. Die Erfahrung der Autorinnen ist, dass bei einer kommunikativen Lernsituation Kinder auch dann einen Bedeutungstransfer leisten konnten, wenn sie die Sätze vorher noch nie gehört hatten. Von daher regen sie an, Arbeitsanweisungen auch schon im Frühunterricht in der Zielsprache zu kommunizieren und heben die Notwendigkeit einer guten Ausbildung der PädagogInnen als sprachliches Vorbild hervor.
Fazit
Die AutorInnen machen deutlich , dass die frühe Erziehung zur Zweisprachigkeit für die Entwicklung der Kinder eigentlich unverzichtbar ist. Darüber hinaus dient sie aber auch der Verständigung, der guten Nachbarschaft und nicht zuletzt der Entwicklung eines europäischen Gemeinschaftsgedanken. Beide Bände sind aufschlussreich und informativ. Der erste Band gewährt dem Leser einen verständlichen Einblick in den Stand der Forschung und die vielschichtige Problematik des Zweitsprachenerwerbs im Allgemeinen und bei Kindern aus Migrantenfamilien im Besonderen. Wenn sich aus all dem besondere Anforderungen an Ausbildung für die PädagogInnen ergeben, so ist das nur folgerichtig. Linguistische Kenntnisse sind da sicherlich hilfreich, aber vielleicht doch nicht in dem Ausmaß nötig, wie in Band 1 gefordert. Das beweisen auch die teils sehr anschaulichen Berichte in Band 2 , die anhand praktischer Erfahrungen demonstrieren, welche Voraussetzungen für die Erziehung zur Mehrsprachigkeit in der frühen Kindheit gegeben sein müssen und mit welchen Mitteln sie zu leisten ist.
Die Beiträge zeigen aber auch, dass zweisprachiger Unterricht und zweisprachige Betreuung der Kinder im Kindergarten immer noch ein Bildungsprivileg sind , das vor allem Kindern in angrenzenden Nachbarländern zuteil wird. Beide Bände bilden ein überzeugendes Plädoyer für Erziehung zur Mehrsprachigkeit in der Frühförderung für alle Kinder. Bislang jedoch ist diese Forderung bis auf wenige Ausnahmen in der Kindergarten- und Schulwirklichkeit eine Utopie, die hoffentlich einmal Wirklichkeit wird.
Rezensentin
Bettina von Balluseck
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Zitiervorschlag
Bettina von Balluseck. Rezension vom 14.11.2009 zu: Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur des Saarlandes (Hrsg.): Mehrsprachiges Aufwachsen in der frühen Kindheit. verlag das netz (Berlin) 2008. ISBN 978-3-86892-010-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7847.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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