Horst Schawohl: Vom Behandlungszwang zur Freiwilligkeit
Horst Schawohl: Vom Behandlungszwang zur Freiwilligkeit. Eine Evaluation des Entwicklungsprozesses von der sekundären zur primären Behandlungsmotivation bei Gewalttätern. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2009. 304 Seiten. ISBN 978-3-86727-905-5. 40,00 EUR.
Thema und Entstehungshintergrund
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die Dissertation des Autors, die er bei Prof. Dr. Jens Weidner, einem der AAT- Initiatoren, und Prof. Dr. H. E. Colla erstellte. Mit dem Thema Anti-Aggressivitäts-Training beschäftigt sich der Autor seit Jahren, auch theoretisch in diversen Fachbeiträgen. Dieses Training richtet sich an die Zielgruppe Mehrfach Gewalttäter und wird stationär in Justizvollzugsanstalten und ambulant von verschiedenen Trägern durchgeführt.
Autor
Der Autor verfügt als Dipl.-Sozialpädagoge mit zertifizierter Anti-Aggressivitäts-Trainings Ausbildung über mehrjährige Erfahrung in der Durchführung und Leitung von AAT- Trainings in verschiedenen Einrichtungen. Er ist für den Verein Nordlicht e. V. Hamburg tätig.
Aufbau und Inhalt
Das vorliegende Buch ist in sechzehn Kapitel mit zum Teil mehreren Unterkapiteln, dem obligatorischen Literaturverzeichnis und einem umfangreichen Anhang gegliedert. Als Dissertation ist es verständlicher Weise wissenschaftlich orientiert. Die extrem kleine Schrift erinnert an das Kleingedruckte in Verträgen oder Beipackzetteln und lässt das Lesen leider zur Anstrengung werden. Die Sprache ist anspruchsvoll und mit vielen Fachbegriffen und Fremdwörtern gespickt. Bedingt durch den Gesamtumfang und die zahlreichen Unterkapitel kann hier nicht auf alles eingegangen werden.
Im ersten Kapitel, der Einleitung, stellt Schawohl unter anderem die Ziele der vorliegenden Arbeit dar. Um „nächste Male“ hinsichtlich neuer Täterschaften in der Jugendkriminalität zu vermeiden oder zumindest zu verringern, soll evaluiert werden, was 14-21 Jährige dazu motiviert, an einem Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) beziehungsweise Coolness-Training (CT) teilzunehmen oder auch abzubrechen. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie sich beim Klienten aus einer sekundären Behandlungsmotivation eine primäre entwickeln und wie aus dem Interventionsrecht des Trainers eine Interventionserlaubnis des Klienten werden kann. Außerdem soll ein Beitrag zur Qualifizierung des Curriculums geleistet werden. Bisherige Untersuchungen haben das AAT als Ganzes zum Gegenstand gehabt und nicht nach einzelnen Programmbestandteilen differenziert. Schawohl möchte zu einer Qualitätsverbesserung beitragen, indem er die Forschung um den Aspekt der Haltequoten oder eventuell erforderliche Modifikationen während der Integrationsphase des Trainings erweitert.
Im zweiten Kapitel wird die historische Entwicklung des AAT- Trainings als ambulante Maßnahme für Jugendliche und junge Heranwachsende, aggressive Wiederholungstäter dargestellt. Es wird auf die Wurzeln des Trainings eingegangen, die im Psychodrama (Moreno), der Verhaltens- und Gestalttherapie (Pearls), der Provokativen Therapie (Farrelly) und der Konfrontativen Therapie (Corsini) liegen.
Im dritten Kapitel wird auf theoretische Erklärungsansätze und psychologische Theorien und ihre methodischen Ableitungen eingegangen, die für das Training eine Bedeutung haben (Lerntheorie, Verhaltenstheorie, Relevante Aspekte der Glenn Mills Schools, Kognitive Psychologie, Rational-emotive Therapie, Moralisches Bewusstsein).
Das vierte Kapitel behandelt die methodischen Grundlagen der für das Curriculum des Trainings relevante Faktoren (Konfrontative Therapie als Basis für eine konfrontative Pädagogik, Provokative Therapie, das Geschlechtsrollenseminar, das Rollenspiel und der „heiße Stuhl“ welcher auf ein Element aus der Gestalttherapie zurückgeht).
Im fünften Kapitel werden kriminalitätstheoretische Aspekte dargestellt (die Anomietheorie, die Subkulturtheorie, die Theorie des differentiellen Lernens, die Kontrolltheorien, der Etikettierungsansatz).
Das sechste Kapitel setzt sich mit den Begriffen Gewalt, Gewaltbereitschaft
und Gewalttätigkeit bei Jugendlichen und jungen Heranwachsenden als Folge von Aggressivität und Aggression auseinander.
Im siebten Kapitel geht es um neurowissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich der Bedeutung der Spiegelneurone. Diesbezügliche Annahmen und Erkenntnisse der Neurologie sind sehr bedeutsam für die Arbeit mit der Klientel der Mehrfachgewalttäter.
Das achte Kapitel mit mehreren Unterkapiteln setzt sich mit den beiden wesentlichen Fragestellungen der Motivationsforschung auseinander, nämlich wonach Menschen streben und woher dieses Streben rührt. Außerdem wird dem Ziel und Zweck und dem Ursprung menschlichen Handelns mit Hilfe verschiedener Theorieansätze nachgegangen. Unter diesen Aspekten werden u. a. auf die Bedeutung der Motivierung der Probanden durch das AAT-Team, der Beziehung Trainer/Trainerin- Proband, der Autorität der Trainer und Trainerinnen und die Entwicklung von der sekundären zur primären Behandlungsmotivation eingegangen.
Das kurze neunte Kapitel erläutert eine wichtige Grundvoraussetzung des AAT-Trainings nämlich die andauernde Wertschätzung des Probanden als Mensch, bei, gleichzeitiger Ablehnung der Gewaltbereitschaft. Es geht um die Tatkonfrontation, nicht um die Verunglimpfung des Täters. Nur wenn dies glaubhaft vermittelt werden kann, ist eine Möglichkeit gegeben, vom Interventionsrecht zur Interventionserlaubnis zu gelangen.
Im zehnten Kapitel wird auf diverse Kritiken am AAT-Training und an der Konfrontativen Pädagogik eingegangen. Der Autor argumentiert gegen Unterstellungen, das AAT-Training sei eine „unpädagogische Disziplinierung, Dressur und Unterwerfung“ oder eine „psycho-terroristische Sonderbehandlung“ durch einen „Folterknecht“, um nur zwei Beispiele aus den vielfältigen Kritiken herauszugreifen.
Ab dem elften Kapitel stellt Schawohl detailliert seine Forschung dar. So wird hier zuerst erläutert, dass die Evaluationsdaten über das qualitative Verfahren erstellt worden sind.
Im zwölften Kapitel wird das qualitative Interview als zentrale Datenbasis vorgestellt und auf das durchgeführte Experteninterview als eine Anwendungsform des Leitfadeninterviews eingegangen. Der Verfasser hat sich für das durch Leitfaden strukturierte teil-standardisierte Interview entschieden. Des Weiteren wird hier der Leitfaden des Interviews beschrieben.
Das dreizehnte Kapitel geht auf die Entscheidung des Tonbandmitschnitts der Interviews mit nachfolgender Transkription, den Umgang mit den Daten und den Zugang zu den Interviewpartnern ein.
Im vierzehnten Kapitel wird die Klientel des AAT-Trainings beschrieben, so die biographischen Daten der Interviewten, deren Altersstruktur, Nationalität, Deliktstruktur und die Verweildauer der Abbrecher. Als „Experten“ werden zwei Gruppen von jeweils 15 AAT- Absolventen und 15 AAT- Abbrecher interviewt. Für das Interview und die Auswertung der Daten ist der Autor verantwortlich und dieser kennt die Interviewten aus AAT-Trainingskursen, die er geleitet hatte.
Das fünfzehnte Kapitel beschäftigt sich mit der Analyse der Interviews und geht u. a. jeweils auf die individuellen Bewertungsdispositionen der AAT-Absolventen und der AAT- Abbrecher und die Motivationsfaktoren der jeweiligen Gruppe ein. Als Motivationsfaktoren für die Absolventen wurden u. a. neben der sekundären Motivation (Haftvermeidung, Bewährungsstatus erhalten, Auflagen erfüllen) die konkret erwarteten Vorteile (Stressvermeidung durch neue Verhaltensalternativen, Eröffnung oder Beibehaltung einer guten Perspektive), das Erleben einer positiven Gruppenatmosphäre mit positivem Nutzen und das korrekte und kompetente Verhalten des AAT-Teams genannt. Bei den Abbrechern standen wohl u. a. Drogenkonsum und negativer Peergruppen-Einfluss der Teilnahme im Wege. Laut Befragungsergebnis stand das Ausscheiden nicht mit dem AAT-Team in Verbindung.
Im sechzehnten Kapitel folgen die Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die zukünftige Praxis des AAT-Trainings. Justizieller Druck bewirkt Teilnahmebereitschaft, dieser sollte also weiter ausgeübt werden, damit erst einmal die sekundäre Motivation vorhanden ist. Da die Entscheidung für das Training oder das Abbrechen schon zu Beginn oder zumindest in den ersten Wochen feststand, soll ein größeres Gewicht auf die Vorgespräche mit den Probanden gelegt und die Inhalte modifiziert werden. Da „sowohl eine Intensionsbildung als auch eine Intensionsbindung durch das AAT-Team positiv beeinflusst werden kann“, wäre daraus zu folgern, dass die „Qualitätssicherung des Personals gleichzeitig die Qualitätssicherung der Maßnahme selbst bedeutet“ (vgl. S. 194).
Nach dem sich anschließenden Literaturverzeichnis folgen die umfangreichen Anlagen zur Dissertation.
Diskussion
Wie schon erwähnt, ist das vorliegende Buch die Veröffentlichung einer Dissertation, sehr wissenschaftlich gehalten und mit vielen Fachbegriffen und Fremdwörtern versehen. Es verlangt vom Leser Interesse an der sehr speziellen Thematik, setzt fachliches Wissen voraus und hohe Konzentration, nicht zuletzt wegen der sehr kleinen Schrift. Für Leser, die schon mehr zu dem Thema AAT gelesen haben, bietet diese Arbeit teilweise bekannte theoretische Aspekte, gut dargestellt, aber auch hochinteressante neue, wie Kapitel sieben über die Spiegelneurone. Da Mehrfach Gewalttäter meist über Auflagen und Zwang in die Anti- Aggressivitäts-Trainings gelangen, ist es eine ungemein wichtige Frage, wie aus diesem Zwang eine Freiwilligkeit werden kann. Dieser Frage ist Schawohl nachgegangen und hat das gesteckte Ziel erreicht. Er hat auch eindeutig einen Beitrag zur Qualifizierung des Curriculums des AAT beigetragen, einen Anstoß gegeben. Es bleibt aber abzuwarten, ob diese Erkenntnisse auch eine Beachtung und Umsetzung bei den Verantwortlichen für die Ausbildung neuer Trainer und Trainerinnen finden werden. Aus eigener Erfahrung mit der Ausbildung zur AAT- Trainerin kann ich wohl bestätigen, dass von den Ausbildern immer wieder auf die Vorraussetzung einer gelungenen Beziehung zwischen Trainer und Proband hingewiesen wurde, aber die Persönlichkeit der Trainer, ethische Grundsätze, Macht und Machtmissbrauch, Übertragung und Gegenübertragung waren entweder kein Thema oder hatten keinen wirklichen Stellenwert in der Ausbildung. Stattdessen musste jeder Teilnehmer eine Pressemitteilung vor der Gruppe präsentieren, falls einmal ein Interview in einem spektakulären Fall auf sie zukäme. Eine von R. Kilb(„Weshalb und wozu „Konfrontative Pädagogik“, AAT und CT? In: R. Kilb u. a.: Konfrontative Pädagogik in der Schule. Anti- Aggressivitäts- und Coolnesstraining. Juventa Verlag Weinheim und München 2006) durchgeführte Umfrage an in dieser Methode ausgebildeten Fachkräften ergab, dass „nur sehr wenige der Befragten den kritischen Umgang mit Macht, also mit der eigenen Macht in einem solchen Training als wichtigen Handlungsfaktor thematisierten“ (S. 50). Er bemerkt folgerichtig, dass diesbezüglich einer qualifizierten Ausbildung und regelmäßigen kollegialen und supervisorischen Reflexion eine große Bedeutung zukommen muss. Mit dieser Methode geht der Trainer so nah an die Psyche des Probanden heran und überschreitet teilweise Grenzen, kann unvorhergesehen psychische Prozesse in Gang setzen, dass meiner Meinung nach Qualitätsstandards für die Ausbildung der Trainer ähnlich derer von seriösen Therapeutenausbildungen entwickelt werden müssten. Seit einigen Jahren sollen die Ausgebildeten wohl zur Qualitätssicherung alle zwei Jahre ein zweitägiges Seminar besuchen, um die Methode und ihr eigenes Arbeiten zu reflektieren und auf Modifikationen hin zu überprüfen, aber das scheint mir, der Sache nicht gerecht zu werden.
Schawohl legt wohl dar, dass er nur Kritiken anführt, in denen ein Bezug zu seinem fokussierten Kontext erkennbar ist oder sich ableiten lässt (vgl. S.114), aber gerade auf die diversen, berechtigten Kritiken an der Qualifikation der ausgebildeten AAT-Trainer geht er ebenso wenig ein wie auf die Kritik, dass mit der Methode auch starke finanzielle Interessen verbunden sind (sowohl für die Anbieter der Ausbildung als auch für die Stellen, die mit ihren Maßnahmen um öffentliche Gelder konkurrieren).
Mir drängt sich die Frage auf, ob ein unbekannter, unabhängiger, neutraler Interviewer dieselben Antworten erhalten hätte? Sicher hätte eine fremde Person eine gewisse Hürde für die Befragten dargestellt, aber unter Umständen wären einige Antworten doch anders ausgefallen. Dies soll keine Kritik sein, aber diese Gedanken kommen beim Lesen einer wissenschaftlichen Arbeit. Die vorliegende Arbeit könnte auch ein Anstoß zu einer weiteren, um die vorliegende Fragestellung hinausgehende Untersuchung sein, die von anderer Stelle, vielleicht auch mit mehr Befragten, durchgeführt werden könnte.
Mir hat das Lesen, trotz kleiner Schrift und einigen Stolpersteinen, Spaß bereitet und mich viel zum Mitdenken und Nachdenken gebracht.
Fazit
Da das vorliegende Buch die Veröffentlichung einer Dissertation darstellt und somit eine wissenschaftliche Arbeit ist, dürfte es auch nur für theoretisch vorgebildete Leser verständlich und interessant sein. Den Lesern, die diese Voraussetzungen erfüllen und an der Thematik Interesse haben, kann man das Buch in jedem Fall empfehlen. Bei allen Vorbehalten an der Methode des AAT und den Kritiken daran, ist diese in seriösen Händen ein wichtiges pädagogisches Element für die Arbeit mit Mehrfach Gewalttätern. Schawohl hat mit einer wichtigen neuen Fragestellung den Grundstein für eventuell folgende Untersuchungen gelegt, extern durchgeführt und mit noch mehr Befragten. Er kann Türen zu neuen qualitativen Standards öffnen.
Rezensentin
M.A. Beate Sonsino
Tätig in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischem Fachpersonal
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Zitiervorschlag
Beate Sonsino. Rezension vom 10.11.2009 zu: Horst Schawohl: Vom Behandlungszwang zur Freiwilligkeit. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2009. 304 Seiten. ISBN 978-3-86727-905-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7859.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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