Kathrin Demmler u.a. (Hrsg.): Medien bilden - aber wie?!
Kathrin Demmler u.a. (Hrsg.): Medien bilden - aber wie?! Grundlagen für eine nachhaltige medienpädagogische Praxis. kopaed verlagsgmbh (München) 2009. 196 Seiten. ISBN 978-3-86736-058-6. 16,80 EUR.
Reihe: Medienpädagogik - 15.
Thema
Dass Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen nicht nur eine wichtige Rolle spielen, sondern im Rahmen ihrer Sozialisation einen nicht unerheblichen Teil ihres informellen Lernens ausmachen, ist mittlerweile unbestritten.
Dabei fragt sich zugleich, wie dieses informelle Lernen mit, durch und über Medien auch pädagogisch intentional und zielgerichtet genutzt werden kann bzw. muss. Ziel medienbezogener Bildungsprozesse ist die Förderung umfassender Medienkompetenz; dies ist Aufgabe aller Instanzen und Einrichtungen von Bildung und Erziehung.
Vom 10. bis zum 12. April 2008 fand in Nürnberg die vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend ermöglichte Fachtagung „Medien bilden – aber wie?!“ statt. Dieses Buch ist eine Dokumentation der Diskussionen und Ergebnisse der Fachtagung, deren Aufgabe es war, „zu erörtern, welche Rolle die Medien im heutigen Bildungsprozess spielen“ (Vorwort, S. 9) und was dies für die Bildungsarbeit bezogen auf die Handlungsfelder „Medien als Mittel der Weltaneignung und Partizipation“ (ebd.), Medien als didaktische Mittler für den Wissenserwerb und das Weltverständnis (vgl. ebd.) und als aktive Medienarbeit im selbsttätigen Gebrauch zur Be- und Erarbeitung von sozialer Realität und somit als „aktive Teilhabe an den medialen Kommunikationssystemen der Lebenswelt und der Gesellschaft“ (ebd.) bedeutet.
Ziel dieses Buches ist es, „einen Beitrag zur Klärung der Rolle der Medien im Bildungsprozess leisten zu können sowie Impulse für medienpädagogisches Handeln im Bildungsprozess zu liefern“ (S. 10).
Herausgeberinnen und Herausgeber
Kathrin Demmler, Medienpädagogin, studierte für das Lehramt an Grundschulen an der Universität Augsburg. Seit 1999 ist sie medienpädagogische Referentin am „JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis“ in München. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind „Neue Medien“ und Internet.
Klaus Lutz, Medienpädagoge. Pädagogischer Leiter des Medienzentrums PARABOL in Nürnberg. Medienfachberater für den Bezirk Mittelfranken und Dozent an der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule für den Bereich Medienpädagogik.
Detlev Menzke, Sozialpädagoge. Im Nürnberger Jugendamt unter anderem zuständig für medienpädagogische Projekte in der Kinder- und Jugendarbeit.
Anja Prölß-Kammerer, Historikerin. Wissenschaftliche Leiterin von DokuPäd – Pädagogik rund um das Dokumentationszentrum des Kreisjugendring Nürnberg Stadt.
Aufbau und Inhalt
Auch wenn dieser Band aus Ergebnissen und Diskussionen der Fachtagung entwickelt wurde, so ist er „kein Protokoll des Verlaufs und der Ergebnisse der Tagung“ (S. 10), sondern die Diskussionen und Referate der Tagung wurden in Artikel aufbereitet, um auch nicht direkt Beteiligten die Zielsetzungen und Inhalte dieser Tagung nachvollziehbar zu machen.
Das Buch gliedert sich beim Lesen in vier ‚virtuelle’ Abschnitte. Insgesamt 16 Einzelartikel namhafter medienpädagogisch relevanter Autoren aus der diesbezüglichen hiesigen und aktuellen wissenschaftlichen Forschung und pädagogisch umgesetzten Praxis finden sich darin wieder.
- Der erste Abschnitt beinhaltet die grundlegende Theorie zum Thema „Bildung und Medien“ aus Sicht unterschiedlicher Perspektiven.
- Der zweite Abschnitt beinhaltet einen „praktischen Teil“. Hier werden sowohl Studienergebnisse als auch medienpädagogische Projekte unter dem Bildungsaspekt vorgestellt und diskutiert, die einen konkret praktischen Bezug beinhalten.
- Der sich anschließende dritte Teil schaut visionär voraus und gibt (hypothetischen) Einblick in die mögliche Zukunft der Bildung im Jahr 2030, fokussiert aus der Sicht der Medienpädagogik.
- Der vierte Abschnitt beschäftigt sich – quasi als Bonus und Extrathema – gesondert mit der historisch-politischen Bildung von Kindern Jugendlichen aus Sicht des Nationalsozialismus/Rechtsextremismus unter dem Einsatz von Medien.
Abgerundet wird das Buch mit einem Vorwort der HerausgeberInnen am Anfang und einem AutorInnenverzeichnis am Ende der insgesamt 196 Seiten.
Diskussion
Wenn ein Buch den Titel „Medien bilden“ in sich trägt, dann fragt der Pädagoge und Didaktiker unverzüglich und unweigerlich danach, ob es darin auch eine Auseinandersetzung mit dem „Bildungsbegriff“ gibt. In diesem Band wird man nicht enttäuscht. Fred Schell führt eine aktuelle Auseinandersetzung mit den (Neuen) Medien bezogen auf eine Definition eines dafür tauglichen Bildungsbegriffs. Er erläutert dabei die Leitziele von Bildung als „Mündigkeit“ und „Emanzipation“ (vgl. S. 82) und mündet darin, dass die Förderung von Medienkompetenz genau diese Handlungsperspektive, diese Handlungskompetenz in diesem Sinne als ganzheitliches Bildungskonzept innerhalb unserer (Medien-)Gesellschaft ermöglicht. Vorausgehend beschreibt Franz Josef Röll kurz aber präzise in seinem Artikel „Selbstgesteuertes Lernen mit Medien“ die verschiedenen Lernphilosophien des Behaviourismus, des Kognitivismus und des Kontruktivismus, definiert Intelligenz auf einer multiperspektivischen Ebene, erläutert unterschiedliche Lernpräferenzen unterschiedlicher Zielgruppen und fokussiert die Veränderung der Rolle der lehrenden Person in diesem Kontext. Beispielhaft führt er dazu konkrete Möglichkeiten des Web 2.0 aus (Teach the teacher, S. 69ff.), konstruktivistische Lerntheorie für pädagogische Fachkräfte (schulisch und außerschulisch) praktisch umsetzbar zu machen.
Weitere Grundlagen zur Theorie von „Medienbildung“ werden von Helga Theunert in der Auseinandersetzung mit der „konvergenten Medienwelt“, in der Kinder und Jugendliche aufwachsen und auch bewusst handeln, dargelegt. Jürgen Fritz setzt den Fokus auf das Lernpotential in virtuellen (Spiele-)Welten und erläutert den Zusammenhang zwischen den einzelnen Lebenswelten der Spieler und der Forderungsstruktur von Computerspielen und setzt die Transfermöglichkeiten in Bezug auf den Begriff der Medienkompetenz. Damit erläutert die Theorie in diesem Buch wesentliche Aspekte der aktuellen medienpädagogischen bildungsbezogenen Diskussion.
Im praktischen Teil des Buches wird vor allem der „Königsweg“ der Medienpädagogik – die „aktive Medienarbeit“ – in verschiedenen entweder schon durchgeführten Projekten beschrieben oder als theoretische Projektformulierung gefordert. Argumentativ begründet und untermauert werden sowohl die beschriebenen Projekte als auch pädagogische Forderungen mit relativ aktuellen Zahlen aus Studien und Untersuchungen. In diesen praktischen Beschreibungen finden sich folgende Zielgruppen und thematischen Bereiche wieder: a) Aktive Medienarbeit, b) Sprachkompetenzförderung mit Medien, c) Medienprojekte in der Schule, d) Medienarbeit mit Bildungsbenachteiligten, e) Geschlechtssensible Medienarbeit.
Im dritten Abschnitt zeigen Jürgen Ertelt, Wolfgang Zacharias und Günther Anfang drei sehr individuell unterschiedliche Visionen einer Zukunft der Bildung im Jahr 2030. Alle drei Statements in Form von Antworten auf Interviewfragen zeigen höchst interessante - vergangene und gegenwärtige Medienphänomene berücksichtigend - Ausblicke einer medienbezogenen Bildungsperspektive für die nächsten 20 Jahre. So unterschiedlich diese ausfallen, konvergieren sie doch in der implizit gemeinsam vorhandenen Forderung nach Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems, der Umsetzung eines ganzheitlichen Bildungsauftrags vor allem der Schule mit in diesem Sinne verstandener Einbindung von Medien in Unterricht und Bildung sowie freien und kostenlosen Zugang zum Wissen dieser Welt. Diese konkreten visionären Ausführungen zeigen, dass sich die wissenschaftliche Medienpädagogik gewandelt hat vom „Nur-reagieren-auf-Medienentwicklungen-und-seinen-gesellschaftlichen-Folgen“ hin zur eigenständigen zukunftsorientierten und fordernden Wissenschaft mit politischem Anspruch.
Der letzte Teil befasst sich – quasi als Extrathema – mit dem medien(bildungs)relevanten Phänomen des Nationalsozialismus/Rechtsextremismus und erörtert in einem Artikel den Beitrag der Medien zur „Faszination“ des Nationalsozialismus und zeigt im anschließenden Artikel auf, wie historisch-politische Bildung im Rahmen von „DokuPäd – Pädagogik rund um das Dokumentationszentrum Nürnberg“ – vor allem auch mit Zielgruppen aus dem bildungsbenachteiligten Milieu – unter multimedialem Einsatz gerade in Bezug auf Rechtsextremismus wirkungsvoll zum Einsatz kommen kann.
Somit werden in diesem Band umfassende und sämtliche thematischen Gebiete und/oder Zielgruppen im Kontext von Bildungsprozessen mit, durch und über Medien aufgezeigt und in seinen vielfältigen Facetten dargestellt.
Fazit
Medien bilden – aber wie?! Das Fragezeichen fragt, wie Medien bilden können. Das Ausrufezeichen bildet die völlige Überzeugung ab, dass Medien dies definitiv tun.
Dieses Buch gibt eine ausführliche pädagogisch relevante Diskussion bezogen auf sämtliche Bildungsprozesse aus Sicht der (Neuen) Medien wieder. Dass sowohl schulische als auch außerschulische Ebenen einbezogen werden, macht diesen Band zu einem umfassenden pädagogischen Werk. Die „Lebendigkeit“ der Tagung und das Engagement der direkt Beteiligten wird beim Lesen der einzelnen Artikel spürbar und zeichnet sich in besonderer Weise auch durch die in Interviews abgegebenen Statements zur Zukunftsvision von „Medien und Bildung“ aus … Visionen sind wichtig für zielgerichtetes pädagogisches – und auch politisches! – Handeln.
Mit diesem Band erhält der/die Leser/in einen handlungsanleitenden Ein- und Überblick in die aktuelle (medien-)pädagogische Bildungsdiskussion. Zwei relevante Aspekte möchte ich abschließend besonders hervorheben:
Zum einen wird der Fokus (wieder) auf „lebenslanges und selbstgesteuertes Lernen“ gelenkt, welches in der aktuell in der Öffentlichkeit und Politik geführten Bildungsdiskussion oftmals leider verstärkt in den Hintergrund gerät, obwohl selbst PISA dieses in früheren Untersuchungen zum Schwerpunkt gemacht hat (siehe PISA-Studie 2000 - Lebenslanges Lernen); zum anderen findet sich in diesem Buch ein positiv-pädagogischer (Lern-)Ansatz im Bereich der Computerspielewelt wieder. Dies ist insofern von elementarer Bedeutung als dass selbst Studierende von pädagogischen Berufen durch die in der breiten Öffentlichkeit – oft stark polemisiert – geführten Diskussion von Amokläufen selber zu eher defizitärorientierten pädagogischen Lösungsansätzen neigen als zu ressourcen- und lernorientierten.
Die Darstellung von Lernphilosophien und das argumentative Ringen um einen geeigneten Bildungsbegriff machen diesen Band nicht nur zu einer Dokumentation einer pädagogisch sinnvollen Fachtagung, sondern zu einem medienbildungsbezogenen Grundlagenwerk für in der sowohl schulischen als auch außerschulischen Praxis tätige pädagogische Fachkräfte.
Rezensent
Dipl.-Soz. Päd. Richard Janz
Dozent für Medienpädagogik/Massenkommunikationspädagogik/Neue Medien
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage soz-kult.fh-duesseldorf.de/janz
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Zitiervorschlag
Richard Janz. Rezension vom 03.11.2009 zu: Kathrin Demmler u.a. (Hrsg.): Medien bilden - aber wie?!. kopaed verlagsgmbh (München) 2009. 196 Seiten. ISBN 978-3-86736-058-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7864.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.
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