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Manfred Hintermair: Was bedeutet es, schwerhörig zu sein?

Cover Manfred Hintermair: Was bedeutet es, schwerhörig zu sein? Eine Reise in die Erfahrungswelt schwerhöriger Menschen auf der Basis autobiographischer Berichte. Ein Lesebuch. median-verlag (Heidelberg) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-941146-02-0. 19,60 EUR.

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Inhalt

Die Untertitel des Buchs signalisieren bereits, wozu es gedacht ist: es soll „ein Lesebuch ... in die Erfahrungswelt schwerhöriger Menschen“ sein. Dazu wird das Bild der „Reise“ gewählt, an deren Anfang 4 kurze Abschnitte mögliche grundlegende Fragen zu beantworten suchen:

  • „Können Hörende etwas über die Bedeutung von Schwerhörigkeit schreiben?“
  • „Auf was muss man achten, wenn man - egal ob gut hörend oder schwerhörig - über Erfahrungen von Schwerhörigen schreibt?“
  • „Was ist bei Annäherung an die Erlebnis- und Erfahrungswelten schwerhöriger Menschen zu berücksichtigen?“
  • „Kann man Fragen der Gegenwart mit Erfahrungen der Vergangenheit angemessen beantworten?“ (diese letzte Frage bezieht sich auf den Zeitabstand der Erfahrungsberichte zum Heute von bis zu 20 Jahren mit seinem veränderten technisch-medizinischen Angebot).

Nach diesen 9 Seiten folgt „Der Reisebericht“, welcher aus 10 „Stationen“ besteht, deren Charakterisierung aus einer qualitativen Analyse der verwendeten Texte hervorgegangen ist: das sind Erfahrungsberichte hörbehinderter (ich verwende diesen Begriff als Oberbegriff für „schwerhörig“ und „gehörlos“) Menschen zum Hören, zur „hörtechnischen Versorgung“, zu „Identität, Selbstwert und Selbstbild“, zum Schwebezustand zwischen „gehörlos“ und „hörend“, zum Verhalten der Eltern, zum Schulalltag, zum Beruf, zur „Vernetzung mit Gleichbetroffenen“, zu den „Besonderheiten der Kommunikation ... mit gut hörenden Menschen“ und zu „visuellen Kommunikationshilfen“. Es folgen ein sehr kurzes Resümee und Literaturangaben, sowie als Anhang die Erklärung der methodischen Vorgangsweise.

Als Quellen für die zitierten Texte hörbehinderter Menschen haben drei Bücher gedient: Marina Grebes „Die Seele in meinen Ohren“ (Dortmund 2005), und zwei englischsprachige Bücher: ein von den Deaf-Ex-Mainstreamers herausgegebenes („Between a rock an a hard place“, Wakefield 2003; vgl. dazu http://www.dex.org.uk/index-2.html), und ein von Mark Drolsbaugh herausgegebenes (On the fence - the hidden world of the hard of hearing, Springhouse 2007; vgl. dazu http://www.deaf-culture-online.com/index.html).

Diskussion

Der problematischeste Aspekt des Buchs ist der Umgang mit der zu Hörbehinderung zur Verfügung stehenden Begrifflichkeit: Der Titel scheint eindeutig zu signalisieren, dass es um „schwerhörige Menschen“ im normalen Alltagsverständnis geht. Auch die Einleitung bestätigt diesen Eindruck: „Im Bereich der Hörgeschädigtenpädagogik stand und steht zumeist die Gruppe der gehörlosen Menschen im Fokus der Diskussionen und das nicht zu unrecht. Es gab und gibt Vieles aufzuarbeiten, was in der Vergangenheit versäumt wurde. ... Andererseits ist aber bekanntlich die Gruppe der schwerhörigen Menschen schon zahlenmäßig eine weit aus größere als die der gehörlosen ... Nicht zuletzt durch die Entwicklungen der letzten Jahre wird diese Gruppe in den nächsten Jahren zunehmend die Zielgruppe werden, ..." (7f) Ebenso tun dies viele andere Passagen:

  • „Da viele schwerhörige Menschen gute lautsprachliche Kompetenzen besitzen,..." (S. 44)
  • „Ein weiteres Problem, das in der Tat ein schwerhörigenspezifisches ist, stellt die Tatsache dar, dass schwerhörige Kinder in aller Regel (mehr oder minder gut) sprechende Kinder sind und gerade ob ihrer guten Sprachfähigkeit in ihrer eigentlichen Problematik verkannt werden." (S. 65) Die in dieser Passage enthaltene implizite Diskriminierung fällt den Autoren offensichtlich gar nicht auf: gehörlose Kinder können also nicht (gut) sprechen?
  • Die Übersetzung der Englischen Begriffe „deaf“ und „hard-of-hearing" erfolgt offensichtlich unsystematisch sowohl mittels „hörgeschädigt“ (z.B. S. 66-68), als auch mittels „gehörlos“ (z.B. S. 50, 52, 96). Im Deutschen wird „Hörgeschädigt“ z.T. parallel zu „schwerhörig" verwendet (z.B. S. 60, 64), manchmal werden gehörlose extra dazu genannt („auch gehörlose“, (z.B. S. 78), manchmal werden gehörlose darin eingeschlossen, wie in der folgenden Passage:
  • „... die Frage, in wieweit hörgeschädigte Menschen anders lernen als hörende Bisher wird dies vor allem mit Bezug auf das Lernverhalten gehörloser Menschen diskutiert ..., was man davon profitieren könnte, wenn man auch bei schwerhörigen Lernern genauer hinsieht, ...“ (S. 63f)

Jedenfalls reicht der Schwerhörigkeitsbegriff der Autoren offensichtlich von leichter Schwerhörigkeit bis zur Resthörigkeit. „Gehörlos“ ist für die Autoren also nur jemand, der auch keinen noch so kleinen „Hörrest“ besitzt. Damit wird der im Buch verwendete Begriff „gehörlos“ vollends unklar: Sind mit ihm die sehr raren medizinisch Gehörlosen gemeint oder doch diejenigen, welche sich - ungeachtet ihres Hörstatus - zu Gebärdensprachgemeinschaften zusammenschließen? Eine solche extrem medizinisch orientierte Sichtweise, wie wir sie hier finden, ist ein enormer wissenschaftlicher Rückschritt und berücksichtigt die individuellen Identitätsentscheidungen insbesondere hochgradig schwerhöriger und „resthöriger“ Menschen (da hinein fällt ja die Mehrheit derjenigen Menschen, die sich selbst als „gehörlos“ bezeichnen) nicht: „Im Band der Deaf Ex-Mainstreamers Group finden sich vorwiegend Texte von Personen, die sich heute als Erwachsene als „Deaf“ definieren, im audiologischen Sinn aber nach angloamerikanischem Verständnis als „deaf“ einzuordnen sind, d.h. einen Hörverlust >70 dB auf dem besseren Ohr verfügen (sic!), und somit hierzulande als hochgradig schwerhörig bis resthörig bezeichnet würden. Die Beiträge aus diesem Buch erzählen von interessanten und wichtigen Erfahrungen aus dem Grenzbereich der Schwerhörigkeit zur Gehörlosigkeit.“ (S. 12)

Welche Fallen sich die Autoren mit dieser unklaren Begrifflichkeit selbst stellen, zeigt die folgende Textstelle: „Um es an den Anfang zu stellen: Schwerhörige Menschen - durch die Tatsache des schlechter Hörens (aber eben nicht gehörlos zu sein) auf jeden Fall mit der hörenden Welt verbunden und an Hörerfahrungen reich - haben anders als viele Gehörlose im Durchschnitt der Erfahrungen ein grundsätzlich positives Verhältnis zum Hören und wollen dieses Hören wo möglich optimieren. Damit soll nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass alle schwerhörigen Menschen so empfinden bzw. empfinden müssen.“ (S. 26) Sollen wir es wirklich ernst nehmen, was da geschrieben steht? Dann lernen wir also, dass viele gehörlose Menschen kein positives Verhältnis zum Hören haben (das wundert uns nach der oben genannten Definition nicht wirklich). Dass das aber auch für manche „schwerhörige“ Menschen (in der Definition der Autoren) gelten soll, wundert uns sehr. Was ist das für eine Schwerhörigkeit, die sich sozusagen selber ad absurdum führt?

Noch kurioser wird die Darstellung, wenn es um die kulturelle Orientierung hörbehinderter Menschen geht: „Zur Klärung dieser Frage ist die unterschiedliche Lebenssituation von schwerhörigen und gehörlosen Menschen zu berücksichtigen und dabei vorauszuschicken, dass bei (vielen) gehörlosen Menschen die soziale Zugehörigkeit immer auch verbunden ist mit einer Entscheidung über eine kulturelle Zuordnung; dies auf Basis der Tatsache, dass Sprache ein zentrales Bestimmungsmerkmal von Kultur ist ... Entsprechend eröffnen sich gehörlosen Menschen verschiedene Optionen der kulturellen Zuordnung: Bei einer bevorzugten Zuordnung zur gehörlosen Welt, zu gebärdensprachlicher Kommunikation und zur Gehörlosenkultur die sogenannte gehörlose Akkulturation, bei bevorzugter Zuordnung zur hörenden Welt mit ihren Normen und vorwiegender oder ausschließlicher Lautsprachverwendung die hörende Akkulturation. Bei einer gleichwertigen Verortung in beiden Welten spricht man von bikultureller Akkulturation, während in der anderen Richtung eine Zuordnung weder zu der einen noch der anderen Option als marginale Akkulturation beschrieben wird..."(S. 43) Hier werden gehörlose und schwerhörige Menschen also klar voneinander getrennt und dann - vorerst ausschließlich für die gehörlosen - 4 Akkulturationsmodelle beschrieben (diese wurden in früheren Publikationen von Hintermair ausführlich behandelt; vgl. die Rezension). Man beachte auch die feinen Unterschiede in den Formulierungen: die „gehörlose Akkulturation“ besteht textlich ausschließlich aus „gebärdensprachlicher Kommunikation“, während in der „hörenden Akkulturation“ sowohl „vorwiegende“ als auch „ausschließliche Lautsprachverwendung“ auftreten können.

Nun folgt für Personen, die Hintermairs Arbeiten kennen, eine völlig überraschende Aussage über schwerhörige Menschen: „Exakt an dieser Schnittstelle der marginalen Akkulturation befinden sich von ihrer Ausgangslage her viele schwerhörige Menschen (sie können hören, sie wollen hören, sie sind dennoch nicht wie gut Hörende und sie erleben sich auch nicht wie gut Hörende, ohne dass sich deshalb ihre Situation mit der von gehörlosen Menschen so ohne weiteres vergleichen ließe). (S. 43)

Diese Aussage bedeutet eine Umkehrung der Aussagen aus früheren Publikationen in ihr Gegenteil: Seinen eigenen Untersuchungsergebnisse folgend, hat Hintermair stets betont, 5% aller Hörbehinderten fielen unter die Beschreibung „marginal akkulturiert“ und es gebe unter ihnen mehr gehörlose als schwerhörige Menschen. Wenn wir nun die oben zitierte Passage prüfen und dabei in Rechnung stellen, dass schon identitätsbezogen mindestens 10-40 mal soviele Menschen sich als „schwerhörig“ bezeichnen (in der von Hintermair vertretenen medizinischen Perspektive sind das noch mehr), so wird die nunmehr aufgestellte Behauptung völlig unglaubwürdig, wenn die Schwerhörigen mehr als 98% der Hörbehinderten ausmachen, die marginal akkulturierten aber nur 5%.

Wie unsinnig dieses ganze Akkulturationsmodell ist, zeigen sowohl eine jedem Laien mögliche einfache empirische Erhebung als auch die wissenschaftliche Literatur: Alle hörbehinderten Menschen leben IN unserer Gesellschaft, praktisch keiner von ihnen kann sich von der hörenden Mehrheit abschotten; sie sind tagtäglich gefordert und wohl auch willens, mit Hörenden zu kommunizieren. Die beiden Metaphern „gehörlose Welt“ und „hörende Welt“ weisen also ein asymmetrisches Verhältnis zueinander auf (und sind als Metaphern ebenso problematisch, wie etwa: „die Person X lebt in ihrer Internetwelt“): Eine Hörbehinderung erfordert je nach Ihrem Ausmaß die Entwicklung bestimmter eigener Kulturtechniken, um sich in der Mehrheitsgesellschaft angemessen bewegen zu können. Ab welchem Ausmaß dieser „abweichenden“ Kulturtechniken WissenschaftlerInnen eine spezielle „Teilkultur“ feststellen oder nicht, ist Diskussions- und Modellangelegenheit (man denke etwa an die „Jugendkultur“). Dass die Verwendung einer Gebärdensprache ein sehr starkes Indiz für eine eigene Teilkultur ist, bleibt damit unbestritten. Zurück zum Akkulturationsmodell: Die vier unterschiedlichen Akkulturationsbezeichnungen (gehörlos, hörend, bikulturell, marginal) suggerieren vier voneinander völlig getrennte Sozialisationsprozesse. Das ist natürlich nicht der Fall: Der Begriff „hörende Akkulturation“ repräsentiert die übermächtige Mehrheitsgesellschaft der Hörenden, in welcher die Hörbehinderung eine „Abweichung“ darstellt. Bevor die Mehrheitsgesellschaft die Inklusion als Ziel formuliert hatte, mussten die „Abweichler“ allein zusehen, die Auswirkungen ihres Andersseins möglichst niedrig zu halten. In einigen wenigen Gegenden oder Dörfern erreichten die „Abweichler“ so hohe Populationszahlen, dass ein sie besser integrierender Umgang mit ihnen entstand (vgl. das bekannte Martha's Vineyard, aber auch Großarl in Österreich). Die „gehörlose Akkulturation“ bedeutet ein mehr (gebärdensprachverwendende Eltern) oder weniger (nur zeitweise Förderung auch mittels einer Gebärdensprache) intensives Angebot an alternativer Kultur und alternativen Sozialisationsprozessen. Eine „bikulturelle Akkulturation“ bedeutet damit in unserem Zusammenhang das Aufrechterhalten bestimmter Anteile aus der „gehörlosen Akkulturation“ in einer von Hörenden dominierten Gesellschaft, sozialwissenschaftlich die Existenz als bewusste Minderheit. Der Begriff „marginale Akkulturation“ soll das Sozialisationsergebnis von Menschen beschreiben, die aufgrund der „sozialen Gewalt“ der eben beschriebenen Mehrheits-/Minderheitssituation und oft spezieller Benachteiligung oder Vernachlässigung keine wie immer geartete Identität entwickeln konnten; mit den bekannten katastrofalen Folgen für ihre Psyche und ihre Lebensgestaltung. Dass die Autoren nun behaupten, „viele“ schwerhörige Menschen fielen in diese Kategorie, ist tatsächlich absurd: Schwerhörige seien - wie die Autoren ja selbst schreiben - eng mit der "hörenden Welt" verbunden. Wenn sie außerdem mangels Sozialisationsangebot kaum Gelegenheit haben, die Gehörlosenteilkultur kennzulernen, wie sollen sie sich dann überhaupt zwischen einer "hörenden" und einer "gehörlosen" Kultur entscheiden können? Die wissenschaftlich als "(kulturell) marginal" bezeichnete Situation hörbehinderter Menschen sollte daher auf einen von zwei verschiedene Faktoren zurückgeführt werden: entweder rührt sie davon her, dass diese Menschen sich von der "hörenden Gesellschaft" nicht als vollwertige Mitglieder angenommen fühlen (dies ist insbesondere dann der Fall, wenn sie - wie viele Schwerhörige - sich allein für Lautsprache entschieden haben), oder davon, dass sie sich in keiner der beiden angesprochenen (Teil)Kulturen wohl fühlen (dies ist dann der Fall, wenn sie tatsächlich die Möglichkeit einer selbstständigen Entscheidung bezüglich der beiden (Teil)Kulturen haben).

Wie problematisch der Metapherngebrauch ist, zeigt aus die folgende Passage:

„Hinzu kommt, dass die schwerhörigen Menschen selbst in aller Regel auch nicht vereinnahmt werden wollen - weder von der hörenden Welt, noch von der gehörlosen Welt, sondern Suchprozesse unternehmen für eigene Zugehörigkeits- und Identitätsmuster.“ (S. 44) Hier werden „die gehörlose“ bzw. „die hörende“ Welt als aktive, personalisierte Kräfte dargestellt, was einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Identitätsfindungsprozess nicht dienlich ist.

Das gesamte Buch zeigt ein klar asymmetrisches Verhältnis zuungunsten von gebärdensprachorientierten Menschen. Dies äußert sich einmal in der Auswahl der Zitate aus den drei zugrundeliegenden Büchern. Zählen wir die Anzahl von Zitaten, welche aus den beiden an schwerhörigen Menschen orientierten Büchern bzw. aus dem Buch der Deaf-Ex-Mainstreamers stammen, so ergibt sich folgendes Bild:

Thema („Reisestation“)

Schwerhörige

Deaf-Ex-Mainstreamers

Hören

15

2

hörtechnischen Versorgung

19

2

Identität, Selbstwert und Selbstbild

17

8

Schwebezustand zwischen „gehörlos“ und „hörend“

12

7

Verhalten der Eltern

8

6

Schulalltag

8

15

Beruf

10

8

Vernetzung mit Gleichbetroffenen

12

3

Besonderheiten der Kommunikation Ö mit gut hörenden Menschen

42

2

visuelle Kommunikationshilfen

16

0

Dieselbe Asymmetrie finden wir in der folgenden Textstelle: „Zugehörigkeit [zur „gehörlosen Welt„; F.D.] zu bekommen bzw. zu erringen, kostet offensichtlich immer einen Preis, den aber schwerhörige Menschen nicht immer bezahlen können oder wollen.“ (S. 49)

Hier ist das manchesmal tatsächlich eher ablehnende Verhalten mancher GehörlosenvertreterInnen gegenüber schwerhörigen, lautsprachorientierten Menschen angesprochen. Im Gegenzug wird aber nicht erwähnt, wie es einem gebärdensprachorientierten Menschen in einem lautsprachorientierten Verein ergehen könnte. Ebenso wird nicht erwähnt, welche Diskriminierungen gehörlose Menschen von Seite der hörenden Mehrheit erlebt haben bzw. erleben, wenn sie versuchen, dort „dazuzugehören“. Es ist auch keine Rede davon, dass manche Vertreterinnen der hörenden Gesellschaft über lange Zeit hinweg - wie im Kolonialismus vielfach geübt - schwerhörige und gehörlose Menschen gegeneinander ausgespielt haben.

Ein Verdienst des Buchs ist, dass die Gebärdensprachen als Möglichkeit durchaus gesehen werden: „Um es klar zu stellen: Hiermit soll nicht der Gebärdensprache als Allheilmittel für kommunikative Probleme schwerhöriger Menschen das Wort geredet werden - das wäre zu einfach! Es ist aber wichtig, Ö die Kommunikation erleichternde Möglichkeiten nicht aus ideologischen Gründen auszublenden...“ (S. 104; dort 104-106 auch tatsächlich Argumente von schwerhörigen Personen für die Verwendung einer Gebärdensprache)

Die im deutschen Sprachraum mehrheitlich vorherrschende Form der „Hörgeschädigtenpädagogik hat sich mit ihrer Ignoranz gegenüber neuen Erkenntnissen aus anderen Wissenschaften (z.B. Sprachwissenschaft, Neurologie) und ihrer Insistenz auf dem Primat der gesprochenen Sprache bei allen hörbehinderten SchülerInnen in ein Ghetto begeben, aus dem ihre Nachfolger auch dann kaum entrinnen können, wenn sie es wollen. Dies zeigt die totale „Schuldumkehrung“ bezüglich des bis jetzt mangelnden bzw. abgelehnten angemessenen Gebrauchs von Gebärdensprache als Kommunikationsmittel: „Um Gebärdensprache als hilfreiche Option für schwerhörige Menschen interessant zu machen ..., bedarf es allerdings auch von Seiten der gehörlosen Menschen eine (sic!) Haltung der Akzeptanz.“ (S. 108)

Es sind also nicht die Vertreterinnen der oralen Pädagogik für die Versäumnisse der Vergangenheit verantwortlich, sondern die von diesen diskriminierten Gebärdensprachgemeinschaften.

Fazit

Könnte man das Buch als von einigen naiven Unterstützern aller hörbehinderten Menschen zusammengestellte Textsammlung verstehen, die über Erfahrungsberichte solcher Personen ohne Rücksicht auf deren genauen Hörstatus, ihre Identitäts- und/oder Sprachverwendungsentscheidungen einen Querschnitt über die Gesamtgruppe gibt, so könnte man es als wertvollen Beitrag zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit gegenüber allen hörbehinderten Menschen bewerten. Wer es so lesen will, dem sei es - zusammen mit den kritischen Bemerkungen - durchaus empfohlen, insbesondere deswegen, weil es zeigt, dass - bei aller „Zerrissenheit“ des Hörbehindertenbereichs bezüglich der individuellen Lebensführung - manche Probleme bzw. Erfahrungen einander über die unterscheidlichen Gruppen hinweg durchaus ähneln.

Da die Autoren aber nicht als naiv gutwillige Laien gelten können, sondern in der Hörebehindertenpädagogik Positionen einnehmen, muss das Buch auch als wissenschaftliches und politisches gesehen werden. Und hier fällt die Bewertung äußerst negativ aus:

Der Titel ist eine aus wissenschaftlicher Sicht extreme Manipulation: Die Texte aus dem englischen Sprachraum stammen teilweise von Personen, die sich auf Deutsch als „gehörlos“ bezeichnen würden. Die LeserInnen werden also über die Identität der zitierten Personen getäuscht. Die Autoren versuchen offenbar, unter Absolutsetzung der medizinischen Bezeichnung „schwerhörig“ (unter teilweiser Mitverwendung von „hochgradig schwerhörig“ und „resthörig“, z.B. bei der Charakterisierung der „Deaf-Ex-Mainstreamers“), d.h. unter Ausnutzung der Tatsache, dass es fast keine hörbehinderten Menschen ohne Hörrest gibt, die Identitätsbezeichnung „gehörlos“ völlig zu marginalisieren.

Aus behindertenpolitischer Sicht ist der Versuch, die meisten derjenigen Menschen, die sich als „gehörlos“ bezeichnen, quasi zwangsweise zu „schwerhörigen“ zu erklären, d.h. der Einsatz eines Buchtitels, um die „Gehörlosen“ mehr oder weniger zum Verschwinden zu bringen, ein Skandal. Mit dieser Ignoranz gegenüber einem selbstbestimmten Leben werden auch die von den Autoren strapazierten Bezüge zur „Empowerment„-Bewegung u.ä. (z.B. Freire, Keupp) völlig unglaubwürdig.


Rezensent
Prof. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Leiter des "Zentrums für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation" der Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 22.09.2009 zu: Manfred Hintermair: Was bedeutet es, schwerhörig zu sein? median-verlag (Heidelberg) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-941146-02-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7879.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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