Veronika Hammer: Frauen nach der Familienphase
Veronika Hammer: Frauen nach der Familienphase. Ein Orientierungskurs in der Praxis. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2002. 114 Seiten. ISBN 978-3-934129-27-6. 17,90 EUR.
Edition Neuer Diskurs; Bd. 7.
Thema des Buches
Frauenbildungsarbeit von November 1991 bis März 1992 für sich neuorientierende Familienfrauen in Kronach - der vor über 10 Jahren stattfindende Orientierungskurs "Neuer Start für Familienfrauen" wird in diesem Band sowohl von seinem theoretischen Hintergrund beleuchtet wie auch in seiner praktischen Durchführung beschrieben. Es werden konzeptionelle Überlegungen, Seminareinheiten sowie Seminarergebnisse von der an diesem Projekt beteiligten Sozialpädagogin (damals im Anerkennungsjahr) Veronika Hammer veröffentlicht. Auch eine Einbettung der Ergebnisse in den gesellschaftlichen Kontext von Familienarbeit und Erwerbsarbeit fehlt nicht - lediglich die Aktualität des Berichtes lässt zu wünschen übrig.
Ernüchternd ist demzufolge für den/ die LeserIn der Rückblick auf die Entwicklungen auf dem Erwerbsarbeitsmarkt seit der Zeit, zu der der hier beschriebene Kurs stattgefunden hat: Noch immer sind Frauen, die zugunsten von Kindern ihre beruflichen Laufbahnen unterbrechen, im Hintertreffen in Bezug auf qualifizierte Arbeitsplätze, Bezahlung, Fortbildungen, Aufstiegsmöglichkeiten, Alterssicherungen und noch manches andere (z.B. in Bezug auf Beteiligung der zeugenden Väter an der Familienarbeit) - die Hoffnungen, die im letzten Kapitel des Bandes anklingen, nämlich die Auswirkungen von Frauenförderplänen, Frauenbeauftragten etc., scheinen sich doch langsamer zu erfüllen als vor 10 Jahren erhofft.
Die Autorin
Veronika Hammer, zum Zeitpunkt der Durchführung des beschriebenen Projektes noch Sozialpädagogin im Anerkennungsjahr, ist inzwischen sowohl Dipl. Sozialpädagogin wie auch Soziologin mit den Arbeitsschwerpunkten Bildungsarbeit, Neue Medien, Familienforschung, Soziale Ungleichheit, Geschlechterforschung und Sozialisation.
Seit 8/ 2002 ist ihr Arbeitsschwerpunkt die berufliche Weiterbildung für Risikogruppen alleinerziehender Frauen (Promotion) - siehe auch unter www.veronika-hammer.de.
Der Verlag Der Verlag Dialogische Erziehung ist ein Non-Profit-Projekt der Paulo Freire Kooperation e.V. Diese Kooperation ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich an den Ideen des brasilianischen "Volkspädagogen" Paulo Freire (1921 - 1997) orientieren und sich von einer dialogorientierten Pädagogik leiten lassen. Der Verlag Dialogische Erziehung publiziert kostengünstig (leider vermutlich demzufolge etwas unschön mit etlichen Druckfehlern) Dissertationen und andere wissenschaftliche Arbeiten zur Reformpädagogik und zu neuen Diskursen in der Sozialwissenschaft - siehe auch unter www.freire.de.
Aufbau und Inhalt
Der Band gliedert sich in 4 Kapitel mit folgenden Themen:
1. Frauenbildungsarbeit - "Die Frauen dort abholen, wo sie sind"
2. Familienfrauen - zwischen allen Stühlen
3. Orientierungskurs "Neuer Start für Familienfrauen" - ein Beispiel
4. Die (Un-)Vereinbarkeit von Familie und Arbeitswelt
Die Darstellung des Kurses mit Vor- und Nachbereitung sowie Auswertung stellt im 3. Kapitel mit beinahe 70 Seiten den überwiegenden Schwerpunkt des Buches dar - die Theorie ist auf kurze Ausführungen beschränkt, allerdings mit weiterführenden Literaturangaben (aus den Jahren 1981 - 1992).
Zielgruppe
Ziel der ausführlichen praxisorientierten Darstellung dieser Frauenbildungsmaßnahme war es, eine praktische Handreichung für SozialpädagogInnen sowie für alle in der Erwachsenenbildung mit Frauenbildungsarbeit beschäftigten Professionen darzustellen.
Wäre das Buch früher erschienen, hätte es diesen Anspruch sicher voll erfüllen können - bei der heutigen Wirtschaftslage sind meiner Erfahrung nach Kurse auf der Ebene der Orientierungsmaßnahme noch vor jeglicher Qualifizierung für den Arbeitsmarkt kaum noch zu finanzieren. Der Verzicht des Hartz-Konzeptes auf jegliche Zielgruppenförderung bedeutet heutzutage zudem auch für Familienfrauen, die sich qualifizieren wollen, dass keine Gruppenförderungen mehr mit Frauen ähnlicher Lebensläufe stattfinden, sondern lediglich Einzelqualifizierungen.
Damit zeigt sich wiederum, wie wichtig auch in der sozialwissenschaftlichen Literatur hohe Aktualität ist - so schnell wie sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt und auch in den Familien ändert - so schnell muss sich auch die diese interpretieren wollende Literatur mitentwickeln!
Fazit
Wer zu spät kommt bzw. was zu spät erscheint, das überholen unter Umständen die Ereignisse.
Angaben zur Rezensentin, Frau Dipl. Soz.-Päd. Claudia Haider, finden sich am Ende dieser Site.
Stellungnahme der Autorin zur Rezension
(veröffentlicht am 22. Juli 2003)
Das Buch ist meine Diplomarbeit aus der Sozialpädagogik – diese Arbeit wurde 1993 fertiggestellt. Die Veröffentlichung wurde nun erst im Jahre 2002 vorgenommen, weil der Verlag Dialogische Erziehung kein Problem damit hatte, es jetzt noch aufzulegen und es für mich eine gute Möglichkeit darstellte, mein Projekt auch jetzt noch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Was die Aktualität angeht, ist es daher sicherlich von der Literatur her 10 Jahre alt und das wurde zu Recht auch angesprochen.
Die Inhalte sind aber nun wirklich nicht veraltet. Ganz im Gegenteil. Die Orientierungskurse laufen hier in Kronach auch heute unter der Trägerschaft der Gleichstellungsstelle und mit Finanzierung des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung (BayStMAS) richtig regelmäßig und sogar besser als je zuvor. Die hohe Bedeutung dieser Orientierungskurse wird durch die starke Nachfrage erneut bestätigt. Wer sich davon ein intensiveres Bild machen will, kann sich gerne an die Gleichstellungsbeauftragte des Kronacher Landratsamtes, Frau Margit Friedrich, wenden.
Die Änderungen, die durch das sog. „Hartz-Konzept“ bei den Arbeitsämtern durchgeführt werden müssen, tangieren die in meiner Arbeit beschriebenen Orientierungskurse überhaupt nicht, weil die Finanzierung dieser Art von Kursen gar nicht bei den Arbeitsämtern angesiedelt ist. Gleichwohl wird die Finanzierung schwieriger: Es sind Sparmaßnahmen beim Haushalt des BayStMAS angekündigt und es gibt landesweit vermehrt Anträge zur Bewilligung von Orientierungskursen, seit bei den Arbeitsämtern Einschränkungen vorgenommen werden.
Unabhängig davon sollte es selbstverständlich Aufgabe der Arbeitsämter und der Bildungsträger sein, die „Zielgruppe“ der „Familienfrauen“ nicht aus dem Blick zu verlieren und sie in ihre erwerbsarbeitsmarktorientierten Bildungsprogramme mit aufzunehmen. Das werden sie aber spätestens jetzt nicht mehr ohne weiteres tun. Denn in der Tat verlaufen im Sektor der beruflichen Weiterbildung Theorie und Praxis der Vorschläge der „Hartz-Kommission“ auseinander. Theoretisch steht im Hartz-Kommissionsbericht „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ (2002, S. 160) geschrieben: „Der Weiterbildungsmarkt muss für alle Kundengruppen Orientierung geben.“ Ganz praktisch werden derzeit diejenigen Frauen mit längeren „Familien- oder Erziehungszeiten“ – trotz besonderer Förderungswürdigkeit der Berufsrückkehrerinnen (§ 78 SGB III) – regelrecht ausgegrenzt. Denn sie sind in aller Regel etwas schwerer vermittelbar und deshalb bei den Arbeitsämtern und bei den Bildungsträgern nicht mehr so gern gesehen, da diese aufgrund der neuen Auflagen nur noch solche Bildungsprogramme vermitteln oder anbieten, deren Teilnehmer mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 70 % danach eine Arbeit finden. Darüber hinaus sind die „Familienfrauen“ wegen ihrer oft relativ geringen Leistungsansprüche an das Arbeitsamt – z.B. bedingt durch geringes Ausbildungsniveau und/oder durch kürzere Berufszeiten in Kombination mit Erziehungszeiten – häufig keine so „teuren“ Arbeitslosen, die man schnell wieder in den Erwerbsarbeitsmarkt bringen muss.
Bittere Wahrheiten. Und dies, obwohl die Ergebnisse der PISA-Studie die „cross-curricular competencies“ im Zuge „Lebenslangen Lernens“ auch für die berufliche Weiterbildung in der Bundesrepublik Deutschland mehr als überfällig machen. Seit Neuestem müssen die Bundesanstalt für Arbeit und die Träger beruflicher Bildung aufgrund der politisch gewollten Auflagen rein fachorientierte – und damit „Familienfrauen“ sowie andere „Personengruppen in besonderen Lebenslagen“ ausgrenzende Wege – einschlagen, um Arbeitslose zu vermitteln.
Ob das Motto „Effizienz statt Effektivität“ auf Dauer tragfähig ist?
Angaben zur Autorin: Veronika Hammer, Dipl.-Soziologin (Univ.), Dipl.-Sozialpädagogin (FH). www.veronika-hammer.de.
Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd. Claudia Haider
Kreissozialamt Mettmann, Regionalstelle Frau & Beruf
Schwerpunkte: Frauen in Erwerbsarbeit und Familienarbeit, Berufswahlorientierung für Mädchen
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Claudia Haider. Rezension vom 13.05.2003 zu: Veronika Hammer: Frauen nach der Familienphase. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2002. 114 Seiten. ISBN 978-3-934129-27-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/788.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Helena Kanyar Becker (Hrsg.): Vergessene Frauen
Nicholas D. Kristof, Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels
Stellenangebote
Erzieher/in oder Sozialpädagoge (w/m) für Kinderheim, Freising
Fachberater/in für Kindergärten, Köln
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
