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Heinrich-Böll-Stiftung, Silke Helfrich (Hrsg.): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter

Cover Heinrich-Böll-Stiftung, Silke Helfrich (Hrsg.): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. oekom Verlag (München) 2009. 288 Seiten. ISBN 978-3-86581-133-2. 24,90 EUR.
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Die Welt als Gemeingut

„Was kostet die Welt?“ – diese flapsige und kapitalistische Frage, meint ja eigentlich nicht, dass da sich jemand auf dem Markt stellt, um mit seinem Geld die Welt zu kaufen; vielmehr steckt dahinter die egoistische (manche sagen: selbstbewusste) Einstellung, dass da jemand ist, dem alles gelingt, was er ökonomisch und individuell anpackt. Der Schritt hin zu der Aussage: „Mir gehört die Welt!“ ist da nicht mehr weit. Wem aber gehört die Welt denn wirklich? Mit dieser uralten Menschheitsfrage beschäftigen sich, seit es die Menschen gibt, Individuen und Gemeinschaften, emotional, intellektuell und machtpolitisch. Wenn die Frage „Wem gehört die Welt?“ heute in besonderer, ethischer und existentieller Weise gestellt wird, muss es Gründe dafür geben. Die Bestandsaufnahmen über den Zustand der Welt – von den Berichten an den Club of Rome, über die Berichte der Nord-Süd- und Süd-Süd-Kommission, bis hin zu den Forderungen nach „Wohlstand für viele“ (vgl. dazu: Jeffrey D. Sachs, Wohlstand für viele. Globale Wirtschaftspolitik in Zeiten der ökologischen und sozialen Krise; Rezension http://www.socialnet.de/rezensionen/6636.php) - machen ja auf das skandalöse Missverhältnis aufmerksam, dass einerseits die Bewohner der Erde in den letzten Jahrzehnten über immer mehr materielle Güter verfügen, während andererseits die globale Ungleichheit wächst; was schlagwortartig mit der Feststellung zum Ausdruck kommt: „Die Reichen werden immer reicher, und die Armen immer ärmer!“, und zwar lokal, regional, national und global. Auch wenn gelegentlich etwas verniedlichend und verharmlosend vom „Globalen Dorf“ gesprochen wird, wenn damit die sich immer interdependenter und entgrenzender, globalisierte Welt bezeichnet werden soll, lässt sich angesichts der zunehmenden ungleichen Lebensbedingungen der Menschen auf der Erde eher sagen: Wir Menschen leben in unterschiedlichen Stadtvierteln – dem kleinen, wohlsituierten, überschaubaren und durch raffinierte Sicherungen abgegrenztem Villenviertel, dem eher einheitlichen und unansehnlichen Viertel mit dem sozialen Wohnungsbau, und dem unübersehbarem, kaum mehr regierbarem und sich ständig ausdehnendem Slumviertel.

Die Suche nach Lösungen aus dieser scheinbar ausweglosen Situation der Weltentwicklung hat zahlreiche Konzepte, Ideologien, Utopien und Programme hervor gebracht, die in der Wirklichkeit der Welt eher plakativ, appellativ wirken oder machtpolitisch umgesetzt werden. Da lohnt es, einen Blick auf die Frage zu richten: Wie ist es mit den materiellen und immateriellen Gütern bestellt, die auf der Erde vorhanden sind, und wer verfügt über sie? Zu den weiteren Fragestellungen bedarf es dann einer Übereinkunft: Die Güter, die auf der Erde vorhanden sind, gehören allen Menschen! Natürlich ist diese Aussage umstritten, und wir sind weit davon entfernt, darüber Einigkeit unter den Menschen herstellen zu können. Denn die Realität des menschlichen Daseins beantwortet die Frage ganz anders: Die Güter gehören dem Tüchtigen! Oder: Die Güter gehören demjenigen, der sie besitzt! Dabei haben wir doch in der Welt-Ethik, die für ein gerechtes, friedliches und humanes Zusammenleben der Menschen auf der Erde Grundlage sein soll, die eindeutige Antwort: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ (Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948).

Entstehungshintergrund und Thema

Die Entwicklungsberaterin und Publizistin Silke Helfrich, die mehrere Jahre in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit in Mittelamerika, Mexiko und Kuba tätig war, hat, in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung hat 38 in Wissenschaft und in der internationalen Kooperation tätige Expertinnen und Experten um sich versammelt, um der interessanten, bisher erstaunlicherweise wenig öffentlich diskutierten Frage nach den „Gemeingütern“ auf der Erde nachzugehen. Dabei muss uns auf Schritt und Tritt, auf Rede und Gegenrede, auf Frage und Antwort, im Bewusstsein der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aus der Kenntnis, „wie wir geworden sind, was wir sind“, als Individuum und gesellschaftliches Wesen, als Ethnie und Weltmensch … klar sein: Ohne Gemein(schafts)ressourcen kann der Mensch auf der Erde nicht existieren! Von den Vorsokratikern – Thales, Anaximander und Anaximenes – die gelegentlich als die „Pfadfinder der Menschheit“ bezeichnet werden, über Homers Ilias, bis zu Aristoteles gilt: Der Mensch ist ein von Natur aus vernunftbegabtes politisches Lebewesen, ein zôon politikon, weil er nicht ohne seinesgleichen leben kann. Aristoteles ergänzt darüber hinaus diese Wesensbestimmung dadurch, dass der zôon politikon danach strebt, ein gutes Leben zu führen. Diese anthropologische Sichtweise vom Menschen gilt seitdem in allen Philosophien der Welt als Grundbestandteil menschlichen Denkens.

Der aus dem Mittelhochdeutschen abgeleitete Begriff der „Allmende“ bezieht sich auf Güter, etwa dem Dorf oder einer Gemeinschaft gehörende Felder, Wälder und Wiesen, die gemeinschaftlich genutzt werden. „Commons“, um den anderen Begriff im Diskurs von „Gemeingütern“ darzustellen, sind „soziale Ereignisse“, weil es sich um Güter handelt, die nicht nur gemeinsam genutzt werden, sondern eine gemeinsame Identität stiften. Die Geschichte der Menschheit lehrt: „In dem Maße, in dem eine Gemeinressource als ökonomisch verwertbar entdeckt wird, schreitet ihre Einzäunung im Privatinteresse voran“. Dies gilt in der Vergangenheit und bis heute! „Privatisierung“ ist dabei das Fluch- oder Zauberwort! Die Macht und das Nutzungsinteresse der Besitzenden wandelt sich dabei vom „Gebrauchen“ zum „Verbrauchen“. Das „Gemeinwohl“ bleibt dabei auf der Strecke, zugunsten des Privatwohls.

Aufbau

Das Motto, dem sich alle Autorinnen und Autoren in dem Verteidigungswerk für Commons verpflichtet fühlen, lautet: „Gemeingüter sind unser aller Reichtum“. Silke Helfrich gliedert das Buch in drei Kapitel: Im ersten Teil geht es um „Gemeingüter, Bürgerschaft und Eigentum“; im zweiten um „Entgrenzungen und Eingrenzungen“, und im dritten um „Institutionen des Commons-Managements“.

1. „Gemeingüter, Bürgerschaft und Eigentum“

Der US-amerikanische politische Analyst und Umweltaktivist David Bollier setzt sich in seinem Beitrag auseinander mit „Gemeingüter – eine vernachlässigte Quelle des Wohlstands“. Dabei identifiziert er die Tendenz, dass überall in der Welt Gemeingüter in Privateigentum verwandelt werden, als „eine der großen – von der Politik weitgehend ignorierten - Ungerechtigkeiten unserer Zeit“. Dabei macht er darauf aufmerksam: „Natürliche Ressourcen als Gemeingüter zu verwalten, könnte auf lange Sicht … zu einer größeren Wertschöpfung führen, als sie Märkten zu überlassen“.

Der Soziologe an der englischen Universität Newcastle, José Esteban Castro, diskutiert die spannende Frage: „Gemeingüter und (Staats-) Bürgerschaft – Widersprüche einer sich entfaltenden Beziehung“. Seiner Meinung nach stehen die Prinzipien, auf die sich eine Staatsbürgerschaft in den (westlichen) kapitalistischen Demokratien stützt, tendenziell im Widerspruch zu den Grundlagen, die Gemeingüter begründen. Die hier formulierten Bürgerrechte würden qua Sinn Kapitalismus reproduzieren und expandieren lassen. Es können somit nicht neoliberale Globalisierungstendenzen sein, die zu einer Verteidigung und Wiederaneignung von Gemeingütern durch die Bürger führen, sondern die aktive Ausübung von Bürger- und Menschenrechten.

Der argentinische Software-Experte Federico Heinz plädiert für „Freie Software“, indem er Arbeitsweise und Wirkungen der mittlerweile weltweit vernetzten Initiative der „Freien Software Bewegung“ darstellt und das Problem der Nutzung und Weitergabe von Informations- und Kommunikationstechnologien als Gemeingut diskutiert.

Der an der Universität Heidelberg lehrende Theologe und Wissenschaftsethiker Ulrich Duchrow setzt sich für „Inter-kulturelle Alternativen zum westlichen Eigentumsindividualismus“ ein. Durch die historisch-kulturelle Herleitung des Eigentums- und Wirtschaftsbegriffs kommt er zu der Wirklichkeit der „kapitalistischen Eigentumsmarktgesellschaft“ heute und zu kulturellen Ressourcen des Widerstandes und der Alternativen in den verschiedenen Weltreligionen und Kulturen.

Die mexikanische Journalistin Silvia Ribeiro und der kanadische Entwicklungshelfer und Technikkritiker Pat R. Mooney, 1985 mit den Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, setzen sich mit der Entwicklung auseinander, dass durch die „neuen Formen der Ausbeutung… massive Angriffe auf das alltäglichste Gemeingut der Menschheit…, die Fähigkeit, über unser eigenes Leben zu bestimmen“ stattfinden. Ihrer Meinung nach ist es weniger die nukleare Bedrohung, sondern es sind die Gefahren, die von einer unverantwortlich betriebenen und unkontrollierten Nanotechnologie, Genomik, synthetischen Biologie, Robotik und Informatik ausgehen. Der „manipulierte Geist“ als Menetekel des künftigen Menschen?

Der Kasseler Wirtschaftswissenschaftler Achim Lerch reflektiert die von der liberalen Gesellschaftstheorie ins Feld geführte „Tragedy of the Commons“. Er widerspricht der Lockeschen Argumentation, dass private Eigentumsrechte als Naturrechte bestehen. Er zeigt in einer historischen und hermeneutischen Analyse auf, welche Denkansätze das Für und Wider von Nutzungsrechten und –regeln für Gemeineigentum begründen.

Yochai Benkler von der Harward Law School in den USA legt eine „Politische Ökonomie der Gemeingüter“ vor, wobei er sich auf immaterielle Gemeingüter (Wissensallmende) bezieht. Dabei legt er zwei Parameter zugrunde: Zum einen, ob sie offen für alle oder nur für bestimmte Gruppen sind; zum anderen, ob sie reguliert oder nicht reguliert sind. Die große Herausforderung bestehe darin, „den Menschen ins Zentrum der vernetzten Informationsgesellschaft“ zu rücken.

Der argentinische Politikwissenschaftler und Soziologe, Ariel Vercelli und sein Kollege Hernán Thomas rufen dazu auf, die „Gemeingüter zu überdenken“; und zwar in einer soziotechnischen Analyse eine Klassifizierung der Güter vorzunehmen. Dabei seien drei Denkansätze notwendig: Die Entstehungsgeschichte der Gemeingüter ermitteln; die Qualität der Gemeingüter feststellen; den Charakter der Gemeingüter definieren.

2. „Entgrenzungen und Eingrenzungen“

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Reflexionen über den guten und schlechten Umgang mit den Gemeingütern. Die Organisationswissenschaftlerin an der TU Berlin, Margit Osterloh und der Zürcher Informatiker Roger Lüthi fragen in ihrem Beitrag nach „Gemeingüter und Innovationen“. Sie spüren den Motiven nach, die z. B. Open-Source-Programmierer dazu veranlassen, unentgeltlich zur Entwicklung und Erstellung eines Gemeinguts beizutragen.

Der Erfurter Agrarwissenschaftler Frank Augsten will „die Bodenfrage neu stellen“. An mehreren Beispielen zeigt er auf, dass nachhaltige Bodennutzung und Boden(ver)nutzung „nicht automatisch zu ressourcenschonendem Umgang führen“. Es gehe darum, vor allem die Veräußerungsrechte neu zu überdenken: „Das beinhaltet die Einschränkung der mit dem Privateigentum am Boden verbundenen Nutzungsrechte… (wie etwa) keine Spekulation, keine Veräußerung ohne Zustimmung aller Betroffenen, keine Zerstörung…“.

Die mexikanische Anthropologin und Sozialpsychologin Leticia Merino stellt am Beispiel der „Forstgemeinschaften in Mexiko“ die Vor- und Nachteile der Waldpolitik des Landes dar; überwiegend jedoch mit dem Ausblick, eine kollektive Verwaltung der von lokalen Gemeinschaften genutzten Forstflächen ideal für den Erhalt der Wälder ist.

Der brasilianische Philosoph Jean Pierre Leroy zeigt am Beispiel der im brasilianischen Teil Amazoniens lebenden Siedler, Bauern, Gummizapfer, Fischer…, dass deren Wirtschaften zwar nicht mit den Regeln der Marktwirtschaft gemessen werden kann, dass „die indigenen Völker und die Urwaldbewohner … (jedoch) die Hüter unserer Zukunft“ sind.

Michael Earle, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Grünen Fraktion im Europäischen Parlament, mischt sich in die Fischereidebatte ein, indem er fragt: „Wer hat das Recht zu fischen?“. Für ihn ist „Fischen in der Allmende“ ein Ziel, das in den nationalen Debatten wie im internationalen Diskurs durchgesetzt werden muss. „Wenn wir weiterhin in der Allmende fischen wollen, muss das Fischereimanagement auf einer kooperativen und globalen Basis operieren, sowie auf den Prinzipien der Nachhaltigkeit berufen, um die Fischbestände für die Allgemeinheit zu erhalten“.

Die indische Umweltaktivistin Sunita Narain schaut hoffnungsvoll auf das von Kooperativen organisierte Milchsammelsystem in ihrem Land: „Wenn Märkte wirklich für Menschen arbeiten“ ist ein Beispiel dafür, wie – auch zu Zeiten von Futtermittelknappheit und Dürrekatastrophen – die Übereinstimmung von Gemeindeweideland, kollektiven Bewässerungssystemen und gemeinsamer Vermarktung zu lokalen Erfolgen und Überleben führt.

Gregor Kaiser, Mitarbeiter des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, plädiert die „Archivierung des kulturellen Erbes“ durch Genbanken; mahnt aber gleichzeitig eine stärkere Finanzierung der Erhaltungsarbeit „in situ“ und „on farm“ an; „denn der Nachteil der Genbanken, nur den physischen Teil erhalten zu können und das mit dem Saatgut verknüpfte indigene oder bäuerliche Wissen vor der Tür zu lassen, ist ein gravierendes Problem“.

Die Kasseler Tierärztin und Wissenschaftsjournalistin Anita Idel äußert sich zu den Bedingungen des Erhalts und der nachhaltigen Entwicklung genetischer Ressourcen. Anhand der aktuellen, nationalen und internationalen Diskussion über die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft macht sie darauf aufmerksam, dass Hochertragsziele, Leistungssteigerungen in der Produktion und Selektion das notwendige Gleichgewicht der Gemeingüter, wie Boden, Biodiversität und Kulturtechniken, lokal, regional und global stören.

Die Diplom-Psychologin, Sportpädagogin und Betriebswirtin Andrea Lenkert-Hörrmann und die Germanistin Ursula Hudson werben für die „Wiederentdeckung kulinarischer Traditionen“. Es geht um die Wiederentdeckung von überlieferten Ernährungsgewohnheiten, mit all den Varianten und Aktivitäten, wie regionale Küche, Vermarktung, Erzeugung und Verwertung von biologisch angebauten Lebensmitteln, das „kulinarische Erbe“ eben.

Oliver Moldenhauer und Katrin Hünemörder, beide engagiert bei „Ärzte ohne Grenzen“, plädieren für ein neues Forschungsparadigma, indem sie feststellen: „Patente gefährden die Versorgung mit Medikamenten“. Sie legen den Finger in die Wunde der Pharmaproduktion, indem sie fordern, die Entwicklungskosten von den Produktionspreisen abzukoppeln und insbesondere den ärmeren Ländern den Zugang zu preisgünstigeren Medikamenten, etwa für HIV/Aids-Medikamente, zu ermöglichen.

Jamie Metzl, Historiker an der Universität Oxford, provoziert mit dem Titel „Schöner neuer Weltkrieg“, indem er über die Entwicklungen auf den Gebieten der Nanowissenschaften, der Biotechnologie, der Gentherapie, Molekularbiologie und der Kognitionswissenschaft nachdenkt und vor einem „genetischen Wettrüsten“ warnt.

Die Juristen Catharina Maracke und John Hendrik Weitzmann informieren über die Arbeit der Organisation Creative Commons, indem sie es als „ein rechtliches Laienwerkzeug in der digitalen Welt“ darstellen.

Andreas Poltermann, Politikwissenschaftler und Mitglied der Heinrich-Böll-Stiftung denkt über die „Wissenschaftsallmende“ nach. Die aktuelle Diskussion um Urheberrecht und Open Access ist ein bezeichnender Hinweis darauf, dass sich neue Urheberrechts- und Geschäftsmodelle bilden, die eine Anpassung an die Digitalisierung ermöglicht.

Petra Buhr und Julian Finn vom Netzwerk „Freies Wissen“ plädieren für „eine Flatrate für die kulturelle Allmende“, indem sie sich gegen Zäune und Schranken und für eine Erweiterung der kulturellen Vielfalt in der Gesellschaft eintreten.

Der Pariser Philosoph und Sprachwissenschaftler John Wilbanks fragt nach „Science Commons“. Für ihn und sein Team ist es nicht akzeptabel, dass Autoren ihr „geistiges Eigentum“ bei einer Veröffentlichung an den Verlag abgeben und so nicht weiter darüber verfügen können.

Die Berlinerin Lisa Thalheim kritisiert „Trusted Computing“ und diskutiert alternative Formen, „die Verbraucher nicht als Gegner oder inkompetentes Opfer behandelt, sondern als Partner und Bürger“.

Der Hacker und US-amerikanische Aktivist für freie Software, Richard Matthew Stallman, beginnt seinen Beitrag über „das Recht zu lesen“ mit einer fiktiven Geschichte über die „Lunarische Revolution“, in der sich die Menschen das Recht erkämpften, digital verfügbare Literatur frei lesen zu können und mit allen möglichen Tricks und technischen Raffinessen versuchten, der Überwachung eines Systems zu entgehen, die das als Urheberrechtsverletzung und deklarierte.

Der Berliner Christian Siefkes fragt, ob eine Gesellschaft möglich ist, in der eine Produktionsweise dominierend ist, bei der die Bedürfnisse, und nicht die Profite bestimmen, was und wie produziert wird, die Peer-Produktion. Dazu stellt er „Bausteine für eine commonsbasierte Gesellschaft“ vor. Ein utopischer und gleichzeitig faszinierender Gedanke, über eine Gesellschaft nachzudenken, die keine Knappheit braucht und in der es dumm wäre, Ideen und Wissen geheim zu halten statt sie zu teilen.

3. „Institutionen des Commons-Managements“

Im dritten Kapitel schließlich werden politisch-strategische Strategien entfaltet, wie jenseits von Markt und Staat Institutionen des Commons-Managements entstehen können. Die Politikwissenschaftlerin Indiana-Universität in den USA, Elinor Ostrom, stellt ihre Forschungsarbeiten zum Gemeingüter-Management als bürgerschaftliches Engagement vor. Das Zauberwort dazu lautet: Dezentralisierung.

Der Programmkoordinator für EU-Klimadiplomatie der European Climate Foundation, Jörg Haas, und Peter Barnes, Autor des bemerkenswertes Buches „Kapitalismus 3.0“, in dem er, als Unternehmer, für eine Wiederaneignung der Gemeinschaftsgüter plädiert, diskutieren die „Zukunft des Europäischen Emissionshandels“. Dabei legen sie zugrunde, dass die „Atmosphäre als Gemeingut“ angesehen werden muss.

Der Professor für Internationale Politik an der Wiener Universität, Ulrich Brand, stellt in seinem Beitrag „Das Zusammenwirken von Bewegungen“ fest, dass sich in den letzten Jahren interessante Entwicklungen in den globalen sozialen Bewegungen der letzten Jahre vollziehen. Sie folgen keiner vorgegebenen Planung, sondern bilden sich spontan, an konkreten Orten und in jeweils spezifischen Kontexten und Projekten. Hier bedarf es einer neuen, demokratischen und zivilgesellschaftlichen Aufmerksamkeit.

Der Philosoph von der Universität Bilkent in Ankara, Ulrich Steinvorth, zeigt für die Allmende-Bewegung zwei Wurzeln auf, die im Diskurs intensiver beachtet werden müssen: die Ökologie und die (kreative) Nutzung moderner Technologien. Er setzt sich für eine politische Aufmerksamkeit ein, „dass alle Produktion und alles gesellschaftliche Leben auf den überlegten Gebrauch natürlicher und kultureller Allmenden angewiesen sind“.

In einem gemeinsamen Nachwort von Silke Helfrich und Jörg Haas werden Gemeingüter als eine „große Erzählung“ formuliert. Erzählungen sind ja, in philosophischen und gesellschaftlichen Diskursen, utopische Ideengeschichten, die sich nicht auf Phantasmen, sondern auf Phantasien gründen, oder, wie dies der Schweizer Utopist Hans A. Pestalozzi bezeichnet: „Positive Subversionen“. Damit sind Erzählungen, wie die zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, auch optimistische Welt- und Zukunftssichten. Der Friedensnobelpreisträger von 1985, Barnard Lown, hat dies so formuliert: „Nur die, welche das Unsichtbare sehen, können das Unmögliche tun“.

Fazit

So zeichnet sich bei der Auseinandersetzung um Commons, Allmende und Gemeingüter eine sozialkritische und gleichzeitig gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Diskussion um die Güter und Verfasstheiten einer besseren „Einen“ Welt ab, um Demokratie, Gerechtigkeit, Friedfertigkeit und Solidarität, die getragen sind „von Bindungen an unsere natürlichen, sozialen und kulturellen Ressourcen“. Die Aufsatzsammlung mit der existentiellen Fragestellung „Wem gehört die Welt?“ ist ein wichtiger Baustein für das nationale und internationale Nachdenken darüber.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.07.2009 zu: Heinrich-Böll-Stiftung, Silke Helfrich (Hrsg.): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. oekom Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-86581-133-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7908.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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