Jacques-Emmanuel Schaefer (Hrsg.): Alter und Migration
Jacques-Emmanuel Schaefer (Hrsg.): Alter und Migration. Mabuse Verlag (Frankfurt am Main) 2009. 131 Seiten. ISBN 978-3-938304-03-7. 19,90 EUR.
Tagungsband der 15. Gerontopsychiatrischen Arbeitstagung des Geriatrischen Zentrums an der Universitätsklinik Tübingen.
Thema und Aktualität – Die vergessene Generation
Immer mehr Einwanderer in die Bundesrepublik Deutschland, insbesondere die der ersten Gastarbeitergeneration, sind mittlerweile im Rentenalter oder gingen nach Jahren der Arbeit frühzeitig in den Ruhestand und werden zum Sonderfall medizinischer und pflegerischer Betreuung und Hilfe. Da sie ihre Arbeitskraft nicht mehr verkaufen bzw. verkaufen können, spielen sie auch in der politisch-ökonomischen, medialen und auch wissenschaftlichen Diskussion kaum eine Rolle – „der Mohr hat seien Schuldigkeit getan …“. Sie führen ein öffentliches Schattendasein und ihre Anwesenheit wird mehr oder weniger verdrängt. Ich möchte diese Menschen daher als „vergessene Generation“ bezeichnen. Ihr Anteil wird sich (Vorwort, S. 7) voraussichtlich bis zum Jahr 2030 mehr als vervierfachen, was enorme quantitative, aber auch qualitative und strukturelle Konsequenzen für das medizinische Pflege- und Hilfesystem haben wird, deren Verantwortliche und Personal auf die psychosozialen Aspekte der kranken oder pflegebedürftigen älteren Migranten zumeist nicht adäquat vorbereitet sind, vor allem, was Problemsensibilität und Kenntnis der Thematik betrifft.
Herausgeber und Autoren
Diesem Sachverhalt und dieser gesellschaftlichen Herausforderung widmete sich eine Fachtagung (vgl. Untertitel), deren Beiträge in dem vorliegenden Sammelband, herausgegeben vom Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie/ Geriatrie am Geriatrischen Zentrum der Universitätsklinik Tübingen, Jaques-Emmanual Schaefer, nachzulesen sind. Die neun Beiträge der sieben Autoren aus der praktischen und wissenschaftlichen Arbeit zum Thema der Tagung (einige kurze Beiträge wirken wie Workshopberichte von der Tagung) werden in dem allzu kurzen Vorwort des Herausgebers nicht vorgestellt, sind beliebig aneinander gereiht und werden auch nicht in Form eines Ausblicks oder eines Fazits gewürdigt. Der Leser fragt sich also: Was war der Ertrag der Tagung? Was gilt es fest zu halten? Worin bestand Konsens bzw. welche Fragen und Probleme blieben ungelöst und bedürfen weiterer Forschung? Hier hätte der Herausgeber im Interesse der Leser (und auch der Fachkollegen der Tagung) mehr Sorgfalt, Zeit und Aufwand betreiben können.
Aufbau und Inhalt
Die Artikel befassen sich u.a. mit der „sozialen und gesundheitlichen Lage von älteren Migranten“ (Dorothea Grieger, Dr., Referentin bei der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration), mit psychischen, psychologischen und strukturellen Aspekten der Altenhilfe (z.B. „interkulturelle Öffnung“ – Dietmar Czycholl, Dr., Psychologe mit eigener Praxis), mit der besonderen Situation und Versorgung der jüdischen Migranten aus der GUS (Andrea Zielke-Nadkarni, Prof. Dr., Lehrbeauftragte im Fachbereich Pflege der FHS Münster) und der Gesundheitsversorgung in der Gruppe der „Aussiedler“ (Andrea Rieken, Dr., Psychologin am Landeskrankenhaus Osnabrück), mit Fragen und Problemen sog. „Entwicklungsaufgaben“ im Alter (Angelika Erlt, Soziologin, Supervisorin und Fachreferentin für kultursensible (Alten-)Pflege und interkulturelle Praxis) sowie mit praktischen Fragen in Bezug auf einen „häuslichen Kranken- und Altenpflegekurs für türkisch-muslimische Frauen“ (Monika Behret, Krankenschwester) und konstatieren zuletzt „Vom Gastarbeiter zum Migranten – darauf waren wir nicht vorbereitet“ (Ertan Öner, Dr., Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie).
Diskussion
Im ersten Beitrag von Grieger (Vertreterin der Bundesregierung) erfährt man erwartungsgemäß, aber durchaus sinnvoll und relevant, etwas zur allgemeinen Datenlage, u.a.: Demographische Entwicklung – von 750 000 Migranten ab 60 Jahre zu ca 2,8 Millionen im Jahre 2030; Alterstruktur der ca 7 Millionen Bürger mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit; Ökonomische Lage und Wohnsituation - schlechter als bei der einheimischen Bevölkerung und hohes Armutsrisiko; Gesundheit – „heute sind ältere Migrantinnen und Migranten häufiger und früher von geriatrischen Krankheiten betroffen als gleichaltrige Deutsche“ (S. 14); Politikplanung und Empfehlungen.
Die weiteren Beiträge umkreisen tendenziell die Konzepte der „interkulturellen Öffnung“, der „interkulturellen Kompetenz“ sowie der „kultursensiblen Altenhilfe“, diskutieren diese aber nicht immer vertiefend oder kritisch (vgl. exemplarisch zum Begriff „Kultur“ oder „interkulturell“ Griese 2002). Es werden eigene Studien oder Theoriemodelle der Migrationspsychologie und Integrationsforschung (S.80ff) und Ergebnisse von Literaturrecherchen vorgestellt (z.B. zu jüdischen Migranten) sowie etliche wichtige Aspekte angesprochen (vgl. die 20 Kapitelüberschriften bei Ertl). Das jeweilige Erkenntnisinteresse ist jedoch sehr unterschiedlich – wie dann entsprechend auch die Beiträge selbst (Wissenschaft, Theorie und eigene Forschung zum einen; Erfahrungen, Praxisprojekte und Empfehlungen zum anderen; aber auch freie Assoziationen wie bei Öner und theoretische Abhandlungen von Grundbegriffen der Migrationsforschung wie bei Rieken).
Fazit
Dem Reader fehlt eine einleitende Hinführung zum Gesamtthema und zum Stellenwert der einzelnen Beiträgen, eine strukturierende Gliederung sowie ein zusammenfassendes Fazit – dies wären Aufgaben des Herausgebers gewesen. Die meisten Beiträge sind eher psychologisch sowie praxisorientiert gehalten – was aber der Zielsetzung der Tagung entspricht. Der Verdienst des Readers liegt m.E. im Thema selbst begründet: „Alter und Migration“, besser: Alter in der Migration. Diese Thematik aufgegriffen und mit unterschiedlichen Beiträgen zur Diskussion gestellt zu haben, ist angesichts des sozio-demographischen Wandels unserer Gesellschaft und den damit gegebenen neuen Herausforderungen für das Pflege- und Medizinsystem nicht unwichtig. Ob in Bezug auf Ausbildung, Kenntnisvermittlung und theoretische Problemsensibilisierung des davon betroffenen Personals entsprechend reagiert wird, bleibt abzuwarten.
Literatur
Griese, Hartmut M. (2002/4): Kritik der Interkulturellen Pädagogik. Essays gegen Kulturalismus, Ethnisierung, Entpolitisierung und einen latenten Rassismus. LIT-Verlag: Münster.
Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Universität Hannover
Fachbereich Erziehungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 17.12.2009 zu: Jacques-Emmanuel Schaefer (Hrsg.): Alter und Migration. Mabuse Verlag (Frankfurt am Main) 2009. 131 Seiten. ISBN 978-3-938304-03-7. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/7933.php, Datum des Zugriffs 12.03.2010.
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