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Wolf Rainer Wendt, Peter Löcherbach (Hrsg.): Standards und Fachlichkeit im Case Management

Cover Wolf Rainer Wendt, Peter Löcherbach (Hrsg.): Standards und Fachlichkeit im Case Management. Economica-Verlag (Heidelberg) 2009. 262 Seiten. ISBN 978-3-87081-627-8. 49,00 EUR.
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Thema

„Die Forderung nach einer umfassenden, effektiven Versorgung, die auf die Person und ihre Lebensführung abgestimmt ist, ist heute nicht nur in der medizinischen Versorgung selbstverständlich, sondern auch in der sozialen Betreuung, etwa der Beschäftigungsförderung oder der Behindertenhilfe. Zunehmend stellt sich die Frage, wo wir in Deutschland stehen. Der vorliegende Band ist eine Bestandsaufnahme aktueller Erkenntnisse und Einschätzungen. Die Beiträge werfen einen Blick auf Stellung und Aufgaben der Case Manager(innen) und setzen sich mit den vorliegenden Rahmenempfehlungen und Standards auseinander. Sie thematisieren Hemmnisse wie Zuständigkeitsstreitigkeiten, ein unklares Kompetenzprofil und das mangelnde Problembewusstsein von Politik und Gesetzgebung in diesem Bereich, aufgezeigt etwa am Beispiel des Pflegeerweiterungsgesetzes und des SGB II.“ (Presseinformation des Verlags)

Herausgeber

Dr. Wolf Rainer Wendt ist Professor und war Leiter des Ausbildungsbereiches Sozialwesen der Berufsakademie Stuttgart. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC).

Dr. Peter Löcherbach ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft an der Katholischen Fachhochschule Mainz und stellvertretender Vorsitzender der DGCC.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Artikel setzt sich einer der Herausgeber, Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt, mit dem Thema „Wo stehen wir im Case Management und wie entwickelt es sich weiter?“ auseinander. Er beschreibt den Weg, den Case Management gegangen ist. Es werden Steuerungsprobleme auf den Ebenen des Systems und Betriebs der Versorgung thematisiert sowie die Rolle, die Case Management dabei spielt. Er beschreibt die „leistungserschließende Funktion“, die fallbezogene und fallübergreifende Zusammenarbeit, Steuerungsaufgaben und Steuerungsprobleme.

Es folgen in Kapitel 2 „Rahmenempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management e.V. zum Handlungskonzept Case Management“. Verantwortlich hierfür ist ein Autorenteam, dem Prof. Hugo Mennemann vorsteht. Die Autoren rekurrieren auf die fachliche Grundlage der DGCC, die sie als das „Ergebnis eines diskursiven Prozesses innerhalb der DGCC“ beschreiben. Anschließend wird der „Zweck des Case Management“, die Grundlagen, die zentralen Inhaltsbereiche und die das Case Management umsetzenden Organisationen beschrieben. Es folgen als Anhang über die nächsten 30 Seiten CM-Leitprinzipien und CM-Standarddefinitionen.

Gegenstand von Kapitel 3 ist „Die Umsetzung von Case Management – Standards am Beispiel von Pflege- und Wohnberatung (Pflegestützpunkten)“ von Prof. Dr. Hugo Mennemann. Er veröffentlicht hier Ergebnisse eines umfangreichen Forschungsprojektes, das sich mit der Entwicklung und den Ergebnissen „ortsunabhängiger Qualitätsstandards für Pflege und/oder Wohnberatungsstellen (‚Pflegestützpunkte‘)“ befasst. „Case Management erweist sich im Ergebnis als Konzept, nach dem die zentralen Handlungsabläufe in der Pflege (…) strukturiert und vergleichbar zu den Qualitätsstandards Case Management der DGCC als Standard definiert werden können.“ (S. 99)

Das vierte Kapitel gestaltet erneut Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt. Er diskutiert „Die Ausprägung von Fachlichkeit im Case Management“. Hier werden Kompetenzen, Fachlichkeit und „Machbarkeit“ in den Blick genommen.

In Kapitel 5 beschäftigt sich Prof. Dr. Thomas Klie mit der Frage von „Case Management zwischen sozialpolitischen Zwängen und Kundensouveränität“. Hier diskutiert der Autor Hoffnungen, die die Sozial- und Gesundheitspolitik in Case Management setzt. Nach zwei programmatischen Kapiteln („Klientensouveränität“ und „Bei den Essentials bleiben“) widmet sich Klie dem „Pflegeweiterentwicklungsgesetz“. Sein Fazit: „Am Beispiel des Pflegeweiterentwicklungsgesetzes zeigt sich, dass man die Bedeutung von Case-Management-Ansätzen in der Politik erkannt hat, sich aber entweder davor scheut, sie konsequent umzusetzen, oder aber die Möglichkeiten hierzu nicht sieht.“ (S. 155)

In einem weiteren Kapitel geht es um „Case Management ist Konfliktmanagement“ (Prof. Dr. Herbert Effinger). Er beleuchtet die Konfliktlinien, die Konfliktfähigkeit und das Konfliktmanagement. Sein Artikel endet mit dem bemerkenswerten Fazit: „Beim Case Management sollte es darum nur insofern um mehr Effizienz und Effektivität gehen, sofern damit ein Mehr an Menschlichkeit, Menschenwürde oder ein menschenwürdiges Leben für Menschen in schwierigen Lebenslagen erzielt werden kann.“ (S.180)

Das Autorentrio Prof. Dr. Claus Reis, Christian Kolbe und Dr. Monika Ludwig befasst sich in dem Artikel „Von den Mühen der Ebene – Wege, Umwege und Stolpersteine von Case Management im Rahmen des SGB II“ mit dem Handlungskonzept „Fallmanagement“. Thema ist die spannende Frage, ob die in einer sehr umfangreichen Evaluation festgestellten Mängel im beschäftigungsorientierten Fallmanagement Anfangsprobleme der Implementierung oder struktureller Natur in der Konstruktion des Fallmanagements selbst sind (z. B. seine Fixierung auf Beschäftigungsförderung). Die Hypothese der Autoren: Es sind keine Anlaufschwierigkeiten, sondern strukturell bedingte Mängel in dieser Case-Management-Adaption.

Der vorletzte Artikel stammt von Prof. Dr. Peter Löcherbach und Martina Schu und ist überschrieben mit „Organisations- und Personalentwicklung“. Anhand der Case-Management-Phasen versuchen die Autoren aufzuzeigen, dass Case Management nicht ohne Personal- und Organisationsentwicklung erfolgreich zu verwirklichen ist. In einer kurzen Zusammenschau werden Anforderungen an Führung und Management formuliert. Am Ende beschreiben die Autoren sehr ausführlich Implementierungsschritte und -phasen.

Das Buch wird abgeschlossen mit einem Beitrag von Prof. Ruth Remmel-Faßbender und Siglinde Bohrke-Petrovic mit dem Titel „Qualitätssicherung durch Zertifizierungsverfahren: Etwas Gutes besser machen“. Inhaltlich werden die Geschichte der DGCC ebenso wie deren Weiterbildungsrichtlinien, Zertifizierungsprozeduren und Qualitätsmanagement beschrieben.

Zielgruppen

Dieses Werk dürfte sich zum einen an diejenigen wenden, die sich mit Case Management auseinandersetzen und dabei einen kompakten Überblick über die verschiedenen Diskussionsstränge erhalten wollen. Zum anderen ist dieses Buch wohl auch geschrieben worden, um die Standards und Verfahrensweise der DGCC einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Diskussion

Das Buch bietet ein breites Angebot an verschiedenen Themenfeldern um das Case Management. Man könnte z. B. Wendts These diskutieren, bei Case Management handele es sich nicht um eine Methode, sondern um ein der Methode „vorgelagertes“ Tun, das „unabhängig von ihr [der pädagogischen oder helfenden Betätigung, W.K.] klärt, plant und zu Entscheidungen führt“ (S. 129), was bedeuten würde, Case Management sei im eigentlichen Sinne keine Hilfe (sondern was?). Man könnte auch mit Klie Case Management unter dem Spannungsverhältnis von Ökonomie und Ethik betrachten und sich fragen, wie dieses Spannungsverhältnis aussieht, wenn man Case Management vorwiegend als einen „Komplex“ versteht, „den man managerial ‚in den Griff‘ bekommen will“ (so Wendt S. 133). Effingers Einladung folgend wäre verschiedenen Konfliktlinien nachzuspüren, die sich aus dem Case-Management-Konzept ergeben. Jede der vielen Fragen, die er stellt (z. B. „Reicht es aus, wenn sich Case Management auf das Makeln von sozialen Dienstleistungen beschränkt?“, S. 172), ist es wert, ausführlich diskutiert zu werden, und man wünscht sich, die Autoren des Buches mit diesen Fragen konfrontieren zu können. Besonders anregend ist das Buch immer dann, wenn es um die Empirie des Case Managements geht, so z. B. bei der Frage nach dem beschäftigungsorientierten Fallmanagement. Dabei wäre die Frage spannend, ob dieses Konzept in den Augen der Autoren noch etwas mit Case Management zu tun hat, wenn es sich doch offenkundig in so viele Widersprüche verstrickt. Auch die Beschreibung und kritische Analyse der Entwicklung von Instrumenten des Case Management in einem konkreten Feld (z. B. Pflege) haben Charme und verdienen einen aufmerksamen Blick.

Ausstattung

Das Buch ist gut ausgestattet, vor jedem Kapitel finden sich ein Abstract und ein Stichwortverzeichnis. Die auf die Kapitel bezogenen Literaturverzeichnisse sind meist ausführlich und auf dem aktuellen Stand. Der Preis des Buches ist allerdings für Studierende sehr hoch.

Fazit

Das Buch ist insbesondere für all diejenigen lesenswert, die sich ein Bild über den Stand der Case-Management-Debatte in Deutschland machen wollen. Sie finden Anregungen (und genügend Literaturhinweise) zum Weiterlesen und Weiterfragen. Bisweilen braucht es ein wenig Geduld, die Artikel, die sich fast ausschließlich mit der DGCC beschäftigen, nachzuvollziehen, aber für die Leser, die den Case-Management-Verband kennenlernen wollen, ist sicher auch das interessant.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Klug
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Wolfgang Klug. Rezension vom 05.10.2009 zu: Wolf Rainer Wendt, Peter Löcherbach (Hrsg.): Standards und Fachlichkeit im Case Management. Economica-Verlag (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-87081-627-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7936.php, Datum des Zugriffs 02.07.2016.


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