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Ursula M. Staudinger, Heike Heidemeier (Hrsg.): Altern, Bildung und lebenslanges Lernen

Cover Ursula M. Staudinger, Heike Heidemeier (Hrsg.): Altern, Bildung und lebenslanges Lernen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Stuttgart) 2009. 279 Seiten. ISBN 978-3-8047-2543-0. 24,00 EUR, CH: 40,80 sFr.

Reihe: Altern in Deutschland - Band 2. Nova acta Leopoldina - N.F., Nr. 364 - Band 100.

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Thema und Herausgeber

Der vorliegende Band 2 aus der neunbändigen Ausgabe „Altern in Deutschland“, von deren bereits die Bände 1 und 4 im Sozialnet rezensiert wurden, widmet sich speziell der Bildung und dem lebenslangen Lernens unter den besonderen Bedingungen des Alterns. Herausgeber dieses Bandes sind Ursula M. Staudinger, Professorin und Dr. Heike Heidemeier, die beide an der Jacobs Universität in Bremen im „Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development“ beschäftigt sind.

Aufbau

Das Buch ist in fünf unterschiedliche Themenblöcke mit jeweils bis zu fünf Kapiteln spezifischer Länge untergliedert. In der Einführung von den beiden Herausgebern werden die Zielsetzung und der theoretische Rahmen sowie Leitfragen formuliert und die einzelnen Themenblöcke kurz vorgestellt.

Der Themenblock I „Zustandsbeschreibung und mögliche Ursachen“ wird mit dem ersten Kapitel, das von Birgit Sandkaulen (Jena) verfasst wurde, mit dem Titel „Bildung und lebenslanges Lernen. Eine kritische Analyse des Bildungsbegriffs aus normativer Perspektive“ versehen. Bildung sei der umfassendere Begriff gegenüber dem lebenslangen Lernen, der nicht wie das Lernen auf einen frühen Lebensabschnitt begrenzt sei, sondern lebensübergreifender ist und dem lebenslangen Lernen einen Rahmen schaffe (S. 22).

Das zweite Kapitel „Zustandsbeschreibung der Weiterbildung in Deutschland im internationalen Vergleich“ verweist auf die ungenügende Weiterbildungsbeteiligung deutscher Mitarbeiter, von denen in den letzten vier Wochen vor dem Erhebungszeitpunkt nur knapp 8% der 25 bis 64 Jährigen an einer Maßnahme teilgenommen habe, während es in den nordischen Ländern bis zu einem Drittel gewesen sei. Klaus Schömann und Stefan Baron (Bremen) heben hervor, dass im Bereich der beruflichen Weiterbildung ein Marktversagen in Deutschland zu beobachten sei, weil es dem Markt allein nicht gelänge, Ressourcen effizient und in gesellschaftlich erwünschter Art zu verteilen. D.h. es werde entweder zu wenig in die berufliche Weiterbildung investiert oder die Teilnahmebereitschaft sei zu gering. Strategien dagegen seien: Verdeutlichung des Wertes der Bildung, die Senkung individueller Kosten und die Erhöhung der Nutzenwahrscheinlichkeit der Weiterbildung (S. 36).

Ausgelernt? Befunde, Interpretationen und Empfehlungen zum lebensbegleitenden Lernen älterer Menschen“ betitelt Reinhold Weiss (Bonn) seinen Beitrag. Eine mit zunehmendem Lebensalter sinkende Weiterbildungsbeteiligung sei empirisch hinreichend belegt. Das beträfe insbesondere die betriebliche und berufliche Weiterbildung, während die nicht berufsbezogene nach dem Ruhestand eher leicht zunähme. Für eine höhere Weiterbildungsbeteiligung Älterer müssten Anreize zum Vorruhestand abgebaut, die Beschäftigungsquote dieser Altersgruppe nachhaltig gesteigert und lernfördernde Arbeitsbedingungen geschaffen werden.

Der Themenblock II „Finanzielle, rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen“ beginnt mit einem ersten Kapitel von Uschi Backes – Gellner (Zürich) zum Thema „Probleme und Chancen lebenslangen Lernens aus betriebswirtschaftlicher Perspektive“. Sie verweist zunächst darauf, dass die Beschäftigung in kleineren Unternehmen für Arbeitnehmer mit dem „Risiko“ der Nichtteilnahme an beruflicher Weiterbildung einhergehe (S. 65). Es seien insbesondere kurzfristige Ertragschancen, niedriges Einkommen und geringe Investitionsbereitschaft, die die Weiterbildung hemmten, insofern seien vor allem gering Qualifizierte und Nie – Teilnehmer betroffen, kumulieren bei ihnen doch die genannten Risiken.

Magred Suckale (Berlin) verfasst das zweite Kapitel dieses zweiten Themenblocks zu „Lebenslanges Lernen und betriebliche Finanzierungsmodelle“. Am Beispiel der Deutschen Bahn werden die zwei Säulen ihres Qualifizierungsverständnisses verdeutlicht, das zwischen Aus- und Fortbildung und Weiterbildung unterscheide (S. 77). Verschiedene Finanzierungsmodelle und attraktive Lernangebote würden die Bereitschaft des Lernens verstärken.

Zu „Rechtsfragen der Erwachsenenbildung“ äußert sich Ulrich Becker (München) im dritten Kapitel. Es gäbe von internationalen über das Recht der EU bis hin zur nationalen Ebene differenzierte Rechtsvorschriften, wobei bereits unklar sei, was unter „Weiter- und Erwachsenenbildung“ falle (S. 83). Diskutiert wird hier, ob es sinnvoll sei, ähnlich der Schulpflicht eine Weiterbildungspflicht einzuführen, was aber wenig erfolgsversprechend und auch lebensfremd sei. Das bedeute aber nicht, eine Weiterbildungspflicht auf gesetzliche Regelungen zu stellen, was allerdings Landessache wäre. Bisher hätten es die Tarifparteien vermieden, ein allgemeines individuelles Recht auf Weiterbildung in ihre Tarifverträge aufzunehmen, was aber nicht ausschließe, dass Arbeitnehmer aufgrund einer Betriebsvereinbarung einen Anspruch auf die Unterstützung des Arbeitgebers bei Weiterbildungsmaßnahmen hätten. Die beste rechtliche Regelung sei die der Kollektivvereinbarung, weil hier Weiterbildung als ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Vertragsverhältnis mit entsprechenden Sanktionsmechanismen gestellt würde (S. 93). Ein Kapitel, was kurz und prägnant die rechtlichen Belange darstellt und dennoch leicht zu verstehen ist.

Ein weiteres Kapitel von Ekkehard Nussel (Bonn) verfasst, widmet sich der „Professionalisierung in der Altenbildung“. Er geht zunächst den Lernleistungen und dem Bildungsverhalten Älterer nach und verweist auf eine alterssensible Didaktik.

Der Themenblock III „Körperliche, kognitive und motivationale Vorbedingungen von Bildung im Lebenslauf“ beginnt mit einem ersten Kapitel zu „Kognitive und motivationale Veränderungen im Alter“. Verfasser sind Marcus Hasselhorn, Cora Titz (Frankfurt/M.) und Jörg Behrendt (Göttingen). Es werden die bekannten Altersveränderungen in den Fähigkeitsbündeln (Faktoren 2. Ordnung) gezeigt und das Arbeitsgedächtnis als ein wichtiger Faktor nachlassender kognitiver Kapazität diskutiert (S. 107). Gleichzeitig wird auf die veränderte Motivation und das Selbstkonzept verwiesen. Hier scheint die Stärke des Leistungsmotivs stärker abzunehmen, insbesondere bei Frauen und die Selbstwirksamkeitserwartungen würden durch die Veränderungen in der persönlichen Umwelt (Ruhestand, Einzug in ein Altenheim etc.) enorm einschränken. Differenzierte Ursachen führten dann zu verringerter eigeninitiierter Aktivität, mit denen kognitive Herausforderungen abnähmen.

Mit „Vorbedingungen von Bildung: Körper und Geist“ ist das nächste Kapitel von Claudia Voelecker- Rehage (Bremen) überschrieben. Sie beschreibt zunächst die Plastizität des Gehirns und verweist auf einen interessanten Zusammenhang zwischen gestellten Aufgaben und der Reservekapazität des Gehirns. So würden Gehirne älterer Personen auch schon bei leichteren Aufgaben stärker aktiviert, weil sie mehr ihrer Ressourcen verbrauchten als jüngere und sie somit ihr Limit schneller erreichten. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass ein geringes Bildungsniveau ein Prädiktor für kognitive Leistungsabnahmen sei, während die Abnahme in fluiden Bereichen (Reaktionsverarbeitungsgeschwindigkeit) unabhängig von Bildung und Beruf sei (S. 122). Zwischen sportlicher Aktivität und kognitiven Leistungen konnten nicht nur bei gesunden Personen Effekte nachgewiesen werden, sondern auch bei an Alzheimer Erkrankten. Altern, so resümiert die Verfasserin, sei ein komplexes Phänomen, das durch Reorganisation, Optimierung und Aufrechterhaltung der funktionalen Plastizität gekennzeichnet sei.

Ein weiteres kurzes und aufgrund medizinspezifischer Begrifflichkeiten schwer verstehbares Kapitel des genannten Themenblocks III ist das von Björn Falkenburger (Göttingen) zur Thematik „Neurobiologische Grundlagen des Lernens im Alter“. Der Autor stellt zu Beginn die Wirkungen verschiedener Transmitter wie Dopamin und BDNF und deren Gemeinsamkeit, die Synapsenverbindungen beeinflussen können, dar. Weil eine exogene Verabreichung dieser Substanzen nicht sinnvoll erscheine, sollte der körperlichen und geistigen Aktivität besondere Bedeutung zugemessen werden (S. 137).

Mit einem englischsprachigen Kapitel „On the Effects of Education“, das von Rolf van der Velden und Jim Allen (Maastricht) geschrieben wurde, wird der Themenblock IV „Prävention und Produktivität durch Bildung“ eröffnet. Es werden Schlüsselqualifikationen und deren Entwicklung über den Lebenslauf hinweg erörtert sowie Determinanten bestimmt, die diese beeinflussen. Die Autoren verdeutlichen, dass es ein methodologisches Problem gäbe, den Effekt durch Bildung und Training zu bestimmen. Wie bereits in der letzten Rezension dieser Reihe betont wurde, erscheint es mir nicht sinnvoll, weshalb in einem deutschsprachigen Band, englische Fachtexte nicht übersetzt werden.

Das zweite Kapitel dieses Themenblocks IV „Die Bedeutung früher Bildung für den weiteren Lebenslauf“ von Andrea G. Eckardt (München) geschrieben, befasst sich mit der spannenden Frage, wie sich frühkindliche Bildung auf den späteren Lebenslauf auswirkt (S. 164). Es werden anhand mehrerer internationaler Studien Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit nachgewiesen, ebenso wie positive Auswirkungen auf das Alltags- und Familienleben. Die Feststellung, im deutschsprachigen Raum gäbe es keine Studien, die über den genannten Zusammenhang aufklären, ist nicht zutreffend. Allein das Zentralinstitut für Jugendforschung hat mehrere Longitudinalstudien vom Kindheitsalter an durchgeführt, die jetzt unter der Leitung des Deutschen Jugendinstituts in München weitergeführt werden, deren Sample jetzt bereits 35 bis 40 Jahre alt sind.

Auch das dritte Kapitel von Gudmund Hernes (Oslo) „Education and Health Prevention“ ist in Englisch verfasst. Es wird zunächst auf die durch bessere Gesundheitsdienste erreichte höhere Lebenserwartung in modernen Gesellschaften verwiesen und die Formen der Bevölkerungspyramiden von Deutschland und Japan verdeutlicht. Der Zusammenhang zwischen Bildung und Lebenserwartung ist evident. So wurde beispielsweise in den USA nachgewiesen, dass jene, die einen hohen Bildungsabschluss erreichen ca. neun Jahre länger leben als jene, die keinen Bildungsabschluss vorweisen können.

Im Kapitel vier „ Der Einfluss von Weiterbildung auf die betriebliche Produktivität – ein Literaturüberblick“ weist Thomas Zwick (München) nach, dass sich Weiterbildungsinvestitionen für das Unternehmen positiv auf deren Produktivität auswirken, wobei die Ergebnisse stark von der verwendeten Methodik und Datenbasis beeinflusst werden (S. 195). Er rät, bevor Älteren Weiterbildung angeboten werde, müssten altersspezifische Befunde zu Produktivitätseffekten von Weiterbildung erhoben werden.

Zur Beteiligung Älterer auf dem Arbeitsmarkt – Lebenslanges Lernen als Kernelement einer Beschäftigungsstrategie“ ist der Titel des Beitrages von Gerhard Bosch (Gelsenkirchen) und Sebastian Schief (Fribourg). Sie verweisen auf drei zu unterscheidende Effekte, wenn Entwicklungseffekte der Beschäftigung analysiert werden: Alters-. Perioden – und Kohorteneffekte. Würden die genannten Effekte kontrolliert, sei eine dauerhafte Erhöhung der Beschäftigungsquote nicht gesichert und es wäre sogar mit einer deutlichen Steigerung der Arbeitslosigkeit Älterer zu rechnen (S. 203). Wer besser qualifiziert sei und lebenslang lernt, bleibe häufiger bis zum 65. Lebensjahr beschäftigt als gering Qualifizierte.

Es folgt auf Seite 219 der Themenblock V „Kompetenztaxonomien“ mit einem ersten Kapitel von Cordula Artelt (Bamberg) unter dem Titel „Über den Nutzen von Kompetenztaxonomien für die Auswahl und Definition von zentralen Kompetenzen im höheren Erwachsenenalter“. Die Autorin erklärt diesen Begriff mit Ordnungssystemen für Kompetenzen, um dann die Frage zu beantworten, ob letztere im Alter relevant seien.

Im zweiten Kapitel „Schlüsselkompetenzen für moderne Gesellschaften: Ein Beitrag zur Diskussion um Kompetenzmodelle“, das von Heinz Gilomen (Neuchatel) verfasst wurde, stellt die Frage nach den Schlüsselkompetenzen in modernen Gesellschaften und ihrer Bedeutung für Menschen in unterschiedlichen sozialen Kontexten und Lebenssituationen (S. 234). Es wird zunächst ein Konzept der OECD, das im internationalen Vergleich Schlüsselkompetenzen evaluiert und Kompetenzkonstellationen entwickelt hat, vorgestellt. Es sei in jedem Lebensalter zentral, sich an neue Technologien und damit Kompetenzen anzupassen, um sie gezielt für die Interaktion mit der Umwelt einsetzen zu können.

Das letzte Kapitel dieses Themenblocks „Kompetenztaxonomien und –modelle: Orientierungsrahmen und Referenzgröße beruflichen Lernens bei sich verändernden Umfeldbedingungen“ beschäftigt sich mit einer Kompetenzmodellierung aus organisationspsycholgischer Perspektive. Karlheinz Sonntag (Heidelberg). Er versucht, mit einem evidenzbasierten Ansatz der Kompetenzmodellierung die in Arbeitstätigkeiten enthaltenen psychischen und physischen Leistungsvoraussetzungen inhaltsvalide abzubilden.

Der letzte Themenkomplex „Zusammenfassung und Ausblick“ fasst die bisherigen Befunde noch einmal zusammen und zwar in einem Kapitel von Ursula M. Staudinger und Heike Heidemeier (Bremen) zur Thematik „Altern, Bildung und lebenslanges Lernen – Eckpunkte für Handlungsansätze“. Wolle man Fragen und Herausforderungen lebenslangen Lernens diskutieren, müsse man, so die Autorinnen, einen systematischen Ansatz verfolgen, der die Gesellschaft, das Bildungssystem und die Unternehmen einbeziehe (S. 269). Wichtig sei auch die Berücksichtigung der Problemgruppen in der Weiterbildung wie Nie – Teilnehmer, befristet Beschäftigte und Leiharbeitnehmer. Drei Ziele seien bei der verstärkten Förderung des lebenslangen Lernens einzukalkulieren: Entwicklungsziele für die Chancen einer hohen Lebensqualität, Gesundheit und Selbstverwirklichung, Erhöhung der Partizipationsfähigkeit und Entwicklung eines Wertschöpfungsbeitrags. Am Ende werden Eckpunkte auf vier Handlungsfeldern benannt, die der deutschen Gesellschaft das Humanvermögen, die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit erhalten können.

Fazit

Die vorliegende Publikation – der Band 2 aus der neunbändigen Ausgabe „Altern in Deutschland“ ist sehr zu empfehlen für jene, die im Management und Personalleitung in Unternehmen beschäftigt sind. Sie erhalten einen wissenschaftlich fundierten Überblick über spezifische Entwicklungen im Bereich Bildung und lebenslanges Lernen Älterer. Die Reihung der einzelnen Themenblöcke dürfte den Leser verwundern, denn der zweite Block zu finanziellen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen hätte auch vor dem achten platziert werden können, folgt man der Spezifik dieser Thematik. Besser gelungen als in den bisher rezensierten Bänden 1 und 4 ist, dass die Autoren an jedem Kapitelende mit der Institution und der Adresse genannt werden und in der Regel immer ein Fazit benannt bzw. Schlussfolgerungen gezogen werden.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Jugendsoziologie und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 04.03.2010 zu: Ursula M. Staudinger, Heike Heidemeier (Hrsg.): Altern, Bildung und lebenslanges Lernen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Stuttgart) 2009. 279 Seiten. ISBN 978-3-8047-2543-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7939.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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