Renate-Berenike Schmidt, Michael Schetsche: Sexuelle Sozialisation

Cover Renate-Berenike Schmidt, Michael Schetsche: Sexuelle Sozialisation. Sechs Annäherungen. Logos Verlag (Berlin) 2009. 170 Seiten. ISBN 978-3-8325-2189-9. D: 19,00 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: PeriLog - Band 3.

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Autor/in

Dr. Renate-Berenike Schmidt ist Erziehungswissenschaftlerin und Privatdozentin an der Universität Bremen. Sie lehrt an verschiedenen Freiburger Hochschulen. Dr. Michael Schetsche, Politologe und Soziologe, ist Privatdozent an der Universität Freiburg und Abteilungsleiter am IGPP Freiburg. Beide arbeiten seit vielen Jahren zum Thema Sexualität und Sexualpädagogik.

Aufbau und Inhalt

Schmidt und Schetsche haben fünf Aufsätze aus den Jahren 1996 bis 2004 mit einem Vorwort versehen und sie so zu einem Buch zusammengestellt.

Im Prolog zu den gesammelten Aufsätzen stellen die AutorInnen dar, dass sie Sexualität nicht als ein triebgesteuertes Geschehen ansehen, sondern dass Sexualität das triebhafte Begehren „erst diskursiv konstituiert“ (S. 9). Dabei wird die Bedeutung des Körpers – im Gegensatz zu radikalkonstruktivistischen Interpretationen der Geschlechterdifferenz – nicht geleugnet, es wird nur bezweifelt „dass die bestimmende Quelle des Begehrens beim Menschen die von seinem Körper ausgehenden ‚innersomatischen Reize‘ (Freud) sind.“ Die AutorInnen betonen, dass jegliches – auch sexuelles – Denken und Handeln „von kulturellen Programmen hervorgebracht und bestimmt wird“ (S. 13). Sie kritisieren, dass eine systematische Einordnung von Sexualität in Sozialisationstheorien bis heute aussteht. Ihr Ziel ist die „pädagogische Neubestimmung des ‚Sexualität‘ genannten Denk- und Handlungsfeldes“ (14). Diese Gedanken leiten alle fünf Artikel.

Der erste stammt aus dem Jahr 1996 und befasst sich mit Deutungen kindlicher Onanie seit dem 18. Jahrhundert. Die brutale Unterdrückung der Onanie im 18./19. Jahrhundert ist bekannt, Diese Fakten werden aber in einen neuen Zusammenhang gestellt: Der Diskurs über Sexualität begann mit dem Blick auf das Kind, und dieser wiederum unterstützte den kontrollierenden Blick der pädagogischen Professionen. Schetsche/Schmidt verweisen so ganz nebenbei darauf, dass das Kind bei Rousseau komplett asexuell gedacht war – ein Umstand, der von den Rousseau-Fans in der Pädagogik verschwiegen wird. Sie beschreiben dann den Diskurs über Onanie bis in die 90er Jahre und kommen zu (wenn man den Artikel nicht schon vorher kannte) überraschenden Erkenntnissen, nämlich dass der offene Umgang mit Erklärungen zur kindlichen und jugendlichen Sexualität in den 80er Jahren in Schulbüchern einem erneuten Verschweigen gewichen ist.

Im zweiten Artikel über den Lustmord weist Schetsche darauf hin, dass „die dranghaft-gefährliche Sexualität des Mannes eine Erfindung der Moderne ist“ (60). Es seien die Medizin und die entstehende Psychiatrie, die einen biologisch begründeten Sexualtrieb konstituierten, der sich auch in der Psychoanalyse Freuds finde und durch diese in ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit verstärkt wurde. Auch von anderen Autoren werde ein Gegensatz zwischen Trieb und Gesellschaft konstruiert, der von den Anhängern der sexuellen Revolution wie Reich genutzt wurde, um eine Revolution durch freie Entfaltung der Sexualität zu wünschen. Die Kritik des Autors an Freud erscheint etwas übertrieben, denn gerade Freud hat auf die Bedeutung der Phantasie für die Sexualität hingewiesen. Zudem gerät das Begehren als gesellschaftliches Konstrukt ins Wanken, wenn man den Einfluss des Testosterons auf Denkfähigkeit und Aggressionspotential bedenkt. Dennoch: Der Gedanke, dass die Idee von der gefährlichen Triebhaftigkeit des Mannes, und, in ihrer extremsten Form, des sog. Lustmörders ein gesellschaftliches Konstrukt ist, fasziniert und könnte den Geschlechterdiskurs bereichern. Am bedeutendsten in diesem Artikel erscheint mir der Hinweis auf die Erfindung der „niedrigen Beweggründe“ für die Definition des Lustmordes, die 1941, in einer Zeit legalen Mordens auf diversen Ebenen (v.a. Krieg, KZ), im Strafrecht aufgenommen wurde.

In ihren Artikeln über „Sexuelle Einstellungs- und Handlungsmuster weiblicher Jugendlicher und jüngerer Frauen“ und „Lebensthema Sexualität“ beschreibt Schmidt zunächst die Ergebnisse einer eigenen Untersuchung und unternimmt dann den Versuch, die Ergebnisse zweier unterschiedlicher Studien zueinander in Beziehung zu setzen. Sie begründet sehr ausführlich und selbstkritisch, welche Aussagekraft die einzelnen Studien und ihr Vergleich haben, Diese Redlichkeit im Verweis auf die Begrenztheit des eigenen empirischen Materials ist im Wissenschaftsbetrieb nicht allzu häufig. In ihren Schlussfolgerungen kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass das Bildungsniveau die sexuellen Verhaltensmuster und Einstellungen im Erwachsenenalter nicht prägt. Wenn dieses Ergebnis für einen größeren Teil der Bevölkerung zuträfe, würde dies bedeuten, dass grob sexualisierte musikalische, verbale und filmische Darbietungen in den Massenmedien von Angehörigen aller Schichten konsumiert werden. Oder aber, dass sich aus dem Konsum sexualisierter Inhalte keine spezifischen Einstellungen und Verhaltensweisen ableiten lassen. Dies wäre zu untersuchen. Interessant aber auch der Hinweis, dass Männer wie Frauen erst im Laufe ihrer Jugend und den darauf folgenden Jahren ihre sexuellen Vorlieben aufgrund eigener Erfahrungen entwickeln – die Pädagogik hat hier offenbar einen geringen Einfluss.

Im letzten Artikel legen die beiden AutorInnen nochmals ihre Auffassung von Sexualität als einer durch den menschlichen Geist bestimmten Vorstellungs- und Handlungswelt dar und stellen Fragen, die die Sexualpädagogik behandeln sollte.

Diskussion

Für LeserInnen, die die Artikel nicht aus früheren Veröffentlichungen kennen, erschließen sich neue Gedanken über Sexualität und ihre Bedeutung für Individuen wie für die Gesellschaft. Manchmal gewagt, manchmal vielleicht auch über das Ziel hinausschießend entfalten die Beiträge doch ein reiches Wissen und kreatives Nachdenken über eine Dimension menschlichen Lebens, die in der Entwicklungspsychologie und Pädagogik zu kurz kommt. Die AutorInnen weisen mit Recht auf den Mangel der Sozialisationstheorien hin, in die die Sexualwissenschaft nur peripher Eingang gefunden hat und daher eine Verschmelzung ihrer Erkenntnisse mit den anderen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung unterbleibt. Ihre konstruktivistische Perspektive unterschlägt allerdings Entwicklungen in der Psychoanalyse (z.B. bei Quindeau), die zu neuen Perspektiven kommt. Bemerkenswert ist, dass diese aus der Psychoanalyse gespeiste Sicht durchaus mit der der AutorInnen kompatibel ist – was diese jedoch (noch) nicht wahrgenommen haben.

Fazit

Sexualität ist in allen Lebensphasen und allen Bereichen der Pädagogik präsent, die theoretische Auseinandersetzung damit bislang nicht zufrieden stellend. Wer auf der Suche nach interessanten Deutungen ist, kann in diesem Buch fündig werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und ist heute Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de
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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 10.08.2009 zu: Renate-Berenike Schmidt, Michael Schetsche: Sexuelle Sozialisation. Logos Verlag (Berlin) 2009. 170 Seiten. ISBN 978-3-8325-2189-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7951.php, Datum des Zugriffs 02.09.2014.


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