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Hartmut Reiners: Mythen der Gesundheitspolitik

Cover Hartmut Reiners: Mythen der Gesundheitspolitik. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 263 Seiten. ISBN 978-3-456-84679-8. 19,95 EUR, CH: 33,90 sFr.

Reihe: Gesundheitswissenschaften.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-84963-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Autor, Entstehungshintergrund und Zielgruppen

Der Autor Hartmut Reiners ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Felde des Gesundheitswesens: Die Gesundheitspolitik hat sein gesamtes Berufsleben geprägt, zunächst als Wissenschaftler, dann Jahrzehnte lang als Ministerialbeamter. Den unmittelbaren Anstoß zum Buch gab „das bis heute anhaltende Getöse um das 2007 verabschiedete GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz und dessen Auswirkungen“. Als „alter Fahrensmann“ hatte er gedacht, gesundheitspolitisch „alles erlebt zu haben und jedes der Borstentiere zu kennen, die in regelmäßigen Abständen mit neuem Anstrich durchs gesundheitspolitische Dorf getrieben werden. Aber die Einführung des Gesundheitsfonds und die damit verbundene schrille politische Begleitmusik“ brachten selbst ihm noch Überraschungen. Nie zuvor habe er eine solche Diskrepanz zwischen den fachlichen Aspekten der angestrebten Reform und dem Duktus der darüber geführten öffentlichen Debatte erlebt. – So begründet Reiners im Vorwort seines Buches über die Mythen der Gesundheitspolitik sein Vorhaben, gesundheitspolitischen Laien „das mit Reformen im Gesundheitswesen verbundene öffentliche Theater und dessen komplexe politisch-ökonomische Hintergründe“ zu erklären. Er will für das breite Leserpublikum sachlich-fachliche Informationen zum Thema beisteuern, insbesondere aber auch Journalisten aufklären, die „in ihren Kommentaren und Berichten zur Gesundheitspolitik eine Menge Halbwahrheiten und auch handfesten Unsinn verbreiten“ (S. 7).

Aufbau und Inhalt

Eine Einleitung mit dem Titel „Die Gesundheitspolitik – ein vermintes Gelände“ führt in den Band ein. Sie führt die besondere Problematik gesundheitspolitischen Handelns vor Augen, die einen sachlichen öffentlichen Diskurs schwieriger macht als bei anderen Themen. Gesundheitspolitik ist ein Stammtischthema geworden, das jeden und jede betrifft und zu dem sich auch fast jeder und jede eine eigene Meinung aus seiner jeweiligen spezifischen Perspektive bilden konnte, als Patienten, Beitragszahler oder Beschäftigte im Gesundheitswesen. Laut Reiners gibt es nur wenige Politikfelder, die einerseits so kompliziert und komplex seien wie die Gesundheitspolitik, die andererseits aber in den Medien so plakativ, oberflächlich und verkürzt dargestellt würden wie dieses Thema. Gesundheitspolitik spiele zudem in einem „interessenverminten Gelände“, in dem jede einzelne Entscheidung direkte und indirekte Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation zahlloser Akteure mit sich bringe. In keinem anderen Wirtschaftszweig (annähernd allenfalls noch in der Landwirtschaft) werde die Ressourcenverteilung so detailliert über Gesetze und Verordnungen gesteuert wie im Gesundheitswesen. Dabei gehe es jeweils um viel Geld und ökonomisches Potential, „genauer gesagt um jene 11 % des Bruttoinlandsproduktes, die die Gesundheitsausgaben mittlerweile in Deutschland ausmachen, und um etwa 4,9 Millionen Arbeitsplätze. Alle Spieler auf diesem Terrain versuchen deshalb, durch PR-Kampagnen und Lobbyarbeit die politischen Entscheidungen zu beeinflussen, um einen möglichst großen Teil vom Kuchen abzubekommen und für sie nachteilige Regelungen zu verhindern bzw. in ihrem Sinn zu ändern.“ (S. 10)

Es kann vor diesem Hintergrund nicht verwundern, dass die gesundheitspolitische Auseinandersetzung zu Ideologisierungen geradezu einlädt: „Kaum einer der in der Gesundheitspolitik aktiven Verbände, Funktionäre und Unternehmen gibt zu, das völlig legitime Interesse zu verfolgen, Geld verdienen zu wollen. Alle präsentieren sich als Vollstrecker des gesamtgesellschaftlichen Interesses…In der Gesundheitspolitik wird in besonderem Maß die hohe Kunst des Werfens ideologischer Nebelkerzen und des Täuschens mit Hilfe von scheinbaren Fakten gepflegt…Man muss sich nur im gerade in den Medien vorherrschenden Stimmungstrend bewegen, dann kann man auch Halbwahrheiten als Fakten und Sonderinteressen als allgemeine Anliegen verkaufen.“ (S. 11)

Im Dienste der interessenbetonten und ideologisierten Debatte stehen nach Reiners insbesondere die vielen „Mythen“ der Gesundheitspolitik, zu denen sich eine selektive und gezielt verkürzte Verarbeitung der Realität verfestigt habe. Mit suggestiven Bildern wie der „Kostenexplosion“ soll den Bürgern vermittelt werden, dass sie für ihre Gesundheit immer mehr bezahlen müssen, weil die Zahl älterer Menschen steige, der medizinische Fortschritt seinen Preis habe und ihre eigenen Ansprüche als Lohnnebenkosten die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gefährdeten. Hinter solchen Argumenten verbergen sich, Reiners zufolge, handfeste wirtschaftliche und politische Interessen. Es seien aber keine offenen Lügen, sondern Mythen, die Fakten selektierten und so aufarbeiteten, dass sie allgemeinen Erfahrungen zu sprechen scheinen.

Reiners will in den zehn Kapiteln seines Buches nicht nur die zehn wichtigsten Mythen – und damit zugleich die Ideologieproduktion in der Gesundheitspolitik – sichtbar machen, sondern auch die dahinter stehenden Probleme benennen und Gegenthesen entwickeln. Folgende Mythen werden auf ihren Realitätsgehalt überprüft und aus der Sicht des Autors zurechtgerückt:

  • Mythos 1: Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen
  • Mythos 2: Die Lohnnebenkosten – Gefahr für den Standort Deutschland
  • Mythos 3: Die Überforderung des Solidarsystems durch die alternde Gesellschaft
  • Mythos 4: Die Medizin in der Fortschrittsfalle
  • Mythos 5: Die Vollkaskomentalität der Versicherten als Kostentreiber
  • Mythos 6: Die gesetzliche Krankenversicherung ohne solide Finanzierung
  • Mythos 7: Der Ärztemangel in Deutschland
  • Mythos 8: Die aufgeblähte Kassenbürokratie
  • Mythos 9: Mehr Wettbewerb und Deregulierung im Gesundheitswesen
  • Mythos 10: Die Krankenversicherungs-Reform aus einem Guss.

Diskussion

Der Autor ist fachlich hochkompetent. Er argumentiert engagiert, zuweilen auch offen polemisch, und er spitzt seine jeweiligen Thesen scharf zu. Das ist keinesfalls ein Nachteil des Buches, sondern bringt durchweg didaktischen Gewinn, weil der Autor trotz seiner sachlichen und sprachlichen Schärfe immer fair bleibt und den Leser nicht mit Argumenten überwältigt. Eine Fülle von empirischen Studien, Tabellen und Schaubilder, eine ausführliche Literaturliste sowie viele praktische Beispiele werden präsentiert und erlauben es dem Leser, die Interpretationen des Autors nachzuvollziehen und die Fakten jederzeit selber zu prüfen.

Fazit

Auch wer in einigen Punkten eine andere Ansicht vertritt als der Autor, wird ohne Schwierigkeit einräumen können, dass das Buch einen wichtigen Beitrag zur besseren Informiertheit und damit zugleich einer höheren Sachlichkeit der öffentlichen gesundheitspolitischen Debatte darstellt. Es ist ihm größte Verbreitung zu wünschen.


Rezensentin
Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen


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Zitiervorschlag
Sylvia Greiffenhagen. Rezension vom 22.08.2010 zu: Hartmut Reiners: Mythen der Gesundheitspolitik. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 263 Seiten. ISBN 978-3-456-84679-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/7962.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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